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Sein Ruf ist schlecht, aber sein Potenzial gigantisch: ein Lob auf den Konservativismus
Progressive haben sich Diversity und Inklusion auf die Fahne geschrieben und sind oftmals doch bloss Gleichmacher. Die neuen Konservativen bilden hierzu das Gegenmodell: Sie sind zwar zuweilen etwas behäbig, erweisen sich jedoch als die eigentlichen Bewahrer von Vielfalt und Dissidenz. – Alexander Grau 54 Kommentare 17.04.2021, NEUE ZÜRCHER ZEITUNG
Was Konservative vertreten, ist nicht zeitlos, aber von der Zeit geprüft: Trachtenträgerin am Eidgenössischen Schwing- und Älplerfest in Zug, 2019.
Der Konservative ist der notorische Verlierer. Darin liegt seine ganze Tragik. Seine Geschichte ist eine demütigende Abfolge geräumter ideologischer Positionen. Was ihm vorgestern noch als ewige Gewissheit galt, war gestern schon fragwürdig und ist heute selbst für bekennende Konservative ein Anachronismus: die Vorstellung einer gottgegebenen Ordnung, die Ständegesellschaft, die Unverbrüchlichkeit der Ehe.
Man könnte die Liste fortsetzen. Während die politische Linke seit zweihundert Jahren unverdrossen ihr ewiges Mantra von der Gleichheit aller Menschen verkündet, mussten Konservative – welch Ironie der Geschichte – ihr Weltbild permanent ändern.
Erstens: isoliert
Das setzt eine gewisse Leidensfähigkeit voraus. In eine Welt hineingeboren, in der Flexibilität und Spontanität zu höchsten Tugenden avanciert sind, klammert sich der Konservative an Beständigkeit und Kontinuität. So läuft man Gefahr, von einer tragischen zu einer lächerlichen Gestalt zu werden. Dem Konservativen haftet zunehmend etwas Clowneskes an.
Doch Clowns sind zumindest komisch. Der Konservative jedoch gilt als schlechtgelaunter Spielverderber, griesgrämig und engstirnig. In einer hedonistischen Wohlstandsgesellschaft, in der Spass und Vergnügen zur Leitwährung geworden sind, sind das keine Attribute, mit denen man reüssieren kann. Zudem umweht den Konservativen der Gout des Antidemokraten und Freiheitsverächters. Dementsprechend steht er unter der Dauerobservation der Linksliberalen und Weltoffenen.
Die klassischen Werte des Konservatismus, also die Orientierung am Tradierten, Beständigen und Überlieferten, sind auch jenseits der Politik, im gesellschaftlichen, kulturellen und wirtschaftlichen Alltag, zu Unwerten avanciert. Die neuen Ideale westlicher Gesellschaften lauten Innovationsfähigkeit und Kreativität.
Der Innovative und Kreative ist zum Idol ganzer Branchen und Milieus geworden. Das gilt für das kleinstädtische Provinztheater ebenso wie für die Vorstandetage irgendeines Grosskonzerns. Ganz nebenbei ist dem Konservativen damit zugleich ein alter Verbündeter abhandengekommen: die Führungskraft aus den Chefetagen der Wirtschaft. Dort gibt man sich heutzutage lieber sogenannt progressiv, huldigt der Buntheit und Diversität und flirtet ungeniert mit dem neolinken Zeitgeist.
Kurz: Der Konservative ist nicht nur der andauernde Verlierer der Geschichte. Darüber hinaus stand er auch nie isolierter da als heute. Seiner sozialen Milieus beraubt, ohne jeden relevanten Verbündeten wartet er auf den finalen Schlag, mit dem die Koalition aus konformistischen Meinungsführern und politischen Aktivisten sein Denkmilieu beerdigt.
Zweitens: hilflos
Es wundert daher nicht, dass viele Konservative sich selbst nicht mehr vertrauen und zum Opportunisten mutieren. Mit seinen Idealen hadernd, hat der spätmoderne Konservative begonnen, links-mainstreamige Positionen zu adoptieren. Er hat nun keine eigenständige inhaltliche Haltung mehr, sondern gefällt sich darin, genau das zu wollen, was der Mainstream immer schon will, nur eben ein paar Jahre später. Nichts aber ist beschämender und überflüssiger als der Verfahrenskonservative, der vor dem Zeitgeist kapituliert hat und sich kleinlaut eine kurze Gnadenfrist erfleht.
Das ist kein Konservatismus, das ist Spiessertum. Dann lieber eine radikal linke Gesellschaft jetzt gleich und sofort. Das hat zumindest Format. Hasenfüsse braucht niemand.
Das strukturelle Defizit des derzeit gepflegten Konservatismus liegt in seiner parasitären ideologischen Existenz. Eine politische Ideologie, deren wesentliche Motivation und Legitimation lediglich darin besteht, das zu verhindern, was andere wollen, wird früher oder später in Schönheit sterben.
Das wird man auch nicht dadurch verhindern, dass man dem Konservatismus auch noch die letzten Zähne zieht und ihn auf eine Art gediegene Bürgerlichkeit reduziert. Wer Konservatismus treuherzig auf gehaltlose Phrasen wie «Hightech und Heimat» und eine Handvoll Werte wie Fleiss und Redlichkeit eindampft, hat die Kulturhoheit der sich progressiv Dünkenden schon verinnerlicht. Ein Konservatismus, der Strahlkraft entwickeln will, muss sich als grundlegende Alternative zu neulinken Gesellschaftsträumen präsentieren.
Darum: Ballast abwerfen
Dafür ist es zunächst notwendig, das herrschende Framing zu durchbrechen. Ein konservatives Programm, dessen Sprache Rücksicht auf die Befindlichkeiten des herrschenden Zeitgeistes nimmt, wird nie die intellektuelle Eigenständigkeit gewinnen, die politischen Ideen Faszination und Attraktivität verleiht. Wer sich permanent für seine Sprache entschuldigt, dem haftet zu Recht ein Verliererimage an. Es muss vielmehr deutlich werden, dass klassische konservative Werte wie traditionelle Familie, Heimat und Überlieferung keine Gefängnisse sind, sondern Schutzräume, die dem Einzelnen die Möglichkeit geben, nach seinen Vorstellungen glücklich zu werden.
Der Konservatismus wird nur dann lebensfähig sein, wenn er den herrschenden Gesellschaftsphantasmen eine Erzählung entgegensetzt, die von Lebensqualität spricht, von einer freien, sich am menschlichen Mass orientierenden Gemeinschaft ohne Bevormundung, für die Traditionen keine Last sind, sondern notwendiger Rahmen ungehinderter Persönlichkeitsentfaltung. Auch deshalb wären Konservative gut beraten, kulturellen und intellektuellen Ballast über Bord zu werfen.
Insbesondere ihre Fixierung auf das angeblich Zeitlose ist ein ideologischer Klotz am Bein. Selbstverständlich sind kollektive Identitäten, soziale Rollen oder kulturelle Normen menschliche Konstruktionen. Das macht sie aber nicht weniger wertvoll.
Das konservative Gegenprogramm
Ein selbstbewusster Konservatismus weiss, dass das Konzept der sozialen Konstruktion keine böswillige linke Erfindung ist, sondern eine anthropologische Realität. Nationale Kulturen, Rituale, soziale Rollen und Institutionen wie Ehe und Familie stammen aus dem sozialen Labor der Geschichte. Genau deshalb aber sind sie wertvoller, humaner und angemessener als die künstlichen Produkte modischer Gesellschaftsingenieure.
Vor allem sollten sich Konservative von ihrem latenten Antiindividualismus verabschieden. Die bedeutendsten Konservativen waren grosse Individualisten. Und wer sich heute zum Konservatismus bekennt, ist es angesichts der Hegemonie der Kulturlinken ohnehin. Konservativ sein bedeutet heutzutage, innerlich frei zu sein und geistig unabhängig und sich nicht beeindrucken zu lassen von den scheinbaren Gewissheiten der Meinungsmacher.
Dieser mutige Individualismus ist in freien und liberalen Gesellschaften ein ungleich attraktiveres Angebot als die autoritären und ängstlichen Weltbeglückungsphantasien der Dauerbesorgten. Befreit von dem Verdacht, lediglich Herrschaftsideologie alter Eliten zu sein, kann ein moderner Konservatismus endlich das subversive Potenzial entfalten, das schon immer in ihm steckte.
Dies gilt umso mehr, als die Freiheitsräume jedes Einzelnen durch die technologische Entwicklung und die ideologischen Übergriffe der sich progressiv Wähnenden gleichermassen bedroht sind. Insbesondere Liberale sollten sich von der naiven Illusion befreien, Konzerne und Wirtschaftsverbände seien ihre natürlichen Verbündeten. Das ist Augenwischerei. In einer verdächtigen Allianz träumen wirtschaftsnahe Think-Tanks und linke Gesellschaftsplaner von einem Umbau Europas und der Welt zu einem traditionsbefreiten Siedlungsraum flexibler, postnationaler und hybrider Patchworkexistenzen, die in einer entgrenzten Welt global austauschbar und funktionsfähig sind.
Dem inhumanen Albtraum einer nivellierten Globalgesellschaft muss der Konservative das attraktive und befreiende Bild einer Welt unterschiedlichster Kulturen, Werte und Ideale entgegensetzen, in der man stolz das Eigene ist und das Fremde spannend und aufregend findet, eben weil es fremd ist und ganz anders. Denn Individualismus und kultureller Pluralismus sind im Kern konservative Werte, die für den modernen Menschen reizvoller und faszinierender sind als der dröge Einheitsbrei modischer Gleichmachungsvisionen.
Alexander Grau ist promovierter Philosoph und Autor. Zuletzt sind von ihm die Bücher «Politischer Kitsch. Eine deutsche Spezialität» (2019) und «Kulturpessimismus. Ein Plädoyer» (2018) erschienen.