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Lebensgefahr für Journalisten : Reporter mit Grenzen

Amsterdam: Einige Menschen haben Bilder des Kriminalreporters und Blumen am Tatort niedergelegt. Der auch international bekannte Kriminalreporter Peter R. de Vries war am Dienstagabend an dieser Stelle niedergeschossen und lebensgefährlich verletzt worden.

Wie frei können Kriminalberichterstatter arbeiten? Der Anschlag auf Peter de Vries in Amsterdam illustriert das Problem drastisch. Auch Ethikfragen kommen neu auf.  – Von Klaus Max Smolka FAZ – 13.07.2021-11:16

Zum Wochenbeginn macht die niederländische Zeitung De Telegraaf mit einem Stück über die Familie des mutmaßlichen Schützen beim Anschlag auf den Journalisten und Verbrechensfachmann Peter de Vries auf. Die Kriminalreporter der Zeitung zitieren Familienmitglieder, die sich „in den Boden schämen“ wegen der Tat. Die beiden Autoren gehören zu den bekanntesten Kriminalreportern der Niederlande. Wer diese Arbeit nach der Tat der vergangenen Woche einfach fortsetzt, muss unerschrocken sein.

Einer der beiden ist John van den Heuvel, früher Polizist und seit vielen Jahren für De Telegraaf tätig – und auch für die Fernsehsendung RTL Boulevard. Das ist jenes Programm, in dem de Vries am vergangenen Dienstag wieder einmal auftrat – bevor er auf dem Rückweg zum Auto in Studionähe in der Innenstadt beschossen und schwer verletzt wurde. Van den Heuvel, der wie de Vries seit Langem in der Welt des organisierten Verbrechens recherchiert und auf Todeslisten stehen soll, durfte 2018 eine Weile nicht persönlich in dieses Studio kommen, weil die Behörden das Risiko am belebten Leidseplein in der Innenstadt für zu hoch befanden. Manche sahen darin eine Kapitulation des Staats. Van den Heuvel steht wegen Drohungen seit Jahren kontinuierlich unter Personenschutz – was de Vries nach eigenem Bekunden abgelehnt hat.

Schon 2018 hatte es Angriffe auf den Telegraaf gegeben

RTL Boulevard erklärte damals demonstrativ, man werde nicht aus dieser zentralen Lage wegziehen. Andere Medien bekamen schon drastische Angriffe zu spüren: 2018 rammten Täter einen VW Caddy in die Fassade des Telegraaf-Gebäudes, schütteten Benzin über das Auto und zündeten es an. Auf den Sitz der Zeitschrift Panorama wurde mit einer Panzerabwehrrakete geschossen. Beide Redaktionen hatten zuvor ausführlich über Ridouan Taghi berichtet – jenen Mann, der seit März dieses Jahres in einem Mordprozess vor Gericht steht. Dort sagt als Kronzeuge Nabil B. aus, der als Vertrauensperson und Berater de Vries an seine Seite genommen hat. Nabil B.s Bruder und sein Anwalt sind schon ermordet worden.

Am Dienstag nun wurde auf de Vries in der Lange Leidsedwarsstraat fünfmal geschossen, er erlitt schwere Kopfverletzungen. Van den Heuvel sicherte danach zu, sich nicht einschüchtern zu lassen. „Wir schweigen nie.“ Auf Instagram drückte er Wut aus und dass der Auftraggeber nichts erreiche. „Denkt derjenige wirklich, dass er mit dem Ausschalten von Peter R. de Vries gewonnen hat? Meint die Person wirklich, dass es einen Journalisten gibt, der jetzt seine Arbeit niederlegt?“

Ähnliches beteuern Kollegen, etwa Mick van Wely, sein Ko-Autor in dem Stück über die Familie des mutmaßlichen Schützen. Aber nicht alle scheinen so furchtlos, die Verunsicherung nimmt zu. Der Kriminalitätsjournalist Bas van Hout sagte der Zeitung de Volkskrant, er bekomme seit dem Anschlag auf de Vries fortwährend Anrufe besorgter Kollegen. „Es gibt Angst. Es kommt jetzt näher. Die meisten kannten Peter gut.“ Beschränkten sich die Mordanschläge früher vor allem auf Opfer innerhalb der Verbrecherszene, hat es nun einen Journalisten getroffen. Ein Grenzfall war im Jahr 2016 schon der Mord an Martin Kok, früher selbst Krimineller und nach Jahren im Gefängnis Blogger, der über das organisierte Verbrechen in den Niederlanden schrieb, Bilder zeigte, Namen nannte.

Verbrecher haben Einfluss aufs Fernsehprogramm

Dass der Anschlag nicht folgenlos bleibt, zeigte sich jedenfalls unverkennbar am vergangenen Samstag. Da nämlich wurde das Studio von RTL Boulevard geräumt und die Live-Sendung abgesagt, zum ersten Mal überhaupt. Es sei eine ernst zu nehmende Drohung gegen die Sendung eingegangen, sagte ein Behördensprecher. Justizminister Ferdinand Grapperhaus sprach von „sichtbaren und auch unsichtbaren Maßnahmen“, die ergriffen worden seien. Einen „neuen Tiefpunkt“ sah van den Heuvel darin. Auf Instagram schrieb er: „Sie lesen richtig: Verbrecher sind in der Lage, eine Fernsehsendung zu verhindern und wiederum Angst zu säen.“

Semantisch nuancierend wird nun diskutiert, ob dies ein Anschlag auf die Pressefreiheit gewesen sei – oder nicht eher einer auf den Rechtsstaat. Das zielt auf die mehrfache Rolle, die der 64 Jahre alte de Vries seit Langem besetzt. Er ist nicht nur Journalist und Autor, war ein Vorgänger van den Heuvels beim Telegraaf, schrieb ein Buch über die Entführung des Bierbrauers Alfred („Freddy“) Heineken, hatte 17 Jahre lang seine eigene Sendung im Privatfernsehen. Mit seinen engen Kontakten in Kreise der Polizei und der Justiz und zu Verbrechern ist er zum Berater geworden, zum Fachmann für Kriminalität schlechthin. Er hat sich auf Bitten von Opferangehörigen in ungeklärte Fälle eingemischt und Täter gefunden, wo Polizei und Justiz aufgaben. Er hat die Unschuld zweier wegen Mordes einsitzender Männer nachgewiesen und sie so aus dem Gefängnis geholt. Er hat für Opfer oder Zeugen bei Prozessen gesprochen. De Volkskrant brachte nach dem Anschlag eine Doppelseite mit Leuten, die dort ihre Dankbarkeit für de Vries’ Hilfe bekundeten. „Ich habe meinen Bruder verloren, aber mit Peter einen guten Freund bekommen“, sagte Peter Wiegmink, Bruder eines Mordopfers.

Seit Juni läuft eine von de Vries initiierte Geldsammelaktion, die helfen soll, das Schicksal der vor 28 Jahren verschwundenen Studentin Tanja Groen zu klären. „Held“, „Kämpfer“, „Robin Hood“ sind Attribute, die zu hören und lesen sind, wenn Bürger am Tatort in Amsterdam Blumen und eine Karte niederlegen. Kritik bekommt de Vries dafür, dass er sich auch mit Verbrechern anfreunden kann, etwa mit Cornelis van Hout, einem (später ermordeten) Mittäter in der Heineken-Entführung. Auch sehen manche einen Interessenkonflikt, wenn de Vries Akteure jener Szene berät, über die er berichtet. Von einer gewissen Überheblichkeit gegenüber Polizei und Kollegen berichtet ein Journalist, der ihn kennt. Auch nach dessen Urteil überwiegen aber die Verdienste. So oder so gibt es in Deutschland keine vergleichbare Person. „Peter ist schon lange kein reiner Journalist mehr“, sagte der Journalist Bas Dingemanse am Wochenende im Radio. „Man hat die Staatsanwaltschaft, man hat den Richter, man hat die Anwälte – und man hat Peter. Peter ist eine Art Institution geworden.“

Vom niedergeschossenen de Vries waren nach der Tat schnell Fotos und Filme im Internet zu finden. Ein Video-Team des Telegraaf befragte auf der Straße Bürger, ob sie sie geschickt bekommen und gar weitergereicht hätten. Einige antworten beklommen, einer gibt sich schuldbewusst. Zeitungen verzichten dagegen eher auf explizite Bilder, wie das NRC Handelsblad konstatiert. Wir sind „in der Praxis zurückhaltender geworden“, sagt die stellvertretende Chefredakteurin Elske Schouten. 2002 war der ermordete Politiker Pim Fortuyn noch groß auf Titelseiten zu sehen. Doch anders als früher erreichen Bilder und Artikel jetzt nicht mehr nur die Leserschaft des Tages, sondern das ganze Land und das ewig, wie Volkskrant-Chefredakteur Pieter Klok erklärt. „Zeitungen sind dadurch vorsichtiger geworden mit dem Veröffentlichen schockierender Bilder.“ Und: „Wer sie sehen will, hat sie sich online längst angeschaut.“