MESOP WATCH OPINION: „WHO OWNS CULTURE?“ UNDER THE PRIDE FLAG
Rassistischer Reis – Von der Wiedergeburt völkischen Denkens aus dem Geiste des Antirassismus. – Von Mathias Brodkorb
Da dürfte der britische Starkoch Jamie Oliver nicht schlecht gestaunt haben: Im Jahre 2018 ließ sich die britische Labour-Abgeordnete und Schattenministerin Jeremy Corbyns, Dawn Butler, zu einem Tweet hinreißen, der Oliver in die Nähe eines rassistischen Vorgangs rückte. Stein des Anstoßes war ein Fertiggericht aus dem Hause „Oliver“ mit dem Namen „Punchy Jerk Rice“.
Jerk ist eine fruchtige jamaikanische Würzmischung und wird traditionell als Marinade für jamaikanische Fleischgerichte verwendet. Jamie Oliver nutzte sie stattdessen, um ein Reisgericht zu veredeln — und schon saß Butler, deren Eltern von Jamaika stammen, auf der Palme.
„Ihr Jerk-Reis ist nicht in Ordnung. Diese Aneignung jamaikanischer Kultur muss aufhören“, ließ Butler den Starkoch via Twitter wissen. Die Logik dahinter: Da Oliver selbst kein Jamaikaner sei, habe er nicht das Recht, ein jamaikanisches Gewürz zu nutzen, wie er es wolle. Das sei der Übergriff eines weißen Mannes in die heiligen Gefilde der jamaikanischen Ureinwohner, also ein kulturimperialistischer Akt.
Ob er als Brite einfach so Olivenöl benutzen darf? Starkoch Jamie Oliver sah sich mit dem Vorwurf kultureller Aneignung konfrontiert.
„Kulturelle Aneignung“ (cultural appropriation) ist nicht erst seit diesem Vorfall der neueste Schrei der antirassistischen Community. Mittlerweile werden selbst kleine Kinder zu Opfern dieser Ideologie. Einen Vorgeschmack auf eine mögliche neue Zukunft lieferte im Jahre 2019 eine Hamburger Kita, die in einem Brief an die Eltern für den Kinderfasching „vorurteilsfreie Kostüme“ anmahnte. Insbesondere sollte auf Indianerkostüme oder das „blackfacing“ verzichtet werden. Bayerns Ministerpräsident Söder dürfte vielen aus der Seele gesprochen haben, als er seinerzeit kopfschüttelnd spöttelte: „Wenn die Welt wüsste, über welchen Quatsch wir streiten, hätte sie keine Angst (…) mehr vor uns.“
Eine stets adrett gekleidete amerikanische Professorin für Moderecht dürfte uns diesen ganzen Schlamassel eingebrockt haben. Im Jahr 2005 veröffentlichte Susan Scafidi das in manchen Kreisen inzwischen als Kultbuch gefeierte „Who owns culture?“. Die gebundene Erstausgabe wurde erst kürzlich auf Amazon als identitätspolitische Kapitalanlage für rund 1500 US-Dollar gehandelt.
Die Gemeinschaft als schöpferisches Genie
Scafidi entdeckt in den Eigentumsrechten eine Leerstelle namens „kulturelle Produkte“ (cultural products). Gemeint ist damit jene Gruppe von Kulturleistungen, aus denen die Unesco seit einigen Jahren ihr „immaterielles Kulturerbe“ (intangible cultural heritage) fischt. Es geht um Handwerkskünste, Kleidungsstile, kulinarische Traditionen, Tanz, Sport und Körperkulturen — oder um Jerk, eine jamaikanische Marinade. Mit welchem Recht darf sich der Nichtjamaikaner Jamie Oliver ohne Einverständnis der ursprünglichen Kulturgemeinschaft (source community) eigentlich der kulturellen jamaikanischen Traditionen bemächtigen, ihre Authentizität durch Anverwandlung beschädigen und von diesem Akt auch noch ökonomisch profitieren? Ungefähr so lauten die Fragestellungen von Susan Scafidi, übertragen auf den Fall Jamie Oliver. Es geht sowohl um ungerechtfertigte Zufallsgewinne kultureller Imperialisten wie um die Beschädigung der Integrität und Authentizität der instrumentalisierten Kulturbestände.
Ihre Eltern stammen aus Jamaika: Dawn Butler bestand darauf, dass Jerky eine Fleischmarinade und kein Würzmittel für Reis ist.
Die gesamte Argumentation Scafidis basiert auf der Überzeugung, dass schon dem Träger eines „kulturellen Produktes“ ähnliche Ansprüche auf die wirtschaftliche Vernutzung und öffentliche Anerkennung zustehen wie dem Schöpfer herkömmlichen geistigen Eigentums. So, wie dem Genie als dem Schöpfer eines genialen Werkes alle daraus resultierenden wirtschaftlichen wie symbolischen Gratifikationen zufließen, müsste es demnach auch bei den Ursprungsgemeinschaften aufgrund einer „Autorenschaft der Gruppe“ sein. Scafidi ist somit nicht gegen jede Form kultureller Aneignung. Aber ohne Zustimmung der Ursprungsgemeinschaft rücke sie in den Bereich des „Diebstahls“. Besonders problematisch scheint es ihr, wenn dieser Diebstahl den Bereich eines „heiligen Kulturproduktes“ einer Ursprungsgemeinschaft berührt.
„Authentische“ Jamaikaner, die heute Jerk herstellen oder nutzen, sind aber nicht in erster Linie Schöpfer kultureller Produkte, sondern deren bloße Anwender. Den Unterschied zwischen Schöpfer und Anwender will Scafidi mit einem Griff in die Mottenkiste der „Eigentlichkeit“ (Martin Heidegger) aus der Welt schaffen. Kulturelle Güter sind für sie nämlich nur als Verkörperungen des „Geistes eines Volkes oder einer Epoche“ bedeutsam. Es ist der wortwörtliche „Volksgeist“, aus dem sich für sie letztlich die Substanz immaterieller kultureller Güter speist: „Im Falle von Kulturprodukten und kulturellem Eigentum ist das immaterielle Gut der Volksgeist (im Original auf Deutsch, d. A.) oder das Selbstbild einer bestimmten Gemeinschaft.“ Nicht also das kulturelle Gut selbst, sondern der ihm von der Kulturgemeinschaft zugemessene Wert ist das eigentlich Bedeutsame. Indem der Akt der Bedeutungszumessung mit der Schöpfung kultureller Güter verschmilzt, wird jeder bloße Kulturanwender zum Quasi-Schöpfer mit eigentumsrechtlichen Ansprüchen. Nicht um die eigentliche kulturelle Schöpfung ist es ihr zu tun, sondern um den bloßen Willensakt der Bedeutungszumessung. Er gliedert das Kulturgut in die Substanz des Volksgeistes ein.
Eingliederung in den „Volksgeist“
Und von dieser Eingliederung in den „Volksgeist“ hängt am Ende bei Scafidi alles ab. Wer denselben „Volksgeist“ verkörpert, kann nämlich eine Währung ganz anderer Art ins Spiel bringen, die „authenticity“. Mehr als einhundert Mal beschwört Scafidi in ihrem Buch die „Authentizität“ der Kultur. Das kann man gar nichts anderes als so verstehen, dass nur der „eigentliche“ Träger einer Kultur überhaupt in der Lage ist, den Sinn eines Kulturgutes zu erfassen und dessen Ort im geistigen Horizont der Ursprungsgemeinschaft zu bestimmen. Anwender wie Schöpfer verfügen somit über ein und dieselbe Ressource, nämlich „Authentizität“, und diese wiederum wurzelt im gemeinsamen „Volksgeist“.
Nun ließen sich an Scafidis Theorie zahlreiche Widersprüche diskutieren, zum Beispiel dass sie sich ganz ungeniert und ungefragt das Denken Martin Heideggers kulturell aneignet. Dies müssen wir uns hier aber versagen. Wirklich bemerkenswert ist das Folgende: Genau genommen kannten schon die Nationalsozialisten das Konzept der „kulturellen Aneignung“. Sie versteckten es bloß hinter dem Konzept der „jüdischen Mimikry“. Es war ja gerade einer der Kernvorwürfe der Nazis gegenüber den Juden, dass diese sich mittels äußerlicher Nachahmung ihrem „Wirtsvolk“ anpassten, um so in dessen Inneren unerkannt ihr Unwesen treiben zu können. Aber das ging am Ende nicht ohne Übernahme, ohne Aneignung angeblich „arischer“ Kulturbestände. Adolf Hitler hatte für genau diese Schlussfolgerung ein besonders feines Gespür: „Was es (das Judentum, M. B.) auf dem Gebiete der Kunst leistet, ist entweder Verballhornung oder geistiger Diebstahl.“ Der Jude sei bloß „Nachäffer“ und „nicht der geniale Gestalter“. Die Anverwandlung des Juden an den Arier bleibt für ihn daher rein äußerlich und unecht. Den Grund hierfür liefert Hitlers Haus- und Hofphilosoph Alfred Rosenberg: „Kunst ist immer die Schöpfung eines bestimmten Blutes, und das formgebundene Wesen einer Kunst wird nur von den Geschöpfen des gleichen Blutes wirklich verstanden (…).“ Auch der Nationalsozialist Rosenberg zahlte seine Begründungen in der Währung der Authentizität.
Freilich wäre es infam, Scafidi inhaltlich ähnliche Ambitionen zu unterstellen wie Hitler und Rosenberg. Auf einer strukturellen Ebene jedoch sind die Parallelen bis hinein in die Begrifflichkeiten so verblüffend, dass sie zu intellektueller Unruhe Anlass geben könnten: Nicht nur wird ausdrücklich von „Diebstahl“ gesprochen. Entscheidender ist, dass in beiden Fällen in den Volkskörpern oder Kulturen eine quasimetaphysische Substanz schlummern soll, die das Ganze zusammenhält: Volksgeist hier, Blut und Rasse dort. Dies ist der entscheidende Akt, der zugleich den Fremden als Nichtzugehörigen fabriziert. Allerdings wäre Hitlers Ideologie strukturell durch nichts entschärft, wenn man in seinem gesamten Œuvre die Worte „Blut“ und „Rasse“ durch „Volksgeist“ ersetzte. Den Menschen nicht als Individuum, sondern als einen bloßen Tropfen Wassers in einem Meer zu begreifen, der seine Richtung ausschließlich vom Ganzen erhält, ist das formale Fundament jeden völkischen Denkens, komme es nun von links oder rechts, sei es kulturalistisch oder biologistisch.
Hautfarbe ist kein kulturelles Produkt
Bei Scafidi fällt es schwer, überhaupt noch zwischen Kultur und Biologie zu unterscheiden. Im Jahr 2018 stand sie dem US-amerikanischen Fernsehsender CBSN für ein Interview zum Thema „blackfacing“ als illegitimer kultureller Aneignung zur Verfügung. Bereits diese Versuchsanordnung ist absurd, da die Hautfarbe kein kulturelles Produkt ist. Die Brücke zwischen Kultur und Biologie schlägt Scafidi wiederum mit dem „Volksgeist“: Weil das „blackfacing“ in den Vereinigten Staaten in eine Kulturgeschichte der Verhöhnung und Diskriminierung Schwarzer eingebettet sei, könne auch die Hautfarbe Gegenstand einer illegitimen kulturellen Aneignung werden. Damit ist die Konfusion perfekt. Auf den Hinweis des farbigen Moderators, dass er als Kind Bruce Lee imitiert habe und keiner deshalb auf die Idee gekommen sei, ihn zu kritisieren, macht Scafidi den entscheidenden Punkt: Sein Glück sei es eben gewesen, dass er nicht die Hautfarbe des Asiaten kopiert habe. Im Namen des Humanismus machen „Rasse“ und Hautfarbe auch mehr als siebzig Jahre nach dem Zweiten Weltkrieg noch immer einen Unterschied.
Im Zentrum steht der „Volksgeist“: NPD-Chef Frank Franz sieht viele Gemeinsamkeiten zwischen seinem Weltbild und dem Scarfidis. dpa
Mit einer Entscheidung aus dem Jahr 2017 wird der NPD seitens des Bundesverfassungsgerichtes ganz offiziell eine „Wesensverwandtschaft mit dem Nationalsozialismus“ attestiert. Mit dem „Hitlerismus“, der Abwertung anderer Völker, wolle er allerdings nichts zu tun haben, sagt der aktuelle Bundesvorsitzende der NPD im Gespräch mit dieser Zeitung. Frank Franz ist Anfang 40, steht seiner Partei seit dem Jahre 2014 vor und kandidierte bei der Landtagswahl in Mecklenburg-Vorpommern als Spitzenkandidat. Eigentlich wollte er sie modernisieren, etwas ganz „Neues“ schaffen. Dann kamen ihm und seinen Anhängern die AfD und die Flüchtlingskrise dazwischen.
Er bekenne sich zu einem gleichberechtigten Miteinander aller Völker auf ihren angestammten Territorien, also zum sogenannten „Ethnopluralismus“, betont Franz. Dass Scafidis Theorien in diese Ideenfamilie gehören, ist für ihn völlig klar: „Die Gemeinsamkeit zwischen ihrem und meinem Denken besteht vor allem darin, dass wir beide von einem ‚Volksgeist‘, einer ‚Volksseele‘ ausgehen, von der ausgehend sich das Selbstverständnis und die kulturelle Gestalt eines Volkes erklären lassen. Sie ist sozusagen der Urquell der Identität des Volkes, sein Sinnhorizont.“ Nur, wer diesen „Volksgeist“ in sich trage, könne die Kultur eines Volkes auch „wirklich verstehen, sie leben, sie angemessen weiterentwickeln, sie authentisch verkörpern“, ist Franz überzeugt.
Antirassismus, ein „Double“ des Neorassismus?
Der smarte NPD-Bundesvorsitzende, der im Internet auch gerne wie ein männliches Model posiert, stimmt Scafidi allerdings nicht in allen Punkten zu. Kindern verbieten zu wollen, sich als Indianer zu verkleiden, hält er für „lächerlich“. Der Wunsch der Kinder sei doch eher Ausdruck der Wertschätzung für die Indianer. Was daran beleidigend sein soll, könne er nicht verstehen. Mit dem Begriff des „kulturellen Diebstahls“ kann Franz daher wenig anfangen. Mit einer Ausnahme: Hätten kulturelle Güter und Traditionen für eine Kulturgemeinschaft eine „heilige“ Bedeutung und würde deren Übernahme einer „Entweihung“ dieser Kulturbestände gleichkommen, sollte man das „schon aus Gründen des Anstandes unterlassen. Das folgt aus meiner ethnopluralistischen Überzeugung, dass sich die unterschiedlichen Völker und Kulturen mit gegenseitigem Respekt voreinander begegnen sollten“, so Franz. Jedenfalls in diesem Punkt sind sich Franz und Scafidi völlig einig.
Schon vor mehr als dreißig Jahren warnte der französische Philosoph Pierre-André Taguieff davor, dass sich der postmoderne Antirassismus am Ende als bloßes „Double“ des postmodernen Neorassismus entpuppen könnte. Beiden gemeinsam ist die kulturalistisch motivierte Zerstörung der Idee einer universalen Menschheit, wie sie nicht ohne Grund am 10. Dezember 1948 durch die Vereinten Nationen mit der „Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte“ proklamiert wurde. Es handelte sich um eine unmittelbare Reaktion der Weltgemeinschaft auf die durch die Nationalsozialisten herbeigeführte Aufspaltung der Menschheit in voneinander geschiedene Teil-Menschheiten. Folgt man hingegen der Kritik der „cultural appropriation“, ist es damit vorbei.
Die teils aufgeregt geführte Debatte über angeblich illegitime Formen kultureller Aneignung ist daher ein verstörender Tatbestand. Genau genommen ist die Fähigkeit zu kultureller Aneignung genau das, was den Menschen von allen anderen Tieren unterscheidet und galt zu Zeiten der Aufklärung einmal als Glücksfall. Das „nicht festgestellte Tier“ (Arnold Gehlen) bedarf des Lernens vom Mitmenschen, des Einübens von Normen und Verhaltensweisen, der Aneignung bisher hervorgebrachter Kulturbestände, um sich in der Welt überhaupt zurechtfinden und auf dieser Grundlage an der Welt weiterarbeiten zu können.
Und dies alles ist nicht zu haben ohne das Nachahmen und Kopieren bereits bestehender Kulturleistungen. Früher nannten wir „kulturelle Aneignung“ daher aus gutem Grund einmal schlicht „Bildung“. Der politischen Linken galt dabei der nationale Horizont schon vor Jahrzehnten als völlig unzureichend. Das Konzept der „interkulturellen Bildung“ sollte die Globalisierung geistig unterfüttern und nicht nur einen Beitrag zur Völkerverständigung, sondern zugleich zum Gelingen multikultureller Gesellschaften leisten. Von diesem humanistischen Anspruch scheint indes nicht mehr viel übrig zu sein. Nicht einmal dann, wenn es bloß um kulinarische Genüsse geht.
Mathias Brodkorb war Kultus- und Finanzminister in Mecklenburg-Vorpommern.