MESOPOTAMIA NEWS : DER „WESTEN“STIRBT NICHT IN AFGHANISTAN SONDERN IM „WESTEN!“ – AN WOKENESS & BOLSCHEWOKEN
Antirassismuslehre in den USA : Wird amerikanischen Kindern beigebracht, ihr Land zu hassen?
Gegen „Critical Race Theory“: Protest von Eltern gegen antirassistische Lehrinhalte an einer Schule im amerikanischen Bundesstaat Virginia im Juni – In den USA tobt ein Streit um die Behandlung von Rassismus an Schulen. Dabei geht es letztlich um gesellschaftliche Macht. Und um ein wissenschaftliches Konzept, das den Konservativen als neu entdecktes Feindbild dient. Von Frauke Steffens, New York 04.07.2021- FAZ
Floridas Gouverneur Ron DeSantis ist einer der loyalsten Unterstützter von Donald Trump und gleichzeitig ein möglicher Anwärter auf dessen Nachfolge. Seine neue Rolle, die ihm auch national mehr Anhänger bringen soll, ist die eines Anführers im Kulturkampf der Rechten. Es geht gegen antirassistische Lehrinhalte an Schulen: In Florida sollen Lehrer künftig daran gehindert werden, „strukturellen Rassismus“ ohne Vorgaben im Klassenraum zu diskutieren – oder, in DeSantis’ Worten, „Kindern beizubringen, unser Land zu hassen“.
Das Schlagwort, unter dem Konservative den bisherigen, vielerorts eher unkritischen Geschichtsunterricht retten wollen, lautet „Critical Race Theory“, auf deutsch etwa „kritische Theorie des Rassismus“. Fox News erwähnte den Begriff in den vergangenen Monaten laut der Denkfabrik Brookings Institution 1300 Mal.
Der Mord an George Floyd hat ein Umdenken bewirkt
Sechs Bundesstaaten haben Gesetze verabschiedet, die einschränken könnten, wie an Schulen über Rassismus gesprochen wird. Dabei solle verhindert werden, dass Lehrer die Vereinigten Staaten oder Menschen mit bestimmter Hautfarbe als „inhärent rassistisch“ darstellten, heißt es etwa in Oklahomas Regelung. Niemand dürfe zu Weiterbildungen zum Thema Diversität verpflichtet werden.
Fast zwanzig andere Staaten diskutieren ähnliche Gesetze – und vielerorts haben Schulbehörden explizit die Critical Race Theory verboten, ohne deren Inhalt genau zu definieren. Unter das Schlagwort wird dieser Tage vieles subsumiert – von Unterricht über strukturellen Rassismus bis hin zu Geschichtslehrplänen, die die Sklaverei oder den Genozid an den Ureinwohnern ins Zentrum rücken.
Etliche Schulen haben tatsächlich damit begonnen, nach dem Mord an dem Afroamerikaner George Floyd und den darauffolgenden Massenprotesten im vergangenen Jahr ihre Lehrpläne zu ergänzen. Fachleuten zufolge wurden bis vor Kurzem Ereignisse wie das Massaker an Hunderten Schwarzen in Tulsa 1921 nicht an Schulen gelehrt – nicht einmal in Tulsa in Oklahoma selbst.
Bei Critical Race Theory handelt es sich indessen um eine akademische Theorierichtung, die seit mehr als vierzig Jahren existiert. Der Oberbegriff für die Untersuchung strukturellen Rassismus im Rechtssystem entstand in der Rechtswissenschaft der siebziger Jahre des 20. Jahrhunderts. Theoretiker wie Richard Delgado und Kimberlé Crenshaw wollten zeigen, wie vermeintlich neutrale Rechtssetzungen rassistische Strukturen fortschreiben können – und dass dies unabhängig vom eventuellen Hass der Akteure geschieht.
Armut und afroamerikanische Herkunft sind oft eng miteinander verknüpft
Beobachten kann man das etwa im Baurecht oder im Strafrecht: Bauvorschriften, die den Ausschluss von Mehrfamilienhäusern in einer Nachbarschaft einfach machen, richten sich letztlich gegen den sozialen Wohnungsbau und führen zu gespaltenen Städten.
In den Vereinigten Staaten sind Armut und afroamerikanische Herkunft statistisch eng miteinander verknüpft, weil Schwarze über Generationen kein Vermögen bilden konnten. Wenn das Recht nun annimmt, dass alle Menschen sozial die gleichen Startchancen haben, kann es in einer extrem ungleichen Gesellschaft den Zustand der Ungleichheit fortsetzen. Diese an sich wenig spektakuläre Beobachtung geht für die Konservativen allerdings an die Grundfesten des amerikanischen Selbstverständnisses, weil sie die Meritokratie und ihre Institutionen in Frage stellt: die Vorstellung, dass es in den Vereinigten Staaten jeder und jede durch harte Arbeit schaffen kann – und dass die, die es nicht schaffen, letztlich selbst dafür verantwortlich sind.
Die Anhänger der Critical Race Theory wollten „Hass in die Gemüter der kommenden Generationen pflanzen“, den Patriotismus abschaffen oder Afroamerikaner als „ewige Opfer“ darstellen, behaupten die Gegner antirassistischer Lehrinhalte an Schulen. Der ehemalige Vizepräsident Mike Pence sagte, Anhänger der kritischen Theorie des Rassismus wollten „Kindern schon im Kindergarten beibringen, sich ihrer Hautfarbe zu schämen“. Mark Green, ein republikanischer Abgeordneter aus Tennessee, twitterte, die Denkrichtung zerstöre die Einigkeit, die im Militär nötig sei, „um im Kampf zu siegen und diese Nation zu verteidigen“.
Dass so viele Konservative Alarm schlagen, geht auch auf die unermüdliche Arbeit von Christopher Rufo zurück, einem Dokumentarfilmer, der für das konservative Manhattan Institute einen „Ein-Mann-Krieg gegen die Critical Race Theory“ ausrief. Alle Schulmaterialien, die das Konzept der „White Supremacy“ (weiße Vorherrschaft) erwähnten, sich als antirassistisch bezeichneten oder das Weißsein zum Thema machten, seien gefährlich, verbreitet Rufo.
Die Rechte führt einen Krieg gegen die „Wokeness“
Aktivisten wie Rufo fanden den Begriff Critical Race Theory griffig genug, um ihn zum Zentrum einer neuen Runde des „Kulturkampfes“ zu machen. Im März schrieb Rufo auf Twitter, man habe die „Marke“ Critical Race Theory erfolgreich zum Thema der öffentlichen Debatte gemacht und vergrößere ihre negative Wahrnehmung stetig. „Wir werden dafür sorgen, dass sie toxisch wird, indem wir alle die vielfältigen kulturellen Verrücktheiten unter diese Markenkategorie packen.“
Um den „Krieg gegen die wokeness“ zu gewinnen, so Rufo, benötige man die richtige Sprache. „Wokeness“ ist ein aus der afroamerikanischen Umgangssprache stammender Begriff für das Bewusstsein über Rassismus, den die Rechte bereits erfolgreich negativ umdeuten konnte.
Viele weiße Eltern fühlen sich angesprochen. Die Autorin Bari Weiss, die von liberal-zentristischer Seite den Kampf gegen „wokeness“ und antirassistische Theorien führt, veröffentlichte den Brief eines New Yorker Vaters, der seine Tochter aus einer Schule nahm, deren Position er nicht unterstützte: Es gebe, so der Vater, seit den sechziger Jahren keinen strukturellen Rassismus mehr in Amerika. Dieser Unmut weißer Eltern gegenüber Lehrern, die antirassistische Inhalte in den Klassenraum bringen, äußert sich vielerorts in Schulversammlungen. Mütter und Väter schwenken Transparente, auf denen „Verbietet Critical Race Theory“ steht, und sie geben Fernsehsendern Interviews über die vermeintliche Indoktrination ihrer Kinder.
Wie prägte struktureller Rassismus die Gesellschaft der USA?
Zwar hatte die Critical Race Theory ihren Ursprung in den Rechtswissenschaften und wird heute an einigen juristischen Fakultäten als rechtstheoretische Qualifikation gelehrt. Der Ansatz, „race“ als soziales Konstrukt zu untersuchen, das Einfluss auf alle gesellschaftlichen Bereiche hat, ist aber in vielen anderen Fachrichtungen schon lange zu Hause. Auch Geschichtswissenschaftler, Soziologen oder Politikwissenschaftler untersuchen, wie struktureller Rassismus die amerikanische Gesellschaft prägt oder wie unterschiedliche Einwanderergruppen mit eigener Diskriminierungsgeschichte zu „Weißen“ wurden.
Gleiches gilt für die „Intersektionalität“, ein anderes Reizwort für die Konservativen. Gemeint ist, dass verschiedene Arten von Benachteiligung, etwa aufgrund von Armut, Gender oder Rassismus, miteinander in Beziehung stehen und einander verstärken können: Eine schwarze Frau, die in Armut aufwächst, hat mit anderen Problemen zu kämpfen als ein schwarzer Mann in der gleichen ökonomischen Situation. Ihr Risiko, bei einer Geburt zu sterben, Opfer sexualisierter Gewalt zu werden oder allein mit Kindern in noch tiefere Armut zu fallen, ist höher – ebenso sein Risiko, durch Schusswaffengewalt zu sterben, für ein geringfügiges Vergehen lange in Haft zu sein oder Opfer von Polizeigewalt zu werden.
Es war ebenfalls die Jura-Professorin Kimberlé Crenshaw, die den Begriff „Intersektionalität“ für solche Zusammenhänge prägte. Daraus erwuchs die Forderung, bei politischen Kämpfen nicht nur eine der verschiedenen Dimensionen Klasse, Gender und Rassismus anzuwenden, sondern alle zusammenzudenken und die Effekte politischer Forderungen auf alle diese Bereiche zu prüfen. Auch diese Sicht stellt unmittelbar die Machtfrage und wird deswegen von rechts bekämpft.
Die Folgen der Sklaverei in den Mittelpunkt rücken
Vertreter vieler Disziplinen arbeiten heute an einer differenzierteren Sicht auf die amerikanische Geschichte. Und weil es dabei immer auch um gegenwärtige Macht- und Reichtumsverteilung geht, kommt es zu heftigen Kontroversen. In den vergangenen zwei Jahren erregte besonders das „1619 Projekt“ der Journalistin Nikole Hannah-Jones die Gemüter.
Die Artikelsammlung, die durch einen Podcast ergänzt wurde, setzt die Ankunft der ersten Sklaven in Nordamerika als intellektuellen Startpunkt einer Geschichtsschreibung, die die Folgen der Sklaverei von den Rändern ins Zentrum der amerikanischen Gesellschaftsverfassung holen will. Die Autorinnen und Autoren erklären zum Beispiel, wie etwas scheinbar „Neutrales“ wie der Bau von Autobahnen strukturell rassistische Gründe und Konsequenzen haben kann. In vielen amerikanischen Städten verstärkten Stadtautobahnen die Trennung zwischen mehrheitlich weißen und mehrheitlich schwarzen Nachbarschaften.
Die wiederum haben bis heute ungleiche Steuereinnahmen, die direkt in die regionalen Schulbezirke fließen, welche dann höchst unterschiedlich ausgestattet sind. Letztlich geht es bei der Sichtbarmachung solcher Zusammenhänge nicht nur um Geschichtsschreibung, sondern um Verteilungsfragen. Konservative stören sich deswegen besonders daran, dass die Zeitung New York Times Unterrichtsmaterialien zu dem Projekt für Schulen anbietet.
Auch manche Linke stören sich an der Critical Race Theory
Manche Linke wiederum stört an Critical Race Theory und ihren Ablegern, dass struktureller Rassismus als zentrale Analysekategorie neben, nicht unter, andere Kategorien gestellt wird. Orthodoxe Marxisten wehrten sich auch gegen die Erweiterung des „Hauptwiderspruchs“ (Kapital und Arbeit) um den weiteren Widerspruch, den Feministen erforschten – den zwischen bezahlter und unbezahlter Arbeit, „Frauen und Männern“. „Race“ scheint ihnen nur ein weiterer „Nebenwiderspruch“ zu sein, der sich mit sozialistischer Politik beseitigen lasse.
Die Vertreter der kritischen Rassismus-Theorie halten dagegen, dass „Rasse“ auch sozial konstruiert wurde, wenn Gewerkschaften Afroamerikaner diskriminierten oder wenn Rassismus bis heute genutzt wird, um Lohnabhängige gegeneinander auszuspielen. Eine übergreifende Solidarisierung hinter den Zielen der Arbeiterbewegung, die Frauenhass und Rassismus zum Verschwinden gebracht hätte, sei dieser schließlich nie gelungen.
Bei der Auseinandersetzung um den Unterricht an Schulen geht es letztlich wieder einmal um die Identität Amerikas, die auch über die Geschichten hergestellt wird, die sich Menschen über ihre Vergangenheit erzählen. Nicht umsonst betonen Gegner einer kritischeren Lehre immer wieder, Kindern werde der „Patriotismus“ und das positive Verhältnis zum eigenen Land ausgetrieben, wenn sie sich mit Rassismus beschäftigen sollten. Damit gemeint sind in erster Linie weiße Kinder.
Bislang gibt es keine übergreifenden Vorschriften darüber, was im Geschichtsunterricht gelehrt wird. Der letzte Versuch einheitlicher Vorgaben für alle scheiterte in den neunziger Jahren. Eine High School auf dem Land im Mittleren Westen kann die Geschichte der Vereinigten Staaten auch heute noch als Geschichte herausragender weißer Männer erzählen und dem Genozid an den Ureinwohnern oder der Sklaverei bestenfalls eine Erwähnung einräumen. Währenddessen mag eine Schule im New Yorker Stadtteil Brooklyn mehrere Wochen der afrikanischen Diaspora und ihren verschiedenen kulturellen Ausdrucksweisen widmen. Das wird wohl auch bis auf weiteres so bleiben, weil diese Entscheidungen eben nicht zentral getroffen werden.