MESOP WATCH NEWS : Zwischen Flirt & Furcht: Iraner uneins über Umgang mit den Taliban

Teheran freut sich zwar über den Abzug der Amerikaner aus Afghanistan, doch an einer Destabilisierung des Nachbarlandes hat die Führung kein Interesse. Wie mit den Taliban umgegangen werden soll, wird in Iran kontrovers diskutiert.

Ulrich von Schwerin  8.08.2021, NEUE ZÜRCHER ZEITUNG

 

Iran beobachtet die Kämpfe der afghanischen Armee und der Taliban um die Grossstadt Herat mit Sorge.

Der Vormarsch der Taliban in Afghanistan wird in Iran mit wachsender Unruhe verfolgt. Auch wenn längst nicht ausgemacht ist, dass die sunnitischen Rebellen in Kürze die Macht in Kabul übernehmen, ist unbestreitbar, dass sie derzeit Erfolg an Erfolg reihen. Besonders mit Besorgnis wurde in Teheran registriert, dass die Taliban Anfang Juli zwei wichtige iranisch-afghanische Grenzübergänge unter ihre Kontrolle brachten. Aufmerksam verfolgt wurde auch, dass am Freitag mit Zaranj erstmals eine Provinzhauptstadt an die Taliban fiel.

Da auch andere Städte wie Lashkar Gah, Kandahar und Herat stark umkämpft sind, rief die iranische Regierung ihre Staatsbürger Anfang August auf, Afghanistan zu verlassen. Wer ausserhalb der Hauptstadt Kabul lebe oder arbeite, dem empfahl sie die Ausreise. Von Reisen nach Afghanistan riet das Aussenministerium in Teheran grundsätzlich ab. Schon in den Wochen zuvor hatte Iran seine Truppen an der Grenze verstärkt, um auf alle Eventualitäten vorbereitet zu sein.

Besondere Sorge bereitete, dass Ende Juli Taliban-Kämpfer bis in die Vororte von Herat vordrangen. Nach der Entsendung von Eliteeinheiten und dem Einsatz von Kampfjets drängten die afghanische Armee und die Milizen des Kriegsherren Ismail Khan, der bereits vor 2001 gegen die Taliban gekämpft hatte, deren Truppen zurück. Die Lage bleibt aber prekär in der 550 000-Einwohner-Stadt, die Irans Tor zu Afghanistan ist und nur gut 120 Kilometer von der Grenze entfernt liegt.

 

 

Iran hat viel zu verlieren

Im Fall einer Einnahme der Stadt durch die Taliban muss Teheran befürchten, dass Zehntausende von Afghanen nach Iran fliehen. Iran hat eine 950 Kilometer lange Grenze zu Afghanistan, die nur schwer zu sichern ist. Besonders mit den ethnischen Tadschiken und Hazara im Norden gibt es enge kulturelle und sprachliche Verbindungen. Schon heute sind gut 750 000 afghanische Flüchtlinge in Iran registriert. Bis zu zwei Millionen weitere Afghanen leben illegal im Land.

Eine Destabilisierung Afghanistans würde auch den Handel mit Iran treffen, dessen Exporte in das Nachbarland in den vergangenen Jahren stetig gestiegen waren. Zudem drohte eine Zunahme des Drogenschmuggels, den die Revolutionswächter seit Jahren vergeblich einzudämmen suchen. Die Schwemme an billigem Opium und Heroin aus Afghanistan hat zu einer starken Zunahme der Drogenabhängigkeit in Iran geführt – mit verheerenden sozialen Folgen.

Kompliziertes Verhältnis

Während der Abzug der Amerikaner und ihrer Verbündeten aus Afghanistan in Teheran allgemein begrüsst wurde, löst die Frage des Umgangs mit den Taliban heftige Debatten aus. Irans Verhältnis zu der mehrheitlich paschtunischen Rebellenbewegung ist seit je kompliziert. Die sunnitischen Islamisten betrachten Schiiten als Ungläubige und haben während ihrer Herrschaft in Kabul von 1996 bis 2001 die schiitische Minderheit der Hazara brutal verfolgt.

Die Ermordung von elf iranischen Diplomaten und Journalisten durch die Taliban in der nordafghanischen Grossstadt Mazar-e Sharif 1998 brachte Iran gar an den Rand eines Krieges mit den Extremisten. Über Jahre unterstützte Teheran die schiitischen Hazara im Kampf gegen die Taliban. Als die USA nach den Attentaten des 11. September 2001 aufseiten der Nordallianz in Afghanistan intervenierten, unterstützte Iran diskret den Militäreinsatz seines Erzfeindes.

Iran fürchtet eine neue Massenflucht. Schon jetzt haben die Kämpfe um Herat, Kandahar und Lashkar Gah viele Zivilisten zur Flucht gezwungen.

In den vergangenen Jahren haben amerikanische und afghanische Regierungsvertreter Iran aber wiederholt vorgeworfen, die Taliban mit Waffen zu versorgen. Eindeutig bewiesen ist das nicht. Es ist nicht auszuschliessen, dass die Revolutionswächter die Taliban punktuell im Kampf gegen die Amerikaner und ihre westlichen Verbündeten unterstützt haben. Von einem Bündnis Teherans mit den Taliban kann aber keine Rede sein. Das Verhältnis bleibt angespannt.

Versuchter Flirt mit den Taliban

Nun, da die Amerikaner abziehen und die Taliban immer mehr Bezirke in ihre Gewalt bringen, stellt sich den Iranern verstärkt die Frage, wie sie sich positionieren sollen. Im Moment scheint sich die Führung in Teheran alle Türen offen halten zu wollen. Nachdem Aussenminister Javad Zarif im Januar eine Delegation der Taliban in Teheran empfangen hatte, lud er Anfang Juli sowohl Vertreter der Rebellen als auch der Regierung zu Gesprächen in die iranische Hauptstadt ein.

Für Diskussion sorgte Ende Juni ein Artikel der iranischen Zeitung «Kayhan», die Revolutionsführer Ayatollah Ali Khamenei untersteht. Darin argumentierte das Blatt, die Taliban hätten sich seit 2001 verändert und seien nicht länger Extremisten, die Leute enthaupteten. Andere Medien aus dem Umfeld der Revolutionswächter legten nach und versicherten, die Taliban seien keine Gefahr mehr für die schiitische Minderheit oder ausländische Diplomaten.

Dieser versuchte Flirt mit den Taliban stiess aber umgehend auf wütenden Widerspruch im schiitischen Klerus und bei früheren iranischen Diplomaten. So mahnte der konservative Grossayatollah Lotfollah Safi Golpayegani, es wäre ein «grosser, irreparabler Fehler», den Taliban zu vertrauen. Der reformorientierte Grossayatollah Asadollah Bayat-Zanjani bezeichnete die Taliban als «radikale Terrorgruppe» und verglich sie mit dem Islamischen Staat (IS).

Vorsichtige Zurückhaltung

Auch der frühere iranische Diplomat Ali Khorram warnte davor, die Gefahren einer Machtübernahme der Taliban in Afghanistan für die nationale Sicherheit Irans zu unterschätzen. Die Extremisten hätten die afghanischen Frauen in die Steinzeit zurückgeworfen und die Rechte des afghanischen Volks verletzt, schrieb Khorram in der Zeitung «Arman». Für Iran sei die liberale Regierung von Präsident Ashraf Ghani tausendmal besser als eine radikale Taliban-Regierung.

Nachdem die Taliban Mitte Juli den Grenzübergang Islam Kala an der Strasse nach Herat übernommen hatten, schwenkte auch «Kayhan» um. Die Taliban seien eine Bedrohung für die Schiiten und Irans Grenzen, schrieb die Zeitung, die nur Wochen zuvor betont hatte, wie sehr sich die Rebellen gemässigt hätten. Vorerst scheint Teheran abwarten zu wollen. Auch der Hardliner Ebrahim Raisi, der am Donnerstag das Präsidentenamt übernahm, dürfte an dem vorsichtigen Kurs festhalten und erst einmal schauen, wie sich die Lage in Afghanistan entwickelt.

Iran und die afghanischen Schiiten

uvs. Der mehrheitlich schiitische Iran unterhält seit Jahrzehnten enge politische und religiöse Beziehungen zu den Schiiten in Afghanistan. In den 1980ern unterstützten die Revolutionswächter eine Allianz schiitischer Parteien im Kampf gegen die sowjetischen Besatzer mit Waffen, Ausbildern und Beratern. Auch während des Bürgerkriegs in den 1990er Jahren und nach der Machtübernahme der Taliban hielt Teheran die Waffenhilfe aufrecht. Nach Beginn des Bürgerkriegs in Syrien 2011 rekrutierten die Revolutionswächter unter den afghanischen Flüchtlingen in Iran Tausende schiitische Hazara für die Fatemiyun-Brigade. Diese Söldnertruppe kämpfte über Jahre aufseiten des syrischen Machthabers Bashar al-Asad gegen die Opposition. Es wird nun spekuliert, dass Teheran die schiitische Miliz nach Afghanistan entsendet, um dort gegen die Taliban zu kämpfen und Irans Interessen zu verteidigen.