MESOPOTAMIA NEWS –  FOUCAULTS DREIKLANG : ÜBERWACHEN-KONTROLLIEREN-STRAFEN / DIE ZUKUNFT DES BIOPOLITISCHEN CORONA-STAATES

„UNTER UMSTÄNDEN EINE VERTEIDIGUNG FOUCAULTS GEGENÜBER SEINEN LIEBHABERN“ –  Von Justin Monday

 “Biopolitik steckt in diesem Sinne ein Themenfeld ab, und der Einsatz des Begriffs sagt noch nichts über die Richtung von Politik, in die er weist.” (Fantomas 2/2002, S.4 f, Hervorh. i. Org.)

 “Die Rezeption des Poststrukturalismus, dessen Vertreter darauf beharren, “kein ontisch Innerliches” der Menschennatur zu kennen, “auf welches gesellschaftliche Mechanismen von außen bloß einwirken”, brachte zwangsläufig die Beschäftigung mit der Geschichte der Natur des Menschen mit sich.

 Während in der liberalen Phase des Kapitalismus, aufgrund der ökonomischen Position des Bürgertums, die Verfassung der Subjekte vom Schein ihrer Autonomie bestimmt war, nehmen laut Adorno in der tayloristischen Phase die gesellschaftlichen Verhältnisse das Ich so in Beschlag, daß dieses bis in jede einzelne Regung hinein durch die Verhältnisse bestimmt ist.

 

Dies ist oftmals so verstanden worden, daß die Disziplinierung des Selbst verschwunden sei. Genauer wäre es jedoch, von einer neuen Relation von Bewußtsein und Unbewußtem zu sprechen.

 

Dem aktuellen Stand der Naturbeherrschung am Menschen entspricht eine Triebstruktur, in der die Disziplin insoweit zur zweiten Natur geworden ist, als daß von ihr nichts mehr gewußt wird.”

 

 

 

Zu Zeiten  hatte die FR über Bundesjustizministerin Zypries zu berichten, diese plädierte diese für “Lockerungen in der Biopolitik”. (FR 30.10.03)

 

Es ging mal wieder um die Frage, ob bzw. ab welchem Zeitpunkt einem Embryo Menschenwürde zukomme.

 

Gleichzeitig gab es Entwarnung:

 

“Der SPD-Bioethik-Experte Röspel sagte hingegen der FR, er erkenne keine biopolitische Wende”‘. (ebd.)

 

Wissen die beiden wovon sie da reden?

 

 

 

Der Begriff Bio-Politik entstammt bekanntlich dem Bezeichnungssammelsurium von Michel Foucault und ist dabei einer der bekannteren. Ihm zur Seite gestellt ist der Terminus Bio-Macht. Die Verbreitung dieser beiden Begriffe ist daher zunächst identisch mit der Rezeptionsgeschichte von Foucaults Theorie.

 

Andere wichtige Quellen gibt es nicht und so ist es schlichtweg untertrieben, wenn im Glossar “Who ist who and what is what in Sachen Biopolitik?” der bewegungslinken Theoriezeitschrift Fantomas steht:

 

“Foucaults Arbeiten sind bis heute nicht nur in Bezug auf Biopolitik für poststrukturalistische Macht- und Subjekttheorien wichtiger Referenzpunkt.” (Fantomas 2/2002, S. 20)

 

Daß es keinen anderen Referenzpunkt gibt, zeigt sich auch daran, daß die akademisch durchaus beschlagene Redaktion des Heftchens keinen anderen zu nennen weiß.

 

Alle, die sie anführen (Agamben, Butler, Haraway, Deleuze,  Guattari, Negri und Hardt) beziehen sich selbst wiederum auf Foucault.

 

Höchstens bei Deleuze und Guattari ließe sich darüber streiten, ob es einen solchen Bezug gibt, doch eine zweite Quelle für die Bedeutung der Bezeichnung “Biopolitik” stellen diese beiden Autoren nicht dar.

 

In den Sprachgebrauch der akademischen Öffentlichkeit gedrungen ist der Begriff über die Rezeption von “Der Wille zum Wissen”, Foucaults ” 1977 erschienenem ersten Band von “Sexualität und Wahrheit” und hier ist es das letzte Kapitel “Recht über den Tod und Macht zum Leben”, das fast schon so etwas wie eine Begriffsdefinition beinhaltet.

 

Insofern sollte es in der Annahme, daß eine Justizministerin und ein Bioethik-Experte namens Röspel, – der zugleich der erwähnten Zeitschirft Fantomas als Kronzeuge gilt – wissen wovon und mit welchen Bezügen sie reden, erlaubt sein, die zitierten politischen Aussagen mit der Bedeutung zu hinterlegen, die Bio-Politik bei Foucault hatte.

 

Lockern will die Justizministerin demnach etwas, von dem sie nie zugeben würde, daß es dies in “freiheitlich-demokratischen Grundordnungen” wie der “unsrigen” überhaupt gibt, nämlich “eingreifende Maßnahmen und regulierende Kontrolle” von “Fortpflanzung, Geburten und Sterblichkeitsrate, Gesundheitsniveau, Lebensdauer, (und) Langlebigkeit mit all ihren Variationsbedingungen”.

 

Denn genau dies ist es, was die “Bio-Politik der Bevölkerung” (Foucault 1977, S. 166) nach Foucault ausmacht und davor, so etwas gut zu heißen, nähme die Justizministerin sicherlich auch jede Familienministerin in Schutz, die wie die seinerzeitige Renate Schmidt wieder “aktive Bevölkerungspolitik” forderte.

 

Wer wird denn bei dem bißchen “Anreize schaffen” direkt daran denken, daß sich hier “die Erfordernisse einer Macht” Geltung verschaffen, “die das Leben verwaltet und bewirtschaftet”. (ebd., S. 163)

 

 

Schließlich hat sie’s doch gemacht, die Renate, und die Sache bleibt irgendwie in der Familie.

 

“Jetzt”, d.h. mit der historischen Entstehung der Bio-Macht, “richtet die Macht ihre Zugriffe auf das Leben und seinen ganzen Ablauf.” (ebd., S. 165) Das ist es, was der Bioethik – Experte unangetastet lassen möchte. Keine “biopolitische Wende” steht an.

 

Geplant ist also eine Fortführung der “verschiedenste(n) Techniken zur Unterwerfung der Körper und zur Kontrolle der Bevölkerung”. Denn diese waren es, die im 18.Jahrhundert “die Ära einer Bio-Macht'” (ebd., S. 167) eröffnet haben. Keinesfalls soll verzichtet werden auf die “Machtmethoden, die geeignet waren, die Kräfte, die Fähigkeiten, das Leben im Ganzen zu steigern, ohne deren Unterwerfung zu erschweren” (ebd., S. 168).

 

Nein, er hat im Interview nicht gesagt, daß auch weiterhin “die Menschenakkumulation mit der Kapitalakkumulation, die Anpassung des Bevölkerungswachstums an die Expansion der Produktivkräfte und die Verteilung des Profits” (ebd., S. 168) zu ermöglichen sei, aber stünde “Biopolitik” in irgendeinem Lexikon und gäbe der Artikel seinen Inhalt auch nur im Ansatz korrekt wieder, ließen sich Röspels Worte nicht anders deuten.

 

Nun läßt sich die Verwirrung vielleicht damit aufklären, daß die beiden Zuständigen doch nicht wissen, wovon sie reden. Vielleicht hat sich der “Hagener Diplom-Biologe” (Fantomas) einfach nur geschmeichelt gefühlt. daß das weite Feld des Politischen auch seinem Fachwissen eine Aufgabe stellt, nachdem er mal von einem Praktikanten oder einer Praktikantin gesteckt bekommen hat, daß es da in den Gesellschafts- und Kulturwissenschaften einen Begriff gibt, der eine Karriere gemacht hat, wie er sie sich erträumt und der zudem noch den Ruf hat, kritisch zu sein.

 

Mag sein, daß es sich so zugetragen hat. Es läge dann eine Sammlung kurioser Einzelfälle vor, denn Röspel ist keinesfalls der einzige, der “Biopolitik” in diesem Sinne verwendet.

 

Zu beobachten ist ein Trend heute dort, wo vor einiger Zeit noch von Bioethik die Rede gewesen wäre, von Biopolitik zu sprechen. Dies verrät beispielsweise ein Blick auf die Veröffentlichungen der “Bundeszentrale für politische Bildung”, die neben “Gesundheit”, “Bildung”, “Familie/Rente” und “Jugend” auch “Biopolitik” als Politikfeld aufzählt.

 

Beim bloßen “Suchen & Ersetzen” bleibt es dabei jedoch nicht. Vielmehr taucht „Biopolitik” immer dort auf, wo der Blickwinkel von der relativ

passiven bioethischen Fragestellung “Wie gehen wir mit ,dem Leben’ angemessen um?” auf die aktivere” Was können wir mit ,dem Leben’ alles’ anstellen?” verschoben werden soll. 

 

 

Im achten Jahrgang befindet sich inzwischen die “Zeitschrift für Biopolitik” im Verlag der Biocom AG, die zur einen Seite hin mit allen reden will, zum anderen aber laut “Wir über uns” auf der eigenen Webseite “ein auf Biotechnologie spezialisiertes Fachinformationsunternehmen” ist, ausgestattet “mit einem hochqualifizierten Team von Biologen, Journalisten und Computerfachleuten” und “als Verlag und Dienstleister im Bereich Life Sciences ein führender Anbieter”.

 

Das Motto scheint zu sein:

 

Was die Gene können – nämlich kommunizieren – können wir schon lange.

 

Diesem Trend wollte sich offensichtlich die Fantomas ebenfalls nicht verschließen, die in ihrem Editorial schreibt:

 

“Biopolitik steckt in diesem Sinne ein Themenfeld ab, und der Einsatz des Begriffs sagt noch nichts über die Richtung von Politik, in die er weist.” (Fantomas 2/2002, S.4 f, Hervorh. i. Org.)

 

Das ist schön gesagt. Der Einsatz eines Begriffes weist also in eine Politik, über deren Richtung er nichts sagt. Oder sagt gar der Einsatz des Begriffs nichts über die Richtung, in die er weist?

 

Das macht stutzig. Ist wirklich nichts über die Richtung einer Politik gesagt, die die “Menschenakkumulation mit der Kapitalakkumulation” abzustimmen vermag? Noch problematischer wird eine solche Formulierung mit der Erinnerung daran, daß die – in Foucaults Sprache – Diskurse, deren Analyse ihn zu den Bezeichnungen Bio-Macht und Bio-Politik führen, die der Rassenbiologie sind.

 

Das hätte der Fantomas-Redaktion auffallen müssen, als sie schrieb:

 

“Erstens schattiert der Begriff Biopolitik einen Hintergrund, vor dem sich Themen abzeichnen, die auch in linken Diskursen und Praxen meist unterbelichtet bleiben.

 

Sie haben zu tun mit dem, was zunächst scheinbar, das Leben selbst betrifft:  „Körper, Medizin, Gesundheit, Krankheit und Tod, Biotechnologien und -wissenschaften”, (ebd.)

 

Daß der Zusammenhang mit der Rassenbiologie den Verfassern dieser Zeilen nicht in den Sinn kam, lag wohl daran, daß sie gerade mit der gewiß schwierigen Aufgabe befaßt waren, “Diskurse und Praxen” zu entwickeln um einen Hintergrund so zu schattieren, daß sich die vor ihm abzeichnenden unterbelichteten Themen nicht auch noch ins Dunkle verdrücken.

 

Und schließlich standen sie zu allem Unglück ja auch noch mitten in einer Politik herum, in die der Begriff sie gewiesen hatte.

 

Derart beschäftigt fällt es selbstverständlich schwer zu realisieren, daß es sich bei der eigenen Klage um eine handelt, die nur gerechtfertigt ist, wenn die aufgezählten „Themen” folgende wären: Eugenik, Euthanasie, Bevölkerungspolitik, Rassenhygiene, Volksgesundheit, Aufartung des Volkskörpers und Rassenbiologie.

 

Daß sie so nicht lautet, ist Programm.

 

Die Behauptung eines an sich richtungslosen Politikfeldes mit dem Namen “Biopolitik” geht einher mit einer Abstraktion von den konkreten Praxen und dem Inhalt der Diskurse, die mit ihm benannt werden.

 

Dabei stimmt es nicht einmal ganz, daß die aufgezählten Themen “in linken Diskursen und Praxen” unterbelichtet gewesen sind. Dieses Bild ergibt sich erst, wenn die durchaus rege Beteiligung hieran aus der Geschichte der Linken herausoperiert wird. Das läßt sich zwar nicht nur, aber auch bei Foucault lernen.

 

Schließlich bezieht sich dessen Kritik der Repressionshypothese, die Kritik der Annahme also, das zur “Abstimmung der Menschenakkumulation mit der Kapitalakkumulation” die Sexualität hätte unterdrückt werden müssen, nicht zuletzt auf linke Vorstellungen von der Befreiung der Sexualität.

 

Nicht gerade kurz ist zudem die Liste der Vertreter einer sozialistischen Eugenik, die die von den Eugenikern aller politischen Richtungen behauptete Degeneration menschlichen Erbmaterials der kapitalistischen Produktion in die Schuhe schieben wollten.

 

Eine Theorie die – je nach Vertretern und Zeitpunkt – schwankte zwischen der Vorstellung, daß (vom Kapitalismus verursachte) Armut nun mal krank mache, weshalb die Bevölkerung (identifiziert als Arbeitskraft) degeneriere und der tendenziell gegenläufigen Überlegung, daß der Kapitalismus antisoziale Begabungen fördere – dies selbstverständlich im Wesentlichen bei der Bourgeoisie – und so die natürliche Auslese hin Sozialismus verhindere. Im neuen Menschen ließen sich diese beide Seiten dann aber wunderbar vereinen.

 

Hier in der Fassung von Karl Kautsky von 1910:

 

“Ein neues Geschlecht wird entstehen, stark und schön und lebensfreudig, wie die Helden der griechischen Heroenzeit, wie die germanischen Recken der Völkerwanderung, die wir uns als ähnliche Kraftnaturen vorstellen dürfen, wie etwa heute noch die Bewohner Montenegros” (nach: Weingart et. al, 1988, S. 113.

 

Hier gibt es auch einen Überblick über die sozialistische Eugenik.

 

Ein wenig mehr Unterbelichtung in Sachen Körper, Medizin und Gesundheit wäre hier sicherlich wünschenswert gewesen.

 

Hinzu kommt, davon wird noch die Rede sein, daß sich auch den zeitgenössischen linken Kritikern solcher Phantasien Teil

am Sexualitätsdispositiv, also an der Hervorbringung sexuellen Regeln

im Namen der Bio-Politik, nachweisen läßt.

 

Zu nennen ist hier im besonderen Wilhelm Reich, dem neben Herbert Marcuse Foucaults Kritik der Repressionshypothese zu einem nicht unbeträchtlichen Teil galt und der gleichzeitig Stichwortgeber der linken Variante der sexuellen Befreiung in den 70er Jahren war.

 

Die linke Foucault-Rezeption in den 90er Jahren stand somit in engem Zusammenhang mit einer Auseinandersetzung zu der Frage, inwieweit die linke Kritik zur Durchsetzung des Sexualitätsdispositivs beigetragen hat.

 

Die dabei gewonnenen Einsichten, exemplarisch steht hierfür spielsweise der linksradikale Sammelband “Gender Killer – Texte zu Feminismus und Politik”, galten dem engen Zusammenhang der Biopolitik mit den Formen der Nation und des Staates, denen gegenüber eine grundsätzlich ablehnende Haltung eingenommen wurde. Die kritische Rekonstruktion der Politik der “geistigen Mütterlichkeit” der ersten Frauenbewegung und deren Fortsetzung (nach einem anfänglichen Bruch) in der zweiten im Gefolge der 68er Bewegungen durch die Mitherausgeberin Cornelia Eichhorn endet beispielsweise so:

 

“Dieses drohende Arrangement (zwischen Fraueninteressen und nationalstaatlicher Machtpolitik) zu bekämpfen, kann heute nicht mehr alleine bedeuten, die Kritik der Nationform zu forcieren, sondern es muß auch heißen, endgültig mit jener ‚Frauenpolitik’ zu brechen, die derzeit die Nationalisierung der Emanzipation betreibt.” (Eichhorn 1994, S. 88)

 

In eine Politik wollte sich hier noch niemand weisen lassen.

 

Ganz im Gegenteil. Explizit wurde hier dazu aufgerufen, Bio-Politik, die Foucault einmal einem historischen Prozeß der “Verstaatlichung des Biologischen” (Foucault 1975, S. 282) zugeordnet hatte, nicht zu betreiben.

 

Propagiert wurde die Absicht, mit ihr zu brechen und sie als Zumutung zurückzuweisen. Diese Absicht ist identisch mit dem Analyseziel, das Foucault in seinem einschlägigen Vortrag “Was ist Kritik?” als ein der Form seiner “strategischen Analyse” inhärentes angab.

 

Es ging ihm darum zu fragen, “welches die Bedingungen sind, die eine Singularität” – in diesem Fall also einzelne bio-politische Sachverhalte – “akzeptabel machen, die durch die Auffindung der Interaktionen und Strategien, in die sie sich integriert, einsichtig wird.

 

Eine solche Forschung (wegen Tonbandwechsels fehlen einige Sätze) … produziert sich als Effekt und schließlich Ereignishaftmachung insofern, als man es mit etwas zu tun hat, dessen Stabilität, dessen Einwurzelung, dessen Fundierung nie eine solche ist, daß man nicht sein Verschwinden oder zumindest das Wodurch und das Woher seines möglichen Verschwindens denken kann.” (Foucault 1978, S. 39, Hervorh. jm).

 

Es mag ja sein, daß fleißige Theoretiker die fehlenden Sätze inzwischen diskursanalytisch rekonstruiert haben, aber von kritisch zu beackernden Politikfeldern wird dort nicht die Rede gewesen sein.

 

Dieses Ziel findet seine Entsprechung in der Begriffsbildung, denn Foucaults Vorstellung von Macht ist geradezu geprägt davon, daß sie nicht auszuüben ist. “Die Macht ist nicht etwas, was man erwirbt, wegnimmt, teilt, was man bewahrt oder verliert; die Macht ist etwas, was sich von unzähligen Punkten aus und im Spiel ungleicher und beweglicher Beziehungen vollzieht.” (Foucault 1977, S. 115)

 

So etwas läßt sich nicht betreiben.

 

Selbst dann, wenn Bio-Politik nicht mit radikaler Staatskritik in Verbindung gebracht wurde, setzte sich diese negative Implikation durch, die Foucault betont. Gängige Formulierungen wie die, daß es sich bei diesem oder jenem medizinischen oder gendiagnostischen Verfahren um ein “Instrument der Biopolitik” handele, gingen regelmäßig einher mit der Ablehnung des Verfahrens. Noch 2001 wird im Editorial des Staatsbürgerinformationsdienstes “Aus Politik und Zeitgeschichte” ein Aufsatz so angekündigt:

 

“Ähnlich kritisch bewerten Günter Feuerstein und Regine Kollek die Gendiagnostik. Sie verweisen auf die bleibenden medizinischen Ungewißheiten und sehen das Verfahren als ein Instrument der Biopolitik.”

 

Die zugehörigen Argumentationen bemühen sich nachzuweisen, daß das abgelehnte Verfahren und seine Begründung von Foucaults Definition getroffen wird. Ihre ungenannte Voraussetzung lautet schlichtweg ,,Biopolitik, da sind wir nicht für, Schluß, fertig, aus!”.

 

Die Verwendung des Begriffs implizierte die Ablehnung des mit ihm Bezeichneten. Zwar untersuchen derartige Artikel selten in Foucaults Sinne einen Macht-Wissen-Komplex und fragen auch nicht, warum einzelne Sachverhalte, Pläne etc. akzeptabel erscheinen. Ganz im Gegenteil zu Foucaults Bestimmung von Macht argumentieren die Autoren meistens sogar als gelte es, der Politik den Erwerb neuer Machtmittel zu verweigern. Trotz alledem gibt sich hier noch die ablehnende Implikation von Foucaults Methode, die die Möglichkeit des Verschwindens des Analysierten denkbar machen soll, als Selbstverständlichkeit.

 

 

Diese Implikation der Foucaultschen Methode ist inzwischen ihrerseits zum Verschwinden gebracht worden. Die linke Initialzündung für den positiv neutralisierenden “Einsatz” des Begriffs “Biopolitik” – bei der Bewegungsklempnerei ist es halt manchmal wie beim Roulette – ist zweifelsohne Toni Negris und Michael Hardts “Empire”.

 

Das Editorial der Fantomas stellt hier einen Kompromiß dar, denn positiv neutralisierend ist “Biopolitik” bei Negri/Hardt keineswegs eingesetzt.

 

Vielmehr ist bei ihnen das, was sie die biopolitische Produktion der Multitudc nennen, die noch weiter zu treibende Voraussetzung für den Kommunismus.

 

Die daraus entstehenden Konflikte mit a) der eigenen politischen Vergangenheit und b) innerhalb der Redaktion bieten selbstredend Anlaß und Notwendigkeit der Vermittlung und so vermehrt sich die Biopolitik im Laufe ihres Einsatzes – wie beim Roulette hoffentlich – zu Biopolitiken und heraus kommt ein konsequentes einerseits -andererseits.

 

Denn: “Zweitens bezeichnet Biopolitik einen theoretischen Zugriff auf gesellschaftliche Macht (und damit unvermeidlich auf die Möglichkeit von Widerstand), der das Themenfeld Biopolitik weitestmöglich entgrenzt. Biopolitik eröffnet in diesem Sinne theoriepolitische Zugänge zu einer herrschaftskritischen ,Analytik der Gegenwart’, die gleichzeitig, weil sie aus einer Gegend kommt, die man meist unscharf Postmoderne nennt, mit vertrauten Bestandteilen des linken common sense bricht.” (Fantomas 2/2002, Hervorh. i. Org.)

 

Gebrochen wird hier allerdings nur mit dem Bruch, den Gender Killer propagiert hatte.

 

So ergibt sich dann allerlei, was “nicht auf einen Nenner gebracht werden (kann und will)”. Das kleistert nebenbei das kleine Problem zu, daß bei dem ebenfalls parallel und von den gleichen Leuten gefeierten Giorgio Agamben die biopolitische Produktion nicht die Voraussetzung zum Kommunismus ist, sondern statt dessen der Nationalsozialismus der am konsequentesten biopolitische Staat.

 

Heraus kommt folgende versöhnliche Synthese: “Der Begriff Biopolitik schlägt” – richtig eingesetzt versteht sich, aber wer weiß schon ob auf rot oder schwarz – “einen Bogen von der Analyse biopolitischer Herrschaft einerseits zu Entwürfen biopolitischer Widerständigkeit andererseits und bezeichnet damit immer schon das Projekt einer kritischen Biopolitik. ” (ebd., Hervorh, i. Org.)

 

In diesen Sätzen schwingt noch die Erinnerung daran mit, daß die Autoren einmal nicht “kritische Biopolitik”, sondern Kritik der Bio-Politik betrieben und der “theoretische Zugriff” getreu der Foucaultschen Vorgabe sich mit dem möglichen Verschwinden des analysierten Gegenstandes zu befassen hatte. Ein Schelm, wer Psychoanalytisches dabei denkt.

 

“Und das Leben geht weiter” war übrigens die Überschrift des Editorials.

 

 

Auf den ersten Blick liegt also Anlaß genug vor, zur Verteidigung. Foucaults in die Debatte einzusteigen und dessen Theorie beispielsweise so zu aktualisieren, wie es die Fantomas antäusche (“Analytik der Gegenwart”) und die Autoren von “Gender Killer” beabsichtigten.

 

Allerlei Diskursverschiebungen vor Augen, die mit der Etablierung der neuen Gen- und Reproduktionstechnologien zu tun haben, diagnostizierte beispielsweise Juliane Rebentisch, daß “vermittelt über diese neuen Biotechnologien ( … ) eine avancierte Form der Bio-Politik ausgearbeitet (werde), in der die Kultur als externe Regulierungsform des Lebendigen'” funktioniere. (Rebentisch 1994, S. 33)

 

Dieser avancierten Form sollte die theoretische Analyse wie die politische Verweigerung gelten. Angestrebt wurde eine Kritik der Bio-Politik auf der Höhe der Zeit.

 

Daß sich hier Anknüpfungspunkte finden lassen, legt auch die Beobachtung nahe, daß es in besagtem Fantomas Heft Susanne Schultz ist, auch eine der “Gender Killer”-Autorinnen, die der Empire-Begeisterung zurückhaltend aber bestimmt Grenzen zu setzen versucht und “Über das Verschwinden von Reproduktionsarbeit und feministischer Kritik in „Empire'” (Schultz 2002) den einzigen gewinnbringenden Artikel des Heftes schreibt.

 

Beklagen muß eine solche Fortschreibung der Kritik der Bio-Politik auf der Höhe der Zeit allerdings die Entwendung ihres eigenen Begriffs, den der Bio-Politik eben. Denn selbst wenn die Ministerriege und ihr Experte, die FR und die Politikberater der “Bundeszentrale für politische Bildung” nicht so recht wissen, wovon sie sprechen, verrät mehr noch als ein Blick auf die Wortwahl einer auf die Inhalte Sachverstand.

 

So wimmelt es in den einschlägigen Debatten beispielsweise im Bundestag vor Fragen nach der Beschaffenheit des Selbst, die ihre Abkunft vom Geständniszwang nicht verleugnen können und wohl auch nicht wollen. Wann endet, ‚das Leben’, wann beginnt es und vor allem, was wäre der „Sündenfall”?

 

Wenn die Abtreibungsgegner von CDU/CSU und die Klonkritiker aller Parteien sich um den “Schutz des Lebens” und um dessen Identität sorgen, klingt dies nicht von ungefähr so, als nähmen sie sich das zum Auftrag, was Foucault ablehnte als er schrieb, daß “die Installierung dieser großen ( … ) Technologie ( … ) eine Macht (charakterisiere), deren höchste Funktion nicht mehr das Töten sondern die vollständige Durchsetzung des Lebens ist.” (Foucault 1977, S. 166)

 

 

Geredet wird dann im Jargon der Eigentlichkeit, in dem die Worte “unabhängig vom Kontext wie vom begrifflichen Inhalt, klingen, wie wenn sie Höheres sagten, als was sie bedeuten”. (Adorno 1964, S. 10)

 

Er ist wie geschaffen für Anläße, wie es Debatten im Bundestag sind. Geschaffen für „Ereignisse” also, anläßlich derer alle das erhabene Gefühl teilen durch solche Rede den Menschen vom erniedrigten, geknechteten, verlassenen und verächtlichen Wesen zu befreien, das er ist durch die Verhältnisse, deren biologisches Substrat, das Leben das nicht lebt, nicht nur der Bundestag verwaltet.

 

Mit Foucault reden aber nicht nur diejenigen, denen die Technologien um die es geht, suspekt sind. Auch und gerade die von ihnen Faszinierten können mit Foucault sprechen, wenn sie beispielsweise den Anspruch des Staates verteidigen möchten, über künstlich befruchtete und damit der mütterlichen Geborgenheit entzogene Eizellen höchstselbst zu wachen. “Am Ende des 18. Jahrhunderts entstand aber auch ( … ) eine ganz neue Technologie des Sexes, die zwar von der Thematik der Sünde nicht ganz unabhängig war, sich jedoch im Wesentlichen dem kirchlichen Bereich entzog. Vermittelst der Pädagogik, der Medizin und der Ökonomie machte sie aus dem Sex nicht nur eine Laiensache sondern eine Staatssache. ” (Foucault 1977, S. 140)

 

Wenn Foucault das sagt wird’s schon stimmen, also weiter mit dem Gesetzentwurf.

 

Daß hier auf einmal der Sex auftaucht, sollte nur kurz irritieren und Anlaß sein auf zwei wichtige Modifikationen hinzuweisen, die sich aus dem Versuch zu ergeben scheinen, Biopolitik zu betreiben. Die eine ist die Abstraktion vom Sexualitätsdispositiv und die andere betrifft das Verhältnis zum “Willen zum Wissen”.

 

Die Bedeutung des Sexualitätsdispositivs ergibt sich für Foucault daraus, daß Mitte des 19. Jahrhunderts “die Analyse der Vererbung den Sex (die sexuellen Beziehungen, die Geschlechtskrankheiten, die Ehebündnisse, die Perversionen) in die Position einer ,biologischen Verantwortlichkeit’ für das Menschengeschlecht” gerückt hatte.

 

“Der Sex konnte nicht nur von spezifischen Krankheiten befallen werden, sondern er konnte auch, wenn man ihn nicht kontrollierte, Krankheiten übertragen oder für die zukünftigen Generationen erzeugen. Er schien somit am Ursprung eines pathologischen Kapitals für die Gattung zu stehen. Daher das medizinische aber auch politische Projekt einer staatlichen Verwaltung der Heiraten, der Geburten und der Lebensverlängerungen: der Sex und seine Fruchtbarkeit müssen administriert werden.

 

Die Medizin der Perversionen und die Programme der Eugenik bildeten innerhalb der Technologie des Sexes die beiden großen Neuerungen der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts. Diese beiden Errungenschaften fügten sich gut zusammen, weil die Theorie der ‚Entartung’ sie aufeinander verweist.” (ebd., S. 142)

 

Der dem ersten Band seinen Titel gebende “Wille zum Wissen” beschreibt den Drang, von diesem “pathologischen Kapital” Kenntnis zu erlangen, um der “biologischen Verantwortlichkeit” gerecht werden zu können.

 

Geforscht wurde dementsprechend nach perversen Anlagen in der Familie oder potentiell degeneriertem Erbgut.

 

Aus dieser “biologischen Verantwortlichkeit” scheint der Sex inzwischen entlassen zu sein, was mit der Vorstellung einher geht, daß die Vererbung ohne Triebverzicht, d.h. technisch regulierbar ist. Die Palette der wirklichen oder nur vorgestellten Techniken reicht hier von den Methoden zur Schwangerschaftsverhütung bis hin zu den Gen- und Reproduktionstechnologien. Zwar gibt der Sex auch heute noch “Anlaß zu unendlich kleinlichen Überwachungen, zu Kontrollen aller Augenblicke, zu äußerst gewissenhaften Raumordnungen, zu endlosen medizinischen oder psychologischen Prüfungen. Zu einer ganzen Mikro-Macht über den Körper” (ebd., S. 173), wie die Lektüre jedes Jugendmagazins verrät.

 

Neu hingegen ist, daß sich zumindest in den westlichen Metropolen niemand mehr fragen muß, ob das “pathologische Kapital” dem Wesen der eigenen Lust entspringt, sondern stattdessen, ob denn die möglichen körperlichen und seelischen Folgen ihres Erlebens richtig bedacht wurden.

 

Was einst den Sex in den Mittelpunkt rückte, lenkt heute den Blick auf das Genom.

 

“Der Sex und seine Fruchtbarkeit” haben sich auseinander entwickelt, seine “Administration” hat sich subjektiv versachlicht. An dieser Stelle könnte eine Fortschreibung von Foucaults Thesen ansetzen – was bereits versucht wird, nicht zuletzt von Gerburg Treusch-Dieter.

 

Die Fortschreibung müßte allerdings eine sein, die sich ganz explizit von denjenigen Begriffen lossagt, die Foucaults Theorie prägen, denn gerade dessen Konzeption von Geschichte, die nur Brüche und keine Übergänge kennt, legt es nahe, an dieser Stelle das historische Ende der Bio-Politik festzumachen und mit der Analyse von vorne zu beginnen. Daß aber das Neue mit den Begriffen der Kritik des Alten betrieben werden kann, läßt diese Kritik prekär werden und zeigt ihre Grenzen auch an ihrem eigenen Gegenstand auf.

 

Wer sich wie Juliane Rebentisch der Analyse einer “avancierten Form der Bio- Politik” widmen möchte, sieht sich ganz unvermittelt doch wieder auf den Begriff des Übergangs oder der Transformation verwiesen.

 

 

Deutlicher noch kehrt die Kritik des Alten im neuen Verhältnis zum ” Willen zum Wissen” wieder. Die eingangs skizzierte politische Konstellation bezieht hieraus ihre Logik. Denn gerade die ministeriellen “Lockerungen in der Biopolitik” haben den Zweck der Wissensproduktion. Der Embryo soll, wie ehemals der Sex, einer Befragung unterzogen werden können, die jedoch, ganz im Sinne von Foucaults Methode, nicht mehr auf Wahrheit zielt, sondern die Macht und das Subjekt betont.

 

Nicht “Was sagt uns das Genom?”, sondern” Wie können wir es umcodieren ?” lautet die Frage.

 

 

Nichts bleibt übrig von den Zwangsmechanismen, die Foucault zum Ausgangspunkt hatte. Das, was hier die Lücke schließt, ist ein technisch vermittelter Willkürakt, der in Foucaults Theorie von der “Technologie des Sexes” nicht vorkommt. Er schließt einen Verzicht auf “die Wahrheit” ein, denn der Wille zum Wissen ist ein Wille ohne Subjekt, wie der Fötus nach der aktuellen Fassung des Abtreibungsparagraphen von 1994, ein Rechtssubjekt ohne Willen.

 

Die Vermutung, die sich hier aufdrängt, ist diejenige, daß nicht die Foucaultsche Theorie die angemessenste ist zu untersuchen, was die “avancierte Form der Bio-Politik” akzeptabel macht, geschweige denn um die Beschaffenheit ihrer Subjekte zu analysieren, d.h. im Sinne Adornos ihre organische Zusammensetzung zu bestimmen.

 

Vielmehr scheint umgekehrt das Avancierte dieser neuen Form gerade in ihrer Fähigkeit zu bestehen, ihr Selbst in den Begriffen und mit der Haltung zu beschreiben, die der Analyse ihrer Vorgängerin entsprungen sind.

 

Diesbezüglich mit dem Zaunpfahl winkt die „Zeitschrift für Biopolitik”, die eine Diskursanalyse der deutschen und britischen Presseberichterstattung über die Debatte um die Nutzung embryonaler Stammzellen liefert. Diese endet mit einem Abschnitt, in dem aus der Beobachtung, daß in Großbritannien anders über Stammzellenkulturen geredet wird als in Deutschland, ein erstaunlicher Schluß gezogen wird:

 

“Angesichts der vielen Überschneidungen, aber auch der nationalen Unterschiede kann man von leicht divergierenden Stammzellen- Kulturen sprechen, die zu einem nicht unerheblichen Teil durch Metaphern erschaffen werden. Damit werden embryonale Stammzellen zu einem kulturellen Produkt, das essentialisierende und prädiskursive Konzepte deutlich in Frage stellt.” (Döring/Nerlich 2004, S. 29)

 

Das ist Biopolitik live.

 

„Auch” seien sie eine “natürliche Entität”, die Stammzellen, aber erst die Metaphorik erwecke sie zum Leben und mache sie in einem kulturellen Kontext erfahrbar. Der Ratschlag für die Öffentlichkeitsarbeit der Abonnenten ist dann auch folgender:

 

 

“Dieses, Gebiet einer Natur-Kultur (Latour 1998, S. 20) jenseits der Dichotomie von Natur und Kultur ist der Bereich der Stammzellen-Kulturen, in denen sich eine partizipative Diskurs-Ethik und Moral (Nevers 2003) etablieren könnte, die nicht der alten Trennung von Natur und Kultur aufsitzt, sondern die – nicht nur – metaphorisch entstandene Stammzellen-Kultur ernstnimmt.” (ebd., S. 29, Hervorh. im Orginal)

 

Der Hinweis darauf, daß letztlich alles diskursive Konstruktion sei, fungiert hier unmittelbar als Aufruf, an der Konstruktion teilzuhaben.

 

Eine bruchlose Verteidigung Foucaults für die Vergangenheit und seine Fortsetzung für die Gegenwart ist vor einem solchen Hintergrund genauso unmöglich wie die Mißachtung seiner Theorie. Vielmehr ist deren historische Bedeutung zu ermitteln, denn eine Kritik, die sich so umschreiben läßt, muß schon etwas an den gesellschaftlichen Verhältnissen getroffen haben.

 

III.

 

Dies mit betrachtet, ist auch die von der Fantomas-Redaktion vorgenommene Ersetzung von Eugenik, Euthanasie, Bevölkerungspolitik, Volksgesundheit, Aufartung des Volkskörpers und Rassenbiologie durch “Körper, Medizin, Gesundheit, Krankheit und Tod, Biotechnologien und -wissenschaften” noch einmal neu zu beurteilen.

 

Denn der Haken bei der bis hierher erfolgten Darstellung der positiven Verwendung von Biopolitik ist der, daß die Ersetzung nicht völlig aus der Luft gegriffen und, ohne jeden Bezug zu Foucaults Analyse ist.

 

Während die bloße Verwendung des Wortes Biopolitik durch ihre Verfechter – unter Beihilfe der dem Poststrukturalismus ohnehin eigenen Mißachtung des objektiven Moments der Sprache – noch mit dem Hinweis abgetan werden könnte, diese meinten in Wirklichkeit ja etwas ganz anderes, deutet sich hier die Verwicklung von Foucaults Methode in das Problem selbst an.

 

Daß die ihren Gegenstand ablehnende Implikation von Foucaults Methode inzwischen ihrerseits zum Verschwinden gebracht wurde, verdankt sich keiner abrupten Abkehr von seinen theoretischen Mitteln.

 

Einzugehen ist auf die Bezeichnungsmethode Foucaults. “Biopolitik” läßt sich in diesem Zusammenhang am besten mit einer Wortschöpfung illustrieren, die grüne Parteitagsbeschlüsse prägte, als deren Teilnehmer lernen mußten, daß das Scheitern ihrer Ideale nicht nur den Kräfteverhältnissen geschuldet war/d.h. ihren paar Prozenten beim demokratischen Ankreuzen, sondern die Übernahme von Regierungsverantwortung” zudem ihre objektiven Tücken hatte, was ihre Ideale als Machtphantasien entlarvte. Es war dies die Zeit als sie beispielsweise realisierten, daß beim “Thema” Atomenergie nicht nur das Umweltministerium, sondern auch die Ressorts Wirtschaft und Rüstung mitzureden hatten.

 

Mit anderen Worten: Bio-Politik ist ein “Querschnittsthema”, sie zielt auf ein Dazwischen, auf einen Zusammenhang nicht von Gleichförmigem, sondern von Heterogenem, weil sich in ihr etwas “im Spiel ungleicher und beweglicher Beziehungen vollzieht”. Diesem Vollzug persönliche Gestalt zu geben, indem ihm Handlungsfähigkeit abgewonnen wird, ist die Kunst der Politik.

 

Die Dynamik, die Foucault hier aufnimmt, entspricht der Anpassungsleistung, die die Bewußtseinsinhalte der Handelnden von diesen fordern. Entartungs- und Aufartungsphantasien analysieren ihren Gegenstand zunächst einmal nicht als das, was er ist – wie es einer wissenschaftlichen Theorie angemessen wäre – sondern als das, was er sein soll, rufen also unmittelbar zur Praxis auf. Spezifisch dabei ist, daß der herbeianalysierte Zustand notwendig abstrakt bleibt. Die Individuen und damit der “Volkskörper” sollen gesund sein, rein, artgemäß, nicht degeneriert usw.

 

Zusammengefaßt geht es darum, genormt oder bestimmt im allgemeinsten Sinne zu sein. Damit wird der Gegenstand selbst (das was ist, immerhin der eigene Körper und die sexuellen Regungen) entgegenständlicht bzw. subjektiviert nach dem Muster von Norm und Abweichung. Damit geht einher, daß die Existenz des Gegenstandes der Erkenntnis sehr viel unmittelbarer als im Idealismus und erst recht als im Materialismus abhängig ist von der Art ihn zu denken, weil er mit dem Ziel der Auslese bzw. der Ausmerzung der Abweichungen gebildet ist.

 

Der zweite Aspekt ist der, daß Foucaults Analyse dieses Diskurses die Vorstellung von zumindest “Körper, Medizin, Gesundheit, Krankheit und Tod” nicht unberührt läßt. Das Eigentümliche an seiner Methode ist gerade, daß er nicht wie viele andere darauf aus ist, der Rassenbiologie ihre Unwissenschaftlichkeit nachzuweisen und so beispielsweise eugenische Medizin von nicht-eugenischer zu unterscheiden oder die Sorge um die Gesundheit im Allgemeinen unabhängig von der Furcht vor “erbkrankem Nachwuchs” zu behandeln.

 

Die vielbeschworene Produktivität der Macht besteht ja gerade darin, die vom Abnormen scheinbar unberührte Norm hervorzubringen, die Frage nach dem eigenen Sex reizt erst zu ihr an.

 

“Die Medizin der Perversionen und die Programme der Eugenik bildeten innerhalb der Technologie des Sexes die beiden großen Neuerungen der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts. ( … ) Der Komplex Perversion-Vererbung-Entartung bildete den festen Knotenpunkt der neuen Technologien des Sexes. Und es handelte sich beileibe

nicht um eine wissenschaftlich unzureichende und übermäßig moralisierende medizinische Theorie.” (Foucault 1977, S. 142f)

 

Erst die ihrerseits der Unwissenschaftlichkeit geziehene Psychoanalyse, die Foucault letztlich doch dem Sexualitätsdispositiv hinzurechnet, “suchte”, obwohl sie „das Projekt einer medizinischen Technologie des sexuellen Instinktes”- aufgenommen habe, dieses Projekt “von seinen Verflechtungen mit der Vererbung und mit allen Rassismen und Eugeniken zu lösen.” (ebd.,1 S. 143)

 

Das, worauf Foucault hinaus will, ist der rationale und damit von den Rationalisierungen der Wissenschaften nicht zu trennende Kern, durch den hindurch all dieses Heterogene und Vereinzelte aufeinander verwiesen ist. Während die Bundeszentrale für politische Bildung “Biopolitik” abstrakt neben die anderen Politikfelder “Gesundheit”, “Bildung”, “Familie/Rente” und “Jugend” stellt, bezeichnet Foucault deren Bezug aufeinander.

 

Das “Querschnittsthema” kann kein eigenes Ressort sein, denn was bliebe noch übrig, würde beispielsweise von der genetischen Diagnostik alles abgezogen, was in die Bereiche Wissenschaftspolitik (Forschung), Sozialpolitik (dürfen Versicherungen Risikofälle für bestimmte Krankheiten mit höheren Gebühren belegen?), Gesundheitspolitik (welche Therapien werden bezahlt?) oder Bildungspolitik (wie kommen die mündigen Patienten an ihr Wissen über die vielfältigen Möglichkeiten?) fällt?

 

Nichts außer reiner Sinnstiftung, und das hierfür zuständige Ressort wiederum hat selbstverständlich einen anderen Namen:

 

Propagandaministerium oder Bundespräsident.

 

Alles, worum es demgegenüber bei der strategischen Analyse geht, ist das “Wie” eines Zusammenhangs. “Unter dem Verfahren der Ereignishaftmachung” – für das schreckliche Wort hatte Foucault sich zuvor entschuldigt – “verstehe ich – mögen auch die Historiker vor Entsetzen aufschreien – etwa folgendes: zunächst nimmt man sich Mengen von Elementen vor, bei denen man empirisch und vorläufig Verschränkungen von Zwangsmechanismen und Erkenntnisinhalten feststellen kann.” (Foucault 1978, S.31)

 

Solche Erkenntnisinhalte könnten etwa die Rassenbiologie und die Vererbungslehre sein, ein Zwangsmechanismus wäre sowohl das nationalsozialistische „Gesetz zur Verhütung erbkranken Nachwuchses” als auch – und hier wird die Rolle des Sexualitätsdispositivs deutlich – die Zwangsvorstellung, etwa Rassenschande begangen zu haben oder degeneriertes Erbgut zu tragen oder gar weitergegeben zu haben. Gerade an einem solchen Beispiel wird die Verschränkung von Zwangsmechanismen und Erkenntnisinhalten deutlich, denn so sehr es sich bei der Furcht vor erbkrankem Nachwuchs um eine psychische Zwangsvorstellung handelt, so sehr ist sie natürlich auch an dem “Willen zum Wissen” geschuldete Erkenntnisinhalte gebunden. Die Frage nach der Wahrheit solcher Erkenntnisinhalte ist dabei explizit auszuschließen:

 

“Man möchte nicht wissen, was wahr oder falsch, begründet oder nicht begründet, wirklich oder illusorisch, wissenschaftlich oder ideologisch, legitim oder mißbräuchlich ist.” (ebd.)

 

Foucault übergeht die Frage nach der Wahrheit, weil der Zwang, dem er sich widmet, dies ebenfalls tut.

 

So stellt er den Zusammenhang her zwischen den Elementen. Zu denen gehört der Körper genauso wie die Eugenik, die Medizin genauso wie die Volksgesundheit, die Gesetze der Genetik wie die der Rassenhygiene – nicht zuletzt, weil der Begriff des Gesetzes selbst eine Verschränkung von Erkenntnisinhalten und Zwangselementen darstellt. Was Foucault damit rekonstruiert, ist nichts weniger als die Verbindung zweier Momente der aufgeklärten Reflexion, die im historischen Prozeß auseinander gefallen sind. Denn unwissenschaftlich ist die Analyse eines Gegenstandes nach Maßgabe dessen, was er sein soll, nur aus der Perspektive des Positivismus, dessen Vertreterinnen die Dinge wertfrei so betrachten möchten wie sie sind.

 

Dem Begriff der Aufklärung ist anderes zu entnehmen:

 

„Seit je hat Aufklärung im umfassendsten Sinn fortschreitenden Denkens das Ziel verfolgt, von den Menschen die Furcht zu nehmen und sie als Herren einzusetzen.” (Adorno/Horkheimer 1944, S. 9)

 

Insofern sollte in der Vernunfterkenntnis beides in eins  fallen. Die Fähigkeit zur wahren Erkenntnis schien sich zu ergeben aus der apriorischen Einheit der Subjekte, aber nur unter der Bedingung subjektiv gesetzter Herrschaft über die Natur erschienen die Dinge wie sie sind. Nur als identische, d.h. dem immer gleichen Naturgesetz gehorchende, fielen sie dem Wollen der Vernunft zu.

 

Als “Ich mache mir die Welt widdewidde wie sie mir gefällt” noch keine Bebilderung kindlicher Allmachtsphantasien war, die es im Verlauf der Anpassung ans Realitätsprinzip zur glücklichen Kindheit zu verklären gilt, galt 2×3 macht 6 und nicht erst “Widdewiddewitt und Drei macht Neune”. Kein Rechenfehler, sondern gerade die wissenschaftliche Haltung gegenüber der Welt hatte für die Autonomie des Subjekts einzustehen und dementsprechend war Freiheit nicht an Willkür gekettet.”

 

Der positiv-neutralisierende “Einsatz” des Begriffs “Biopolitik”, dem die Fantomas sich verpflichtet sieht, die “Themen”, die sie aufgeworfen sieht, stehen Foucaults Methode also nicht in dem Sinne diametral gegenüber, als daß dieser ganz andere Themen hätte. Foucault beharrt darauf, daß der Körper, so wie er zu einem bestimmten historischen Zeitpunkt existiert hat (nicht geworden ist), nicht ohne die Medizin zu haben ist, die Medizin nicht ohne die Rassenhygiene, die wiederum nicht ohne Genetik (alle Querverbindungen gelten genauso) und all das wiederum existierte nur, weil es Individuen vorfand, die nicht nur bereit waren, ihren Körper als Wissensobjekt zu erfahren, sondern von den vermeintlichen Geheimnissen ihrer sexuellen Regungen dazu getrieben wurden.

 

Denn nur als Qualifizierte werden sie gebraucht, und zwar um so mehr ihre Qualität gemessen wird an der Frage, was sie zur quantitativ schrankenlosen Verwertung des Werts beizutragen haben. Bildung, auch eines der Ressorts, die sich mit dem Querschnittsrhema Bio- Politik zu befassen haben, wird nie eine Ware sein, aber immer die Voraussetzung dafür, daß die Arbeitskraft eine sein kann.

 

So läßt sich der bisher allgemein bezeichnete Zusammenhang genauer fassen. Was all das Heterogene miteinander verbindet ist der Wille zum Wissen. Ihm gemäß erblicken sich die Individuen im Licht der Norm, die sie in den Kategorien der Humanwissenschaften aufsuchen, denn sie wollen ihre Qualität ja objektiv bescheinigt haben. Zu finden ist sie dort allerdings nur als Aufforderung, mit der Anstrengung des Willens fortzufahren bzw. diesen auszubilden wie der Meister seinen Lehrling. Es droht der Lebensunwert und wer der eigenen Überflüssigkeit erlegen ist, phantasiert sie sich als von reiner Rasse so, wie er oder sie im Allgemeinen sein soll. Die Individualität bindet sich selbst an den Anspruch der Wissenschaft auf Allgemeinheit und betreibt so ihre eigene Verstaatlichung, d.h. ihre Verneinung und ihre Naturalisierung.

 

Naturalisierung war übrigens lange Zeit auch die Bezeichnung für den Erwerb einer Staatsbürgerschaft, in manchen Sprachen ist sie es bis heute. Die Rekonstruktion eines solchen Willens ist Foucaults Reaktion darauf, daß beispielsweise die Eugenik Wissenschaft nicht mehr in den Kategorien der Kantschen Erkenntniskritik betreibt und doch als ein Resultat der Aufklärung betrachtet werden muß. Im Material, dem sich Foucaults Rekonstruktion widmet, d. h. real im Menschenmaterial des autoritären Staates, setzt sich die repressive Einheit der Vernunft im Moment ihrer Abschaffung fort.

 

Foucault jedoch nimmt dieser ihre Selbstabschaffung nicht ab und identifiziert Abschaffung und Abgeschafftes miteinander. Nicht umsonst steht sein Werk in äußerstem Gegensatz zu den Thesen von Lukacs “Zerstörung der Vernunft”, dem Foucaults wichtiger Gewährsmann, Nietzsche, der Ursprung des Faschismus ist.

 

 

Wenn die Individuen heute dazu tendieren, sich im Licht derjenigen Kategorien zu betrachten, die einst die Norm zu denunzieren trachteten, sind diese Kategorien selbst zum Mittel der Akzeptanz geworden und es stellt sich die Frage, was es denn überhaupt war, was Foucaults Methode zum Mittel der Kritik machen konnte.

 

Ob es eine gute Idee war, zu reagieren wie Foucault und den Zusammenhang, den die Gesellschaft stiftet, auf diese Weise zu bestimmen, sei an dieser Stelle zunächst einmal noch dahingestellt. Skeptisch sollte zumindest machen, daß mit dem Willen eine Kategorie in den Mittelpunkt tritt, die in dem behandelten und zurückgewiesenen Denksystem – Foucault hatte einen Lehrstuhl mit dem Titel “Geschichte der Denksysteme“ inne. 

 

Skeptisch sollte ebenfalls machen, daß Foucaults Analyse der Biomacht genau in dem Moment ins Schwimmen gerät, in dem er den Nationalsozialismus betrachtet, also diejenige Gesellschaft, deren idealer Staatsbürger der “Triumph des Willens” (Leni Riefenstahl) ist.

 

“Wir haben in der Nazigesellschaft mithin diesen außergewöhnlichen Sachverhalt vorliegen, daß sie als Gesellschaft die Bio-Macht absolut verallgemeinert, aber gleichzeitig das souveräne Recht zu töten generalisiert.” (Foucault 1975, S. 307)

 

Die absolute Verallgemeinerung der Bio-Macht fällt seltsamerweise aus der Bio-Politik heraus, die ja erklärtermaßen die produktive Macht zum Leben sein soll. Ein eigenartiger Widerspruch, aber am Nationalsozialismus fällt dann eben doch zuerst dessen mörderische Praxis auf und weniger die Produktivität der Biomacht.

 

Bei aller Skepsis ist jedoch festzuhalten, daß es Foucault tatsächlich gelingt, am Willen zum Wissen einen Zusammenhang so aufzuhängen, daß er weder als Irrationalismus bzw. unwissenschaftliche Erkenntnis beiseite geschoben, noch affirmativ dargestellt wird. Denn affirmativ scheint seine Theorie erst in dem Moment zu werden, in dem seine zentralen Kategorien, also das Sexualitätsdispositiv und der “Wille zum Wissen”, in der von Foucault vorgefundenen Form keine Gültigkeit mehr haben.

 

Foucaults Theorie betrifft dieser Sachverhalt insofern, als er die Frage nach der Eignung seiner Methode stellt. Denn hielte diese, was sie verspricht, demonstrierte sie wirklich, daß »man es mit etwas zu tun hat, dessen Stabilität, dessen Einwurzelung, dessen Fundierung nie eine solche ist, daß man nicht sein Verschwinden oder zumindest das Wodurch und das Woher seines möglichen Verschwindens denken kann” (Foucault 1978, S. 39), dürfte dieser Effekt nicht auftreten.

 

Denn von “Wegdenken”, “Ignorieren” oder psychoanalytisch von “Verdrängen” war dort nicht die Rede.

 

Daß Foucault mit seiner Methode die Bio-Politik nicht wirklich zum Verschwinden gebracht hat, ließe sich ja noch der mangelnden Verbreitung, politischen Kräfteverhältnissen oder ähnlichen Sachverhalten zuschieben. Ist ja immer alles ein umkämpftes Feld, you know. Daß aber diejenigen, bei denen der Begriff Biopolitik nicht nur Verbreitung gefunden hat, sondern sogar eine zentrale Stelle in der eigenen Theorie einnimmt, es nicht schaffen, “zumindest das Wodurch und das Woher seines möglichen Verschwindens” zu denken und am Ende nicht einmal mehr wissen, worum es bei Foucault überhaupt geht, muß einen objektiven Grund haben.

 

Es verweist auf den gesellschaftlichen Gehalt von Foucaults Theorie und ihren historischen Ort. Reflexion hat nicht nur der Situierung des Denkens in seinen Subjekten zu gelten, wo es durch Foucault hindurch als Wissen erscheint, sondern auch deren eigener Bestimmung durch den Vorrang des Objekts. Don’t you know?

 

Licht in diese zunächst einmal seltsame Konstellation von Verschwinden und Fortsetzung der Bio-Politik bringt die Antwort auf die Frage, was Foucault dazu bringt seine zentralen Kategorien – nämlich” Wissen” und “Macht” – auf folgende Art einzuschränken:

 

“Offensichtlich haben diese beiden Begriffe nur eine methodologische Funktion: mit ihnen sollen nicht allgemeine Wirklichkeitsprinzipien ausfindig gemacht werden, es soll gewissermaßen die Analysefront, es soll der relevante Elementtyp fixiert werden. ( … ) Wissen und Macht – das ist nur ein Analyseraster.” (Foucault 1978, S. 32)

 

Erstaunlicherweise gilt diese Einschränkung für den “Willen zum Wissen” nicht, so daß sich die nicht minder seltsame Situation ergibt, daß dieser etwas anstrebt, was sich als durch Foucaults Analyseraster vermitteltes erweist. Dieser Konstellation entspricht die Charakterisierung der Machtbeziehungen als “gleichzeitig intentional und nicht-subjektiv”. (Foucault 1977, S. 116)

 

 

Denn daß, was der Wille will (“intentional”) liegt nicht in dessen (subjektiver) Macht, weil es ja nur in der Relation der Machtbeziehungen existiert.

 

Durch diese Reformulierung des Willens durch den Entzug seines Gegenstandes setzt Foucault sich in Gegensatz zum faschistischen Willen, nimmt sich aber gleichzeitig die Möglichkeit, auf den Nationalsozialismus und dessen Spezifika einzugehen. Insofern erweist sich seine Reaktion als unzulänglich, doch die Rassenbiologie insgesamt war keine nationalsozialistische Besonderheit, weshalb Foucault hierzu trotzdem etwas zu sagen haben könnte.

 

Methodisch korrespondiert die Reformulierung mit dem Übergang “vom Faktum der Akzeptiertheit zum System der Akzeptabilität”. (Foucault 1978, S. 34)

 

Sein “historisch-philosophisches” Verfahren erläutert Foucault so: “Von der empirischen Beobachtbarkeit – für uns jetzt – zu seiner historischen Akzeptabilität – in einer bestimmten Epoche .,.geht der Weg über eine Analyse des Nexus von Macht-Wissen, der die Tatsache seines Akzeptiertseins auf das hin verständlich macht, was es akzeptabel macht – nicht im Allgemeinen, sondern eben dort, wo es akzeptiert ist: das heißt es in seiner Positivität erfassen.

 

Es handelt sich also um ein Verfahren, das sich nicht um die Legitimierung kümmert und das folglich den grundlegenden Gesichtspunkt des Gesetzes eliminiert: Es durchläuft den Zyklus der Positivität, indem es vom Faktum der Akzeptiertheit zum System der Akzeptabilität übergeht, welches als Spiel von Macht-Wissen analysiert wird. Das ist in etwa das Niveau der Archäologie.” (ebd.)

 

Dieses Verfahren soll ohne Erkenntnistheorie auskommen. Was im Gefolge der Aufklärung immer praktiziert worden sei, sei eine “Legitimitätsprüfung der geschichtlichen Erkenntnisweisen” gewesen.

 

»Ihre Fragestellung lautet: Welche falsche Idee hat sich die Erkenntnis von sich selbst gemacht, welchem exzessiven Gebrauch sah sie sich ausgesetzt und an welche Herrschaft fand sie sich folglich gebunden.” (ebd., S.30)

 

Zunächst einmal sollte noch einmal deutlich geworden sein, warum die Akzeptanz nicht teilen darf, wer auf diese Weise analysieren möchte. Ansonsten ist der Übergang zum System der Akzeptabilität” nicht zu leisten.

 

Die Positivierung der Biopolitik zeichnet sich auch dadurch aus, daß sie vermittels ihrer Kritik wieder in den Zustand des Akzeptiertseins gerückt ist. Es ist dies kein Zurück hinter Foucault, sondern tatsächlich ein mit Foucault über ihn hinaus.

 

Zum einen destabilisiert Foucault seinen Gegenstand durch den Verzicht auf Wahrheit und zum anderen verarbeitet er – dabei mehr reproduzierend als reflektierend – den Verlust an Autonomie dem Gegenstand der Erkenntnis gegenüber, auf dem die Erkenntnistheorie beharrt und die der Rassenbiologie gegenüber nicht aufrechtzuerhalten ist.

 

Denn tatsächlich ist der Wunsch, im organischen Zusammenhang der Rasse aufzugehen und den Kategorien der Rassenbiologie zu entsprechen, ein ganz praktischer Angriff auf die historisch vermittels rationaler Naturbeherrschung erlangte Autonomie des erkennenden Subjekts.

 

Bei aller Abneigung Foucaults gegen die Erkenntnistheorie ist in dieser Reproduktion der Logik seines Gegenstandes eine Erkenntnis enthalten, die immer auch auf die Reproduktion ihres Gegenstandes im Denken aus sein muß.

 

So widersprüchlich und vor allem auf Herrschaft über andere basierend sie auch immer gewesen sein mag. Der autonomen Subjektivität (nicht den Subjekten) war die Reproduktion des Gegenstands im Denken immer auch Selbstreflexion und nicht nur Widerspiegelung äußerlicher Gegebenheiten, denn es war ihre eigene Vernunft, die sie im Gegenstand erkennen wollte.

 

Wenn, wie bereits an der Eugenik gezeigt, die Rassenbiologie, die in der idealistischen Erkenntnistheorie sich reflektierende Macht ihrem Gegenstand gegenüber so weit treibt, daß die Existenz ihres Gegenstandes abhängt von der Art, ihn zu denken, trifft das auf sie zu, was Adorno an der der faschistischen Mythologie unmittelbar vorausgehenden Oswald Spenglers herausarbeitet:

 

»Die Tendenz der idealistischen deutschen Systeme, die großen Allgemeinbegriffe zu Fetischen zu erheben und ihnen ungerührt das Opfer der Einzelmenschlichen Existenz in der Theorie zu bringen – jene Tendenz, der Schopenhauer, Kierkegaard und Marx an Hegcl widersprachen – ist bei Spengler zur unverhohlenen Freude an den tatsächlichen Menschenopfern gesteigert.” (Adorno 1950, S. 53)

 

Wenn das die historische Tendenz ist, ist eine wie sehr auch immer dialektisch vermittelte positive Subjekt-Objekt Trennung nicht aufrechtzuerhalten. Ein Urteil, das gleichfalls den historischen Materialismus und seine Produktivkraft trifft, da hilft es nicht einmal unmittelbar, Hegel vom Kopf auf die Füße gestellt zu haben.

 

Verlangt ist der Übergang zur negativen Dialektik.

 

Der Anti-Dialektiker Foucault, sich dem Widerspruch gegen Hegel anschließend, antwortet auf diese Konstellation, indem er seinerseits das Subjekt als Gegenstand der Erkenntnis streicht – sonst müßte er eben doch dafür plädieren, daß sich die Erkenntnis eine Idee von sich selbst zu machen hat – andererseits aber das Objekt so sehr in die Methode zurücknimmt, daß er behauptet, seine Begriffe hätten nicht die Funktion, »allgemeine Wirklichkeitsprinzipien ausfindig” zu machen: Auf dem Niveau der Archäologie – es folgt noch die Genealogie – seien zwei Worte zu verwenden, “die nicht Entitäten, Mächte oder so etwas wie Transzendentalien (wie “die großen Allgemeinbegriffe”, jm) zu bezeichnen haben: Sie sollen nur hinsichtlich ihrer Referenzgebiete einen systematischen Wertentzug vornehmen: eine Neutralisierung in Sachen Legitimität und eine Beleuchtung ihrer jeweiligen Akzeptabilität und ihrer tatsächlichen Akzeptanz.” (Foucault 1978, S. 32)

 

So weit nichts Neues.

 

Weiter heißt es: “Das Wort Wissen wird also gebraucht, um alle Erkenntnisverfahren und -wirkungen zu bezeichnen, die in einem bestimmten Moment und in einem bestimmten Gebiet akzeptabel sind. Und zweitens wird der Begriff Macht gebraucht, der viele einzelne, definierbare und definierte Mechanismen abdeckt, die in der Lage scheinen, Verhalten oder Diskurse zu induzieren.” (ebd., Hervorh. im Original)

 

Foucault muß diese Einschränkung machen, denn jede Bestimmung eines Wirklichkeitsprinzips jenseits des Willens (zur Macht über den Gegenstand des Wissens), der seinerseits seinem Begriff nach nur im Subjekt liegen kann, doch auf dessen Objektivität verweist, brächte, solange sie auf erkennende Übereinstimmung von Begriff und Sache aus wäre und somit auf Identität, nur wieder das hervor, was zum Verschwinden gebracht werden soll. Sie unterliefe so die “Neutralisierung in Sachen Legitimität”, der die ganze Operation gilt.

 

 

Noch im Widerspruch zu Hegel philosophiert Foucault im Bann des Gedankens, nach dem das Wirkliche vernünftig und das Vernünftige wirklich ist.

 

Die Frage nach dem “Wie?”, des Zusammenhangs des Ungleichen und Heterogenen, ist nicht die nach dem Zusammenhang in der Wirklichkeit. Denn dort herrscht zum einen der Wunsch nach Gleichheit und Homogenität. Zum anderen kennt dieser Wunsch mit der Rasse bereits ein” Wirklichkeitsprinzip” , von dem unbedingt Wissen erlangt werden muß, damit Wunsch und” Wirklichkeitsprinzip” miteinander identisch werden können. Die Zusammenfassung der Erkenntnisverfahren und der Wirkungen im Wissen pointiert das “Wie” noch einmal gegen dieses Werden. Gefragt wird: “Wie wirken sie sich aus?”

 

Auszubuchstabieren ist diese Frage nach Foucault nur zur Seite des Erkenntnissubjekts hin, das mit dem Problem belastet wird, wie ein Zusammenhang hergestellt werden kann ohne dem Gesetz Recht zu geben, das diesen positiv behauptet. Im Licht dieser Frage verwandelt sich alles organische Werden in diskursive Konstruktion, der” Volkskörper” in den “Gesellschaftskörper” und die faschistische Wendung des Willens zur Macht in den Willen zum Wissen.

 

Dieses Vorgehen ist verwandt mit der Montage in der Kunst, die Adorno einmal als “antiorganische Praxis” charakterisierte. (Vgl. Adorno 1970, S. 234)

 

Diese Denkbewegung weg von der Rassenbiologie, die sich an die Worte Wissen und Macht klammert, um so die Unmittelbarkeit der Herrschaft zu bannen, mit der der autoritäre Staat droht, bleibt immer an ihren Gegenstand gekoppelt. Foucault stellt diesen inhaltlichen Drang zur Rassenbiologie im 1971 erschienenen Aufsatz “Nietzsche, die Genealogie, die Historie” (Foucault 1971) selbst fest.

 

Der Text kann methodisch mit den hier behandelten Texten zwar nicht in Übereinstimmung gebracht werden – vielmehr zeigt er, daß das sprunghaft unsystematische, das Foucault seinen Gegenständen zuspricht, Teil seines eigenen Denkens ist – aber als einer der Ausgangspunkte ist er dennoch aufschlußreich. Eine zentrale Stelle in ihm nimmt die Begründung ein, warum die Begriffe “Entstehung” und “Herkunft” dem des Ursprungs vorzuziehen sind. Und dies nicht trotz, sondern aufgrund des Zusammenhangs, der sich in ihnen ausspricht:

 

“Herkunft ist Abstammung, ist die auf lange Zeit zurückgehende Zugehörigkeit zu einem Stand – des Blutes, der Tradition, der Gleich-Mächtigen und der Gleich-Niedrigen. Die Analyse der Herkunft bezieht sich oft auf die Rasse oder den gesellschaftlichen Typ.” (Foucault 1971, S. 73)

 

Oder auch: “Schließlich hat die Herkunft mit dem Leib zu tun. Sie schreibt sich in das Nervensystem, in das Temperament, in den Verdauungsapparat ein. Die Atmung und die Ernährung sind schlecht, der Körper ist geschwächt, wenn die Vorfahren Fehler begangen haben.” (ebd., S. 74)

 

Und schließlich die “Entstehung”:

 

“Die Analyse der Entstehung muß das Spiel dieser Kräfte aufzeigen, ihren Kampf gegeneinander, ihren Kampf gegen widrige Umstände und auch ihren Versuch, in der Teilung wider sich selbst der Degeneration zu entrinnen und aus ihrer Schwächung neue Kraft zu schöpfen.” (ebd., S. 76)

 

Foucault versucht bereits in diesem Text Distanz zu seiner Begrifflichkeit einzunehmen. Der Herkunft habe immer die Kritik zu gelten und auch hier betont er bereits die Heterogenität des durch seine Entstehung geeinten, doch letztendlich gelingt es ihm nicht. Erst im Methodenkapitel von “Der Wille zum Wissen” bekommt die im Bewußtsein reproduzierte Rasse eine neue Form durch nominalistische Namensgebung.

 

“Zweifellos muß man Nominalist sein: Die Macht ist nicht eine Institution, ist nicht eine Struktur, ist nicht eine Mächtigkeit einiger Mächtiger. Die Macht ist der Name, den man einer komplexen strategischen Situation in einer Gesellschaft gibt.” (ebd., S. 114) Der Leib ist so montiert und verfremdet nicht mehr den Ort der Herkunft, sondern seinerseits Entstandenes, was den Begriff der Macht von der Natur löst und negativ pointiert. Aus den “Kräften” und ihrer Schwächung werden “Kräfteverhältnisse“, die “die Möglichkeitsbedingung der Macht” darstellen “oder” – die Rücknahme des Objekts in die Methode folgt auf dem Fuße – “zumindest (den) Gesichtspunkt, der ihr Wirken bis in die periphersten Verzweigungen erkennbar macht und in ihren Mechanismen einen Erkenntnisraster für das gesellschaftliche Feld liefert”. (ebd.)

 

Die Natur, von der sich der Begriff der Macht so löst, ist die zweite Natur des autoritären Staates, den es (unter Einschluß der Technik) zur organischen Einheit drängt. Ihr soll – entsprechend dem biologischen Inhalt der Unterwerfungsgesten unter ihn – nicht der vernünftige Zusammenschluß Freier zugrunde liegen und damit die vernünftige Einheit, sondern das Volk der Herrenrasse, das bei ihrer Selbsterzeugung so beweglich sein muß wie das feindliche Prinzip, das die “Degeneration” betreiben soll, der die Einzelnen im Text von 1971 noch positiv entrinnen mußten.

 

Dem folgt der an diesen Gesten gebildete Begriff der Macht, der darauf Wert legt, daß die Möglichkeitsbedingung der Macht “nicht in der ursprünglichen Existenz eines Mittelpunktes (liegst), nicht in einer Sonne der Souveränität, von der abgeleitete oder niedere Formen ausstrahlen, sondern in dem bebenden Sockel der Kraftverhältnisse. die durch ihre Ungleichheit unablässig Machtzustände erzeugen, die immer lokal und instabil sind.

 

Allgegenwart der Macht: nicht weil sie das Privileg hat, unter ihrer unerschütterlichen Einheit alles zu versammeln, sondern weil sie sich in jedem Augenblick und an jedem Punkt – oder vielmehr in jeder Beziehung zwischen Punkt und Punkt-erzeugt. Nicht weil sie alles umfaßt, sondern weil sie von überall kommt, ist die Macht überall. Und ‚die’ Macht mit ihrer Beständigkeit, Wiederholung, Trägheit und Selbsterzeugung ist nur der Gesamteffekt all dieser Beweglichkeiten, die Verkettung, die sich auf die Beweglichkeiten stützt und sie wiederum festzumachen sucht.” (ebd.)

 

Tatsächlich werden im autoritären Staat unablässig Machtzustände erzeugt, die aber den Untergang der Sonne der Souveränität wie den der an sich selbst als Ursprung gebundenen konstitutiven Subjektivität der Aufklärungsphilosophie ihrerseits zu Bewußtsein bringen. Foucaults Namensgebung trifft die historische Tendenz. Mit dem Ziel, den Grund als Garanten des Gesetzes und der Wahrheit aus der Realität fern- und die Geschichte von ihrem vermeintlichen Telos abzuhalten, läßt er Ursprung und Herkunft zusammenfallen.

 

So sperrt er die Rasse mit ihrer Affinität zur Herkunft dort ein, wo sie ohnehin schon herrscht und wo sich der Ursprung einmal selbst fand – im Bewußtsein. Heraus kommt etwas Anderes und das, genau so unbestimmt, ist das Ziel der Analyse:

 

“Vielmehr geht es in dieser historisch-philosophischen Praxis darum, sich seine eigene Geschichte zu machen: gleichsam fiktional die Geschichte zu fabrizieren, die von der Frage nach den Beziehungen zwischen den Rationalitätsstrukturen des wahren Diskurses und den daran geknüpften Unterwerfungsmechanismen durchzogen ist – welche Frage die den Historikern vertrauten historischen Gegenstände zum Problem des Subjekts und der Wahrheit hin verschiebt, um das sich die Historiker nicht kümmern.” (Foucault 1978, S. 26)

 

Was dem Begriff der Bio-Politik zu seinem negativen Gehalt verhilft ist dieser letzte Rest von Begriffsbildung. Begriffsbildung, da er sich gegen die großen Allgemeinbegriffe die Vermessenheit der bürgerlichen Aufklärung aneignet, die Dinge nach Maßgabe dessen zu analysieren, wie sie sein sollen. Er macht sich bzw. seine Methode selbst zum Ursprung einer anderen Geschichte. Rest, weil nur noch die leere Hülle festgehalten wird, weil jede Möglichkeit positiver Bestimmung inzwischen abhanden gekommen ist.

 

Erkenntnis ist notwendig verneinend.

 

 

Die Vermessenheit Foucaults geht Hand in Hand mit seinem Nominalismus.

 

“Zweifellos muß man Nominalist sein ( … )”. Nominalistisch ist die Vorstellung, daß zum einen dem Allgemeinen keine Realität zukommt, mithin nur Einzelnes, Individuelles existiert und außerdem Begriffe nur Sammelbezeichnungen für vielerlei Einzelnes sind.

 

 

Insofern ist Foucault ein sehr seltsamer Nominalist. Keine Institution, keine Struktur geht schon klar, aber “Macht ist der Name” klappt so gar nicht, denn gerade diesem Namen werden Effekte zugesprochen, womit die Macht als ein Allgemeines Existenz haben muß. Historisch war der Nominalismus eine Selbstermächtigung des Subjekts gegenüber der Natur und gleichzeitig eine Absage an Gott und die Kirche, also die bürgerlich revolutionäre Vermessenheit, den Sonnenaufgang in die eigenen Hände zu nehmen.

 

Für den inneren begrifflichen Gehalt von Bio-Macht/Bio-Politik heißt das nun Folgendes: Foucault erkennt die Allgemeinheiten, die er in der “komplexen strategischen Situation” vorfindet, also vornehmlich die der Rasse. Sodann ersetzt er sie, hierin liegt ein der Geschichte abgetrotztes Moment der Selbstermächtigung, durch Individuelles bzw. etwas, was er dafür hält, nämlich das Leben, und gibt den “ungleichen und beweglichen Beziehungen” (s.o.), die er nach dieser Operation wieder als nominelle Abstraktion vor sich hat und nicht als vermeintlich organisch-konkretes wie die Rassenbiologie selbst, einen neuen Namen:

 

Biopolitik und Biomacht.

 

Es handelt sich um einen Nominalismus, der sich seine Voraussetzungen (das Individuelle) erst einmal selbst schaffen muß, weil sie die Geschichte nicht mehr bereitstellt.

 

In diesem der Geschichte abgetrotzten Moment der Selbstermächtigung liegt daher auch das Problem, weil er über einen fiktiven Bruch zustande kommt. Der im Gedanken erzwungene Bruch, die selbst gemachte Geschichte, schneidet der Theorie Foucaults das Bewußtsein so von der eigenen gesellschaftlichen Bedingtheit ab, wie es die bürgerliche Selbstvergewisserung schon immer tat, und verwandelt im gleichen Zug das historische Verhängnis, die Absage an die Vernunft, in eine theoretische Innovation, die bei genauerer Betrachtung gar keine ist.

 

Foucault formuliert diese Absage lediglich auf seine Weise, mit der er sich dem Verhängnis entgegenstellen will.

 

Festzuhalten ist hier eine Differenz, die Foucault selbst nicht erkennt und auch nicht erkennen kann, weil er dann den erkenntnistheoretischen Gehalt seiner eigenen Absage an die Erkenntnistheorie anerkennen müßte. So schreibt er sich selbst in die Geschichte ein, weshalb er wieder geschichtsphilosophisch glatt gebügelt werden kann.

 

Denn seine eigene Vermessenheit erkennt er nur als Problem bei den anderen und gleichzeitig findet er seinen Protest auch in jenen philosophischen Richtungen wieder, welche diejenigen Praxen betreiben, gegen die er protestiert und denen er zu entrinnen versucht. Nicht im Positivismus oder im kritischen Rationalismus, in denen die Fähigkeit zur Identifikation der “Tatsachen” so selbstverständlich wurde, daß darüber die Fähigkeit zur Reflexion auf deren Unwahrheit verloren ging, sondern in den Strömungen der modernen Ontologie.

 

 

Seine Innovation besteht seiner Ansicht nach darin, den Protest gegen die “Anmaßung der Wissenschaft” (Foucault 1978, S. 20) bzw. die “Kritik der anmaßenden Vernunft” (ebd., S. 21) in Frankreich eingeführt zu haben.

 

In Deutschland habe die Kritik einer solchen Anmaßung von der Hegelschen Linken bis zur Frankfurter Schule Tradition, in Frankreich habe sie sich immer politisch rechts befunden. Dabei übergeht er nicht nur die, auch für die Kritische Theorie, wichtige Kritik der Hegeischen Linken durch Marx, sondern reiht noch die Phänomenologie (hauptsächlich Husserl) in diese Tradition ein, ohne aus Adornos Kritik daran den Schluß zu ziehen, daß sich nicht nur in Frankreich die “historische Beschuldigung der Vernunft” (ebd., S. 20) immer politisch rechts befunden hat, sondern viel mehr noch in Deutschland.

 

Horkheimer und Adorno hatten ähnliches beobachtet wie Foucault, darauf aber, daß zeigt bereits die Vorrede zur “Dialektik der Aufklärung”, ganz anders reagiert:

 

“Nimmt Aufklärung die Reflexion auf das rückläufige Moment nicht in sich auf, so besiegelt sie ihr eigenes Schicksal. Indem die Besinnung auf das Destruktive des Fortschritts seinen Feinden überlassen bleibt, verliert das blindlings pragmatisierte Denken seinen aufhebenden Charakter, und damit auch die Beziehung auf Wahrheit.“ (Adorno/Horkheimer 1944, S. 3)

 

Foucault besiegelt sein eigenes Schicksal nicht, weil er unkritisch an Husserl, Heidegger und Konsorten anknüpft, wie die Rede von der “Heideggerisierung der Linken” es nahe legt. Noch weniger hat er sich die posthume Beleidigung, die die Positivierung seiner Begriffe darstellt, eingehandelt, weil er unmittelbar zu den Feinden des Fortschritts gehört. Das Problem ist vielmehr, daß er seiner Theorie nach nicht anders kann als sich der Notwendigkeit enthoben zu sehen, die Reflexion des rückläufigen Moments seiner eigenen Erkenntnis in sich aufzunehmen.

 

So bliebe die Erkenntnis immer dann positives Abbild, wenn sie sich auf das gesellschaftliche Ganze bezöge, weshalb dieser Bezug zum Tabu wird.

 

Was ihm dabei entgeht ist, daß er selbst eine “Kritik der anmaßenden Vernunft” betreibt – ganz so, wie Kant diejenige vorantrieb, die der reinen eigen war. Die Anmaßung liegt auch auf seiner Seite, weil er der Schicksalssehnsucht Herr zu werden anstrebt, die, den Aufruf zum Verzicht auf die vernünftige Erkenntnis antreibt und mit der Rassenbiologie ihre wissenschaftliche Form erhielt.

 

Diesen undialektisch doppeldeutigen Zug trägt gleichfalls seine Geschichte der Subjektivität. Denn “Wille ohne Subjekt” heißt nicht, daß es keine Subjekte gäbe, sondern daß das Wissen, um das es geht, keines eines Erkenntnissubjekts ist – und damit auch kein Wissen von einem gegebenen Objekt.

 

 

Es gibt bei Foucault keine Subjekt-Objekt-Dialektik, vielmehr sind Subjekt wie Objekt “gleichursprüngliche” Effekte der Macht. Es geht, wie in Eugenik und Rassenbiologie, um die Art und Weise ihrer Existenz. Das Wissen, das die Diskurse produzieren, sind keine Erkenntnisse, sondern – ich nenne es mal “Beschau der eigenen Innenausstattung” – die aber, nachdem in der Theorie “vom Faktum der Akzeptiertheit zum System der Akzeptabilität” übergegangen wurde, nur noch in Äußerlichkeiten besteht. Äußerlichkeiten, denen das Subjekt selbst als Effekt “innerlich” ist.

 

Bei der Beschreibung der Genealogie, die auf der Archäologie aufbaut und bei der es “im Gegensatz zur Zurückführung einer vielfältigen Nachkommenschaft auf eine einzige gewichtige Ursache” darum gehen soll, “die Erscheinungsbedingungen einer Singularität in vielfältigen bestimmenden Elementen ausfindig zu machen und sie nicht als deren Produkt sondern als deren Effekt erscheinen zu lassen” (Foucault 1978, S. 37), wird dies offensichtlich. Effekt als Wirkung ohne Ursache macht Hoffnung, denn wenn der Schrecken keine Ursache hat und flüchtig ist, wie der abstrakte Reichtum der bürgerlichen Gesellschaft, wird er schon vergehen. Ein Effekt ist vergänglich, bloße Täuschung wie im Film, wo das am meisten hermacht und schreckt, was noch unwirklicher ist als das Abbild auf der Leinwand.

 

Die Affinität der postmodernen Theorie zu Literatur- und Medienwissenschaft. in denen der billige Effekt anerkennend theoretisiert oder als unauthentisch verabscheut werden kann, ist thematisch. Es handelt sich allerdings um eine Täuschung, die die Subjekte nur deshalb nicht durchschauen, weil sie selbst eine sind.

 

Sie ist ihnen innerlich wie das spätbürgerliche Subjekt dem Objekt tatsächlich.

 

Geborgt ist diese Hoffnung auf die Vergänglichkeit aber bei der Beschwörung des Ewigen, etwa bei der von Heidegger konstatierten Nichtigkeit des Seienden gegenüber dem Sein oder allgemeiner bei der »Depravierung der Geschichte”, die Herbert Marcuse als eine “charakteristische Tendenz des heroisch-völkischen Realismus” festhält.

 

Geschichte wird damit “zu einem nur zeitlichen Geschehen, in dem alle Gestaltungen der Zeit unterworfen und deshalb ‚minderwertig’ sind. Eine solche Ent-geschichtlichung findet sich allenthalben in der organizistischen Theorie”. (Marcuse 1934, S. 37)

 

Da dies so ist, kann Foucault glauben es mit etwas zu tun zu haben, “dessen Stabilität, dessen Einwurzelung, dessen Fundierung nie eine solche ist, daß man nicht sein Verschwinden denken kann”. (Der Realismus stand historisch gegen den Nominalismus und die grobe Zuordnung, hier durch Marcuse und implizit wohl auch durch Foucault, macht Sinn.)

 

 

Nichtig ist bei Foucault selbstverständlich das zeitliche Geschehen nicht deshalb, weil es gegen die vermeintliche Wahrheit des Ewigen steht, sondern weil er hofft, daß alles was gekommen ist auch vergehen kann. Aber im anti-materialistischen Ekel vor dem Vergänglichen, der sich als Säkularisierung des christlichen Jammertals auf Erden nicht einmal mehr aufs Jenseits vertröstet sieht und statt dessen im Opfer für Rasse, Volk und Vaterland sein Heil sucht, gibt der heroisch-völkische Realismus seinen eigenen Verzicht auf die Wahrheit zu Protokoll.

 

“Die Wirklichkeit läßt sich nicht erkennen, sie läßt sich nur anerkennen”, gibt Marcuse hierzu mit einem Zitat des Nazis Heinrich Forsthoff Bescheid. (ebd., S.29)

 

Das zitierte Werk heißt interessanterweise: “Das Ende der humanistischen Illusion.

 

Eine Untersuchung über die Voraussetzungen von Philosophie”, und trägt damit einen für völkische Theorie keineswegs untypischen Titel.

 

In der Verweigerung der Anerkennung der Wirklichkeit liegt selbstverständlich die wichtige Differenz, die jedoch prekär ist, weil sie von sich selbst nicht weiß, daß sie Erkenntnis beinhaltet. Niemand im Gefolge von Foucault kommt auf die Idee – obwohl es logisch unglaublich nahe liegt – das Echte gegen das Konstruierte zu verteidigen, das alles und jedes sein soll.

 

Zu finden ist in der “organizistischen Theorie” hingegen “die Entwertung der Zeit gegenüber dem Raume, als die Erhöhung des Statischen über das Dynamische, des Konservativen über das Revolutionäre, als die Ablehnung aller Dialektik, als Preis der Tradition um der Tradition willen.” (ebd., S. 37)

 

Nicht so bei Foucault. Effekt, das ist die Unmittelbarkeit der Vermittlung, die explizite Verewigung nicht des Dynamischen am Statischen, sondern der Dynamik, der Last, der das Bewußtseins ausgesetzt ist, wenn es die Rasse vermittels des Analyserasters Macht in sich aufgenommen, also zum Verschwinden gebracht hat.

 

Eine Wirkung ohne Ursache kann kein dauerhaftes Produkt hervorbringen. »Nicht weil sie alles umfaßt, sondern weil sie von überall kommt, ist die Macht überall” (s.o.) und weil ihre Wirkungen flüchtig sind, muß sie sich immer wieder erneuern. Aus dem Sachverhalt, daß sich die Macht tatsächlich immer wieder erneuert, erwächst bei Foucault weniger das Problem als die Lösung.

 

Nicht daß, wie im völkischen Weltbild, die Vermittlung außen vor gelassen wird, ist das Problem von Foucaults Theorie, sondern daß er sie immerfort denkt, ohne Vermitteltes und ohne Vermittelndes. Der Effekt, die Wirkung ohne Ursache, ist das, was zwischen Ursache (die konstitutive Subjektivität) und Wirkung permanent vor sich geht. Im Bewußtsein selbst ein solcher Effekt zu sein, also in dem Moment in dem Foucaults Rezipienten in seiner Theorie etwas von sich finden, wird das Wirkende der Wirkung, der objektive Zwang der Gesellschaft, zum bloß Bewirkten.

 

Der Effekt ist subjektlos, weshalb im Subjekt die Vermittlung unmittelbar wird. Was auf den ersten Blick wie eine Rückkehr bürgerlicher Selbstreflexion aussieht – gerade in der positivierten Fassung, denn hier dienen ja die Begriffe der Biopolitik der Selbstbeschreibung – ist ihr fortschreitender Ausfall, da es sich um eine Reflexion ohne Gegenstand handelt.

 

Auch diese Innovation Foucaults liegt in der historischen Tendenz.

 

Nicht Selbstreflexion, also Bestimmung des Ichs im individuierenden Allgemeinen, sondern Bestimmung des Körper-Ichs als Allgemeines ist die hier angemessene erkenntniskritische Bestimmung. Die Rede von den vielerlei Subjektivitäten und Identitäten verrät es.

 

So sehr auch mit Hilfe dieser Kategorien versucht wird, Individuelles auszudrücken, heraus kommt immer nur “Ich als Frau und Schwarze”, “Ich als weißer europäischer Mittelschichtsmann” und so weiter.

 

Ausgedrückt werden soll damit das Gebrochene dieser “Identitäten”, brüchig oder gar widersprüchlich sind diese in den zugehörigen Argumentationen aber nicht in sich selbst, sondern nur, weil kein Sammelsurium einem anderen gleicht.

 

Das zu erreichen, der Macht nicht anheimzufallen, bleibt permanente Aufgabe, Vermittlung damit das Ziel. Ein Widerspruch zwischen den empirischen Subjekten und ihrer Subjektivität wird hier zwar andauernd ausgefochten, als solcher aber nie erkannt. Die positive Auflösung in die “Singularitäten”, die die Multitude bevölkern sollen, ist da nur konsequent.

 

“Ich ist Es” lautet die Kurzfassung dieses Zustands und der so benannte Aphorismus Adornos in den “Minima Moralia” bestimmt ihn nicht an denjenigen, denen der Aufstieg als bürgerliche Individuen historisch verwehrt blieb, sondern noch an den Bürgern selbst. Das, “was als Ich sich selber setzt, ist in der Tat bloßes Vorurteil, die ideologische Hypostase der abstrakten Zentren von Beherrschung, deren Kritik den Abbau der Ideologie von Persönlichkeit erfordert.” (Adorno 1951, S. 76)

 

An der Psychologie und ihrem Gegenstand, dem Ich, demonstriert Adorno, was nach Foucault die Sache der Dispositive der Macht ist: der Abbau der Ideologie des Bürgertums, des Humanismus, der dem Kampf der Rassen zu weichen hatte.

 

Die mit der Kritik des Ichs als “ideologische Hypostase” verbundene Betonung des Es ähnelt zunächst einmal der Bedeutung des Sexes im Sexualitätsdispositiv.

 

 

Zur Debatte stehen die libidinösen Beziehungen zur Herrschaft, die Menschen zu unterstellen sind, wenn sich so beschreiben lassen wie auch Adorno und Foucault es tun. Wie die psychoanalytischen Begriffe zielt der des Sexualitätsdispositivs nicht auf eine alternative Theorie von dem, was im engeren Sinne sexuelle Beziehungen sind.

 

Im Gegenteil reagiert Foucault auf eine historische Situation, in der offen libidinöse Bindungen auch dort zu finden sind, wo sie dem engen Begriff nach nichts zu suchen haben. In der Liebe zu Volk, Führer und Vaterland genauso wie in der Werbung für Autos.

 

Aber der Verinnerlichung der Herrschaft ist nur die Veräußerung der Subjektivität vorangegangen. Der Abbau der Ideologie von ‚Persönlichkeit’ ist das Bewegungsgesetz der hypostasierten Subjektivität selbst und nicht die Persönlichkeit Effekt des Rassendiskurses oder des Sexualitätsdispositivs.

 

“Das Prinzip der menschlichen Herrschaft, das zum absoluten sich entfaltete, hat eben damit seine Spitze gegen den Menschen als das absolute Objekt gekehrt, und die Psychologie hat daran mitgewirkt, diese Spitze zu schärfen.” (Adorno 1951, S. 76)

 

Die der Objektivität des Subjekts angemessene Psychoanalyse, die “die Persönlichkeit als Lebenslüge (einzieht), als die oberste Rationalisierung, welche die zahllosen Rationalisierungen zusammenhält, kraft deren das Individuum seinen Triebverzicht zuwege bringt und dem Realitätsprinzips sich einordnet”, “bestätigt dem Menschen in eben solchem Nachweis sein Nichtsein”.

 

Es ist schon verschwunden im Sinne Foucaults und die vielerlei “Identitäten” sind nichts anderes als der Versuch, die zahllosen Rationalisierungen gegen die oberste Rationalisierung in Stellung zu bringen.

 

In der Soziologie nennt sich das Individualisierung, ist aber von ihrem Gegenteil bestimmt.

 

Der von Foucault geforderte theoretische Übergang “vom Faktum der Akzeptiertiertheit zum System (!) der Akzeptabilität” mit der das Faktum der libidinösen, Bindung wieder zurückgenommen wird, weil sie diese zum Effekt entäußert, vollzieht diese allgemeine Bestimmung nach.

 

Glücklicherweise, das macht Foucault interessanter als den ganzen soziologischen Schrott zu dieser Frage, ohne die Spitze wieder abzubrechen, an deren Schärfung die Psychologie mitwirkte. Denn der Skandal ist seine theoretische Innovation. Auch die Psychoanalyse, so sie in der Therapie auf Wiederherstellung der Norm aus ist, “entäußert ihn (den Menschen) seiner selbst, denunziert mit seiner Einheit seine Autonomie und unterwirft ihn so vollends dem Rationalisierungsmechanismus, der Anpassung” (ebd.).

 

Der zum bloß Bewirkten gewordene Effekt ist die Anpassung, der das Bewußtsein von ihrem Vollzug verloren gegangen ist. Die gleichzeitige Montage der Patchwork-Identitäten – das Gegenteil des marxschen Ensembles der gesellschaftlichen Verhältnisse – der subjektiv konstruktive Anteil am Querschnittsthema Biopolitik, kennt den Vollzug nur noch als sekundären Zusammenhang des Vollzogenen.

 

Für den Feminismus ist das eine skandalöse Herausforderung.

 

Auf der einen Seite eine Theorie, die wie geschaffen scheint für die Thematisierung all dessen, was in aufgeklärten Kreisen für Privatkram gehalten wurde. Auf der anderen Seite eine Theorie, die beispielsweise die nach dem Klassenbegriff gebildete Kategorie des Patriarchats genauso radikal zertrümmert, wie sie Herrschaft im Privaten thematisierbar macht.

 

»Dem Führer ein Kind” läßt vom unterdrückten Subjekt des Feminismus eben nichts übrig. Gleichzeitig ist das Ich als gesellschaftlich mächtige Instanz patriarchal, als Ehemann wie als Naturwissenschaftler, der als Erkennender »die glückliche Ehe des menschlichen Verstandes mit der Natur der Dinge” (Bacon, Zitat nach Adorno/Horkheimer 1944) schloß.

 

Dessen Selbstdemontage ist mindestens Schützenhilfe, und daß sie es sein kann verweist wiederum darauf, daß die Weiblichkeit, der die empirischen Frauen zu entsprechen hatten und haben, schon immer ins männliche Ich montiert war, gerade um dessen organische Einheit zu wahren.

 

Die Idee vom Effekt, Vorlage des »doing gender” , liefert außerdem einen Begriff, der die Fortsetzung des patriarchalen Geschlechterverhältnisses auch nach dessen formaler Abschaffung im bürgerlichen Recht verarbeitbar macht, weil es das nach wie vor vorhandene Moment persönlicher Herrschaft im Geschlechterverhältnis so versachlicht, wie es einem Gegenstand des Rechts angemessen ist.

 

Ähnliche Dienste leistet die Idee des Effekts dem postkolonialen Antirassismus, der auch mit der Fortsetzung einer Herrschaft zu kämpfen hat, die mit der nationalen Befreiung als erledigt geglaubt wurde.

 

Was heute als selbstverständlich erscheint, die Affinität von Feminismus und Antirassismus zu Foucaults Theorie, verlangt auf den zweiten Blick allerdings doch eine Erklärung. Denn diejenigen von der gesellschaftlichen Repräsentation Ausgeschlossenen, die im Mittelpunkt von Foucaults Forschungen standen, waren dies immer aus besonderen Gründen.

 

Sie waren Kranke, Wahnsinnige, Delinquenten im Strafsystem oder Homosexuelle.

 

Die Differenz fällt in Foucaults Begriffen nicht auf, aber sie ist dennoch eine. Kein allgemeines Stigma haftet ihnen an (identifiziert als Zugehörigkeit zu einer anderen Rasse oder Bestimmung durch die Natur (des Geschlechts), sondern immer ein in ihrer individuellen Natur liegendes besonderes.

 

Feminismus wie Antirassismus vermitteln im Gegensatz dazu die Erfahrung, daß in der bürgerlichen Gesellschaft nicht nur falscher Wille auf Widernatur zurückgeführt wird, sondern auch mangelnde Willenskraft Natur gleich gilt.

 

Daß die nominalistische Selbstermächtigung zugleich in ihrem Namen zu sprechen scheint, in ihr sich widersprechendes also vereint, enthüllt überraschenderweise, daß Foucault noch einmal das universalistische Versprechen der Aufklärung wiederholt – und gerade dabei dessen Unmöglichkeit demonstriert.

 

Wenn ein Nominalismus, der Individualität und Subjektivität – seine eigene Voraussetzung – erst schaffen muß, daran so grandios scheitert, daß diejenigen, deren Objektstatus historisch vorausgesetzt wurde, sich von ihm nochmal ähnliches versprechen wie die ersten Frauenrechtlerinnen und die Feinde der Sklaverei von der Erklärung der Menschenrechte, spricht dies in dem Maße für ihn, in dem hieran ein objektiver Widerspruch erkannt werden kann, der auf der Basis der bestehenden Gesellschaft nicht lösbar ist.

 

Foucaults Scheitern hingegen wird explizit daran, daß es sich bei dem Individuellen, das die Methode versucht vorauszusetzen, um “das Leben” handeln soll, das die Bio-Politik bewirtschaftet. In dem Maß, in dem dies der Fall ist, beteiligt sich Foucault an der Liquidation des materialistischen Moments, den das nominalistische Verfahren der Begriffsbildung historisch beinhaltete.

 

Dieses bestand darin, daß dann, wenn die Begriffe ausschließlich von Subjekten gedachte sind, das Denken nicht die Dinge denkt und diese als Einzelnes unabhängig vom Denken existieren müssen.  

Das Leben ist aber selbst schon wieder etwas Allgemeines und es ist dies wohl Produkt der nominalistischen Haltung gegenüber zu Natur (nicht zur Natur) regrediertem und daher immer schon mit den Charakteristika des autonomen Geistes versehenen Gesellschaftlichem. Rasse hatte selbst in der Vorstellung derjenigen, die sich als Rasse fühlten, wenig gemein mit dem Gedanken der objektiven Natur, sowohl im Materialismus als auch im Idealismus.  

Allein schon der Ausdruck “Rassegedankc” , von dem diejenigen von “reiner Rasse” erfüllt zu sein haben, verrät es. Ein Merkmal, das der “fremden Rasse” so nie zugesprochen wurde.  

Dagegen ließe sich sagen, daß bei Foucault das Individuelle nicht das Leben ist, sondern daß diese Stelle der Körper und die Lüste einnehmen. Gerade die emphatischen Stellen, diejenigen, an denen das Ende des Sexualitätsdispositivs und der Bio-Macht beschworen werden, legen das nahe.

  

So das Ende von “Der Wille zum Wissen”: “träumen müssen wir davon, daß man vielleicht eines Tages, in einer anderen Ökonomie der Körper und der Lüste, nicht mehr recht verstehen wird, wie es den Hinterhältigkeiten der Sexualität und der ihr Dispositiv stützenden Macht gelingen konnte, uns dieser kargen Alleinherrschaft des Sexes zu unterwerfen; wie es ihnen gelingen konnte, uns an die endlose Aufgabe zu binden, sein Geheimnis zu zwingen und diesem Schatten die wahrsten Geständnisse abzuringen.

 

Ironie des Dispositivs: es macht uns glauben, daß es darin um unsere ,Befreiung’ geht.” (Foucault 1977, S. 189f.)

 

Oder noch deutlicher: “Gegen das Sexualitätsdispositiv kann der Stützpunkt des Gegenangriffs nicht das Sex-Begehren sein, sondern der Körper und die Lüste.” (ebd., S. 187)

 

Zwischen diesen beiden Polen spielt bei Foucault der Widerspruch Pingpong, der der nominalistischen Selbstermächtigung der zweiten Natur gegenüber eigen ist. Auf der einen Seite das entsubjektivierte Leben, auf der anderen der Körper und die Lüste, denen es im aktuell Bestehenden nicht zuletzt Lust bereitet, sich über ihre Organisation durch das Ich angesichts dessen Schwäche hinwegzutäuschen.

 

Nimmt das Ich diesen Drang auf – die Pop-Musik beispielsweise lebt von einer solchen Aufnahme -, versucht es dem Leben seine Geschichte wiederzugeben, was wiederum die aus ihr historisch Ausgeschlossenen als Angebot nehmen können, auf ihr Leben zu verweisen, kann der Sprung heraus aus dem Sexualitätsdispositiv für möglich gehalten und das Verschwinden der Bio-Politik gedacht werden.

 Aber nur, um noch im gleichen Satz bei einer “anderen Ökonomie” zu landen, die vorläufig auch durch eine andere Schallplatte ersetzt werden kann.2

 Daß den Gesetzen der zweiten Natur nicht mit den philosophischen Mitteln beizukommen ist, die die Bezwingung der ersten begleiteten, ist die Einsicht, die aus diesem Dilemma herausführt. Sie liegt Foucault permanent auf der Zunge, weil er sich an der wissenschaftlichen Transformation der ersten Natur in die Substanz der zweiten abarbeitet.

 Aussprechen kann er sie aber nicht und so verwandelt sich die Geschichte der Naturbeherrschung in ein Kontinuum von Brüchen im Bann der schon immer beherrschten Natur. Revolution wird somit nicht bürgerlich-konservativ für überflüssig erachtet, sondern zur Evolution mystifiziert.

 So wird er von dem eingeholt, wovon er bei seiner Namensgebung Bio-Politik abstrahiert hatte: Von der Allgemeinheit und Wahrheit, die die Rasse für ihre Träger darstellt und die er so im Besonderen wiederfindet.

  

Denn vermittels der Abstraktion hat er die Subjekte und ihre Souveränität, mit Adorno die real stattfindende “ideologische Hypostase der abstrakten Zentren von Beherrschung”, eben auch zum Verschwinden gebracht. Weil er ein anderes Wort braucht als Rasse, kann er Reden und Denken derjenigen, die sich als Herrenrasse fühlen, nicht beim Wort nehmen.

 

Das ist die politische Bedeutung der nominalistischen Erledigung des Begriffs des Wesens, in dem die reale Existenz des Allgemeinen als Vermittelndes und Vermitteltes gedacht wird. Deutlich wird dies wiederum in der Relation zu einer Formulierung in der Dialektik der Aufklärung, die kein anderes Wort braucht und außerdem zum Ausdruck bringt, daß in der Unterwerfung unters Allgemeine der Wunsch danach steckt, als einzelnes Exemplar sowohl besonders zu sein als auch unmittelbar an der Vermittlung des Allgemeinen teilzuhaben: “Rasse ist nicht, wie die Völkischen es wollen, unmittelbar das naturhaft Besondere.  

Vielmehr ist sie die Reduktion aufs Naturhafte, auf bloße Gewalt, die verstockte Partikularität, die im Bestehenden gerade das Allgemeine ist.  

Rasse heute ist die Selbstbehauptung des bürgerlichen Individuums, integriert im barbarischen Kollektiv.” (Adorno/Horkheimer 1944, S. 178)

 Daß dieser Zustand als historisches Produkt auch im Allgemeinen fortwirkt, kann der Begriff Bio-Politik nicht bezeichnen. Foucault verfehlt nicht nur die Besonderheit des Nationalsozialismus um ihm gegenüber das zu beschreiben, was den Diskursen und Praktiken in den autoritären Staaten von der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts an gemeinsam war.  

Die Rassenbiologie war tatsächlich so international wie heute die Biopolitik betreibende Humanbiologie. Vielmehr verfehlt Foucault einen kritischen Gesellschaftsbegriff, weil er dieses Allgemeine so sehr in eine spezifische historische Epoche drängt, daß deren Spezifika, zu denen unter anderem die Organisation des Verhältnisses von Besonderem und Allgemeinen durch den Staat gehört, zu den unreflektierten Grundlagen der Theorie werden.

 Hieraus schlägt die Positivierung der Bio-Politik Kapital und bringt so Herkunft wie Ursprung der Bio-Politik zum Verschwinden.

 Daß die Linke auch einen Happen vom Ungenießbaren abhaben möchte, ist zu befürchten.  

ENDNOTEN  

I Vgl.. auch die Rezension dieses Buches durch Marcusc in der Zeitschrift für Sozialforschung 2/1933.

2 Vgl. dazu Scheit 1998.