MESOP MIDEAST WATCH: KURDEN FLIEHEN VOR IHREN FÜHRERN BARZANI, TALABANI & ERDOGAN

FLÜCHTLINGS-DRAMA AN DER BELARUS-GRENZE – Warum wollen so viele verzweifelte Kurden in die EU?

11.11.2021 – BILD ZEITUNG  – Tausende Flüchtlinge kampieren im Grenzgebiet zwischen Belarus und Polen, einige haben die Grenze bereits durchbrochen. Die Lage scheint immer mehr zu eskalieren.

Doch woher kommen eigentlich die Menschen, die so verzweifelt versuchen, in die EU zu kommen?

Nach BILD-Informationen sind unter den Migranten auffällig viele Kurden. Auch Medienberichte deuten darauf hin, dass sehr viele von ihnen aus Nordostsyrien und der Autonomen Region Kurdistan (KRG) im Nordirak stammen.

Warum flüchten ausgerechnet aus dieser Weltregion derzeit so viele Menschen?

 

▶︎ Die einfache Antwort: Weil dort in Teilen wieder Krieg herrscht.

In Nordostsyrien führte die kurdische Partei „Partiya Yekîtiya Demokrat“ (PYD) und ihr bewaffneter Arm YPG den Kampf gegen den „Islamischen Staat“. Nach dessen militärischer Niederlage im Frühjahr 2019 festigte die PYD ihre Herrschaft über weitere Teile im Norden und Osten Syriens.

Allerdings: Der Türkei gelten beide Gruppierungen als syrischer Ableger der PKK, die als Terrorgruppe auch in Europa gelistet ist. Im Frühjahr 2018 marschierte die türkische Armee mit verbündeten syrischen Milizen in der Region Afrin in Nordsyrien ein, die von der PYD kontrolliert wurde. Nach mehrwöchigen Kämpfen brachten die türkischen Streitkräfte und ihre Verbündeten die Region unter ihre Kontrolle, was zu einer Massenflucht- und Vertreibung der Zivilbevölkerung führte:

Zwischen 200 000 und 300 000 vor allem kurdische Bewohner der Region flohen in Richtung Osten in Gebiete unter PYD-Kontrolle.

Im Oktober 2019 griffen die türkischen Streitkräfte und ihre Verbündeten erneut in Nordostsyrien ein, eroberten mehrere Städte in der Grenzregion zur Türkei. In der Folge wurden erneut bis zu 300 000 Zivilisten vertrieben, darunter auch einige, die zuvor schon aus Afrin geflohen waren.

Nach der türkischen Offensive in Nordostsyrien flohen Zehntausende Syrer aus umkämpften Gebieten. BILD besuchte ein Flüchtlingslager.

Flucht vor türkischen Bomben

Während einige Zivilisten sich erneut in andere Flüchtlingscamps in Nordostsyrien retteten, flohen andere weiter über die Grenze in den Nordirak, in die dortige Autonome Region Kurdistan.

BILD traf damals Menschen kurz nach ihrer Ankunft im Flüchtlingscamp im Norden des Irak. „Es gibt hier keine Zukunft für uns. Wir werden versuchen, nach Europa zu gelangen. Dort ist es sicher und ich hoffe, dass ich dort als Ingenieur Arbeit finde“, erklärte Alaan Juli, der mit seiner Familie aus Qamishlo (Syrien) floh, als während der türkischen Militäroffensive Granaten vor seinem Haus einschlugen.

Im Dezember 2020 beschossen die türkischen Streitkräfte erneut die Grenzstadt Ayn Issa. Auch wenn es nicht zu einer erneuten großen Bodenoffensive kam, flohen die meisten Einwohner der Stadt, das angegliederte Flüchtlingscamp mit Flüchtlingen aus Afrin wurde evakuiert.

Seit Tagen legt die türkische Armee die syrische Grenzstadt Ayn Issa unter Feuer. Ein paar Menschen sind geblieben. BILD hat sie besucht.

Derzeit ziehen die türkischen Streitkräfte erneut Truppen in der Grenzregion zusammen. Unklar ist, ob es diesmal tatsächlich, wie mehrfach angekündigt, zu einem Angriff auf die Grenzstadt Kobane kommt.

Flucht aus der Region Kurdistan-Irak

Und auch aus der Autonomen Region Kurdistan im benachbarten Nordirak nutzen offenbar viele Bewohner die Route nach Belarus. Die dortigen Kampfhandlungen sind nur ein Grund. Ein anderer: Die wirtschaftliche Lage hat sich in den letzten vier Jahren auch dort dramatisch verschlechtert.

Zudem schwinden die politischen Freiheiten in Kurdistan-Irak zusehends: Zwar war die Region nie auf dem Stand einer westlichen Demokratie, aber verglichen mit den Nachbarländern Iran und Syrien oder auch der Region Zentralirak doch verhältnismäßig frei.

BILD traf jesidische Mädchen im Flüchtlingslager in Khanke (Nordirak), die es lebend aus der ISIS-Hölle geschafft haben.

Die herrschende KDP geht zusehends rigoroser gegen ihre Kritiker vor: Im Mai dieses Jahres wurden die Journalisten Sherwan Sherwani, Ayas Karam und Gudhar Zebari sowie die Aktivisten Shivan Saeed und Arewan Essa Mohamed zu Haftstrafen verurteilt.

Das Auswärtige Amt kritisierte die Urteile deutlich: So hätten etwa Anwälte keinen ausreichenden Zugang zu ihren Mandanten gehabt, besorgniserregend seien zudem die Vorwürfe von „durch Folter und Druck erpresster Geständnisse während der Haftzeit.“ Die Urteile seien „ein besorgniserregendes Signal über den Zustand der Presse- und Meinungsfreiheit in der Region“, so das Auswärtige Amt.