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«Natürlich hat Lukaschenko seine Sünden, aber sollen wir deshalb die Flüchtlinge in den Wäldern sterben lassen?»

Der polnische Staat setzt an der Grenze zu Weissrussland auf Repression. Das Elend der Flüchtlinge in den Wäldern lindern vor allem Freiwillige. Es herrschen Spannung und Sprachlosigkeit – mit Momenten der widerwilligen Kooperation. Ivo Mijnssen, Swinoroje (Text), Kasia Strek NEUE ZÜRCHER ZEITUNG  15-11-2021

Ein kleiner Punkt auf dem Handy des Fahrers zeigt die Stelle. Der Geländewagen der Organisation Ärzte an der Grenze kommt auf einer Forststrasse einige Kilometer nördlich des Dorfes Swinoroje zu stehen, gleich hinter der Ambulanz. Die Ärztin Maga Szczepanska, drei Mediziner und vier Journalisten steigen aus und verschwinden im nächtlichen Wald. Ein Pfiff ertönt. «Doctor?», tönt es aus der Dunkelheit. «Doctor!», ruft einer zurück. Dann hören wir das Stöhnen.

Auf einer kleinen Lichtung liegen und sitzen an diesem Freitagabend zehn Personen: die Familie Hussein mit fünf Kindern und ihre drei männlichen Begleiter. Awin, die Mutter, ist nicht ansprechbar. Szczepanska untersucht sie. Die Körpertemperatur liegt bei 28,6 Grad, der Bauch der Frau ist aufgedunsen. «Ihre Kleider sind durchnässt», stellt Szczepanska fest, «wir müssen sie aufwärmen». Sie habe Brackwasser getrunken, erklärt einer der Begleiter auf Deutsch. Die Gruppe sei seit etwa zwei Wochen im sumpfigen Gebiet des Urwalds von Bialowieza unterwegs. Genau kann es keiner sagen.

Die Grenzwache kommt

Die Mutter aus dem kurdischen Teilstaat im Nordirak erhält eine Infusion und wird in eine thermische Decke gewickelt. Sie muss nun rasch in ein Spital. «Noch zwei Stunden länger auf dem Waldboden, und sie wäre gestorben», wird Szczepanska später diagnostizieren. Plötzlich ist auf der Strasse von weitem Blaulicht zu sehen. «Die Grenzwache kommt», warnt jemand über Funk. Sie haben die Ambulanz gesehen.

Alle machen sich instinktiv kleiner, als der Schein der Taschenlampen zwischen den Bäumen am Rand der drei Kilometer breiten Grenzzone hindurchzuckt. Doch die Schreie von Awin Hussein sind nicht zu überhören. Nach wenigen Minuten stehen die Beamten vor der Gruppe. «Die Grenzschützer machen klar, dass die Gruppe nun getrennt wird. Die Kinder beginnen laut zu weinen, halten verzweifelt an der Mutter fest und rufen: «Wir werden sie nie wiedersehen!» Inmitten des Lärms beginnt der Vater Harman Hussein mit den Fäusten sein Gesicht zu traktieren. Dann packt er einen Stecken und versucht sich diesen in den Bauch zu rammen, bevor ihn seine Begleiter zu Boden ringen.

Sie bringen die Kinder schliesslich dazu, von ihrer Mutter abzulassen. Grenzschützer und Helfer bringen die Frau auf einer Trage zur Strasse. Dort werden die drei Männer, die nicht zur Familie gehören, auf einen Militärlastwagen geladen. «No Belarus, no Belarus!», rufen sie, bevor er abfährt. Der Vater und die Kinder werden separat abgeführt, nicht wissend, ob sie umgehend nach Weissrussland zurückgeschafft werden oder vorläufig in Polen bleiben können.

Belagertes Flüchtlingszentrum

Solche Dramen sind zwar seltener geworden auf der polnischen Seite der Grenze, seit diese durch ein Grossaufgebot von inzwischen 21 000 Sicherheitskräften nahezu undurchlässig wurde. Wie viele Menschen im Niemandsland zwischen Polen und Weissrussland feststecken, weiss aber niemand, es gibt keine unabhängige Berichterstattung und praktisch keine nichtstaatlichen Akteure. Was dort passiert, erfährt man nur aus den Erzählungen einiger Bewohner – und von den Migrantinnen und Migranten.

Einige Dutzend von ihnen sind in einem Flüchtlingslager im regionalen Zentrum Bialystok untergebracht, 50 Kilometer von der Grenze entfernt. Die Baracke ist simpel: Zimmer, ein Raum für die Kleiderwäsche, eine Küche, ein Garten, der im Herbst sein Grün verloren hat. Im Gegensatz zum staatlichen Lager, das Presseanfragen ignoriert, sind Besuche von Journalisten hier möglich. Allerdings herrscht ein derartiger Ansturm von Journalisten, dass die private Betreiberin aus Rücksicht auf die Migranten die Medien zeitweise hinauswirft.

Die meisten Flüchtlinge sind hier, weil sie auf der Flucht verletzt wurden oder erkrankten. Auch Naziek Hussein Nori, die auf Anordnung des Leiters nur im Garten mit uns reden darf, verbrachte sechs Tage im Spital, nachdem sie verunreinigtes Wasser getrunken hatte. Die 25-Jährige sitzt in Schlarpen, Trainerhosen, einem dünnen Wollpullover und Kopftuch in der Kälte. Körperlich hat sie sich erholt, doch sie ist deprimiert: «Ich will zu meinem Mann!»

Die 25-jährige Naziek Hussein Nori hofft im Flüchtlingslager von Bialystok auf ein Wiedersehen mit ihrem Mann.

Nori zeigt auf ihrem Handy Fotos der beiden von Anfang Oktober aus Istanbul. Seit einem Jahr sind sie verheiratet, und sie wollen zu ihrem Bruder nach Berlin. Beide haben Finanzwissenschaften studiert, doch in Kurdistan gebe es keine Jobs. «Ich habe auch meine Träume», sagt die zierliche Frau. In den Medien habe es geheissen, der Weg nach Europa sei leicht: ein Flug nach Minsk, Transport an die Grenze, ein kurzer Marsch über die Grenze, wo ein Auto warte. «Aber alles war eine Lüge.»

Im BH versteckt

Das Ehepaar verbrachte zwölf Tage in Minsk und wurde dann tatsächlich im Mercedes an die Grenze gefahren. Doch statt zwei Stunden dauerte der Grenzübertritt fünf Tage. Wie andere Migranten erzählt Nori von einer Mischung aus schlepperartigen Unterstützungsdiensten, Schikanen und Misshandlungen durch die Weissrussen.

Die Beamten treiben die Migranten zur Grenze und durchschneiden für sie teilweise sogar den Zaun. In der Nacht auf Samstag blendeten sie die Polen mit Lasern und Stroboskoplichtern, um Hunderten Migranten den Übertritt zu ermöglichen – vergeblich. Jene Asylsuchenden, die zögern, werden mit Elektroschocks traktiert und geschlagen, so auch Noris Mann. Die Weissrussen nahmen ihnen das Essen weg und ihm sein Handy. «Meines habe ich im BH versteckt, da schauten sie nicht», erzählt sie und lächelt einen kurzen Moment lang.

Naziek Nori und ihr Mann schafften es nach Polen, wo sie in einem Dorf wie vereinbart den Kleinlaster trafen, der sie in Richtung Deutschland brachte. Doch nahe der Grenze fing sie eine Patrouille ab, die beiden wurden getrennt. Ihr Mann sitzt nun in einem geschlossenen Lager. Sie hatten zwar Kontakt, doch die Zukunft der beiden ist höchst unsicher. «Ich habe keinen Plan.»

Misstrauen und Naivität

Für Aussenstehende befremdlich ist die Mischung aus Naivität und genauer Planung, mit der viele Migranten ihre Reise angehen. Das Ehepaar wandte dafür erhebliche finanzielle Mittel auf, auch wenn die 75 000 Dollar pro Person, die Nori nennt, unplausibel viel sind. Meist zahlen Migranten maximal ein Fünftel davon; allerdings sind die Preise in den letzten Wochen aufgrund der verschärften Kontrollen und des beschränkteren Angebots zweifellos angestiegen. Die westlichen Sanktionsdrohungen haben zuletzt die syrische Cham Wings dazu bewegt, ihre Direktflüge von Damaskus nach Minsk einzustellen.

In Kontrast zu diesen Vorbereitungen steht die kaum vorhandene Ausrüstung für den beschwerlichen Grenzübertritt im unwegsamen Gebiet: Viele Menschen machen sich ohne feste Schuhe und angemessene Kleidung auf den Weg. Eine Helferin erzählt, sie habe eine Frau angetroffen, die zwar eine Haarzange, aber keine Winterjacke bei sich hatte. Viele seien so erschöpft, dass sie kaum mehr gehen könnten.

Die Menschen, welche die Hilfsorganisationen in den Wäldern finden, sind oft so geschwächt, dass sie kaum mehr gehen können. Unterkühlung und Probleme nach dem Konsum von Brackwasser sind häufig.

Kalina Czwarog von der Stiftung Ocalenie (Rettung) sieht eine Mischung aus Misstrauen und Selbstbetrug am Werk. «Manche glauben, die Geschichten über die Brutalität der Weissrussen sei nur Propaganda», beobachtet die 33-Jährige, «andere hoffen, es werde dann schon nicht so schlimm an der Grenze.»

Ocalenie, die grösste polnische Nichtregierungsorganisation im Bereich Migration, ist seit August im Nordosten tätig. Zunächst innerhalb, seit der Einführung des Ausnahmezustandes nur noch ausserhalb des Grenzstreifens, lokalisiert sie Flüchtlingsgruppen und versorgt sie mit Decken, Essen und Kleidern. «Als ich im September erstmals an der Grenze war, dachte ich, mein Einsatz würde zwei bis drei Tage dauern», erinnert sich Czwarog. Sie ist seither zu einer der wichtigsten Koordinatorinnen in der Region geworden.

Chronik der Krise an der EU-Ostgrenze

7. Juli: Litauen verkündet den Bau eines Zauns an der Grenze zu Weissrussland als Reaktion auf stark steigende Migrantenzahlen. Die plötzliche Zunahme folgt auf eine dramatische Verschlechterung der Beziehungen zwischen Minsk und der EU. Seither wurden in Litauen mehr als 4200 versuchte illegale Grenzübertritte verzeichnet.

2. September: Polen verhängt als Reaktion auf die Flüchtlingswelle in einer 3 Kilometer breiten Grenzzone den Ausnahmezustand. Mitte Oktober verabschiedet das Parlament ein Gesetz, das nach internationalem Recht eigentlich verbotene Push-backs legalisiert. Alleine in diesen beiden Monaten gibt es 25 000 versuchte Grenzübertritte.

8. November: Eine Gruppe von einigen hundert Migranten probiert den polnischen Grenzzaun zu durchbrechen, mutmasslich angeleitet durch weissrussische Sicherheitskräfte. In den Tagen seither gab es mehrere weitere Versuche. Die Krise weitet sich geopolitisch aus, als Minsk von Moskau und Warschau von der EU und der Nato Rückendeckung erhalten.

12. November: Nach Druck der EU verkündete Ankara, dass künftig syrische, irakische und jemenitische Staatsbürger nicht mehr aus der Türkei nach Weissrussland reisen dürfen. Zuvor hatte schon der Irak die Flüge aus Erbil nach Minsk gestoppt. Am Samstag erklärte auch die private syrische Fluggesellschaft Cham Wings, Minsk fortan nicht mehr anzufliegen. Mehrere tausend Migranten sitzen derweil weiter im Grenzgebiet fest.

Snacks und warme Kleider

Vor Ort leistet ein ebenso motiviertes wie improvisiertes Netzwerk an Organisationen Hilfe. Freiwillige aus ganz Polen gibt es genug, die Fäden laufen in grösseren grenznahen Orten wie Michalowo zusammen. Die dortige Feuerwehr hat in Eigenregie ein Materiallager eingerichtet. Die Räume der Station sind bis fast zur Decke mit Wasserflaschen, leicht tragbaren Snacks und warmen Kleidern gefüllt, auch Zigaretten gibt es.

Spender wie der in Polen bekannte Schauspieler Jacek Braciak bringen das Material mit dem eigenen Auto aus Warschau. Den 53-Jährigen, der gerade ein Interview aufgenommen hat für eine Kampagne, stört, dass die Regierung die «humanitäre Katastrophe» vor Ort wegen des kriminellen Verhaltens des weissrussischen Diktators nur als geopolitische Krise darstelle: «Natürlich hat Lukaschenko seine Sünden, aber sollen wir deshalb die Flüchtlinge in den Wäldern sterben lassen?»

Offiziell vertritt Polens Regierung die Haltung, dass nur Härte Minsk davon abbringen kann, weitere Menschen in die Region zu schleusen. Der Aufbau einer festen Infrastruktur zur Versorgung ist in dieser Sichtweise ein «Pull-Effekt», der unbedingt vermieden werden muss.

In der Praxis ist das Bild differenzierter: Die Sicherheitskräfte überlassen die Arbeit im besten Fall den Hilfsorganisationen. Zwar gibt es auch schikanöse Kontrollen und demonstrative Überwachung, doch oft lassen die Behörden die privaten Helfer gewähren, da auch die Regierung keine weiteren Schlagzeilen über Todesfälle wünscht. Bisher sind neun Personen im Grenzgebiet ums Leben gekommen.

Implizite Kooperation

Offenbar nutzt der Grenzschutz auch private Spenden, um die Flüchtlinge zu versorgen. «Die holen bei uns Essen und Kleider, die sie den Flüchtlingen in der Grenzzone und in ihren Einrichtungen geben», erzählt ein Feuerwehrmann, der massgeblich am Aufbau des Lagers in der Wache mit Material für die Migranten beteiligt war. Nachprüfbar ist dies nicht, aber es erscheint als ebenso pragmatische wie irritierende Notlösung durchaus plausibel.

In die Erzählung passt auch, dass ein hoher Regierungsvertreter Polens gegenüber der NZZ einräumt, dass die «Shanty Town», die dieser Tage auf weissrussischem Gebiet am Grenzübergang Kuznica entsteht, die polnischen «Push-backs» erleichtere, da man die Menschen so nicht aktiv in den Tod schicke. Die staatliche Nachrichtenagentur in Minsk hat am Samstag ihrerseits verkündet, es würden nun Essenszelte aufgestellt und Generatoren ins Krisengebiet gebracht.

Der Ausnahmezustand und die lediglich informelle Kommunikation zwischen Behörden und Helfern in Polen sorgt dennoch für erhebliche Spannungen. Die Regierungspartei Recht und Gerechtigkeit (PiS) und ihr nahestehende Medien stellen die Hilfsorganisationen unter Generalverdacht, sie werden als nützliche Idioten Minsks oder sogar als Schlepper porträtiert.

Die Nichtregierungsorganisation Ocalenie (Rettung) versorgt Anfang November eine Gruppe von Migranten im Wald mit Lebensmitteln und Medikamenten.

Das Regierungslager beruft sich dabei auf einzelne Fälle, in denen Aktivisten tatsächlich gegen das Gesetz verstiessen: So durchschnitt eine Gruppe Ende August, noch vor Einführung des Ausnahmezustands, ein Stück Grenzzaun, was Warschau zur Legitimierung der Gesetzesvorlage verwendete. Auch deutsche Aktivisten fuhren jüngst mit Autos ins Grenzgebiet, um Flüchtlinge von dort nach Westen zu bringen.

Umstrittene Strategien

Das Thema ist Kalina Czwarog von Ocalenie sichtlich unangenehm. Aus zweiter Hand ist zu hören, dass es Anfang Herbst unter den Aktivisten Konflikte über die Strategie gegeben habe. Innerhalb der Organisation hat sich eine streng an der Legalität orientierte Linie durchgesetzt, wonach Flüchtlinge zwar versorgt, aber nicht aus dem Wald geführt werden. «Wenn sie uns aus Weissrussland oder der Grenzzone kontaktieren, können wir gar nichts tun. Das sind die tragischsten Fälle», sagt Czwarog. Nur einzelne lokale Bewohner in der Zone leisteten zuweilen Hilfe.

Die 33-Jährige wirkt wie viele der Aktivisten erschöpft, auch wenn inzwischen strikte zeitliche Begrenzungen von Einsätzen gelten, damit sich die Leute nicht völlig verausgaben. «Der Wald kann dich aufsaugen», sagt Czwarog, «für manche Leute ist das Helfen wie eine Sucht – du denkst, du kannst nicht weg.» Wenige Tage nach unserem Gespräch kehrt sie krankheitsbedingt nach Warschau zurück.

Die nichtstaatlichen Hilfsorganisationen können mit wenigen Ausnahmen nur jene Menschen erreichen, die sich nicht in der Grenzzone befinden.

Zur Müdigkeit kommt noch die Ernüchterung hinzu, dass der schon seit über zwei Monaten anhaltende Ausnahmezustand in der Grenzzone auf neuer rechtlicher Grundlage bald verlängert werden dürfte. Damit bleibt Warschau viel Spielraum – auch für die heute schon routinemässig vorgenommenen Push-backs nach Weissrussland, die Hilfsorganisationen breit dokumentieren können. Polens Parlament hat diese im Oktober mit einem Gesetz legalisiert, das laut der Opposition klar im Widerspruch steht zu europäischem Recht.

Ob dies tatsächlich der Fall ist, ist nicht ganz eindeutig: Der Europäische Gerichtshof entschied 2020, dass jemand, der sich bewusst in eine illegale Situation bringt, den Anspruch auf Asyl verwirkt. Gleichzeitig hielt er fest, es müssten reguläre Grenzübergänge zur Verfügung stehen, an denen der Antrag gestellt werden könne. Dies ist an Polens Ostgrenze nicht gegeben: Der Übergang in Kuznica ist geschlossen, und die Hilfsorganisationen können zahlreiche Fälle belegen, in denen Beamte mündlich oder schriftlich vorgetragene Forderungen nach Asyl schlicht ignorierten. «Die Menschen verschwinden einfach», sagt Czwarog, «wir haben zwar ihre Dokumente, aber die Grenzwächter sagen, sie seien nie auf polnischem Territorium gewesen.» Offizielle Statistiken über die Zahl der Anträge liegen erst bis Ende September vor.

Die Festnahme durch Polizisten und Grenzschützer endet zumindest für männliche Migranten ohne Familien regelmässig in einem Push-back nach Weissrussland.

Keine Diskussion

Die Fortsetzung der dramatischen Rettungsaktion vom Freitagabend bestätigt viele dieser Klagen. Die schwerbewaffneten und vermummten polnischen Grenzpolizisten lassen sich auf keine Diskussion ein, weder mit dem medizinischen Personal noch mit den Migranten. Sie bringen die drei Männer in eine Kaserne. Später in der Nacht schreiben diese einer Reporterin des Schweizer Fernsehens aus dem Niemandsland an der Grenze zwischen Weissrussland und Polen.

Während die Männer offensichtlich nach Weissrussland zurückgebracht wurden, bleibt die Zukunft der Familie Hussein ungewiss: Die 35-jährige Awin liegt weiterhin auf der Intensivstation, der Vater und die fünf Kinder wurden in eine Station des Grenzschutzes in Narewka gebracht. Sie seien noch dort, versichert der Grenzschutz einer am Wochenende angereisten polnischen Parlamentsabgeordneten. Überprüfen lässt sich dies bis jetzt nicht.

In gewissen Kreisen, die am ehesten aufseiten der radikalen Rechten zu verorten sind, scheint die Rettungsaktion und die generell aufgeheizte Stimmung Aggressionen freizusetzen: Am Wochenende schlugen Unbekannte die Scheiben von fünf Autos ein, die vor jenem Gästehaus in Swinoroje parkiert waren, in dem bis zum Vortag auch die NZZ untergebracht war. Wie dies unter den Augen der Dutzenden im Dorf einquartierten Soldaten und Grenzschützern geschehen konnte, ist nur ein weiteres unschönes Geheimnis des ostpolnischen Urwalds.