MESOP WATCH „VERBOTEN!“ : TRANSGENDER-TEROR/ Geschlechterdebatte : Was man nicht kritisieren darf
- Uwe Steinhoff 23-11-2021 FAZ – An der Universität Sussex nach jahrelangem Mobbing von anonymen Transgenderaktivisten zurückgetreten: Die Philosophieprofessorin Kathleen Stock
- Eine Gruppe von Wissenschaftlern verlangt von Wissenschaft und Medien im Fall Kathleen Stock ideologischen Konformismus. Wer die Sichtweise der Gender Studies auf das Geschlecht nicht teile, vernichte menschliche Existenzen. Ein Gastbeitrag.
In der aktuellen Ausgabe der Wochenzeitung Die Zeit beklagt eine Gruppe von Wissenschaftlern, „die sich im Kontext der neueren kritischen Theorie“ verortet, unter dem Titel „Wissenschaftsfreiheit, die wir meinen“ die einseitige Darstellung des Falls Kathleen Stock in fast allen deutschsprachigen Medien. Die britische Philosophieprofessorin war an der Universität Sussex nach jahrelangem Mobbing von anonymen Transgenderaktivisten zurückgetreten. Die Polizei hatte erklärt, ihre Sicherheit auf dem Campus nicht mehr gewährleisten zu können.
Die Autoren nutzen den Artikel auch zu einem Angriff auf das Netzwerk Wissenschaftsfreiheit, das sich mit Kathleen Stock solidarisiert hat. Sie werfen ihm „Schlagseite“ vor. „Das Netzwerk solidarisiert sich nicht etwa mit den Academics for Peace, die in der Türkei verfolgt, eingesperrt oder aus dem Land getrieben werden. Auch nicht mit Dozierenden der Genderstudies, denen über soziale Medien Mord und Vergewaltigung angedroht werden.“ Auf der Website des Netzwerks werden unsachliche Angriffe auf die Genderstudies indes ausdrücklich verurteilt.
Irritierenderweise lassen die Autoren selbst wenig Solidarität mit der ebenso bedrohten Stock und ihren genderkritischen Kolleginnen erkennen. Stattdessen unterstellen sie Stock „abwertendes und diffamierendes Verhalten gegenüber Transpersonen, … das Studierende seit langer Zeit dokumentiert haben“, und den Versuch, „dessen Thematisierung in einer Studierendenzeitschrift zu verhindern.“ Es sind die Autoren, die hier diffamieren, denn sie begnügen sich mit dem vagen Hinweis, „diese Vorgänge“ habe „Grace Lavery, Professorin in Berkeley, rekonstruiert“. Die Autoren offerieren nicht einmal einen Link zu dieser „Rekonstruktion“, die lediglich in einem Tweet besteht, in dem nicht weiter belegte Behauptungen aufgestellt werden.
Sie behaupten des Weiteren, Stock verfechte „eine Definition, die einzig darauf zugeschnitten ist, die Existenz von Transpersonen anzugreifen. Das hat reale Folgen für ihre Studierenden. Den Transpersonen unter ihnen wird ihre Geschlechtsidentität abgesprochen und folglich verwehrt, sich überhaupt als sie selbst – geschweige denn gleichberechtigt – an der Seminardiskussion zu beteiligen. Dieser Ausschluss, die ‚Transexklusivität‘, lässt sich nicht als Meinung diskutieren, ohne zur entsprechenden gruppenbezogenen Menschenfeindlichkeit Stellung zu nehmen.“
Tatsächlich ist Stocks Definition wissenschaftlich und folgerichtig darauf ausgerichtet, Wissen zu produzieren, nicht Befindlichkeiten zu befriedigen. Ihr zufolge ist das Geschlecht biologisch gegeben und kann nicht durch bloße Selbstidentifikation gewechselt werden (die Artzugehörigkeit kann ja auch nicht derart gewechselt werden). Dies ist kein Angriff auf die Existenz von Personen, sondern die Zurückweisung einer These. Selbst wenn ein Seminarteilnehmer diese These für wahr hält und auf sich anwendet, hat er kein Recht darauf, dass andere ihm nicht widersprechen. In wissenschaftlichen Seminaren sind Thesen und Theorien kritisch zu diskutieren, nicht Selbstbilder zu bestätigen. Solcher Widerspruch schließt im Übrigen die gleichberechtigte Teilnahme am Seminar nicht aus. Wer aber umgekehrt solchen Widerspruch nicht aushalten kann oder Studenten nicht zumuten will, ist an einer Universität fehl am Platze.
In Übrigen ist das Netzwerk Wissenschaftsfreiheit weder eine Strafverfolgungsbehörde noch ein außenpolitischer Akteur. Es setzt seine Ressourcen und Energien bei der Verteidigung der Wissenschaftsfreiheit gemäß der eigenen Umstände und Expertise ein, vor allem zur Bekämpfung des Einflusses außer- und inneruniversitärer Kräfte, denen Wissenschaft als ergebnisoffenes, methodisches und logisches Streben nach der Wahrheit (oder zumindest den besten Erklärungen) nicht genehm ist, da sie sich unter dem Einfluss von Ideologien und Moralismus bereits im Besitz derselben wähnen.
Keine automatische „robustere Objektivität“
Das gilt offenbar auch für die Autoren. So haben sie zwar durchaus recht, wenn sie erklären, Wissenschaftsfreiheit meine nicht „die Freiheit, die eigenen Forschungsergebnisse als letzte Wahrheiten präsentieren zu dürfen, ohne mit Kritik rechnen zu müssen”, oder „unliebsame Positionen aus der Wissenschaft ausbürgern zu dürfen, um die eigene Deutungshoheit zu sichern“. Allerdings ist genau dies ihre eigene sowie die Vorgehensweise von „kritischer Rassismusforschung und Genderstudies“. Kritik an einem nichtbiologischen Geschlechtsverständnis wollen sie offensichtlich sehr wohl aus der Wissenschaft ausbürgern, und zwar aus unwissenschaftlichen Gründen. Denn derweil sie dem Netzwerk fälschlich vorwerfen, „die Tatsache, dass bestimmte Positionen kritisiert werden, als Angriff auf die Meinungs- und Wissenschaftsfreiheit” zu werten, dramatisieren sie die Kritik an einer These der Genderstudies als Angriff auf die Existenz von Menschen.
Kritische Rassismusforschung und Genderstudies wiederum setzen dogmatisch ein „weißes Patriarchat“ einfach voraus, ohne für dessen Existenz die geringsten empirischen Belege anzuführen. Der bequeme Verweis darauf, dass bestimmte Personengruppen in bestimmten Berufen oder Positionen „unterrepräsentiert“ seien, ist unzureichend, denn diese „Unterrepräsentation“ könnte statt durch Diskriminierung ja auch durch mangelnde Qualifikation oder mangelndes Interesse erklärt werden. Welches die richtige Erklärung ist, kann nur durch empirische Studien gezeigt werde. Solche Studien gibt es, und sie widerlegen die These. Nur beispielhaft sei hier Thomas Sowells Buch „Discrimination and Disparities“ (2019) erwähnt.
Sowenig fehlende Parität automatisch Diskriminierung belegt, so wenig erzeugen umgekehrt „die Einbeziehung marginalisierter Positionen“ und „[p]luralere Perspektiven“ automatisch „eine robustere Objektivität“. Die Objektivität einer wissenschaftlichen Theorie bemisst sich nicht an der paritätischen Besetzung des Forscherteams, das sie formuliert hat, sondern an ihrem methodisch prüfbaren Erklärungswert. In diese Methodik darf nicht politisch, moralistisch oder ideologisch eingegriffen werden, um für gewisse Kreise womöglich unangenehme Ergebnisse auszuschließen und angenehme zu präjudizieren. Dies ist die Wissenschaftsfreiheit, die wir meinen.
Uwe Steinhoff ist Professor für Politische Theorie an der Universität Hongkong und Mitglied des Netzwerks Wissenschaftsfreiheit.