MESOPOTAMIA NEWS : AUFERSTEHUNG AUS RUINEN ? – Unterwegs in den Trümmern : Wie die Hamas Gaza spaltet
- Von Jochen Stahnke, Gaza FAZ – 26.05.2021- Nach elf Tagen Krieg mit Israel schweigen die Waffen wieder. Im Gazastreifen wurden mehr als 250 Menschen getötet. Der Konflikt spaltet die Palästinenser, viele wollen sich nicht auf die Seite der Hamas stellen.
Khaled Abudayer steht auf Schutt und Glassplittern im Hof seiner Familie, neben dem von Trümmern bedeckten dunkelroten Sofa, dort, wo sein Bruder und seine zehn Jahre alte Nichte starben. Ein silberfarbener Mercedes parkt noch im Hof, das Dach eingedrückt, die Scheiben zerborsten. Als der Krieg begann, hatte sein Bruder entschieden, hierherzukommen in die Wehda-Straße, wo die Familie ein Haus hat. In der Innenstadt, dem Geschäftszentrum und neben den hohen Gebäuden sei es sicherer, habe sein Bruder geglaubt. Aber als sie an einem Abend im Hof zusammensaßen, griffen israelische Kampfflugzeuge die unmittelbare Umgebung an. Das Nachbarhaus mit seinen sieben Geschossen sackte in sich zusammen. Trümmerteile beschädigten die umliegenden Gebäude und trafen auch die Abudayers. Khaled Abudayer zeigt erst ein Bild seiner kleinen Nichte beim Spielen, dann das Foto ihrer Leiche mit geschwollenem Kopf.
Vom Anfang der Wehda-Straße aus wirkt es, als hätte jemand mit den Bomben Lücken präzise wie ein Tortenstück aus dem Stadtbild geschnitten. Aus der Nähe wird klar, dass auch Präzisionsgeschosse ihre Grenzen haben. Ein paar Häuser weiter in derselben Straße wurde beim Einsturz eines Hauses der Chefarzt der Inneren Medizin eines Krankenhauses getötet. Israels Angriffe haben nicht massenhaft Tote verursacht. Doch die Schuttberge an der Straße und vor allem die durch Steintrümmer versehrten Nachbargebäude zeugen von der Gefahr, die solche Angriffe nach sich ziehen. In den sieben Stockwerken des Ghazi-Shawa-Gebäudes hatten sich eine Bank befunden, die Handelskammer, die Büros von Nichtregierungsorganisationen, eine Repräsentanz Qatars. Nach Angaben der israelischen Streitkräfte hatte man auf Tunnel unmittelbar neben den Häusern gezielt. Möglicherweise sei dort gelagerter Sprengstoff der Hamas explodiert und die Häuser seien in der Folge eingestürzt.
Mehr als tausend Luftangriffe flog Israel auf Ziele der in Gaza herrschenden Islamisten, etwa tausend Gebäude wurden beschädigt oder zerstört, mehr als 250 Menschen getötet, darunter nach Angaben der örtlichen Gesundheitsbehörden 66 Kinder. Zweitausend Menschen wurden verletzt. In Israel wurden zwölf Menschen getötet.
Neben dem noch nicht abgefahrenen und von weißem Staub bedeckten Schutthaufen steht ein langes blaues Trauerzelt, davor ein mannshohes Plakat mit den Bildern des Mannes und des Mädchens. Die Abudayers sind eine wohlhabende Familie, Khaled und sein Bruder führten ein Import-Export-Geschäft. Er zeigt seine Genehmigung, mit der er dauerhaft nach Israel reisen darf. Über Tel Aviv fliegt er geschäftlich in die Welt, nach China, in die Türkei und in die Ukraine. Nun frage er sich: „Warum wurden mein Bruder und meine Nichte getötet?“ Alle seine Verwandten seien gebildet, niemand sei politisch aktiv. „Kriege sind nicht die richtige Sprache. Wir wollen Frieden mit Israel, wir wollen in Würde leben“, sagt Khaled Abudayer.
Die Raketen in Richtung Jerusalem, mit denen die islamistische Hamas den elf Tage währenden Krieg mit Israel begonnen hatte, hält er für gerechtfertigt. „Wir verteidigen Jerusalem, es war Verteidigung.“ Jetzt ist der Krieg vorbei und der übliche Klang von Gaza-Stadt zurück: das beständige kurz angetippte Hupen der zerbeulten Autos, die sich durch die engen und verstopften Gassen quetschen, dazu das Röhren der israelischen Aufklärungsdrohne. An einigen Straßenabschnitten fehlt Asphalt, dort quälen sich die Fahrzeuge durch den lockeren Sand. Es sind die Stellen, an denen Israel Tunnel angegriffen hatte. Die Hamas hatte sie unter die größeren Straßen gegraben, um sich zu schützen und um militärisches Material zu deponieren. Nach der Waffenruhe ließen die Machthaber die Bombenkrater eilig mit dem Sand zuschütten.
Anderswo bleibt erst mal alles, wie es ist. Die Trümmer des Jalaa-Hochhauses, in dem neben einem angeblichen Hamas-Büro auch internationale Medien und Privatleute Apartments hatten, liegen, wie sie fielen. Einige Bürobesitzer haben ihre Mobiltelefonnummern auf Plakate geschrieben, andere auf größere Trümmerteile gesprüht.
Zwei Straßen weiter, im Jarmouk-Stadion, feiert die Hamas gerade die „Märtyrer“ dieses Kriegs. Es soll eine Siegesfeier sein. Am Eingang stehen maskierte Bewaffnete der Qassam-Brigaden Spalier, das grüne Stirnband der Hamas über dem Helm. Am Ende des Fußballfeldes brüllen Funktionäre ihre Parolen in die eher spärliche Menge, durch Lautsprechertürme ohrenbetäubend verstärkt und wie üblich mit breitem Hall unterlegt. Viele Plastikstühle bleiben frei, die Tribünen sind kaum gefüllt. Jahja Sinwar tritt kurz auf die Bühne, der hiesige Chef der Hamas. Er stemmt ein Kind in die Höhe, es trägt eine Militäruniform und hält ein Spielzeuggewehr umklammert. Sinwar spricht nicht. Aber er zeigt sich in Gaza an jedem Tag seit der Waffenruhe. Das soll Zweifel am Erfolg der israelischen Abschreckung wecken.
„Wir sind alle Opfer, aber wir können nichts sagen“
„Wir haben unserem Feind eine Lehre erteilt“, ruft ein Funktionär. „Wir werden Jerusalem immer verteidigen.“ Auf der Tartanbahn steht Jamal Abu Harb, 29 Jahre alt, der sich von den Worten des Funktionärs beseelt zudröhnen lässt. War der Krieg wirklich ein Erfolg? „In elf Tagen hat es kein israelischer Soldat nach Gaza geschafft, das ist ein Erfolg“, sagt Harb. Er unterstütze diesen Krieg und werde auch den nächsten unterstützen. „Dieser Konflikt ist ein religiöser.“ Deshalb hält er auch vom palästinensischen Präsidenten Mahmud Abbas in Ramallah nichts, der auf Zusammenarbeit mit Israel setzt. „Abbas ist ein Spion für Israel.“ Hamas dagegen habe „so viel erreicht“. Abseits des Stadions auf den Straßen von Gaza ist von dieser Hochstimmung wenig zu spüren. Im Shati-Flüchtlingslager, einem Armenviertel in der Nähe des Strands, sagt ein Familienvater, der Krieg sei für beide Seiten schlecht gewesen. „Wir sind alle Opfer, aber wir können nichts sagen.“ Das oberste Apartment in einem der Häuser gegenüber ist durch einen Präzisionsschlag ausgebrannt und eingesackt, der Rest des Hauses intakt geblieben. Wer hier gewohnt hat, will keiner sagen. Aus Angst, etwas Falsches zu sagen.
Politikprofessor Adnan Abu Amer sagt, Israel habe die Intentionen der Hamas falsch gedeutet. Israel sei davon ausgegangen, dass Sinwar die Lebensbedingungen im Gazastreifen und die eigene Machtposition verbessern wollte. Die Hamas aber entschied sich, die Proteste in Jerusalem auszunutzen, die sich gegen die Zwangsräumungen im Stadtviertel Scheich Jarrah und die Polizeieinsätze um die Al-Aqsa-Moschee im Ramadan richteten. Die Hoffnung der Hamas, durch die palästinensische Wahl ihren Einfluss über den Gazastreifen hinaus auszudehnen und die Blockade so zu überwinden, wurde durch die Absage der Wahl zunichtegemacht. Und anstatt zum für die Hamas und die Menschen im blockierten Gazastreifen kaum tragbaren Status quo zurückzukehren, suchte die Hamas diesen aufzubrechen – bislang vergeblich.
Einfluss gewinnen im Gazastreifen nun andere
Abu Amer sagt, mit den Raketenangriffen sei die Reputation der Hamas in der Region und in der palästinensischen Öffentlichkeit gewachsen. Zudem habe die Hamas die palästinensische Angelegenheit ins Blickfeld der internationalen Politik gerückt. Dass die Hamas Israel nicht anerkennt, macht sie allerdings weiterhin zu einem unmöglichen Verhandlungspartner. Warum erkennt Hamas Israel nicht an? „Es wäre einfach, ja oder nein zu sagen“, antwortet Bassem Naim, ein Sprecher der Islamisten. „Israel muss vorher definiert werden. Wo sind denn die Grenzen von Israel, wo es selbst die Grenzen von 1967 nicht anerkennt und die Annexion verkündet?“, fragt er. „Und wo sind die Garantien, dass wir dafür einen Staat bekommen?“
Hamas sei bereit, ein Palästina in den Grenzen der Waffenstillstandslinie von 1967 zu akzeptieren, sofern das „Recht auf Rückkehr“ der palästinensischen Flüchtlinge gewährleistet wird, behauptet Naim unter Bezug auf ein Hamas-Papier von 2017. Manche wollten daraus eine Annäherung und faktische Anerkennung Israels lesen, viele andere erkannten eine Finte. Die Rückkehr der Palästinaflüchtlinge und deren zahlreichen Nachkommen würde Israels Demographie so verändern, dass Juden dort keine Bevölkerungsmehrheit haben. Und die von antisemitischer Grundierung geprägte Gründungscharta hat die Hamas auch nie für ungültig erklärt.
Am Dienstag versprach der amerikanische Außenminister Antony Blinken bei einem Besuch in der Region Millionenhilfen für die Palästinenser, um einen längerfristigen Waffenstillstand abzusichern und den Wiederaufbau so zu planen, dass die Hamas von der entsprechenden Unterstützung nicht profitiert. Wie das gehen soll, ist aber unklar. Blinken führte auch in Ramallah Gespräche mit Mahmud Abbas, um dessen Autonomiebehörde in irgendeiner Form in Gaza einzubinden, die dort aber über so gut wie keine Macht verfügt.
Einfluss gewinnen dort andere. Mit dem Krieg, sagt Professor Abu Amer, habe die Hamas auch ein Signal an die schiitische Miliz Hizbullah und an Iran gesendet. „Für die ist das auch ein Sieg.“ Iran hat die Hamas und den „Palästinensischen Islamischen Dschihad“ mit vergleichsweise wenig Geld unterstützt, aber Hamas-Militärs ausgebildet und im Raketenbau unterwiesen.
In Az Zawayda, außerhalb von Gaza-Stadt, hat Maen Misjed wenig Verständnis für derlei Zweckbündnisse. „Es ist einfach zu viel, was Hamas und Islamischer Dschihad machen, sie sind verrückt und erreichen nichts“, sagt der Geschäftsmann, der ein Haus in der Salaheddin-Straße besaß, das durch einen Volltreffer völlig zerstört wurde. Wütend ist Misjed vor allem auf die Hamas: „Löst (Hamas-Militärchef) Muhammad Deif unsere Probleme? Kein bisschen.“ Misjed sagt, man müsse die Religion endlich „ein bisschen zur Seite rücken“. Nun wartet er auf internationale Hilfen für den Wiederaufbau seines Hauses, so wie das nach den vorherigen Kriegen auch schon geschah. Ägyptens Machthaber Abd al-Fattah al-Sisi hat fünfhundert Millionen Dollar Hilfsgeld für den Wiederaufbau versprochen. Und schon fährt ein organisierter Autokorso mit ägyptischen Flaggen und dem Konterfei Sisis auf den Heckscheiben durch Gaza.
Neben Misjed steht Ghassan Abu Zajed, der seinen Café-Stand in dem Gebäude verloren hat. Er sagt, er hoffe, dass Israel den Übergang Erez wieder öffnet, damit man in Israel arbeiten könne, so wie früher, als die Hamas noch nicht an der Macht war. „Ich brauche ein Geschenk von der Hamas“, sagt Zajed. Aber wirklich glaubt er nicht daran. „Sie geben nur denen was, die zur Hamas gehören.“ Und von den Hilfsgeldern nehme sich die Hamas stets die Hälfte. „Uns selbst hat der Krieg nichts gebracht.“