MESOP MIDEAST WATCH: Iran lenkt mit Angriffen auf Kurden im Irak von den Protesten gegen den Kopftuchzwang ab

Die iranischen Revolutionswächter behaupten, kurdische Rebellen steckten hinter der Wut von Frauen auf den Hijab-Zwang. Beweise gibt es dafür nicht. Trotzdem greift Teheran nun seit zwei Wochen kurdische Stützpunkte im Nordirak an.

Inga Rogg, Jerusalem 06.10.2022, – Kämpferinnen der iranisch-kurdischen Rebellengruppe Komala in einem Haus, in das sie Anfang Oktober nach iranischen Drohnenangriffen auf ihre Basen bei Suleimaniya ausgewichen sind.

Der iranische Revolutionsführer Ayatollah Ali Khamenei hat lange zu den von Frauen angeführten Protesten geschwiegen, die sich am Tod der 22-jährigen Mahsa Amini entzündeten. Als er sich Anfang der Woche endlich zu Wort meldete, machte er für die «gewaltsamen Krawalle» eine ausländische Verschwörung verantwortlich. Als Drahtzieher nannte Khamenei die üblichen Verdächtigen: die USA und Israel.

Begonnen hatten die Proteste nach dem Begräbnis von Zhina, wie ihre Familie die junge Kurdin nannte, am 17. September in Saqez in Westiran. Von dort breiteten sie sich über die kurdischen Gebiete und weite Teile des gesamten Iran aus. Die mächtigen Revolutionswächter machten deshalb schnell andere Verdächtige aus: kurdische «Terroristen» und «Separatisten», die ihre Basen jenseits der Grenze im kurdischen Teilstaat im Nordirak haben.

Handel kommt zum Erliegen

Hinweise darauf, dass kurdische Rebellen hinter den Protesten stecken, gibt es nicht. Die meisten Iranerinnen dürften sie ohnehin nicht kennen. Ihre Wut auf den Verhüllungszwang ist auch so gross genug. Für die Revolutionswächter ist es jedoch ein guter Vorwand, um Stützpunkte von kurdischen Rebellengruppen mit Raketen, Drohnen und schwerer Artillerie anzugreifen.

In den letzten Tagen richteten sich die Angriffe vor allem gegen Gebiete um die Kleinstadt Sidekan im Dreiländereck zwischen dem Irak, Iran und der Türkei. Nach Angaben des Bürgermeisters explodierten zwei Drohnen nahe einem Dorf, wodurch ein Bauer verletzt worden und Wälder und Felder in Brand geraten seien. Mehr als 500 Dorfbewohner seien aus Angst vor den Angriffen geflohen.

Der Verkehr und Handel über den Grenzübergang Haji Omran, an dem sich normalerweise Lastwagen und Autos stauen, kam aufgrund der ständigen Artillerie- und Drohnenangriffe weitgehend zum Erliegen. Ausserdem attackierten die Revolutionswächter diese Woche Stützpunkte der Rebellen im Berggebiet nahe Penjwin nordöstlich der Provinzhauptstadt Suleimaniya.

Amerikaner schiessen iranische Drohne ab

Die kurdischen Rebellen hätten eine zentrale Rolle in den «Krawallen» seit dem Tod von Amini gespielt, sagte der iranische Brigadegeneral Abbas Nilforushan, ein Kommandant der Revolutionswächter, zu Beginn der Militäroperationen am 24. September. Die Operationen gegen die «antiiranischen Terrorgruppen» würde fortgesetzt, bis deren Basen zerstört seien.

Die bisher schwersten Angriffe verübten die Revolutionswächter am 28. September, als sie gleichzeitig die Hauptquartiere von drei Rebellengruppen nahe Suleimaniya, Koisanjak und der kurdischen Regionalhauptstadt Erbil mit Kurzstreckenraketen und Kamikaze-Drohnen beschossen. Die Angriffe forderten mindestens 14 Tote, unter ihnen mehrere Zivilisten und ein Neugeborenes. Hunderte von iranisch-kurdischen Zivilisten, die Uno-Flüchtlingsstatus geniessen, wurden nach Angaben der Behörden vertrieben.

Das militärische Vorgehen der Iraner im Nordirak sorgt auch für Spannungen mit den Amerikanern, die dort mehrere Stützpunkte haben. Sie schossen am Mittwoch voriger Woche eine iranische Drohne vom Typ Mojer-6 ab. Die Drohne sei in Richtung Erbil geflogen und habe eine Bedrohung für amerikanische Soldaten dargestellt, teilte das Zentralkommando mit.

Mord an bekannter Frauenrechtlerin

Die Iraner haben in der Vergangenheit immer wieder Rebellen im Nachbarland angegriffen. Mit dem konzertierten Vorgehen der letzten zwei Wochen scheinen sie jedoch dem Beispiel der Türkei zu folgen, die nicht nur in den Grenzgebieten, sondern auch tief im kurdischen Teilstaat Drohnenangriffe auf Kämpfer der türkisch-kurdischen PKK verübt. Die Türkei wird auch für zahlreiche Morde an türkisch-kurdischen Oppositionellen in der Region verantwortlich gemacht.

Diese Woche wurde die bekannte türkisch-kurdische Frauenrechtlerin Nagihan Akarsel in Suleimaniya erschossen. Für die Kurden steckt dahinter der türkische Geheimdienst. Nach Angaben der lokalen Behörden wurde Akarsel regelrecht mit Kugeln durchsiebt, als sie ihr Haus im zentralen Stadtteil Bakhtiari verliess. Die beiden Todesschützen seien festgenommen worden, über ihre Identität wurde aber nichts mitgeteilt.

Akarsel war Mitbegründerin des örtlichen Zentrums für «Jineologie» (Wissenschaft der Frau), eine Mischung aus sozialistischer Utopie, Feminismus und Ökologie und ein zentraler Bestandteil der PKK-Ideologie. Aus ihren Reihen stammt auch der Slogan «Frau, Leben, Freiheit», den syrisch-kurdische Kämpferinnen gegen den Islamischen Staat berühmt machten – heute rufen ihn Iranerinnen von Saqez bis Teheran, wenn sie gegen den Hijab-Zwang auf die Strasse gehen.