MESOP REPORT : Berichte über angebliches Massaker – Assads zynisches Spiel mit dem Trauma der Armenier
Von Raniah Salloum – DER SPIEGEL ONLINE – 7.4.2014
Der Angriff auf Kasab war Teil einer Offensive der Rebellen in Nordlatakia, bei der erstmals auch ein Assad ums Leben kam, Hilal al-Assad, ein Cousin und Chef der regimetreuen Milizen, denen die Uno regelmäßig Kriegsverbrechen vorwirft. Das Regime war rasend.
Rebellen attackieren in Syrien ein Dorf armenischer Christen – so weit die Fakten. Auf allen Kanälen verbreitet Assads Propaganda-Maschine Bilder eines Massakers. Dann weisen Regime-Kritiker nach: Das Material stammt zum Teil aus Horrorfilmen.
Ein syrisches Dorf mit einst rund 2000 Einwohnern ist auf der Flucht vor der Gewalt. Leider wäre dies normalerweise keine außergewöhnliche Nachricht mehr: Seit über drei Jahren müssen Syrer fliehen. Immer wieder trifft der Krieg neue Stadtteile und Dörfer. Längst wird über die zum Alltag gewordenen Tragödien nicht mehr berichtet. Doch dieses Mal ist etwas anders.
Bei dem Dorf handelt es sich um Kasab, ein Dorf nahe der türkischen Grenze in den idyllischen Hügeln Latakias. Vor dem Krieg war es ein beliebter Urlaubsort für Syrer. Seine Einwohner sind nahezu sämtlich syrische Armenier, Christen, deren Vorfahren die grausamen Massendeportationen von Armeniern 1915 im ottomanischen Reich überlebten. Das historische Trauma sitzt tief.
Die Nachricht, dass die Menschen von Kasab auf der Flucht sind, weckt sofort die schlimmsten Assoziationen und Ängste. Weltweit sind die Armenier und Armenischstämmigen in Aufruhr. Bedingt durch die brutalen Verfolgungen, denen die Armenier immer wieder ausgesetzt waren, ist ihre Diaspora in der ganzen Welt groß und verbreitet, etwa in den USA, Frankreich oder Deutschland.
Die Armenischstämmigen haben Einfluss auf die öffentliche Meinung im Westen. Das weiß auch das syrische Regime und versucht nun ihr Leid für seine Zwecke zu instrumentalisieren.
Die Kardashians verbreiten auf Twitter Regime-Propaganda
Sofort nach der Flucht der Einwohner von Kasab ließ Damaskus Schauermärchen verbreiten über seine staatlichen Fernsehsender, die seiner Verbündeten Iran und Russland und über die sozialen Netzwerke. Es waren unerträgliche Bilder, die dort gezeigt wurden.
Wer das Grauen genauer ansieht, kann erkennen, dass die Bilder teils manipuliert sind oder schlichtweg etwas anderes zeigen, einmal zum Beispiel eine Szene aus einem Horrorfilm. Anti-Assad-Aktivisten versuchen hier, alle Fälschungen aufzudecken.
Die Bilder der syrischen Propaganda, die unter dem Hashtag #SaveKessab auf Twitter die Runde machen, sind eine grausame, zynische Lüge des Regimes. Sie werden teils unkritisch weiterverbreitet, etwa von den armenischstämmigen US-Prominenten Kim und Khloé Kardashian. Die internationale Twittersphäre ist in Aufruhr. In den USA kam es zu Protesten der Armenischstämmigen.
Grundsätzlich ist Skepsis geboten gegenüber Behauptungen des syrischen Regimes, was Gräueltaten an Christen angeht. Es gibt einen Präzedenzfall, das mehrheitlich christliche Dorf Maalula. Es wurde im Spätsommer 2013 von islamistischen Rebellen der mit al-Qaida verbündeten Nusra-Front attackiert. Sofort verbreiteten die syrischen Staatsmedien Horrormeldungen von Massakern und brennenden Kirchen, die sich als falsch herausstellten.
Massaker gab es nicht
Tatsächlich gibt es für die Schauergeschichten des syrischen Regimes über Kasab bisher keine Belege. Madlen Vartian vom Zentralrat der Armenier in Deutschland ist mit Flüchtlingen aus Kasab in Kontakt. Sie berichtete SPIEGEL ONLINE: “Derzeit ist die Stadt von den Milizen besetzt, und es befinden sich noch alte Menschen und Verletzte in der Stadt, die als Geiseln gehalten werden. Sie werden aufgefordert, zum Islam zu konvertieren.” Die Geflohenen sind in Sorge über die Zurückgebliebenen.
Massaker haben offenbar keine stattgefunden. Allerdings kamen nach Angaben von Vartian mehrere Mitglieder der Bürgerwehr von Kasab beim Versuch, ihre Stadt zu verteidigen, ums Leben. Auch wurden bei dem Angriff Zivilisten verletzt, die schwerverletzt in Kasab zurückgelassen werden mussten.
Auch wenn es nicht zu grausamen Hinrichtungen kam, wie von Damaskus behauptet, ist das Geschehene tragisch. Ob die Menschen von Kasab jemals in ihre Heimat zurückkehren können, ist fraglich. Wie viele Syrer werden sie wohl dauerhaft Vertriebene bleiben.
Von den syrisch-armenischen Gemeinden in Nordsyrien, einst wohl um die 60.000 Menschen, ist im Jahr vier der Gewalt kaum noch etwas übrig. Die syrischen Armenier aus Aleppo und Deir Essor sind größtenteils nach Beirut, Latakia, Damaskus oder ins Ausland geflohen.
Andere gleichzeitig stattfindende Dramen wie das Hungern und Sterben der Menschen in Jarmuk oder das anhaltende Fassbomben-Inferno auf die Bewohner von Aleppo finden international kaum mehr Beachtung. Die Menschen dort haben keine prominenten Fürsprecher.
Rolle der Türkei beim Angriff auf Kasab ist unklar
Schon seit Sommer 2012 lebten die Menschen von Kasab in unmittelbarer Nachbarschaft der Rebellen, lange weitgehend unbehelligt. “Das Leben ist nicht einfach, weil die Touristen ausbleiben und damit unsere wichtigsten Einnahmen”, sagten Einwohner von Kasab SPIEGEL ONLINE im Sommer 2012. “Vieles ist knapp, weil die Straßen um Kasab unsicher sind. Wir versuchen einfach, der Gewalt aus dem Weg zu gehen und so gut wie möglich durchzukommen.”
Unklar ist auch, ob die Türkei eine Rolle bei dem Angriff spielte. Es könnte sein, dass sie den Islamisten-Kämpfern beim Angriff auf Kasab Rückendeckung bot, indem sie einen syrischen Kampfjet abschoss. Ankara bestreitet Schützenhilfe: Man habe den Jet abgeschossen, weil er in türkischen Luftraum eingedrungen sei, nicht um den Rebellen zu helfen. Doch das Misstrauen der Armenier gegenüber der Türkei ist groß.