MESOP WATCH: ANTISEMITISMUS GEHT IMMER? – DIE FAZ RUDERT ZURÜCK – Der Fall Ofarim : Warnung vor Empathie !

  • Von Kai Spanke FAZ 1.11.2021 –  Kämpft um seine Glaubwürdigkeit: Gil Ofarim -Mit Gut und Böse kommt man hier nicht weiter: Im Fall Ofarim zeugen die meisten öffentlichen Stellungnahmen von zu viel vorschneller Einfühlung. Für moralische Urteile ist das ein großes Problem.

Die Fähigkeit zur Empathie ist meistens eine gute Sache. Sie kann aber auch eine Polarisierung befördern, wenn sie sich in allzu rascher Parteinahme bei ungeklärter Faktenlage äußert. Zu beobachten ist das in der Debatte um die Vorgänge am Abend des 4. Oktobers im Leipziger Hotel The Westin: Der Sänger Gil Ofarim postete ein Video, in dem er von antisemitischen Beleidigungen durch einen Hotelmitarbeiter berichtete, und erfuhr umgehend große Solidarität. Nun, da seine Glaubwürdigkeit durch Bekanntwerden eines Untersuchungsberichts beschädigt ist, hat sich der Wind genauso schnell gedreht. Die von der Betreibergesellschaft des Hotels beauftragte Anwaltskanzlei Pauka & Link hat laut Recherchen der Wochenzeitung Die Zeit Zeugen befragt und hält demnach in ihrem Bericht fest, niemand habe Ofarims Darstellung bestätigt. Vielmehr soll er sich wegen einer unbedeutenden Zurücksetzung unwirsch geäußert und gedroht haben, bei Instagram einen Clip hochzuladen, der „viral gehen“ werde. In den sozialen Medien jubilieren die Trolle.

Die Staatsanwaltschaft, die ihrerseits ermittelt, hat sich noch nicht geäußert. Empathie ist deshalb auch jetzt noch nicht gefragt, weder mit Ofarim noch mit dem Hotelmitarbeiter. Dem Kognitionswissenschaftler Fritz Breithaupt zufolge ist Empathie wenig „förderlich für moralische Prozesse“; man kann schließlich auch mit Lügnern, Betrügern, Sadisten und Mördern mitfühlen. Wer es mit Moral und Empathie ernst meint, hält sich eingedenk der bislang nicht aufgelösten Widersprüche in der Angelegenheit zurück. Der einstige Chefredakteur der Bild-Zeitung, Kai Diekmann, twitterte am 5. Oktober: „Nie wieder Westin“. Knappe zwei Wochen darauf schlug er vorsichtigere Töne an: „Sollten sich die Vorwürfe nicht bestätigen, werde ich mich für meine – möglicherweise – verfrühte Reaktion selbstverständlich entschuldigen. Aber was habe ich in dieser Causa gelernt: Abwarten!“