MESOPOTAMIA NEWS : DIE NEUE KULTUR DER ANGST
Und das lesen Sie nur in der NZZ: Medien entschuldigen sich für kritische Artikel, Unternehmen entlassen Angestellte, Verlage trennen sich von Autorinnen: Interessengruppen, Aktivisten und Empörte entfesseln in den sozialen Netzwerken einen Entrüstungssturm, woraufhin die Angegriffenen einknicken und Besserung geloben. Dabei reden alle von «Haltung», eigentlich geht es aber nur um Angst und Anbiederung. Zum Kommentar
Alle reden von Haltung, dabei geht es um Angst und Anbiederung
Medien entschuldigen sich für kritische Artikel, Firmen entlassen Angestellte, Verlage trennen sich von Autorinnen, Richter biedern sich bei Klimaaktivisten an: wie die Shitstorm- und Empörungskultur gerade die Welt verändert.
Lucien Scherrer 03.11.2020, 05.30 Uhr NZZ
Die Netzjustiz arbeitet schnell und effizient. Ihr jüngstes Urteil lautet wie folgt: Erstens, die Chefredaktion der «Süddeutschen Zeitung» muss sich für einen Artikel über den Pianisten und grünen Twitter-Aktivisten Igor Levit entschuldigen. Zweitens, der Autor des Artikels, Helmut Mauró, darf öffentlich unter Antisemitismusverdacht gestellt werden. Drittens, dieses Urteil kann nicht angefochten werden.
Die Karriere des abgeurteilten Journalisten, so ist aus dem Umfeld der Zeitung zu vernehmen, ist, zurückhaltend formuliert, gefährdet. Sein Fall wird schnell vergessen sein, weil die Netzjustiz ständig neue Fälle braucht. Die öffentliche Abbitte der «Süddeutschen» steht indes für ein Phänomen, das wohl nicht allzu schnell verschwinden dürfte.
Erst Unterstützung zusagen, dann einknicken