MESOPOTAMIA NEWS : GEORGE ORWELLS ANTI-NATIONALISMUS KENNT KEINE GRENZEN SONDERN NUR ANTI-LIBERTÄRE FIXIERUNGEN
„Über Nationalismus“ zum Hören : Spielarten westlichen Selbsthasses
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Von Wolfgang Schneider FAZ – 23.03.2020-22:59
Britischen Intellektuellen bescheinigt er Anglophobie: Orwell bei einem Rundfunkgespräch 1943 – Hier werden auch Weltanschauungen, Geisteshaltungen und politische Positionen überführt, die diese Tendenz lauthals von sich weisen würden: Christian Berkel liest Orwells Essay „Über Nationalismus“.
Hören, was Sache ist – das ist jetzt leichter möglich, weil die Hörbuchverlage immer öfter interessante Sachbücher in ihre Programme aufnehmen. Dazu gehört zweifellos auch George Orwells großer Essay „Über Nationalismus“ aus dem Jahr 1945, der erstaunlicherweise erst jetzt ins Deutsche übersetzt wurde und nun auch als ungekürzte Lesung des Schauspielers Christian Berkel vorliegt.
Orwell hat den Text in den letzten Monaten des Zweiten Weltkriegs verfasst, unter dem Eindruck des alliierten Kampfs gegen den Nationalsozialismus. Wer aber hofft, von ihm eine scharfe Handreichung gegen den aktuellen Rechtspopulismus zu bekommen – so einfach ist die Sache nicht. Denn die eigentliche Pointe des Essays liegt darin, dass in ihm auch Weltanschauungen, Geisteshaltungen und politische Positionen des Nationalismus überführt werden, die diesen Befund lauthals von sich weisen würden. Nachdem Orwell den Hurrapatriotismus als dumpfere Form des Nationalismus abgehandelt hat, kommt die überraschende Feststellung: „Die bei der britischen Intelligenzija vorherrschende Form von Nationalismus ist selbstverständlich der Kommunismus.“
Nationalismus geht auch negativ
Nationalismus versteht Orwell als starke Identifikation mit einem Gebiet, aber dieses muss nicht unbedingt auf der Landkarte zu finden sein; es gibt viele Phänomene, die der Gegenstand leidenschaftlicher „nationalistischer“ Empfindungen sein können, etwa der politische Katholizismus, der Antisemitismus oder der Glaube ans Proletariat. Entscheidend ist, dass der „Nationalist“ sich obsessiv mit seiner Agenda identifiziert und das Gefühl hat, im kämpferischen Dienst an einer Sache zu stehen, die größer ist als er selbst. Dem „Nationalisten“ geht es um einen absoluten Geltungsanspruch. Die Rationalität ist der Rechthaberei untergeordnet, Loyalität wichtiger als Wahrheit.
So kam es unter westlichen Intellektuellen zur ausdauernden Verklärung des Stalinismus – der Faktenfilter ließ viele Tatsachen einfach nicht mehr durch. Die Loyalitätsfrage bestimmt insbesondere linke Argumentationsmuster, bei denen es nicht darum geht, den Wahrheitsgehalt einer Aussage festzustellen, sondern die vermeintlichen Interessen dahinter. Nicht: Ist das richtig? Sondern: Wer sagt es, und in welche Schublade gehört es? Und wenn es die falsche ist, dann schnell zu damit. Rechte Nationalisten neigen dagegen zur Simplifizierung komplexer Zusammenhänge – und sind deshalb für Orwell eigentlich weniger interessant.
Die Überidentifikation chauvinistischer Nationalisten erwähnt er zwar; brillanter aber ist seine Analyse beim entgegengesetzten Phänomen der Unteridentifikation, wie er sie bei britischen Intellektuellen noch während des Weltkriegs beobachtete. Er bescheinigt ihnen einen „negativen Nationalismus“ und „Anglophobie“: „Innerhalb der Intelligenzija ist eine spöttische und dezent feindselige Haltung gegenüber Großbritannien mehr oder weniger Pflicht…Viele Leute waren unverhohlen erfreut, als Singapur fiel oder die Briten aus Griechenland vertrieben wurden.“ Erstaunlich, wie Orwell verschiedene Spielarten des westlichen Selbsthasses bereits 1945 beschreibt.
Blinder Hass
Aber welchen Sinn hat es, all diese Phänomene unter dem Oberbegriff „Nationalismus“ zusammenzufassen? Wenn Orwell die übliche Bedeutung des Begriffs erweitert, tut er das gezielt. Das Elend des ideologischen Freund-Feind-Denkens besteht ja darin, dass die Kontrahenten in ihrer verbissenen Gegnerschaft oft nicht merken, wie ähnlich sie sich eigentlich sind – in ihrem Absolutheitsanspruch oder in der Hartnäckigkeit, mit der sie die Fehler und Verbrechen der eigenen Seite herunterspielen oder leugnen. Orwells Clou besteht darin, dass er das Freund-Feind-Denken unterwandert, indem er den Begriff „Nationalismus“ zum Spiegel für alle macht. So dass niemand sagen dann: die Nationalisten, das sind die anderen, diese Holzköpfe. Vielmehr muss sich jeder an den eigenen Kopf fassen und prüfen, ob der nicht auch einen gewissen Holzanteil hat.
Man müsse die herkömmlichen Nationalisten als „widerwärtige Sippschaft“ bekämpfen, schreibt Orwell – „wir erliegen jedoch einer Selbsttäuschung, wenn wir nicht erkennen, dass wir alle ihnen in unbedachten Momenten ähneln. Es muss nur ein bestimmter Ton getroffen oder an einen sensiblen Punkt gerührt werden …, und die unvoreingenommenste und sanftmütigste Person verwandelt sich in einen brutalen Parteigänger, der unbedingt gegenüber seinem Widersacher punkten will.“ Man hört das und staunt, wie Orwells Sätze die politischen Kulturkämpfe unserer Gegenwart treffen.
Wenn ein Schauspieler einen Text wie diesen zu lesen hat, dann wird er sich um die Anmutung von Scharfsinnigkeit bemühen, etwa durch den bedeutsamen Nachdruck, den er auf gewisse Worte legt. Christian Berkel gelingt das vorzüglich und ganz ohne Lesebrillenton (Hörprobe). Er entwickelt darüber hinaus einen feinen Sinn für die ironischen Spitzen in Orwells Formulierungen, etwa wenn es um die selektive Wahrnehmung der Nationalisten geht: „Gut sechs Jahre lang schafften es die englischen Bewunderer Hitlers, nichts von der Existenz von Dachau und Buchenwald zu erfahren … Und ungeheure Ereignisse wie die Hungernot in der Ukraine 1933, bei der Millionen Menschen zu Tode kamen, sind doch tatsächlich der Aufmerksamkeit der Mehrheit englischer Russlandfreunde entgangen.“ Sehr schön, wie Berkel hier die Süffisance des Satzes verstärkt, indem er vor „entgangen“ noch eine kleine Pause macht, um dann die Melodie des Wortes hochzuziehen.
Kommunikation hilft nur bedingt
Das Hörbuch bietet auch ein Nachwort des Soziologen Armin Nassehi. Es enthält viel Zutreffendes, bemüht sich aber auch um eine Aktualisierung, die auf den heutigen Rechtspopulismus zielt und in diesem Zusammenhang Orwells Begriff der „Instabilität“ missversteht. Nassehi deutet ihn sozialpsychologisch als innere Labilität des Nationalisten, der angetrieben werde von Gefühlen der Entwertung und Verunsicherung: „Der Nationalist ist im Kern schwach, er fühlt sich zurückgesetzt.“ Orwell meint mit „Instabilität“ jedoch, dass die Identifikationen und die ideologischen Inhalte der „Nationalismen“ leicht austauschbar seien. Er hatte erlebt, wie überzeugte Kommunisten 1933 in kurzer Zeit zu nicht weniger überzeugten Nationalsozialisten wurden.
Als Mittel gegen den Hass in den Debatten wird heute gern empfohlen, die verfeindeten Lager müssten mehr miteinander ins Gespräch kommen und sich gegenseitig besser zuhören. Nach Orwell ist das vergebliche Mühe, weil niemand, der eine bestimmte Stufe des Eiferns erreicht hat, noch durch Gegenargumente zu erreichen ist. Bevor man befähigt ist, anderen besser zuzuhören, müsse man erst einmal seine eigenen Gefühle, Vorbehalte und Ressentiments kennenlernen, um zu verhindern, „dass sie die eigenen Denkprozesse kontaminieren“. Dieses Hörbuch kann zur Dekontaminierung beitragen; es kann helfen, von der Gesinnung zur Besinnung zu kommen.
George Orwell: „Über Nationalismus“. Ungekürzte Lesung von Christian Berkel. DAV, Berlin 2020, 1 CD, 85 Min., 10,– Euro.