MESOP WATCH : WDR beendet Zusammenarbeit mit Nemi El-Hassan nun endgültig – Im Verlauf der Causa El-Hassan hatten sich auch rund 400 Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens in einem offenen Brief mit der Moderatorin solidarisiert.

NZZ – Fatina Keilani, Berlin 03.11.2021 Kaum hatte der WDR die 28-jährige Ärztin Nemi El-Hassan im September als neue Moderatorin der Wissenschaftssendung «Quarks» angekündigt, wurde Kritik an der Personalie laut. El-Hassan hatte Jahre zuvor die antisemitische Al-Kuds-Demonstration in Berlin besucht, und sie hatte auf Twitter und Instagram propalästinensische Beiträge veröffentlicht und israelkritische Likes verteilt.

Nach der öffentlichen Kritik liess der WDR die Zusammenarbeit zunächst ruhen, nun beendet er sie ganz. Die Begründung: Das nötige Vertrauen sei nicht mehr vorhanden. El-Hassan hatte sich am Dienstag mit einem längeren Text in der «Berliner Zeitung» zu Wort gemeldet. Mit diesem zerstörte sie offenbar den letzten Rest Vertrauen des WDR ihr gegenüber. Der Sender erklärte: «Der WDR wird die Zusammenarbeit mit Nemi El-Hassan nach einem Artikel in der ‹Berliner Zeitung› nicht aufnehmen.»

In dem Zeitungsbeitrag stellt sich El-Hassan als Opfer einer gezielten Kampagne zur Demontage ihrer Person dar. Die Kampagne sei speziell von der «Bild»-Zeitung gegen sie geführt worden. Rechtsextreme Internetaktivisten hätten sie initiiert, und «Bild» habe sie dann in die breite Öffentlichkeit getragen.

Sie wirft den «Initiatoren dieser Kampagne» vor, sich bewusst «mit dem Antisemitismusvorwurf» gewappnet zu haben. Ihr Gesicht sei wochenlang «mit personifiziertem Antisemitismus gleichgesetzt worden». Für ihre journalistische Arbeit gebe es klare Qualitätskriterien. Es sei ernüchternd, dass ihre Qualifikation plötzlich keine Rolle mehr gespielt habe.

Auch ihrem Arbeitgeber, dem WDR, macht sie in dem Beitrag Vorwürfe. Der WDR habe sich allen Argumenten der «Bild»-Zeitung angeschlossen, um sich selbst aus der Schusslinie zu nehmen. Einen «ehrlichen Diskurs darüber, wie sich Antisemitismus von israelkritischen Positionen abgrenzen lässt», habe es nicht gegeben.

Wenn man sie für eine Antisemitin halte, warum biete man ihr dann eine Beschäftigung hinter der Kamera als Autorin an? Wenn man sie aber nicht für eine Antisemitin halte, warum werde sie dann gefeuert? El-Hassan schreibt, das sei unehrlich.

Man wirft einander Unehrlichkeit vor

Der WDR wiederum findet, El-Hassan sei unehrlich. Relevante Informationen wie zum Beispiel das Löschen von Likes auf Instagram habe man erst aus den Medien erfahren, dabei sei man mit El-Hassan in ständigem Gespräch gewesen. Dies habe das Vertrauensverhältnis von Anfang an belastet.

El-Hassan kontert, sie bezweifle, dass auch bei anderen WDR-Mitarbeitern überprüft werde, welche Likes sie auf Social Media vergäben. Sie hatte Postings von Jewish Voice for Peace gelikt, die wiederum die Boykottbewegung BDS unterstützen, und sie hatte den Ausbruch von palästinensischen Terroristen aus einem israelischen Gefängnis mit einem Like versehen.

El-Hassan hatte im September zunächst dem «Spiegel» ein Interview gegeben, in dem sie sich für den Besuch der Demonstration im Alter von 20 Jahren entschuldigte und sich insgesamt als geläutert darstellte. In dem Interview sagt sie: «Ich schäme mich für diese Zeit.» Doch mit dem neuen Text in der «Berliner Zeitung» legte sie nach: «Ich bin und bleibe Palästinenserin, ob das der deutschen Öffentlichkeit nun genehm ist oder nicht.» Geboren wurde El-Hassan in Bad Saarow, aufgewachsen ist sie in Bad Freienwalde, also Brandenburg, es folgte das Medizinstudium an der Charité in Berlin – ihre Eltern stammen aus Libanon.