MESOP MIDEAST WATCH : TARGET DEUTSCHE WELLE / VON STEFAN BUCHEN

FAZ 14-12-2021 – Antisemitismus bei “Vice” –  Wer im Glashaus sitzt

Das Online-Magazin „Vice“ kritisiert die Deutsche Welle scharf für ihre Zusammenarbeit mit israelfeindlichen Sendern in der arabischen Welt. Dabei verbreitet „Vice“ selbst, auf seiner arabischen Website, israelfeindliche Inhalte, die ähnlich klingen.

Seit Wochen fördern Medien belastendes Material gegen die Deutsche Welle zutage. Es geht um Antisemitismus und Hass auf Israel. Die „Süddeutsche Zeitung“ enthüllte belastende Posts, die Mitarbeiter der arabischen Redaktion von privaten Accounts in den Sozialen Medien abgesetzt hatten. Juden würden die Hirne der Menschen durch Kunst, Musik und die Presse steuern, hieß es da zum Beispiel. Die Deutsche Welle hat diese Mitarbeiter suspendiert und lässt die Vorwürfe extern prüfen. Dann legten andere Medien nach, durchforsteten die Berichterstattung von Sendern in arabischen Staaten, mit denen die Deutsche Welle kooperiert. „Vice“, der deutsche Ableger des gleichnamigen amerikanischen Medienkonzerns, tat sich dabei besonders hervor. In mehreren Texten enthüllte „Vice“, dass Roya TV aus Jordanien und der libanesische Sender al-Jadeed eine Diktion verwenden und Inhalte verbreiten, die das Existenzrecht Israels in Abrede stellen und Gewalt gegen den jüdischen Staat verherrlichen.

Ein Staat ohne Namen
Der jordanische Sender vermeide es, den Staat Israel beim Namen zu nennen, und spreche von der „israelischen Besatzung“, die Bürger Israels würden „Siedler der israelischen Besatzung“ genannt, kritisierte „Vice“. Die israelische Armee sei die „Besatzungsarmee“, Palästinenser, die von israelischen Streitkräften getötet werden, seien „Märtyrer“. Roya TV habe in den Sozialen Medien Landkarten geteilt, auf denen Israel ausgelöscht sei. Zeichnungen, die der jordanische Sender Roya TV auf einem eigenen Social-Media-Kanal verbreitete, sind sogar antisemitisch zu nennen. Während die Kooperation mit al-Jadeed und weiteren arabischen Sendern auf dem Prüfstand steht, erklärte die Deutsche Welle die Zusammenarbeit mit Roya TV für beendet.

Wer den Partnerschaften des deutschen Auslandssenders im arabischen Raum kritisch nachspürt, darf sich des Zuspruchs vieler sicher sein, zumal, wenn man eine israelfeindliche Gesinnung der Partner belegen kann, die punktuell ins Antisemitische abdriftet. Die investigativen Aktivitäten von „Vice“ erscheinen aber in einem anderen Licht, weitet man den Blick auf das Medienunternehmen: „Vice“ selbst hat auch eine arabische Redaktion. Und die arabischsprachigen Artikel von „Vice“ zum Thema Israel klingen ganz ähnlich wie die Berichte der Partner der Deutschen Welle, die die Berliner „Vice“-Redakteure unter Beschuss nehmen. Teilweise sind die Formulierungen wortgleich.

Israel als „kolonialistisches Herrschaftsgebilde“
Am 20. Mai dieses Jahres erschien auf „Vice Arabic“ ein Artikel mit der Überschrift „Warum wir die israelische Besatzung Palästinas als eine Herausforderung für den Feminismus betrachten“. Darin nennt die „Vice“-Autorin Israel nicht Israel, sondern „den Besatzungsstaat“, die „israelische Besatzung“, „das okkupierende Gebilde“ und „das kolonialistische Herrschaftsgebilde“. Die Israelis sind bei ihr „Siedler der israelischen Besatzung“. Diese beginnt für die Autorin nicht mit der israelischen Eroberung von Westjordanland und Gazastreifen 1967, sondern bereits mit der israelischen Staatsgründung 1948. Das heißt, in diesem Artikel streitet „Vice“ dem Staat Israel die Legitimität ab. Der „Besatzungsarmee“ wird unterstellt, gegen die Palästinenser „täglich Verbrechen kollektiver Vernichtung“ zu begehen. Der Besatzer strebe die biologische Auslöschung des palästinensischen Körpers an. Im Visier stehe vor allem der Körper der palästinensischen Frau. Der palästinensische Volkskörper wird von den israelischen Besatzern bedroht – eine seltsame Mischung des alten antisemitischen Motivs vom zersetzenden Juden und des Zerrbilds von einem verbrecherischen Kolonialregime, das mit Nazimethoden vorgehe.

Der zersetzende Jude taucht bereits in einer „Vice“-Geschichte vom 13. März 2018 auf. In dem Artikel wird das Handeln des israelischen Armeeoffiziers Avikhai Adrai analysiert, der, des Arabischen mächtig, in Sozialen Medien mit Followern aus dem arabischen Raum in Kontakt tritt. Mit süßlichem Ge­schwätz versuche er, leitet die „Vice“-Autorin her, sein Publikum um den Finger zu wickeln und ein freundliches Gesicht des Besatzungsstaates zu zeigen. Dabei streue er „Gift in den Honig“. Das verleite das arabische Publikum dazu zu vergessen, dass es „der Feind ist, der zu ihm spricht“. So zitiert die „Vice“-Autorin eine jordanische Kommunikationswissenschaftlerin, die ihr bei der Analyse der Social-Media-Aktionen des israelischen Armeeoffiziers hilft. Angereichert ist der Artikel mit Zeichnungen, die Avikhai Adrai als Schleimer darstellen, einmal mit Kussmund. Der Artikel ist ein Aufruf gegen jeden Dialog mit Israel. Zur Untermalung kommt noch ein Vertreter der vom Deutschen Bundestag als antisemitisch ge­ächteten BDS-Bewegung zu Wort. Dieser spricht sich gegen die Interaktion mit „Zionisten“ in Sozialen Medien aus.

Verjagte und getötete Palästinenser
Auch die Redaktionsleiterin von „Vice Arabic“, Badar Salem, äußerte sich in einem Artikel zu Israel. Am 14. Mai 2018 widmete sie sich in einem langen Text der Nakba. Das ist der arabische Begriff, wörtlich bedeutet er „Katastrophe“, für den Sieg der jüdischen Streitkräfte im Krieg gegen die Araber 1948, der in der Gründung des Staates Israel mündete. Sie spricht von „zionistischen Banden“, die die Palästinenser verjagt oder getötet hätten. Deren Ziel sei von Anfang an gewesen, die palästinensische Existenz auszulöschen. Was den Palästinensern 1948 angetan worden sei, sei die „größte Grausamkeit gegen ein einzelnes Volk in der modernen Geschichte“. Diese Aussage kommt, streng genommen, einer Leugnung des Holocaust gleich.

Das alles wurde veröffentlicht im selben corporate Webdesign von demselben Medienkonzern, dessen deutscher Ableger die israelfeindlichen Ausfälle von Medienpartnern der Deutschen Welle aufs Korn nimmt. Milde gesprochen, ist das Doppelmoral.

Widersprüche in den eigenen Reihen
Ich habe den Chefredakteur von „Vice Deutschland“, Felix Dachsel, mit dem Widerspruch konfrontiert. In seinen Artikeln hat er die gegen Israel gerichtete Gesinnung in seinem eigenen Medienkonzern mit keinem Wort erwähnt. Dafür begleitete er die Veröffentlichung seiner Texte mit Tweets, in denen er den Druck auf die Deutsche Welle und deren Intendanten Peter Limbourg ständig erhöhte. Dachsel forderte Konsequenzen: Antisemitismus in der Deutschen Welle sei nicht das Problem einzelner Mitarbeiter. Es sitze „offensichtlich ein paar Etagen weiter oben.“ Dachsels Aktivismus, der so gar nicht zu dem passt, was die arabische Redaktion von „Vice“ von sich gibt, hat mich veranlasst, ihn mit sarkastischem Ton anzusprechen: Wie er es vor sich verantworten könne, in einem Medienunternehmen zu verweilen, das Dinge veröffentlicht, die er bei anderen anprangert. Ob er nun zurücktreten werde. Dachsel reagierte heftig auf Twitter, warf mir vor, seine Recherchen über Antisemitismus in der Deutschen Welle diskreditieren zu wollen. Zum Kern meiner Anfrage wollte er sich nicht äußern, nämlich, was er zu den israelfeindlichen bis antisemitischen Äu­ßerungen von „Vice Arabic“, also nicht von irgendwelchen Medienpartnern von „Vice“, sondern von „Vice“ selbst, sagt und wie er diese bewertet.

Der Streit, die Recherchen, die offengelegten Widersprüche könnten zu einigen Erkenntnissen führen: Die Deutsche Welle muss genau hinschauen, was ihre Partner abseits der gemeinsamen Projekte veröffentlichen. Partner, die antisemitische Inhalte oder solche, die das Existenzrecht Israels in Frage stellen, verbreiten, disqualifizieren sich für die Zusammenarbeit. Der deutsche Auslandssender hat betont, dass er das künftig genauer beobachten will. Andererseits zeigt sich, in welche Fallen man beim Jagen von Israelhassern und Antisemiten tappen kann. Das hat viel mit überzogenen Erwartungshaltungen zu tun. Hiesige Kritiker können nicht erwarten, dass die jordanische, libanesische oder palästinensische Öffentlichkeit Israel so betrachtet, wie es die deutsche nach der Shoah und der Aufarbeitung der eigenen Schuld tut. Die arabischen Staaten und Gesellschaften des Nahen Ostens haben handfeste Konflikte mit Israel. Viele Araber sehen in Israel den Staat, durch dessen Gründung im Jahr 1948 Palästinenser um ihr Land gebracht und vertrieben wurden. Durch den Ausbau der jüdischen Siedlungen im 1967 besetzten Westjordanland setzt sich dieser Prozess in den Augen der arabischen Öffentlichkeit fort. Diese Konflikte spiegeln sich in den dortigen Medien wider, von al-Jadeed bis „Vice Arabic“. Das ist akzeptabel, solange die Grenze zum Antisemitismus nicht überschritten wird. Ist diese Voraussetzung erfüllt, sollte die Deutsche Welle in arabischen Ländern agieren können mit dem Ziel, Feindschaft zu entschärfen. Einen israelfreundlichen Medienpartner wird man dort indes auf absehbare Zeit nicht finden.

Stefan Buchen ist Fernsehautor beim NDR, insbesondere für das Magazin „Panorama“. In den neunziger Jahren war er für die Agentur AFP und die ARD Korrespondent in Israel. Er spricht fließend Arabisch, Persisch und Hebräisch. Für seine Arbeit wurde er mit dem Leipziger Preis für die Freiheit und Zukunft der Medien und als „Reporter des Jahres“ geehrt.