MESOPOTAMIA NEWS Kolumne : DIE NEUESTE KOMBINATION VON MORAL & UNTERLEIB! – Wer etwas auf sich hält, nennt sich heute pansexuell

Ein Begriff geht um in progressiven Kreisen, die Pansexualität. Pansexuelle Menschen lieben andere unabhängig vom Geschlecht. Es ist sozusagen die gerechte Form des Liebens. Auch das noch.

Birgit Schmid 18.06.2021, NEUE ZÜRCHER ZEITUNG  –  Vorgezeigte Toleranz: Pansexuelle wie das Model Cara Delevingne schliessen niemanden aus.

Man soll ja mit der Zeit gehen, deshalb verdient das Erwähnung: Dominique Rinderknecht, eine Ex-Miss-Schweiz, die bis vor kurzem mit dem Model Tamy Glauser zusammen war, hat einen neuen Freund. Das gab sie auf Instagram bekannt. Ihre neue Liebe würde nicht bedeuten, dass sie nicht mehr auf Frauen stehe, stellte Rinderknecht klar. Denn: «Ich bin pansexuell.»

Ein Begriff geht um in progressiven Kreisen, die Pansexualität. Fast täglich wird man darüber informiert, wer diese bei sich entdeckt hat. Wie zu erwarten ist, etikettieren sich damit vor allem die Berühmten. Ein Jugendarbeiter hat mir aber erzählt, dass sich auch immer mehr Jugendliche als pansexuell outen, die davon im Internet gelesen haben.

Zuerst dachte ich, es handle sich um die Neigung, sich zu allem hingezogen zu fühlen, was sich bewegt, und darüber hinaus auch zu Unbelebtem: Man verliebt sich in ein Pferd, ein Windrad, die Topfpflanze. Eine Google-Recherche klärte mich auf.

Pansexualität ist ein sozialwissenschaftlicher und daher unscharfer Begriff. Er beschreibt eine sexuelle Orientierung. Die Silbe «pan» heisst auf Griechisch «alles», «umfassend». Pansexuelle sagen, es sei ihnen völlig egal, ob der andere ein Mann oder eine Frau sei, ob schwul oder hetero. Damit grenzen sie sich von den Bisexuellen ab, die sich einmal von Frauen angezogen fühlen, weil es Frauen sind, dann wieder von Männern gerade wegen deren Mannsein.

Pansexuelle sind auch offen für Transmenschen, was sie auch gleich mitdeklariert haben wollen. Geschlecht, sexuelle Orientierung und Identität spielten absolut keine Rolle, sagen sie. Sie neutralisieren also jede sexuelle Präferenz.

«Plötzlich scheint es allen egal geworden, mit wem sie schlafen», sagte ein Freund, der viel Sigmund Freud gelesen hat, als ich ihm von dem Phänomen erzählte. Er liegt natürlich falsch. Sie wählen schon aus. Verstehen tue aber auch ich nicht, weshalb es nun auch noch die Sortierung in diese Identität braucht, zu der sich auch die Sängerin Miley Cyrus oder das Model Cara Delevingne bekennen. Zumal wenig überzeugend ist, wie sich die Pansexuellen weiter beschreiben.

So betonen sie gern: Sie fühlten sich von einem Menschen als Ganzes angezogen, nicht nur körperlich, sondern auch romantisch, spirituell und emotional. Wichtig sei, wie jemand aussehe, was für einen Charakter er habe und wie er sich verhalte. Vielleicht ist mir etwas entgangen: Aber ist das nicht immer die Voraussetzung, wenn man jemanden begehrt?

Es braucht also eine andere Deutung. Pansexualität ist die sexuelle Orientierung der sozial Gerechten. Sie ist ein Ausdruck der «Woke»-Kultur. Wer sich als pansexuell bezeichnet, schliesst niemanden aus. Er oder sie stellt sich im Gegenteil auf die Seite jener, die um mehr Beachtung kämpfen.

Doch was zum Ziel hat, Diskriminierungen sichtbar zu machen, fördert vielmehr die Abgrenzung voneinander. Es ist der bekannte Widerspruch der Identitätspolitik: Man möchte eine Differenz überwinden, betont sie aber durch Ausdifferenzierung – hier der Sexualität. Die Homosexuellen in diese Schublade, die Asexuellen in jene, die Pansexuellen in die dritte.

Dabei sollte es doch keine Rolle mehr spielen, wie man lebt, wen man liebt und wie man das nennt. Sie wolle sich nicht labeln lassen, hat die Ironman-Weltmeisterin Daniela Ryf neulich gesagt, als sie gefragt wurde, ob sie bisexuell sei, da sie auch schon in eine Frau verliebt war. Sie sagte: «Warum muss man dem überhaupt einen Namen geben? Ich kann mich in Männer und Frauen verlieben, na und?»

Heute trägt man sein Triebleben wie eine Auszeichnung vor sich her. Die Pansexuellen mit ihrer vorgezeigten Offenheit und Toleranz geben den anderen vor allem zu verstehen: Wir lassen eure langweiligen Liebesformen hinter uns. Hetero ist normativ und von gestern.

Was gibt es da noch zu sagen? Die Kombination von Moral und Unterleib hat sich noch nie bewährt.