MESOPOTAMIA NEWS : GENDER-PAUSE & GENDER-STERN / DIE FEMO-JAKOBINISCHE VERGEWALTIGUNG DER SPRACHE

Mut zur Lücke / Von Fridtjof Küchemann

Gendersensibel formulieren: „Es geht und macht sogar Spaß.” Die Website „genderleicht.de “, auf der diese Aufmunterung zu lesen ist, hat sich nicht nur zum Ziel gesetzt, einen Sprachgebrauch zu bewerben, der niemanden ausschließt oder vor den Kopf stößt, gleich welcherlei Geschlechts. Gefördert vom Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend, ist es ihr auch darum zu tun, ihrerseits niemanden auszuschließen oder vor den Kopf zu stoßen, so ungewohnt ihm oder ihr der Einsatz geschlechtergerechter Schreib- und Sprechweisen zunächst sein mag.

„Viele junge Leute, vor allem Studierende, sprechen die Lücke, sie haben Übung darin”, heißt es hier zur kleinen Pause, mit der ein Sternchen oder ein Unterstrich gesprochen werden, gerade groß genug, um zum Beispiel zwischen Dozent- und -innen Platz zu lassen für Geschlechter, die sich Menschen in nicht länger ausschließlich binär kodierter sexueller Zugehörigkeit zuschreiben. Wer nur einmal Jugendbücher wie Dashka Slaters „Bus 57″ gelesen hat, versteht schnell, dass hinter diesem Bedürfnis, sich selbst irgendwo zwischen oder gar jenseits von männlich und weiblich zu sehen, nicht lediglich ein Spleen steht, sondern oft genug eine Not. Und mag überrascht sein, wie rasch selbst der größte Spracheingriff des Buchs den Lesefluss nicht weiter stört: Die Hauptfigur Sasha, die sich selbst im Ungefähren zwischen den konventionellen Geschlechtern sieht und dafür beinahe mit dem Leben bezahlen muss, wird weder als „er” noch als „sie”, sondern als „sier” bezeichnet.

So selbstverständlich Gebrauch und Aussprache des Gendersternchens Studierenden erscheinen mögen: Denen, die darin weniger geübt sind, können sie zur Hürde werden — in der Selbstverständlichkeit des Alltags, denn diesem Zustand nähert er sich zumindest in der geisteswissenschaftlichen Welt immer weiter an, vor allem aber im öffentlichen Auftritt, in dem er dort zunehmend erwartet wird. Es ist kein Einzelfall, wenn sich in einem Bewerbungsvortrag für eine W3-Professur in Berlin die Frauenbeauftragte in der Besetzungskommission beim Kandidaten danach erkundigt, warum er das generische Geschlecht nutzt und nicht — mit Kürzestpause für das Gendersternchen — den Begriff mit angehängtem „*Innen”.

Ob ihm die Unterscheidung vielleicht nicht wichtig sei? Doch auch der umgekehrte Fall stand bereits zur Diskussion: Wer bei einer solchen Gelegenheit die Pause zu groß werden lässt, setzt sich schnell dem Verdacht aus, entweder ungeübt in ihrem Einsatz zu sein oder, schlimmer noch, diese sprachliche Neuerung hervorheben und womöglich als Marotte ironisieren zu wollen.

Für die rhetorische Pause gilt der Rat, mit der Fortsetzung einer Rede zu warten, bis die Pause beginnt, peinlich lang zu werden: Was sich in der Aufregung des Vortrags bereits unangenehm anfühlen könnte, werde vom entspannten Publikum noch als angemessen wahrgenommen. Bei der Kunstpause zum Gendersternchen besteht offenbar umgekehrt die Gefahr, das Publikum könnte an ihrer Dauer schneller Anstoß nehmen.

Die Inklusionsformel  ist mit einem Exklusionsrisiko aufgeladen, in einer Lebenswelt, in der Generationen von Studierenden nicht nur bei Prüfungsvorbereitungen den „Mut zur Lücke” praktiziert haben.

FAZ FEUILLETON  20 August 2020