MESOPOTAMIA NEWS : HENRYK M. BRODER & HAMED ABDEL-SAMAD –  Rassismus ist inzwischen ein Modebegriff“

Wo kommt Rassismus her, wo fängt er an? Welche Rolle spielen dabei die identitätspolitischen Debatten? Darüber und über Götz von Berlichingen sprechen Henryk M. Broder und der Politikwissenschaftler Hamed Abdel-Samad. (Video mit Transkript)

„Unter Rassismus wird inzwischen alles subsumiert“

Henryk M. Broder: Du schreibst in deinem Buch auf Seite 117: „Rassismus ist eine anthropologische Konstante.“

Ich fürchte, du hast damit recht. Ich glaube, dass der Rassismus ohne die negative Konnotation unser täglicher Wegbegleiter ist. Ich hab‘s erlebt, wie gebildete, feine West-Juden über die blöden primitiven Ost-Juden reden. Ich habe erlebt, wie polnische Juden über rumänische Juden reden. Ich glaube, das gehört dazu. Die Westfalen schimpfen über die Rheinländer, die linksrheinischen Kölner über die rechtsrheinischen. Worüber regen wir uns auf? Dass Menschen Menschen nicht mögen, ist Teil des Menschseins.

Hamed Abdel-Samad: Die archaische Sippenbildung ging immer nach diesem Prinzip. Wir gegen die anderen. Wer nicht mit uns ist, ist gegen uns. Wahrscheinlich begann Rassismus mit der ersten Begegnung von Homo sapiens und Neandertaler. Sie konnten sich gegenseitig nicht ausstehen. Ich weiß nicht, ob man da von Rassismus spricht oder Überlebenskampf. Der andere trat früher nicht als Freund und Helfer in Erscheinung. Der andere war immer Konkurrent, war eine Bedrohung oder Konkurrent um Nahrung und Ressourcen, Religion oder Identität. Und das war normal, dass Identitäten so aufgebaut werden, dass die sich selbst nur erkennen können, indem sie sich vom anderen abgrenzen und die Unterschiede zwischen ihnen und dem anderen irgendwie hervorheben. Das ist bis heute im Fußball so. Das sieht man schon im Fußballspiel bei den Fans. Da wachen diese archaische Motive wieder auf.

 

Broder: Ungebrochen, ungebrochen.

 

Abdel-Samad: Man schlägt sich oft auf die Brust. Man schimpft, man spuckt und man verteufelt den anderen und man erhöht sich selbst.

 

Broder: Und die anderen spielen immer unfair. Aber es gehört einfach dazu, dass du jemanden nicht magst, der nicht von deinem Stamm ist. Und ich glaube, die 200 Jahre Aufklärung, die wir erlebt haben und die Diversität und die Multikulturalität haben diesen Gedanken vollkommen verdrängt. Du kannst das vielleicht nicht Rassismus nennen, es ist eben Konkurrenz. Aber unter Rassismus wird inzwischen alles subsumiert. Alles. Ich will dir einen Absatz aus deinem eigenen Buch vorlesen, Seite 118, und das ist wahrscheinlich der Schlüsselsatz, um das ganze Buch zu verstehen. „Es ist fatal, wenn im Namen der Toleranz neue Intoleranz entsteht, etwa gegenüber anderen Meinungen.

 

Es ist fatal, wenn bestimmte Gruppen darüber entscheiden, wer zu den Guten und wer zu den Bösen gehört. Es ist fatal, wenn schon die kleinste Abweichung von diesem moralischen Kompass als Rassismus gebrandmarkt wird.“ Es ist eigentlich das Ende von Konflikten, von Auseinandersetzungen. Und ich frage mich, wer bestimmt eigentlich hier in dieser Zivilisation, in dieser Kultur, was gesagt werden darf oder was nicht gesagt werden darf. Ich war vor einer Weile in Holland und als wir da waren, du erinnerst dich vielleicht, habe ich mir immer Jodekoeken, Judenkuchen gekauft. Aber es gibt sie nicht mehr. Wo ist das Diskriminierende, wenn du einen Kuchen Judenkuchen nennst, weil er vor 400 Jahren vor dem jüdischen Bäcker entwickelt wurde?

Abdel-Samad: Also ich habe dafür eine Erklärung. Den Linken ist es bis jetzt nicht gelungen, die Produktionsmittel zu erobern.

 

Broder: Du meinst die Linken im Großen?

 

Abdel-Samad: Die Linken. Unserer Linken bei der SPD, bei den Grünen und auch die Linke, alle zusammen. Sie wollten mal die Produktionsmittel in Europa erobern und die Bourgeoisie ein für allemal irgendwie erledigen oder beenden. Ihnen ist das bis jetzt nicht gelungen. Aber da haben sie ihre Strategie gewechselt und jetzt wollen sie, und es ist auch ihnen gelungen, die Sprache erobern, die Kultur erobern, die Identitätsdebatten erobern und ihre Diskurse in die Politik und in die Wirtschaft bringen. Und das geschieht genau in dieser Anti-Rassismus-Debatte. Rassisten reduzieren einen Menschen auf seine Herkunft und diskriminieren ihn deshalb. Anti-Rassisten reduzieren einen Menschen auf seine Herkunft und wollen ihn dadurch privilegieren.

 

Man bekämpft Rassismus und schafft damit neue Rassismen. Und beide machen den Fehler, Menschen nicht als Individuen, als Menschen zu betrachten, sondern als Vertreter von homogenen Gruppen, die die gleichen Bedürfnisse haben, die die gleichen Eigenschaften haben, ohne die Diversität innerhalb dieser Gruppen zu sehen. Und noch gefährlicher ist es, wenn jemand von den Schwarzen, den Muslimen oder den Türken sich entscheidet gegen seine eigene Gruppe vorzugehen, sie zu kritisieren, Erdoğan nicht mehr zu huldigen, den Islam nicht als die Religion des Friedens zu betrachten. Dann geht man rassistisch mit ihm um und nennt ihn Onkel-Tom-Moslem oder Onkel-Tom-Schwarzer oder Haussklave. Und das ist eigentlich noch schlimmer, als dass, was die anderen jeden Tag erfahren von den Rechten.

 

Broder: Aber wie? Wie kam es zu dieser Hegemonie der Guten?

 

Abdel-Samad: Ich glaube, was hinter dieser Hegemonie des Guten steckt, ist auch eine Überhöhung des Bösen als Fixpunkt der Identität im Westen. In Amerika ist das die Geschichte mit der Sklaverei und der Umgang mit den Ureinwohnern. In England und Frankreich ist es die Geschichte mit dem Kolonialismus. Und in Deutschland ist es der Holocaust. Es gibt so einen Schuldfetischismus. Daraus entsteht nicht Verantwortungsbewusstsein für die Vergangenheit, sondern gebrochen sein, erpressbar sein und am Ende profitieren am allerwenigsten die ehemaligen Opfer von dieser Haltung. „Nie wieder Holocaust.“ Die Konsequenz daraus ist nicht „Nie wieder Unfreiheiten“ und „Nie wieder Bevormundung“.

 

Broder: Nie wieder paktieren mit Diktatoren.

 

Abdel-Samad: Nie wieder paktieren mit Diktatoren.

Nie wieder Personenkult. Im Gegenteil „Nie wieder Holocaust“ bedeutet, wir mussten uns gedulden mit Erdoğan und mit dem Iran. „Nie wieder Holocaust“ bedeutet, wir können den Muslimbrüdern und Salafisten erlauben, auch in Deutschland ihre Infrastrukturen aufzubauen. Das heißt, neuen Antisemitismus nach Deutschland einladen und befördern. Und davon profitieren die Juden am allerwenigsten, denen eigentlich dieses „Nie wieder Holocaust“ gelten sollte.

 

Broder: Ich muss dich enttäuschen, dieses „Nie wieder Holocaust“ oder „Nie wieder Auschwitz“ ist wörtlich gemeint, nämlich „Nie wieder Auschwitz“ dort, wo es war und wo es heute eine historische Gedenkstätte ist. Es ist nicht gemeint, „Nie wieder Vernichtung von Menschen“. Da hätte die Welt nicht in aller Ruhe zugeschaut, wie die Jesiden massakriert werden.

 

Abdel-Samad: In Ruanda, in Bosnien.

Broder: Wo auch immer. Also dieses „Nie wieder Holocaust“ ist die reine Heuchelei. Und ich rege mich nur darüber auf, dass die Juden das sozusagen als eine Geste der Ehrlichkeit aufnehmen. Die sind so doof. Ich habe ja vergeblich versucht, sie etwas zu verändern. Ich bin daran so gescheitert wie du mit deinen Mitmoslems.

Abdel-Samad: Aber genau, weil man diese Unfreiheit nicht einmal in der eigenen Gesellschaft bekämpfen kann, verlässt man die tatsächlichen Probleme, die sozialen Probleme, die Probleme der Radikalisierung; und konzentriert sich auf rekonstruierte Probleme, neu geschaffene Probleme, die dem linken Geschmack irgendwie passe. Gender. Kann man Zigeunersauce sagen, ja oder nein? Juden und Jüdinnen und Verbrecher und Verbrecherinnen usw.

 

Broder: Steuerzahler und Steuerzahlerinnen.

 

Abdel-Samad: Ist das tatsächlich das, was uns jetzt bewegt? Und sie können nur sich bewegen, weil die Linke sich gewandelt hatte. Es gab ja die Linke zu Zeiten von Albert Camus und Jean-Paul Sartre, wo Menschen aus der Bourgeoisie gegen Ungerechtigkeiten, tatsächliche Ungerechtigkeiten in der Gesellschaft gingen, wo sie wirklich politisch engagiert waren, wo sie Teil von wichtigen moralischen Debatten waren. Aber wo sind die linken Intellektuellen heute, wenn es um Migration oder Flüchtlingspolitik geht? Sie verstecken sich. Sie kommen nur in Erscheinung, wenn es um Klima geht, weil man da keinen Fehler machen kann. Ich kämpfe fürs Klima und fahre mit meinem SUV und hole Milch von meinem Biobauernhof. Und dann gehöre ich zu den Guten. Und deshalb passen solche Debatten wie Gender und Diskriminierung und Sprache usw… Weißt du, Goethe hat einen, den schwäbischen Gruß in seinem Werk verewigt: „Leck mich doch am Arsch“.

 

Broder: Götz von Berlichingen.

Abdel-Samad: Götz von Berlichingen, genau. Das ist geblieben, weil das irgendwie niedlich ist. Das passt zu unserer Kultur. Das klingt vielleicht unhöflich, aber das ist die Sprache. Du kannst die nicht von oben aufsetzen. Es gibt Sprachevolution, das Gute, das Nützliche und das Stärkere bleibt, und das Künstliche, ja verschwindet.

Broder: Das Gemachte…

Abdel-Samad: Das Gemachte. Goethe hat auch Bananen Pisang genannt. Kein Mensch spricht von Pisang heute. Das hat sich nicht durchgesetzt. So funktioniert das.

 

Hamed Abdel-Samads neues Buch „Schlacht der Identitäten“ ist bei dtv erschienen.

Dieses Video ist Teil einer Reihe. Teil eins sehen Sie hier.

„Rassismus ist inzwischen ein Modebegriff“