MESOP NEU: REDUNDANTE RATLOSIGKEIT – Tagung über Habermas:Elektrisierende Lektüre im Zug nach Frankfurt

  • Von Miguel de la Riva FAZ  1.11.2021- Jürgen Habermas mit (sitzend, von links) Theodor W. Adorno, Hans-Jürgen Krahl und K.D. Wolff bei einer Diskussionsrunde anlässlich der Frankfurter Buchmesse 1968.  Auf einer ihm gewidmeten Tagung in Tutzing erzählte Jürgen Habermas von Denkanstößen durch seinen Lehrer Theodor W. Adorno.

Er habe nur ein „normales philosophisches Buch“ schreiben wollen, sagt Jürgen Habermas. Damit will er nicht mit falscher Bescheidenheit sein monumentales, mehr als 1700 Seiten dickes Alterswerk „Auch eine Geschichte der Philosophie“ (F.A.Z. vom 9. November 2019) kleinreden. Vielmehr drückt er so seine Überraschung darüber aus, wie sehr sich die Rezeption der beiden vor zwei Jahren erschienenen Bände bislang um die Frage dreht, was von Religion und Metaphysik heute noch zu retten sei. Dass darauf gerade auch ausgenüchterte Philosophieprofessoren insistierten, könne auf Gemütsbedürfnisse ­hindeuten, die von den eingeschärften akademischen Argumentationsformen nicht mehr eingeholt würden, vermutet der Autor.

So reagiert Habermas in seinen Schlussworten auf eine Tagung an der Evangelischen Akademie Tutzing, auf der Schüler und Weggefährten sein jüngstes Buch gewürdigt haben. Mit pointierten Stellungnahmen und konzisen Repliken zeigte sich der Philosoph auch im Alter von 92 Jahren äußerst diskussionsfreudig und intellektuell agil. In Anerkennung für sein Lebenswerk wurde ihm während der Tagung der „Tutzinger Löwe“ verliehen, mit dem sich Habermas aus langjähriger Verbundenheit mit dem malerisch am Starnberger See gelegenen Haus auszeichnen ließ, obwohl er eigentlich keine Preise mehr annehme.

Was trauen wir Philosophie noch zu?

Angesichts etlicher Vorträge, die nach der sozialen Bindekraft religiöser Riten in säkularen Gegenwartsgesellschaften fragten (Thomas Schmidt) oder seiner Luther-Interpretation auf den philologischen Zahn fühlten (Micha Brumlik), legte Habermas Wert auf die Klarstellung, dass er ein „religiös unmusikalischer“ Denker geblieben sei. Er habe den Eindruck, das Buch aus anderen Motiven geschrieben zu haben, als bisher in dessen Diskussion hervorgetreten sei. Habermas charakterisierte seine Anliegen als „immanent philosophische“. Davon abgesehen, dass er ein Bild der Philosophiegeschichte berichtigen wollte, in dem das scheinbar „dunkle Mittelalter“ und die es beschäftigenden Probleme im Verhältnis von Glauben und Wissen noch nicht den gebührenden Platz einnehmen, habe er mit seiner drei Jahrtausende umfassenden Philosophiegeschichte „Tendenzen der Verengung und Spezialisierung des Faches performativ kritisieren“ wollen, dessen Abstraktionsniveau oft keinen Bezug mehr zu „maßgebenden Fragen“ erkennen lasse.

Ausdrücklich distanzierte sich Habermas damit auch von seinem eigenen, auf dem Hegel-Kongress 1981 vorgetragenem Verständnis der Philosophie als „Platzhalter“, wonach sie als Produzent substanzieller Fragestellungen unersetzlich sei, die Antworten aber den Wissenschaften überlassen müsse. Demgegenüber wollte er im aktuellen Werk einen anspruchsvollen Begriff der Philosophie erneuern, der sie nicht nur auf Begriffsanalyse oder wissenschaftliche Zubringertätigkeiten beschränkt, sondern in ihr Beiträge zu einer „rationalen Welt- und Selbstverständigung“ sieht. Eine solche Philosophie führe das Projekt der Aufklärung weiter, indem sie „Menschheitsfragen“ aufnimmt und dadurch an der „Beförderung vernünftiger Lebensverhältnisse“ mitwirkt.

Die „okzidentale Konstellation von Glauben und Wissen“ habe er im Buch nur deshalb zum zentralen Motiv erhoben, weil sich die „Frage, was sich die Philosophie noch zutrauen kann und soll“, daran entscheide, wie sie sich zum „transformierten Erbe religiöser Herkunft“ verhält, wie es im Vorwort heißt – einem Erbe, das in Gestalt von Kant und den deutschen Idealisten allerdings längst Philosophie geworden ist. Die Angewiesenheit der Philosophie auf die Religion, der Moderne auf den tradierten Ritus, die dem Buch zuweilen entnommen wurde, wollte Habermas eingeschränkt wissen: Der Abschied von der Metaphysik entlocke ihm keine Träne, gesellschaftliche Probleme müssten heute selbstverständlich „kraft allein praktischer Vernunft“ gelöst werden.

Die Tagung, die mit diesen Klarstellungen endete, hatte mit einer Liebeserklärung begonnen. Jan Philipp Reemtsma, der nicht seine erste Laudatio auf Habermas hielt, bekannte, sich in dessen „Roman des abendländischen Denkens“ verliebt zu haben, sprühe das Werk doch vor jugendlichem Witz und zeuge es doch seinerseits von der „Liebe zum Gelesenen“. Im Gang durch drei Jahrtausende Denkgeschichte habe sich Habermas auf einen „Eulenflug“ begeben, um im Rückblick auf das, was sie war, herauszufinden, was Philosophie heute noch sei.

Dass „Auch eine Geschichte der Philosophie“ gleichwohl kein Abgesang oder Epilog ist, unterstrich nach Reemtsma auch Tilo Wesche, einer der Oldenburger Organisatoren der Tagung. Zu einer Pflichtethik, wie sie Habermas im Anschluss an Kant vertrete, gehöre eine Vergewisserung darüber, das moralisches Handeln nicht vergeblich sei. Während dies bei Kant durch eine auf dem Gottespostulat ruhenden „Hoffnung“ eingelöst wird, trete an deren Stelle bei Habermas eine „Ermutigung“, die auf einer Rekons­truktion der Philosophie als „Lernprozess“ ruht – ein Fortschritt ohne Unterstellung eines geschichtsphilosophischen Telos, der bei allen Schwankungen eine Zunahme von Freiheitsrechten und Inklusion erkennen lasse.

Ablösung von Sinn durch Gründe

Einen Schwerpunkt der Tagung bildete die Suche nach langfristigen Kontinuitäten im Œuvre von Habermas. Ein Interesse an der Beziehung von Religion und Philosophie lasse sich bereits vor der Begegnung mit dem damaligen Präfekten der Glaubenskongregation Joseph Ratzinger 2004 nachweisen. Das Interesse von Habermas an den „unabgegoltenen Gehalten“ der Religion wurde dabei mehrfach in die Nähe von Adornos Diktum eines Denkens gerückt, das „solidarisch mit der Metaphysik im Augenblick ihres Sturzes“ ist. In diesem Sinne arbeitete Stefan Müller-Doohm, Biograph von Adorno und Habermas, Gemeinsamkeiten und Unterschiede des metaphysikkritischen Denkens beider Philosophen heraus.

Habermas nahm diesen Vortrag zum Anlass, in einer ausführlichen Replik in berührender Weise über sein Verhältnis zu Adorno zu sprechen. Lange habe er während seiner Studienjahre vergeblich nach einem Lehrer gesucht, der ihn auch persönlich ergriff. Am ehesten hätten dies noch die damaligen Theologen an der Universität Bonn vermocht – bis er auf Adorno traf, durch den die Suche zu einem Abschluss gekommen sei. Entgegen der verbreiteten Ansicht, seine Philosophie weise größere Affinitäten zu Max Horkheimers Programm eines interdisziplinären Materialismus auf, seien es Schriften wie Adornos „Prismen“ gewesen, die ihn „elektrisiert“ hätten.

Es sei heute nurmehr schwer verständlich zu machen, wie reizvoll und exotisch die 1955 erschienenen kulturkritischen Aufsätze in der „tiefen Adenauer-Zeit“ waren, die der Mittzwanziger buchstäblich „auf der Zugfahrt nach Frankfurt“ gelesen habe. Im restaurativen Klima jener Jahre sei es „der enthusiastisch verehrte Lehrer“ Adorno gewesen, der die Ambitionen jener an Autoren wie Marx, Freud und Benjamin orientierten Kritischen Theorie der Dreißigerjahre verkörperte, die damals beim auf Mäßigung drängenden Horkheimer eher nicht zum Vorschein gekommen seien.

In Bonn hatte Habermas die „Dialektik der Aufklärung“ gelesen. Die Vernunftkritik des Buches habe er damals vor dem Hintergrund von Nationalsozialismus und Stalinismus „zeitgeschichtlich relativiert“, weil er es in eine Reihe mit anderen von Emigranten geschriebenen Totalitarismustheorien gestellt habe wie derjenigen von Hannah Arendt. Gleichwohl habe ihn Adorno in seinen metaphysikkritischen Ansätzen bestärkt und dann mit seinem Buch über Husserl, der 1956 erschienenen „Metaphysik der Erkenntnistheorie“, davon überzeugt, dass jedes Anfangen mit einem absoluten Ersten zum Scheitern verurteilt ist. So lieferte Adorno „entscheidende Anstöße“ zum späteren „nachmetaphysischen Denken“ von Habermas, das sich nur noch auf intersubjektiv verallgemeinerbare Gründe, nicht mehr auf eine der Welt innewohnende Ordnung oder einen von höheren Wesen beabsichtigten Sinn berufen kann. Mit solchen Mitteilungen leistete die interpretatorisch ergiebige Tagung auch einen Beitrag zur Geschichte der Philosophie.