MESOPOTAMIA NEWS : DIE NEUE GESELLSCHAFT FÜR BEDROHTES EUROPÄISCHES KULTURERBE !

Bedrohte Bauwerke : Aufruf zur Rettung des Kulturerbes

  • Von Paul Ingendaay  FAZ  –  06.11.2020-13:19  – Die FDP-Fraktion im Deutschen Bundestag fordert eine Stiftung zum Schutz europäischer Kulturdenkmäler. Gefragt sind enthusiastische Europäer.

Die FDP-Fraktion im Deutschen Bundestag hat den Antrag auf Gründung einer europäischen Stiftung zum Schutz des europäischen Kulturerbes gestellt.

Die Idee ist nicht ganz neu, sie stand auch schon im Programm zur Europawahl im vergangenen Jahr. Nach den Worten des kulturpolitischen Sprechers Hartmut Ebbing soll eine solche Stiftung „auf dem Engagement der Bürger beruhen“. Vorbild des European Heritage Trust ist, wie der Name nahelegt, der britische National Trust, der sich seit dem neunzehnten Jahrhundert für historische Gebäude und Kulturlandschaften des Vereinigten Königreichs einsetzt, mehr als vier Millionen Mitglieder hat und inzwischen ein Stiftungsvermögen von umgerechnet 470 Millionen Euro verwaltet. Spenden, Mitgliedsbeiträge und Freiwilligenarbeit sind die Säulen dieser Institution. „Wir Bürger Europas müssen lernen“, so Ebbing, „unsere schützenswerten Kulturgüter jenseits nationaler Grenzen zu sehen.“

Es gibt viele Organisationen, die sich auf nationaler und europäischer Ebene um Denkmalpflege kümmern, von der Deutschen Stiftung Denkmalschutz bis zu „Europa Nostra“. Gemeinsam ist ihnen, dass die junge Generation Europas oft nichts von ihnen weiß. Die komplexeste Denkmalschutzbehörde ist die Europäische Union selbst, nämlich in Gestalt der Europäischen Kommission. Diese erklärte das Jahr 2018 feierlich zum „Europäischen Kulturerbejahr“, definierte einen europäischen „Aktionsrahmen für das Kulturerbe“ und band neunzehn Dienststellen der EU-Kommission in das Projekt ein. Der Abschlussbericht war triumphal. Mehr als zehntausend Initiativen erhielten das „offizielle Siegel des Europäischen Jahres des Kulturerbes“, und vielleicht war die neunzehnte Dienststelle ja mit dem Entwurf dieses Siegels betraut.

Kein Grund zur Selbstzufriedenheit

Die Frage ist, ob es nicht auch etwas kleiner, schneller und effizienter ginge. Der Antrag der FDP-Fraktion hält fest: Die Länder der Europäischen Union tun sich schwer, ihre Baudenkmäler „denkmalgerecht und nachhaltig zu sanieren und zu erhalten“. Besonders im Süden Europas seien zahlreiche historische Bauten verfallen, und Osteuropa leide noch immer unter den Langzeitschäden des Sozialismus. Doch das sei kein Grund zur Selbstzufriedenheit im wohlhabenden Westen und Norden, denn auch hier verfielen immer mehr Zeugnisse des kulturellen Erbes. Die wirtschaftlichen Folgen der Pandemie würden die Lage weiter verschärfen. Daher die Aufforderung an den Bundestag, Deutschland möge mit gutem Beispiel vorangehen und den European Heritage Trust unterstützen. Kulturstätten wie Herculaneum und andere hätten schon Interesse signalisiert.

Lebensaufgabe für einen Kontinent

Was die Vorteile einer solchen Stiftung wären, lässt sich an einer mit minimalem Aufwand operierenden NGO mit Sitz in Weimar studieren. Sie heißt European Heritage Volunteers und beruht wesentlich auf der Arbeit junger Freiwilliger mit einer Ausbildung auf Feldern, die im weitesten Sinn mit der Pflege und Restaurierung von Kulturerbe zu tun haben.

Die European Heritage Volunteers, so ihr Direktor Bert Ludwig im Gespräch, bringen den Mitarbeitenden mehrere Erfahrungen nahe: dass konkrete Arbeit an einem Restaurationsprojekt sinnhaft, lehrreich und befriedigend ist, wenn sie in Zusammenarbeit mit der lokalen Bevölkerung und in einem international zusammengesetzten Team junger Leute durchgeführt wird; dass sich Geschichte, Eigenart und auch Vielgestaltigkeit eines Kontinents erfahren lassen, wenn man mit eigenen Händen an seinen Kulturdenkmälern arbeitet; dass mancher junge Europäer erstmals sieht, was Landleben und Handwerkstradition bedeuten; und dass Europa aus viel mehr Territorium besteht, als zur Europäischen Union gehört. Frühere Projekte, die mit einem etwa fünfzehnköpfigen Team durchgeführt wurden, umfassen Restaurationsarbeiten an einer albanischen Kirche aus dem elften Jahrhundert, an Fresken eines ukrainischen Klosters oder am mittelalterlichen Schloss Erxleben in Sachsen-Anhalt.

Ob es je einen European Heritage Trust geben wird, wie ihn sich die FDP erhofft, steht dahin. Dass aber der Schutz des europäischen Kulturerbes von kleinen, dynamischen Strukturen, dem Enthusiasmus junger Europäer und der ansteckenden Idee einer gemeinsamen, sich körperlich stellenden Aufgabe profitieren würde, steht außer Zweifel. Aus den Berichten, die Mitglieder der European Heritage Volunteers geschrieben haben, geht noch mehr hervor: Die Arbeit gab ihrem Leben eine Richtung. Und das in einer Lebensphase, in der Sinn nicht immer leicht zu entdecken ist.