MESOP NEWS :CHINA & IRAN INTERESSIERT AN US WAFFENTECHNIK
Erbeutete Ausrüstung : Eine Motorrad-Armee bekommt Raketenwerfer
Von Thomas Gutschker, Brüssel FAZ – 17.08.2021
Die Vereinigten Staaten haben Milliarden Dollar in die Ausrüstung afghanischer Truppen gesteckt. Etliches davon haben nun offenbar die Taliban erbeutet. Auf Motorrädern haben die Taliban Afghanistan erobert.
Immer wieder gab es diese Bilder in der vergangenen Woche zu sehen: Kämpfer mit Kalaschnikows, die auf einfachen Motorrädern sitzen, abgepolstert mit Teppichen und Decken. Doch das war vor dem Fall der Garnisonsstädte und der Hauptstadt Kabul.
Weil ihnen fast das gesamte Land kampflos in die Hände fiel, verfügen sie jetzt über eine Ausrüstung, von der Kommandeure zuvor nur träumen konnten. Und sie zeigen es auch: In Dschalalabad paradieren Kämpfer auf einem erbeuteten amerikanischen Humvee-Geländewagen. In Kundus posieren sie vor russischen Kampfhubschraubern, die Indien der afghanischen Armee geschenkt hatte, und vor Artilleriegeschützen. Videos zeigen angeblich, wie sie in Herat und Kandahar schon mit Transporthubschraubern unterwegs sind.
Auch wenn sich das alles nicht so einfach überprüfen lässt, bringt es doch die neue, verwirrende Wirklichkeit zum Ausdruck. Die Lowtech-Kämpfer haben reiche Beute gemacht. Sie besitzen jetzt fast alles, was die afghanischen Streitkräfte eigentlich dazu befähigen sollte, die Islamisten zurückzuschlagen. Von einer Hightech-Ausrüstung sprachen westliche Militärs noch vor ein paar Wochen.
Nicht alles davon werden die Taliban auch nutzen können. Gleichwohl verschafft es ihnen eine völlig andere Ausgangsposition als während ihrer ersten Herrschaft über das Land Ende der neunziger Jahre. Seinerzeit herrschte in etwa Waffengleichheit im Vergleich mit gegnerischen Milizen – jetzt sind die bärtigen Kämpfer haushoch überlegen. Und in den Arsenalen liegen Waffen, für die sich auch Al-Qaida interessieren dürfte.
88 Milliarden Dollar für die Sicherheit
Eine Vorstellung von dem, was die Taliban erbeutet haben, geben die Rechenschaftsberichte des vom amerikanischen Kongress eingesetzten „Special Inspector General for Afghan Reconstruction“ (SIGAR). Die Amerikaner haben wie kein anderes Land in die Ausbildung und Ausrüstung der afghanischen Sicherheitskräfte investiert. Aus dem jüngsten Bericht von Ende Juni geht hervor, dass von 145 Milliarden Dollar, die Washington seit 2002 für den Wiederaufbau des Landes ausgegeben hat, gut 88 Milliarden für Sicherheit aufgewendet wur
Welche Waffen zwischen 2017 und 2019 damit finanziert wurden, steht im Bericht von November vorigen Jahres. Einige Posten daraus: 70 Raketenwerfer, 37 Mörsergeschütze, 4702 hoch mobile Geländefahrzeuge, 20.040 Handgranaten, 12.079 Pistolen, 36.197 Sturmgewehre, 7035 Maschinengewehre, 1394 Granatwerfer; dazu beträchtliche Mengen Munition.
Die meisten Feuerwaffen und Fahrzeuge, größtenteils Humvees, dürften Taliban-Kämpfer nach kurzer Einweisung beherrschen. Komplexer sind Artilleriesysteme, bei denen Schusswinkel berechnet werden müssen. Nach den Erfahrungen der letzten Tage würde es aber nicht überraschen, wenn sich genügend von der NATO ausgebildete Soldaten von den Taliban anheuern lassen – freiwillig oder mit Drohungen verbunden. Das betrifft natürlich auch die Hochwertgüter, die ebenfalls auf der Liste stehen.
So haben die Afghanen 390 Laserzielsysteme bekommen; damit wird ein Ziel im Feld für Präzisionsbomben markiert. Die gehören ebenfalls zur Ausstattung, Bomben der Typen GBU-12 und GBU-58 mit jeweils 227 Kilogramm Sprengstoff. Wie viele davon noch vorhanden sind, ist ungewiss. In den vergangenen Wochen klagten afghanische Spezialkräfte darüber, dass ihnen Präzisionsmunition ausgehe. Ebenfalls auf der Liste stehen zehn Hubschrauber für die afghanische Luftwaffe, die vor allem von den Amerikanern aufgebaut worden ist, mit etwa neun Milliarden Dollar – ein Novum in der Geschichte des Landes.
Keine Waffen für die Zukunft
Das Fachbuch Military Balance weist in seiner jüngsten Ausgabe 154 Flugzeuge im Besitz der afghanischen Luftwaffe aus, davon 34 Kampfflugzeuge. Die Zahl der Hubschrauber wird mit 157 angegeben, darunter sind auch amerikanische Black Hawks. Ein Teil dieser Flotte steht noch auf dem militärischen Teil des Kabuler Flughafens, also unter amerikanischer Kontrolle. Außerdem sind nicht alle Fluggeräte flugfähig. Schon die Propagandabilder der Taliban zeigen das: Zum Teil posieren sie vor beschädigten Hubschraubern oder solchen ohne Motor. Ein ranghoher NATO-Militär sagte am Montag, der Einsatzstand der afghanischen Luftwaffe sei schlechter als jener der Bundeswehr.
Voraussichtlich werden sich die Taliban an diesen Beutestücken nicht lange erfreuen können. Deren Wartung ist aufwendig und erfordert Fachpersonal, das auch die afghanischen Streitkräfte nicht hatten. Tatsächlich wurden kompliziertere Arbeiten von amerikanischen Spezialisten erledigt, die nun nicht mehr zur Verfügung stehen. Gemäß einem SIGAR-Bericht hat die afghanische Armee Ende 2020 nur zwanzig Prozent der Wartungsaufträge selbst erfüllt, bei der Polizei lag die Quote noch niedriger. Außerdem wird es den neuen Besitzern schnell an Ersatzteilen fehlen. „Das Hightech-Gerät wird den Taliban wie Eis in der Sonne wegschmelzen“, sagt Hans-Lothar Domröse voraus, der von Ende 2012 bis 2016 oberster Kommandeur des NATO-Einsatzes am Hindukusch war.
Das dürfte auch für die hohen Summen gelten, die die Staatengemeinschaft bisher in die Streitkräfte investiert hat. Nicht nur die Ausrüstung, auch die Gehälter der vermutlich 300.000 Sicherheitskräfte wurden von Gebern finanziert, hier wiederum in erster Linie von den Vereinigten Staaten. Die NATO hat 2007 einen Treuhandfonds aufgelegt, in den bisher rund 3,5 Milliarden Dollar für die Armee eingezahlt worden sind. Mit dem Rückzug ging das Versprechen der Allianz einher, diese Finanzierung auf jeden Fall bis 2024 fortzusetzen. Freilich ist kaum vorstellbar, dass die NATO daran unter den gegebenen Umständen festhält.
Am Anfang der Woche war die Allianz noch dabei, sich zu sortieren und überhaupt eine Stellungnahme zu der neuen Lage abzugeben, von der die politischen und militärischen Führer gleichermaßen überrascht worden sind – nicht wenige während ihres Urlaubs. Nachdem der NATO-Rat am Freitag zu einer Sondersitzung in der Sommerpause zusammengetrommelt worden war, wurde für diesen Dienstag eine weitere Sitzung geplant. Sie soll wiederum ein Sondertreffen der Außenminister vorbereiten, das noch in dieser Woche stattfinden könnte. Dann wird sich die Allianz dazu positionieren müssen, wie sie mit den neuen Herrschern in Kabul umgeht.