MESOPOTAMIA NEWS : DER KREUZZUG GEGEN DIE KATHARER & BORIS PALMER et.al.
KOMMENTAR VON ANDREAS ROSENFELDER ( DIE WELT)
Tötet sie! Der Herr wird die Seinen schon erkennen.“
Das soll Arnold Amalrich gesagt haben, der 1209 den Kreuzzug gegen die Katharer anführte, eine häretische Abspaltung des Christentums. Bei der Erstürmung der südfranzösischen Stadt Béziers fragten ihn die Soldaten, wie sie die Katholiken von den Ketzern unterscheiden sollen. Arnold antwortete, man müsse sämtliche Bürger ins Jenseits befördern, wo Gott dann die Unschuldigen aussortieren werde. So begann das größte Massaker des Hochmittelalters.
Tötet sie alle, oder, wie es auf Heavy-Metal-T-Shirts heißt, „Kill’em all“: Diese Parole ist die radikalste Lösung für das bei jedem Feldzug auftretende Problem, dass man eben auch die Falschen treffen kann. Nun ist ein Shitstorm kein Krieg. Die Opfer sterben nicht. Sie werden oft nicht einmal mundtot gemacht, sondern bekommen sogar – wie die Shitstorm-Soldaten dann gerne verärgert feststellen – noch zusätzliche Aufmerksamkeit: in Interviews, in Talkshows, auf Titelseiten. Bei Boris Palmer ist das gerade zu beobachten: Der grüne Häretiker ist, nachdem am Wochenende ein digitaler Sturm über ihn hinwegdonnerte, präsenter denn je.
Warum genau, das bleibt noch unklar. Hat Tübingens Oberbürgermeister den ehemaligen Fußballnationalspieler Dennis Aogo mit einem Facebook-Kommentar rassistisch angegriffen? Oder hat Palmer Aogo, der nach einer Äußerung zum „Trainieren bis zum Vergasen“ selbst gerade einen Shitstorm erlitten und seinen Job beim Fernsehsender Sky verloren hat, ganz im Gegenteil verteidigt – wenn auch auf denkbar geschmacklose Weise?
Für die Klärung dieser Frage, die immerhin darüber entscheidet, ob es sich bei Palmer um einen Rassisten handelt oder nicht, blieb im Twitter-Schnellgericht keine Zeit. Das zeigt jener Post, mit dem Annalena Baerbock Palmers Satz vom Freitagabend schon am Samstagvormittag als „rassistisch“ verurteilte und die von Palmer reklamierte „Ironie“ als „nachträgliche“ Ausrede darstellte.
Tötet sie, Gott wird die Seinen schon erkennen – das heißt in der Logik des Shitstorms: Zuerst kommt der Rufmord, mit der Klärung der Schuldfrage können sich dann später die Interpreten in den Talkshows oder die Parteigerichte beschäftigen. Genau wird man es, das wusste schon Arnold Amalrich, nie erfahren.
Das mediale Fegefeuer, in dem die tatsächlichen und vermeintlichen Häretiker landen, wird dabei allerdings immer größer. Für die demokratische Kultur ist dieses Jenseits des Diskurses, das sich mitten in der Öffentlichkeit auftut, eine Gefahr.
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