| 23 März 2021 – DIE WELT – Was Angela Merkel am frühen Dienstagmorgen verkündete, abgekämpft nach 15-stündigen Verhandlungen, klang vielversprechend: “Wir haben sehr, sehr lange und neu gedacht”, sagte sie. “Neu gedacht” – da wurde das Publikum morgens um drei Uhr hellhörig. Hatte die Kanzlerin mit den Ministerpräsidenten tatsächlich einen Weg heraus gefunden aus dem monatelangen Hangeln von Lockdown zu Lockdown?
Im Gegenteil: Über die Ostertage wird der bestehende Lockdown derart verschärft, dass auf der Pressekonferenz die Frage aufkam, ob in Deutschland nun auch die Industrieproduktion stillgelegt werde. Dieser Schritt wird von den politisch Verantwortlichen aber nicht Shutdown genannt – denn es wurde ja sehr, sehr lange und neu gedacht: Es handelt sich um eine “Erweiterte Ruhezeit zu Ostern”.
Merkel erklärte: “Wir haben eine neue Pandemie.” Mit einem mutierten Virus, “deutlich tödlicher, deutlich infektiöser”. Als Schlussfolgerung heißt es im Beschlusspapier der Ministerpräsidenten und der Kanzlerin, Gründonnerstag und der darauffolgende Samstag würden als “Ruhetage” definiert. Und – neu gedacht – ein Slogan wird in dem Papier gleich mitgeliefert: #WirBleibenZuHause.
Landliebe-Sprech und Durchhalte-Hashtags: Wer glaubt, dass die müde und gereizte Republik das jetzt braucht, der hat sich abgekoppelt von der Lebensrealität der Bevölkerung. Der offenbart ungewollt auch den Vertrauensverlust, der sich so schnell ausgebreitet hat wie das Virus. Und der unterschätzt seine Bürger, die mit klaren Worten durchaus umgehen können. Abgesehen davon, dass viele sich statt Ruhetagen eher mehr Tempo wünschen, beim Aufsetzen einer flächendeckenden Test-Strategie zum Beispiel. Und dann sind da ja auch noch die Impfungen. Aber lassen wir das.
Denn es wurde noch grotesker: Berlins Regierender Bürgermeister Michael Müller (SPD) sprach tatsächlich von einem “Paradigmenwechsel”, den die Runde geschafft habe. “Wir haben uns deutlich nach vorn entwickelt. Es geht nicht mehr um Auf und Zu.” Sondern? Die seit Anfang des Monats geltenden Öffnungsschritte werden zurückgenommen, aus Lockerungen (“Auf”) wird strikter Lockdown (“Zu”). Alles andere funktioniert noch nicht wirklich.
Nach dieser Nacht bleibt der Eindruck, als hätten sich Merkel und Co. nach einem Jahr Pandemie nun in einen Tunnel begeben, in dem nur noch eine seltsame eigene Logik herrscht. Ob ihre Schritte für alle anderen nachvollziehbar bleiben, ob die Sprache noch zu den Taten passt und wie die Realität den Menschen auch in klaren Worten zugemutet werden kann, all das hat in diesem Tunnel keinen Platz mehr.
Was den Tag heute bestimmt, darüber berichtet für Sie jetzt aus dem WELT-Newsroom mein Kollege Lennart Pfahler. |