MESOPOTAMIA NEWS : DER ANDERE BLICK AUF ROTE TALIBAN – Mit Intoleranz bekämpft man keine Vorurteile – Wie Identitätspolitik Geschichte verfälscht

„Es ist daher keine Übertreibung zu sagen, dass der Staat Israel seine Existenz dem britischen Kolonialismus verdankt „ (DAN DINER)

 

–  Eric Gujer  NEUE ZÜRCHER ZEITUNG –  28 Mai 2021  – Es rollt eine Säuberungswelle. Was an der Vergangenheit stört, soll verschwinden oder umgedeutet werden. Der Historiker Dan Diner zeigt jedoch, warum Geschichte kein Gerichtshof ist.

Neuerdings herrscht wieder Waschzwang. In Berlin soll die Mohrenstrasse umbenannt werden, in Zürich das Haus «Zum Mohrenkopf». In England erregen Statuen von Winston Churchill, dem letzten Helden des British Empire, Anstoss. Mit der ehrenwerten Absicht, Kolonialismus und Rassismus aufzuarbeiten, soll Geschichte umgeschrieben werden.

Aber es sind gerade die moralisch am besten legitimierten Absichten, welche die schlimmsten Nebenfolgen hervorbringen. Historisch betrachtet ist es vom Glauben an die gerechte Sache bis zum Fanatismus nur ein kurzer Weg.

Kein Wunder, nahm diese Bewegung in den USA und Grossbritannien ihren Ausgang. In protestantisch und reformiert geprägten Ländern gedeiht der Puritanismus, der sich in immer wieder neuen Wellen des Strebens nach Reinheit und Glaubensstrenge äussert.

Wie soll man die Opfer des Holocaust nennen?

Diesmal also das Streben nach einer antirassistischen und antikolonialen Geschichte und Sprache. Ein naher Verwandter ist der Kampf um die gendergerechte Sprache. Wie der Anspruch auf Gleichberechtigung pervertiert werden kann, demonstrierte die Freie Universität Berlin. In Dahlem fand man unlängst sterbliche Überreste von KZ-Insassen, die bei den Menschenversuchen von SS-Ärzten wie Mengele und ihren akademischen Komplizen ermordet worden waren. In bester Absicht titulierte die Universität die Ermordeten als J_üdinnen.

Die Opfer der Shoah hätten sich nie als J_üdinnen bezeichnet. Indem man Jüdinnen und Juden so nennt, raubt man ihnen ihre Identität gleich auf zweifache Weise. In die Mühlen der nationalsozialistischen Vernichtungsmaschinerie gerieten sie nicht, weil sie Frauen oder Männer, sondern weil sie Juden waren. Der christliche Puritanismus mit seinen Säuberungswellen wäre ihnen ohnehin wesensfremd gewesen. Das Leid der in der Shoah Umgekommenen wird verhöhnt, indem man ihnen eine identitätspolitische Ideologie des 21. Jahrhunderts überstülpt.

Zur Ehrenrettung der Freien Universität sei angefügt, dass sie die verunglückte Bezeichnung unterdessen gelöscht hat. Das zentrale Problem aber bleibt. Nachgeborene machen ihre Befindlichkeit zum alleinigen Massstab, um historische Ereignisse zu bewerten.

Dass Churchill in der modernen, mit Sternchen und den Sprachcodes der Political Correctness bewehrten Welt fehl am Platz wäre, steht ausser Frage. Im Zweiten Weltkrieg aber war er der Mann, der Grossbritannien rettete und einen entscheidenden Beitrag zum Sieg über Hitlerdeutschland leistete. Seine Bedeutung lässt sich kaum überschätzen, auch wenn er als Kind des viktorianischen Zeitalters ein Kolonialist und Rassist war.

Wie Tony Blair Winston Churchill verteidigt

Geschichte wird immer von späteren Generationen formuliert und interpretiert. Wo dies geschieht, ohne dass man sich in die jeweilige Epoche und ihre Denkweisen hineinversetzt, endet das schnell im selbstgerechten Urteil. Tony Blair, ein Nachfolger Churchills, verurteilte kürzlich Denkmalstürze und die identitätspolitischen Exzesse linker Parteifreunde: «Die Menschen wollen gesunden Menschenverstand, Mass und Mitte. Sie verabscheuen Vorurteile, aber sie verabscheuen auch Extremismus bei der Bekämpfung von Vorurteilen.»

Es ist leicht, Geschichte umzuschreiben. Es ist umso leichter, wenn um abstrakte Theorien und einzelne Worte wie «Mohr» gerungen wird. Ob Farbige den Begriff im Europa des 18. Jahrhunderts als beleidigend empfanden, lässt sich heute nicht eruieren. Die allesamt von Weissen verfassten historischen Quellen erlauben kein Urteil.

Solches Jonglieren mit Begriffen ist auch deshalb müssig, weil blosse Worte neben dem Schrecken der realen Sklaverei verblassen. Auch die Sklaverei war eine Ausbeutungs- und Vernichtungsmaschinerie. Die USA haben sie nie angemessen aufgearbeitet. Fast jedes Problem wird durch das Prisma der «Rassenfrage» beleuchtet, und nichts macht deren zentrale Position im amerikanischen Geisteshaushalt deutlicher als das.

Geschichte lebt nicht von abstrakten Theorien. Sie ist konkret, und sie ist daher mehr als einige modische Interpunktionen oder Begrifflichkeiten. Der deutsch-israelische Historiker Dan Diner macht das in seinem neuesten Buch, «Ein anderer Krieg», mustergültig deutlich. Vordergründig handelt das Werk vom jüdischen Palästina und vom Zweiten Weltkrieg – von 1935 bis 1942. Zugleich ist es eine gut lesbare und weit ausgreifende Universalgeschichte, die genauso Geopolitik wie Kolonialismus oder Mentalitätsgeschichte in den Blick nimmt.

Historiografie ist immer dann am besten, wenn sie die Vergangenheit gegen den Strich bürstet und so zu neuen Einsichten gelangt. Diner ist das gelungen. Gleichsam als Nebenprodukt wirft das Buch ein ganz anderes Licht auf die sterilen identitätspolitischen Debatten von heute, indem es anhand eines konkreten Beispiels untersucht, welche Folgen Kolonialismus hatte. Gerade deutschen Lesern sollte es zu denken geben.

Wenn Hitlers Truppen Haifa erreicht hätten

War die Epoche des Kolonialismus und Imperialismus gut oder wenigstens entwicklungsgeschichtlich gerechtfertigt? Natürlich nicht. Sie bleibt in der Gesamtbilanz ein verabscheuungswürdiges Phänomen. Aber ohne sein Kolonialreich wäre Grossbritannien vermutlich zu schwach gewesen, um gegen Hitlers Horden zu bestehen.

Ein unendlich langes Jahr stand London nach der Kapitulation Frankreichs Deutschland alleine gegenüber, schlecht gerüstet und bis an den Rand seiner Kräfte beansprucht. Erst nach dem Kriegseintritt der USA und der Sowjetunion begann sich das Blatt zu wenden, aber auch dann war das fünf Kontinente umspannende Kolonialreich unentbehrlich. Die Rote Armee benötigte verzweifelt amerikanische Fahrzeuge und in britischen Raffinerien im Nahen Osten produziertes Flugbenzin – und das meiste erreichte die Sowjetunion durch das britisch besetzte Persien.

Ohne die schiere Ausdehnung des Empires, ohne seine unerschöpflichen Ressourcen an Menschen und Material hätte Grossbritannien nicht standgehalten. Ohne die britischen Bastionen im Mittelmeer und in Ägypten wären die deutschen Truppen in Nordafrika durchgebrochen und bis nach Palästina gelangt. Dann hätte die SS ihr Vernichtungswerk verrichtet wie überall sonst in ihrem Herrschaftsbereich.

Die Geschichte des Judenstaates wäre beendet gewesen, bevor sie eigentlich begonnen hatte.

Es ist daher keine Übertreibung zu sagen, dass der Staat Israel seine Existenz dem britischen Kolonialismus verdankt – angefangen beim britischen Völkerbund-Mandat über Palästina, mit dem sich London ein Glacis für seine Besitzungen in Ägypten und im Irak schuf. Der Suezkanal und die sichere Passage durchs Mittelmeer waren wiederum die Voraussetzungen für die britische Herrschaft über den indischen Subkontinent und die kolonialen Aussenposten in Singapur und Hongkong. Das Mittelmeer und der Indische Ozean bildeten die Grundlage britischer Macht – und der Nahe Osten mit Palästina war der Angelpunkt.

Die Sudetenkrise 1938 legte Premierminister Neville Chamberlain möglichst schnell bei, auf Kosten der Tschechoslowakei. Er gilt seither als Appeasement-Politiker, als Sinnbild der Schwäche von Demokratien im Angesicht der Despoten. Den glücklosen Premierminister beschäftigte allerdings das Vordringen Italiens in Afrika. Mussolini drohte, die britische Lebensader, den Weg durch das Mittelmeer und den Suezkanal, abzuschneiden. Obendrein strapazierte ein Aufstand der Araber in Palästina die überdehnten Streitkräfte.

Das Ende des britischen Kolonialreiches

Dass Chamberlain in diesem Dilemma den Gang nach München antrat, um sich Zeit für die anderen Konfliktherde zu verschaffen, erschien damals plausibel. War Chamberlain deshalb ein Narr? Der Gründer des Staates Israel, David Ben Gurion, erklärte, bei Kriegsausbruch seien die Juden Europas ohnehin verloren. Alle Energie habe dem Yishuv, der jüdischen Gemeinschaft in Palästina, zu gelten. War Ben Gurion ein kalter Machtpolitiker oder ein Realist? Aus dem Abstand von bald einem Jahrhundert lässt es sich bequem richten.

Der britische Kolonialismus war es gewohnt, über fremde Gebiete ohne Rücksicht auf die lokale Bevölkerung zu verfügen. Deshalb erlaubte London den Juden die Ansiedlung im arabisch besiedelten Palästina im grossen Stil. Das Empire war es auch, welches die «siebte Million», die Juden des Yishuv, vor den deutschen Konzentrationslagern rettete.

Das Resultat könnte nicht widersprüchlicher sein: Der jüdische Kampf für einen eigenen Staat in der Levante beschleunigte zugleich das Ende des Kolonialreichs. Der Rückzug der Briten aus Palästina und Indien 1947 leitete die lange und schmerzhafte Phase der Dekolonialisierung ein.

Nachdem sich die jüdischen Einwanderer durchgesetzt und ihren Staat gegründet hatten, sahen sie sich selbst dem Vorwurf des Kolonialismus gegenüber den Arabern ausgesetzt. Diese Geschichte von Unterdrückung und Vertreibung ist bis heute virulent. Bildet also die Dekolonialisierung von einst die Grundlage für eine Kolonialisierung heute?

Geschichte ist eine Abfolge von Ambivalenzen und Brüchen. Dan Diner hat das anhand eines oft übersehenen Kriegsschauplatzes meisterhaft dargestellt. Eindeutige Gewissheiten und ewige Wahrheiten lassen sich aus ihr nicht destillieren. Nur alte und neue Puritaner wollen das nicht einsehen.

Dan Diner: Ein anderer Krieg – Das jüdische Palästina und der Zweite Weltkrieg 1935–1942. Deutsche Verlags-Anstalt, 346 Seiten.