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Eklat im britischen Oberhaus : Zwangs-Schulung geschwänzt?
- Von Gina Thomas, London FAZ – 29.04.2021-17:11 – Betty Boothroy ist mit 91 Jahren immer noch Mitglied des britischen Oberhauses.
Diskriminierung hat weder am Arbeitsplatz noch sonst irgendwo etwas verloren. Deswegen bot das britische Oberhaus ein Anti-Sexismus-Training an. Doch nicht alle absolvierten diese Schulung.
Als „Madam Speaker“, als erster weiblicher Präsident des britischen Unterhauses, vermochte Betty Boothroyd mit bodenständigem Witz und nordenglischer Direktheit ihre Autorität über die mehrheitlich männlich dominierte Kammer geltend zu machen. Man könnte die einstige Revuetänzerin, die es aus einfachen Verhältnissen ins Parlament schaffte und von 1992 bis zum Jahr 2000 den Vorsitz führte, eine feministische Ikone nennen, wenn sie sich bei verbissenen Frauenrechtlern nicht unbeliebt gemacht hätte mit der Auffassung, dass Frauenquoten unerwünscht seien, weil Männer und Frauen intellektuell auf gleicher Augenhöhe stünden und deswegen auch gleich behandelt werden sollten.
Inzwischen ist die beliebte Labour-Parlamentarierin einundneunzig Jahre alt und sitzt im Oberhaus. Seit dem Ausbruch der Pandemie schirmt sie sich nach einer Herzoperation auf Anraten der Ärzte außerhalb Londons ab. Damit erklärte sie ihre Nichtteilnahme an einer Online-Schulung „zur Bekämpfung von Mobbing, Belästigung und sexuellem Fehlverhalten“, die alle 791 Mitglieder des Oberhauses bis Anfang April hätten abschließen müssen. Die Beauftragte für die Einhaltung der Verhaltensrichtlinien im Oberhaus hält die Begründung der Baronin offenbar für nicht überzeugend und will gegen sie ermitteln.
Boothroyd versäumt Training nicht als Einzige
Womöglich wittert die Sittenwächterin unausgesprochenen Widerstand gegen die Maßnahme mit dem schauderhaft banalen Titel „Valuing everybody“. Sie wurde im Rahmen der Bemühungen eingeführt, gegen den sexualisierten Machtmissbrauch im Palast von Westminster vorzugehen, der im Lichte der MeToo-Bewegung verstärkt thematisiert wurde. Für die Kurse ist dieselbe Beratungsfirma verantwortlich, die das 2014 vorgeschriebene „Unbewusste Voreingenommenheitstraining“ von Staatsbediensteten beaufsichtigte. Eine Revision befand, diese Initiative gegen Rassismus und Diskriminierung habe trotz der Schulung von 170.000 Angestellten so wenig gebracht, dass sie im Dezember eingestellt wurde.
Die Anti-Sexismus-Schulung, deren Teilnahme für Abgeordnete freiwillig, für Mitglieder des Oberhauses hingegen obligatorisch war, blieb jedoch bestehen. Deswegen ist Betty Boothroyd mit anderen betagten Granden wie dem ehemaligen konservativen Minister Michael Heseltine, dem ehemaligen Labour-Außenminister David Owen und dem nordirischen Friedensnobelpreisträger David Trimble eine von sechzig Mitgliedern der zweiten Kammer, gegen die vorgegangen wird, weil sie sich vor der Schulung gedrückt haben.
Ihnen wird zudem untersagt, mit der Presse darüber zu reden. Darüber empört sich ein Baron, der privat gesteht, sich dem „aberwitzigen“ zweistündigen Verfahren bloß gefügt zu haben, um sich die Presse vom Leib zu halten. Er gibt auch zu, sich weitere Umstände erspart haben zu wollen, indem er die vermeintlich erwünschten Antworten auf die Fragen eingereicht habe. Nur am Schluss habe er die Frage, ob er finde, der Kurs sei wertvoll gewesen, emphatisch verneint. Lord Heseltine bezweifelte ebenfalls den Sinn der Schulung: Er nannte die Vorstellung, Personen, die sich tatsächlich solcher Übergriffe schuldig machten, würden ihr Verhalten ändern, wenn sie eine Reihe von Plattitüden läsen, naiv und unverantwortlich. Damit weiche man den erforderlichen Maßnahmen gegen Übeltäter aus, die bestraft und notfalls auch aus dem Oberhaus ausgeschlossen werden sollten.