MESOP NEWS CORONA WATCH: Zeit für die Glocke: Anmerkungen zu den konservativen Rebellen in Schwyz

Wenn die Schwyzer etwas freut oder wenn ihnen etwas nicht passt, dann gehen sie mit der Glocke auf die Strasse. Das ist die zivilisierte Form des Protests oder der Glückseligkeit.

Benedict Neff 26.11.2021, NZZ -Der Hitzkopf jener Tage

Wenn ich heute in Schwyz bin, kommt es immer noch vor, dass ein roter Toyota-Kombi vorbeifährt mit dem berühmten EWR-Nein-Kleber: der mit der Zange und dem Schweizerkreuz. Dreissig Jahre früher war der Kleber überall. Selbst in der Primarschule hatten wir Händel. Auf dem Pausenplatz diskutierten wir die EWR-Frage, indem wir die Meinungen unserer Eltern aufführten, bis das Ganze eskalierte. Schon da haben wir geahnt, dass Politik keine kühle Materie ist. Nicht in Schwyz.

Der grösste Hitzkopf jener Tage war Sity Domini, Bauer und Ländlermusikant aus Schwyz, der so aussah, als hätte er die Zeit überwunden, als sei er gerade vom Rütlischwur von 1291 rübergekommen ins Bundesbriefarchiv. Hier knöpfte er sich die «Herren Bundesräte» vor und prophezeite der Schweiz einen Krieg, falls das Land dem EWR beitreten würde. Vor dem Museum wurde getreichelt.

Die Schwyzer stimmten wenig später mit 73 Prozent gegen den EWR-Beitritt. Mehr Nein war nur noch in Uri. Die Innerschweizer gaben sich einmal mehr unbeeindruckt von allen Warnungen, die aus Bern kamen.

Wenn die Schwyzer etwas freut oder ihnen etwas nicht passt, dann gehen sie mit der Glocke auf die Strasse. Das ist die zivilisierte Form des Protests oder der Glückseligkeit. Vor ein paar hundert Jahren wären sie noch mit der Hellebarde aus dem Keller gekommen und hätten Terror gemacht. Heute also mit der Glocke, einem schellenden Geräusch.

Das folgt einer gewissen Logik, nämlich jener der Sprachlosigkeit. Schwyzer sind keine grossen Redner. Wenn Franz Heinzer seine Interviews gab, wurde es mir schon als Kind bange: Was sagt er wohl heute wieder? Seine Interviews waren gefährlicher als die Abfahrten. Und doch schaltete die Familie dann immer auch noch auf den Österreicher, um Heinzer auch noch auf Hochdeutsch zu erleben. Im Zielraum treicheln die Fans, Heinzer gerührt: «Es ist wunderbar, man hört sie jetzt mit unseren urschweizerischen Kuhglocken und dem Geislechlepfä.» – Der Moderator lacht: «Was ist das denn?» – «Das ist mit einem Strick, so ob dem Kopf, das gibt ein Chlepfä, bei uns ist das Mode.»

Franz Heinzer kam immer sympathisch rüber, aber die Welt hat ihn wohl nicht immer verstanden. Mit der Eigenart der Schwyzer und ihren Moden verhält es sich nicht viel anders. Was haben sie jetzt eigentlich wieder? Was ist genau das Problem?

Im Juni haben die Schwyzer das Covid-19-Gesetz mit 59 Prozent abgelehnt. Die Impfkampagne des Bundes ist im Kanton gescheitert: 42 Prozent der Schwyzer haben sich bisher nicht impfen lassen. Das Herz des Widerstands gegen die Corona-Massnahmen scheint in Schwyz zu sein. Von hier kommen die Freiheitstrychler. Hier liegt auch die Gemeinde Alpthal, die vor kurzem dem Impfbus die Einfahrt verweigert hat.

«Der Spiegel» titelte: «Die radikalen Impfgegner vom Alpthal».

«Wir sind die Ureinwohner»

Schwyz wirkt manchmal wie das letzte Indianerreservat der Schweiz. Die «Rundschau» hat einmal eine lustige Reportage aus Unteriberg gemacht. Ein deutscher Reporter hat da versucht, das Wesen der Menschen zu ergründen: «Woran liegt es, dass die Leute so konservativ sind?» Ein Schafbauer: «Wir sind die Ureinwohner.»

Die Dekonstruktion der Geschichte ist an Teilen der Bevölkerung fast spurlos vorbeigegangen. Historiker in Zürich können so viele Bücher veröffentlichen, wie sie wollen. Schreiben, dass eigentlich alles anders war, dass es den Rütlischwur wohl nicht gegeben hat und die Schweiz erst viel später gegründet wurde. Das ficht die Identität dieser Leute nicht an. Ihr Verhältnis zu Wilhelm Tell ist noch nicht ironisch geworden.

Wieder geht es um Gessler

Nachdem die katholischen Schwyzer im Marchenstreit das Kloster Einsiedeln verwüstet und selbst mit den Hostien ihr Unwesen getrieben hatten, schrieb der Zeitgenosse Rudolf von Radegg: «Dieses Volk kennt weder König noch Gesetz, sondern es masst sich nach Willkür und nach Art der Tyrannen an, was ihm behagt.» Die Geschichte wirkt in Schwyz nach und hat die Identität der Menschen geformt. Es kann daher auch nicht völlig verwundern, wenn nun manche Schwyzer, die gegen das Covid-19-Gesetz sind, von «Gesslerhut-Massnahmen» reden.

Der Begriff veranschaulicht, worum es den konservativen Rebellen in Schwyz eigentlich geht. Klar, sie sprechen auch von der Maske, die ihnen nicht passt, und einer mRNA-Technologie, die vielen nicht geheuer ist. Am Ende geht es aber wieder um die alten Schwyzer Themen: Unabhängigkeit, Selbstbestimmung, Freiheit. Es geht nicht um die Impfung, es geht um Massnahmen und Verordnungen. Die mit dem reflexartigen «Mier lönd üs nüd la säge» abgewehrt werden. Und je mehr Druck die Regierung auszuüben versucht, desto grösser wird der Widerstand. Protest als Existenzform, der Sonderweg als Normalfall.

Die Hyperindividualisten

Eigentlich müsste sich eine urbane Elite im Begriff des Individualismus mit den konservativen Rebellen finden. Aber so einfach ist es nicht. Während die Städter vor allem ihrer Selbstverwirklichung nachjagen und gleichzeitig eine kollektive Verantwortung heraufbeschwören, wollen diese Schwyzer einfach in Ruhe gelassen werden. Oder wie es Andy Benz, Chef der Freiheitstrychler, in der «NZZ am Sonntag» sagt: «Leben und Sterben ist Privatsache.»

Erst als ich in Deutschland gelebt habe, ist mir aufgefallen, wie verbreitet es in Schwyz ist, einfach mal etwas ins Blaue hinaus zu behaupten. Was die Deutschen nicht ausstehen können, ist in Schwyz gute Gewohnheit. Man nimmt sich auch die Freiheit, eine Meinung nicht oder nur notdürftig zu begründen: Ich bin dagegen, weil ich dagegen bin. Auf ein «Warum?» folgt ein «Darum!».

Der Bhaupti

Dazu kommt: Das «Meinifüdle» und der «Bhaupti» sind durchaus anerkannte Figuren. Es ist zwar nicht gerade eine Auszeichnung, wenn man so bezeichnet wird. Aber ein Bhaupti zu sein, ist in Schwyz ziemlich okay. Wie will man sich auch in all den politischen Vorlagen auskennen? Dazu kommt: Verschätzen sich Politiker und andere Experten nicht auch ständig und erzählen einen Chabis? Eben. Deshalb verlässt man sich in politischen Fragen lieber auf den Instinkt, das Bauchgefühl.

In Schwyz weiss man, dass man sich nicht immer auf den Geist verlassen kann. Als Kind hatte ich oft einen sturmen Kopf. Ich vergass den Turnsack in der Schule und – von einem Moment auf den anderen – was ich sagen wollte. Diese Zerstreutheit war ärgerlich, aber kein Problem. In Schwyz hat man Verständnis dafür. «Der Föhn», sagen die Leute. Damit ist alles gesagt und entschuldigt. Wenn er durch den Talkessel bläst, kann es im Winter unwirklich warm werden, plötzlich. Der Schnee schmilzt dahin, die Skisaison wird zur Katastrophe – und manche haben eben diesen Föhnkopf.

 

Verbreitet ist in Schwyz auch ein Hang zum Relativismus: Was nützt die Impfung, wo sich doch auch Geimpfte anstecken? Was nützt das Testen, wenn man sich schon eine halbe Stunde später anstecken kann? Warum soll man auf die Experten hören, wo doch jeder Experte etwas anderes erzählt? Die Wissenschaft kann sich irren, die Politik kann sich irren. Ja, würden wohl sogar die Schwyzer Rebellen zugeben, sogar sie selbst könnten sich am Ende irren. Und weil es so ist, macht man erst mal besser nichts; und selbstverantwortlich ist man ja sowieso.

Nur ein spontanes Spazieren

In der vergangenen Fasnachtszeit sorgten die Einsiedler für landesweites Entsetzen, weil sie ihren Sühudi-Umzug veranstalteten, als gebe es kein Corona. Selbstverständlich kamen dabei auch Glocken zum Einsatz, wie überhaupt fast an jeder Fasnacht in der Innerschweiz. Am Strassenrand stand auch der Einsiedler CVP-Nationalrat und Bierbrauer Alois Gmür, ein Mann, der bisher nicht besonders aufgefallen ist, am allerwenigsten als Rebell.

In einem Interview in der «Luzerner Zeitung» verteidigte er die Fasnacht: «Es war kein Treffen. Die Leute sind vor das Haus gestanden, und der Umzug ging durchs Dorf.» Kein Treffen? Nein, meinte Gmür, es sei nur «ein spontanes Spazieren» gewesen. Die Kritik des Parteipräsidenten Gerhard Pfister schien ihn auch nicht zu interessieren: «Es ist ja klar, dass Gerhard Pfister nun den Oberlehrer macht. Er war ja mal tatsächlich Lehrer. Er muss das sagen. Die Fasnacht wurde immer schon benutzt, um aufmüpfig zu sein und der Obrigkeit zu trotzen.» Zusammengefasst: Wir lassen uns nicht dreinreden.

Der Bauch und der Kopf

Bern und Zürich sind der Kopf der Schweiz. Schwyz ist der Bauch. Als solcher hat der Kanton eine wichtige Funktion für das Land. Die Schwyzer reagieren immer dann, wenn sich Machtverhältnisse verschieben. Sie sind ein Frühwarnsystem. Zu Recht weisen die Corona-Rebellen auf die Verletzung der individuellen Freiheit durch Corona-Massnahmen hin. In ihrer pauschalen Ablehnung der Impfung haben sich viele aber verrannt. Vor lauter «Einsatz für die Freiheit» scheinen sie das Rettende der Impfung nicht mehr zu sehen. Am Ende geht es eben nicht um Gessler, sondern um eine basale Gesundheitsfrage. Spätestens wenn die Unabhängigkeit auf der Intensivstation endet, ist der Kampf absurd geworden.

«Woher kommst du?» – «Aus Schwyz.» Fast immer kommt darauf eine unmittelbare Reaktion: ein Grinsen, ein Alles-klar-Blick, Bewunderung, Bedauern. Die Eigenwilligkeit und der Trotz in dieser Region sind allseits bekannt. Die meisten Schwyzer, vor allem die Geimpften und die, die nicht treicheln, ärgern sich über die Schwyz-Klischees. Und haben daran insgeheim doch auch ihre Freude. Ich würde lügen, wenn ich behaupten würde, dass ich es anders sehen würde.