Die Linke, die an diesem Wochenende ihren Parteitag abhält, ist bisher neben der CDU die Verliererin in dieser Legislaturperiode. Besonders in Ostdeutschland, wo sie stark verwurzelt war, musste sie zuletzt massive Verluste hinnehmen. Etwa in Sachsen (-8,5 Prozentpunkte im Vergleich zur Vorwahl), Brandenburg (-7,8) und jüngst in Sachsen-Anhalt (-5,3). Das ist nicht nur eine Momentaufnahme, sondern ein anhaltender Abwärtstrend: Auch bei den vorherigen Wahlen in diesen drei Ländern hatte sie schon hohe Verluste verzeichnet.

Eine Ausnahme unter den ostdeutschen Ländern bildet lediglich Thüringen, wo die Linke mit Bodo Ramelow den Ministerpräsidenten stellt. Hier konnte sie zuletzt etwas zulegen. Leichte Gewinne verzeichnete sie auch in mehreren West-Ländern, das allerdings auf äußerst niedrigem Niveau. In sechs von zehn westdeutschen Landtagen ist sie gar nicht vertreten.

Dieser Trend spiegelt sich auch in den Umfragen auf Bundesebene wider. Hier liegt die Linke derzeit nur noch bei sechs bis sieben Prozent. Das ist wenig für eine Partei, die mal zweistellig, meist aber stabil über acht bis neun Prozent gelegen hat. Entsprechend enttäuschend verlief auch die Europawahl im Mai 2019: Hier landete sie nur bei 5,5 Prozent.

Dabei ist es noch gar nicht so lange her, dass die Linke die große Aufsteigerin unter den deutschen Parteien war – und für die Etablierten eine unangenehme Konkurrentin. In den frühen Zehner- und späten Nullerjahren galt nach fast jeder Landtagswahl (in Ost wie West) zunächst ihr große Aufmerksamkeit. Besonders die SPD ärgerte sich über die Erfolge der Linken (damals noch: Linkspartei, davor: PDS), mit der sie nicht koalieren wollte, die ihr aber viele Stimmen wegnahm.

Aber was wurde aus den früheren Linke-Anhängern? Der Blick auf die Wählerströme zeigt, wohin die Menschen gewandert sind, die früher links gewählt haben. Exemplarisch dafür die jüngsten Wahlen in Sachsen und Sachsen-Anhalt: Viele derjenigen, die früher die Linke gewählt haben, leben inzwischen nicht mehr. Die Folge einer überalterten Anhängerschaft: In Sachsen-Anhalt sind rund 21.000 Wählerinnen und Wähler der Linken zwischen den beiden Landtagswahlen verstorben. Allein das machte einen Schwund um 11,5 Prozent bei den Zweitstimmen aus.

Aufschlussreich ist auch die nächstgrößere Gruppe der Abgänge nach den Verstorbenen. Am meisten wählten frühere Linke in Sachsen-Anhalt wie in Sachsen diesmal CDU. Angesichts der inhaltlichen Differenzen und der klaren Abgrenzung von der CDU zur Linken ist das zumindest auf den ersten Blick erstaunlich.

Eine Erklärung ist, dass es in beiden Ländern darum ging, ob die CDU oder die AfD stärkste Kraft im Land wird. Viele frühere Wähler der Linken, und auch von anderen Parteien, trieb dies offenbar zur Ministerpräsidentenpartei CDU. In Brandenburg wanderten entsprechend die meisten früheren, nun abtrünnigen Linke-Wähler zur SPD, die in Potsdam den Regierungschef stellt. Auch hier: um mutmaßlich einen Triumph der AfD zu verhindern.

Das zeigt, dass die Wähler der Linken durchaus staatstragend sind. Lange hatte die Linke den Ruf, eine Protestpartei zu sein. Vor die Wahl gestellt, ob man lieber die bestehende Machtstruktur stützt oder erstarkte Rechtspopulisten hinnimmt, tendieren die Linken aber eindeutig zum Status quo.

Das gilt freilich nicht für alle. Manche wanderten direkt von der Linken zur AfD, obwohl da die weltanschaulichen Differenzen groß sind. Vor allem die Erfolge der AfD in diesem gesellschaftlichen Segment müssen die Linken alarmieren: Die AfD ist die mit Abstand stärkste Partei unter den Arbeitern und sogenannten kleinen Leuten, eine Gruppe, deren Repräsentanz klassischerweise die Linke für sich in Anspruch nimmt. Ein Trend, den der Pariser Parteienforscher Jan Rovny für ganz Europa festgestellt hat: “Die radikale Rechte ist zur dominierenden linken Kraft geworden, weil sie die Mehrheit der Stimmen der verbleibenden Arbeiterklasse erhält“, sagte er kürzlich im Interview mit ZEIT ONLINE.

Die Linke hingegen ist die Partei der Rentnerinnen und Rentner. In keiner anderen Gruppe schneidet sie regelmäßig so stark ab, zumindest in Ostdeutschland. Das korrespondiert mit ihrer Mitgliederentwicklung. Generell geht die Zahl der Mitglieder seit einigen Jahr nach unten. Gestartet war die PDS nach der Wiedervereinigung als Nachfolgerin der alten Staatspartei der DDR mit einem riesigen Apparat und einer großen Anhängerschaft. 280.000 Mitglieder waren es 1990. Viele verließen die frühere SED jedoch bald. Nach der Fusion zwischen der ostdeutschen PDS und der westdeutschen WASG im Jahr 2007 wuchs die Partei noch einmal und hatte zum Ende der Nullerjahre noch fast 80.000 Mitglieder. Heute sind es fast ein Viertel weniger, nur noch gut 60.000.

Zum Vergleich: Die Grünen haben in diesen gut zehn Jahren die Linke nicht nur überholt, sondern ihre Mitgliedschaft verdoppelt (von 48.000 auf 96.000). Die FDP hielt seither ihr Niveau, bei etwa 65.000. Die AfD etablierte sich aus dem Nichts heraus, hat derzeit etwa 35.000 Mitglieder. Ähnlich massive Einbrüche bei den Mitgliedern hatten in dieser Zeit nur Union und SPD zu beklagen.

Auch die Zusammensetzung der Linke-Mitglieder zeigt: Die Partei vergreist. Zumal in Ostdeutschland, dort also, wo sie früher fast Volksparteicharakter hatte. In Brandenburg sind 61 Prozent ihrer Mitglieder älter als 65 Jahre, in Sachsen sind rund zwei Drittel der Mitglieder älter als 60. Die Linke hat ein demographisches Problem in ihrem Kernland. Von Sachsen bis Mecklenburg-Vorpommern brechen die Mitgliederzahlen ein, seit 2005 verlor die Linke in den ostdeutschen Bundesländern (Berlin ausgenommen) knapp die Hälfte ihrer Mitglieder.

Anders sieht die Lage in den urbanen Ballungsräumen aus. Beispiel Leipzig: 74 Prozent aller Neumitglieder waren 2017 jünger als 35 Jahre, damit stellen sie inzwischen die größte Gruppe. Das Durchschnittsalter sank auf 54,4 Jahre. Auch in anderen Ballungsräumen wie Hamburg oder Bremen, wo die Linke seit 2019 erstmals ein westdeutsches Land mitregiert, gewinnt die Partei neue Mitglieder. Bundesweit sind in diesem Jahr fast 70 Prozent der neuen Mitglieder 35 Jahre oder jünger, teilt die Partei auf Anfrage mit. Damit stehen die jungen Neuen aus den Ballungsräumen den Alt-Mitgliedern aus den ostdeutschen Bundesländern gegenüber. Der Richtungsstreit der Linken lässt sich wohl auch durch diese Spaltung der Mitglieder erklären.

Die Linke im Jahr 2021 ist also eine Partei, deren Wähler und Mitglieder gealtert sind und deren Anhänger im Zweifel staatstragend wählen. Diejenigen, an die sie ihre Politik adressiert, die Armen und Arbeiter, nehmen sie als Interessenvertretung kaum mehr wahr.

Die Linke ist in dieser Entwicklung nicht allein. Auch die früheren, in erster Linie westdeutsch geprägten Volksparteien SPD und CDU, leiden unter diesen Trends. Die Strahlkraft von Parteien lässt nach, und eine früher stark engagierte Kohorte geht in Rente.

Für die Linke ist es aber umso bitterer. Ihr Fundament ist schmaler, ihre Verankerung in den Parlamenten und Kabinetten geringer. Dafür, dass sie kürzlich noch als die progressive, ja womöglich revolutionäre, Kraft der Republik besprochen wurde, hat sie erstaunlich schnell an Relevanz verloren.