MESOP MIDEAST WATCH IDENTITÄR : „AUSERWÄHLTES VOLK!“ ? GODS OWN COUNTRY ISRAEL !
Die Handwerker Gottes: Wie denken die radikalen Siedler, die die Ankunft des Messias in Israel herbeizwingen wollen?
Die nationalreligiöse Siedlerbewegung befindet sich im Aufschwung. Inzwischen stellt sie mehrere Minister in der israelischen Regierung. Für die Erfüllung ihrer Erlösungsideologie setzen die religiösen Zionisten viel aufs Spiel.
Richard C. Schneider30.07.2023, 14.46 Uhr 7 min NEUE ZÜRCHER ZEITUNG
Seitdem die neue Regierung von Ministerpräsident Benjamin Netanyahu im Amt ist, hat sie nur ein Ziel: Sie will ihre sogenannte Justizreform durchsetzen und damit das Oberste Gericht als Kontrollinstanz für die Entscheidungen der Regierung ausser Kraft setzen. Mit anderen Worten: Netanyahu will zusammen mit seinen orthodoxen und rechtsextremen Koalitionspartnern die Gewaltenteilung aufheben.
Dass Netanyahu und seine Likud-Partei in den letzten Jahren immer weiter nach rechts gedriftet sind, ist nicht neu. Dass ihm die Justizreform auch dazu dient, seinen Prozess wegen mutmasslicher Korruption in drei Fällen zu beenden, liegt auf der Hand. Auch die Position der ultraorthodoxen Parteien überrascht nicht: Sie lehnen einen säkularen Staat ab und würden Israel lieber als Staat sehen, der nach der Halacha, dem jüdischen Religionsgesetz, geführt wird.
Neu hingegen ist, dass nun mit Itamar Ben-Gvir, dem nationalen Sicherheitsminister, und mit Bezalel Smotrich, dem Finanzminister und Minister für zivile Angelegenheiten in den besetzten Gebieten, zwei rechtsextreme Vertreter des Religiösen Zionismus im Zentrum der Macht angekommen sind. Sie wollen den radikalen Umbau des jüdischen Staates ebenso vorantreiben wie die Annexion des Westjordanlandes.
Mit der Ankunft des Messias beginnt die Zeit der Erlösung
Ben-Gvir und Smotrich hängen einer Ideologie der «jewish supremacy» an und machen kein Hehl aus ihrer Verachtung für Araber. Wie die Ultraorthodoxen träumen auch sie von einem halachischen Staat, der sich vom Mittelmeer bis zum Jordan erstrecken soll. Es geht um das gesamte Land, das Gott dem jüdischen Volk einst verheissen hat. Nach ihrer Vorstellung muss es für immer in jüdischen Händen bleiben. Und sie verachten säkulare, universalistische Juden, die für sie einfach nur «Linke» sind und mit ihrem «westlichen Universalismus» nicht das wahre Judentum vertreten. Die beiden Politiker gehören zu einer Strömung, die auch als «messianisches Judentum» bezeichnet wird und praktische Politik für ihre Erlösungsideologie auszunutzen versucht.
Der Zionismus begann als säkulare Bewegung. Die frühen Zionistenführer wie Chaim Weizmann und David Ben-Gurion wollten einen Staat für das jüdische Volk schaffen, wo es frei von Verfolgung und selbstbestimmt leben konnte. Demgegenüber gab es immer schon religiöse Zionisten, die in der Rückkehr nach Zion stets auch die Chance sahen, nach 2000 Jahren Diaspora das Judentum endlich so zu leben, wie dies eben nur in Eretz Israel, im Land Israel, möglich ist.
Ebenso wie die Ultraorthodoxie träumt auch der Religiöse Zionismus von der Ankunft des Messias, der im Judentum bislang noch nicht erschienen ist. Mit seiner Ankunft beginnt die Zeit der Erlösung, der dritte Tempel wird gebaut, und zwar genau dort, wo die ersten beiden Tempel standen: auf dem Tempelberg, wo sich heute die Al-Aksa-Moschee und der Felsendom befinden. So die Überlieferung.
Während aber die Ultraorthodoxie prinzipiell geduldig auf die Ankunft des Messias wartet – denn es ist Gottes Entscheidung, wann die Erlösung kommen wird –, haben die Vertreter des Religiösen Zionismus, die in Israel auch als Nationalreligiöse bezeichnet werden, andere Vorstellungen. Vor allem ihre radikalen Vertreter sind der Ansicht, dass sie die Ankunft des Messias beschleunigen müssen. Die religionsideologischen Grundlagen dafür erhielten sie in der Talmudschule des Raw Zvi Yehuda Kook in Jerusalem.
Widersprüche in der Prophezeiung
1967 besiegte Israel im Sechstagekrieg nicht nur überraschend drei arabische Armeen. Es eroberte neben den Golanhöhen und dem Gazastreifen vor allem auch das Westjordanland. Damit gerieten nach 2000 Jahren plötzlich die wichtigsten heiligen Stätten des Judentums wieder in jüdische Hand: der Tempelberg in Ostjerusalem mit der sogenannten Klagemauer, der Westmauer des zweiten Tempels; die Grabstätten der Stammväter und -mütter in Hebron und bei Bethlehem; Gräber der Propheten; und letztlich das Territorium, auf dem sich die eigentliche biblische Geschichte zu grossen Teilen abgespielt hat.
Selbst unter säkularen Juden machte sich damals mit dem Jubel darüber, diesen Krieg gewonnen zu haben, eine euphorische Endzeitstimmung breit. Plötzlich wieder an den heiligen Überresten des Tempels beten zu können, den der römische Feldherr Titus im Jahr 70 nach Christus zerstört hatte, erschien Juden weltweit wie ein göttliches Wunder. Und das nur 22 Jahre nach Auschwitz. Das musste ein Zeichen Gottes sein!
Im Mai 2023 veranstalteten ultranationalistische Juden einen Marsch durch das muslimische Viertel der Jerusalemer Altstadt.
Raw Zvi Yehuda Kook entwickelte in der Folge seine Theologie, die auf den Lehren seines Vaters basierte: Raw Abraham Isaac Kook, der von 1865 bis 1935 lebte, war der erste aschkenasische Oberrabbiner Palästinas und ein wichtiger religionsphilosophischer Denker seiner Zeit.
Er widmete sich einer Frage, auf die die Ultraorthodoxie keine Antwort wusste: Wenn die Schriften verlangten, dass das jüdische Volk geduldig im Exil auf den Messias wartet und kein Recht hat, einen jüdischen Staat selbst zu errichten, wie konnte es dann sein, dass die säkularen, blasphemischen Zionisten von Erfolg zu Erfolg eilten? Wie konnte es sein, dass der britische Aussenminister, Lord Arthur Balfour, in einer Deklaration den Juden eine «nationale Heimstätte» in Palästina versprach? War das nicht ein Widerspruch zur Prophezeiung?
Die Handwerker bereiten die Rückkehr des Messias vor
Raw Abraham Isaac Kook fand eine Lösung für das theologische Dilemma: Im jüdischen Tempel von einst gab es einen Raum, der «Das Heiligste vom Heiligen» genannt wurde. Dort soll sich die Manifestation Gottes auf Erden befunden haben. Nur der Hohepriester durfte in diesen Raum, und auch das nur einmal im Jahr, am höchsten jüdischen Feiertag, Jom Kippur. Dann betrat er das Heiligtum und bat Gott um Vergebung für die Sünden des ganzen Volkes.
Doch wie jedes Gebäude musste auch der Tempel immer wieder gereinigt und renoviert werden – auch der heiligste Raum. Wie aber konnten die Handwerker da hinein? Die Lösung war pragmatisch: Alle heiligen Gegenstände wie etwa die Bundeslade wurden aus dem Tempel gebracht. Dieser war dann quasi nicht mehr «heilig», die Handwerker konnten somit auch das Allerheiligste betreten. Wenn sie mit ihren Arbeiten fertig waren, wurde der ganze Tempel wieder geweiht. Die heiligen Gegenstände wurden mit Ritualen und Gebeten zurückgebracht und das Gebäude sozusagen in die «Heiligkeit» zurückversetzt.
Im Sechstagekrieg von 1967 besetzten israelische Truppen das Westjordanland.
Dieses Vorgehen übertrug Raw Kook auf die Zionisten. Er sah sie als Handwerker Gottes. Sie seien Teil des göttlichen Plans, die Erlösung zu bringen. Gott habe sie ausersehen, das Land, das über zwei Jahrtausende in den Händen von Nichtjuden gewesen war, auf die Ankunft des Messias vorzubereiten. Als dann der Staat Israel gegründet wurde, schien eine Prophezeiung bereits in Erfüllung zu gehen: die sogenannte «Einsammlung der Exilierten».
«Wir wussten, dieser Prozess ist nicht einfach»
Der Zionismus war plötzlich theologisch aufgeladen. Raw Kook konnte damit das Dilemma der Haredim, der Gottesfürchtigen, auflösen – mit ungeahnten Folgen. Denn sein Sohn begann in seiner Talmudschule in Konsequenz dieser Idee eine ganze Generation darauf einzuschwören, vor allem im besetzten Westjordanland – biblisch: Judäa und Samaria –zu siedeln, um die Ankunft des Messias weiter vorzubereiten beziehungsweise zu beschleunigen.
Seine Schüler gründeten die Siedlerbewegung Gush Emunim, den Block der Getreuen. Sie entwickelten die Endzeit- und Erlösungsphantasien immer weiter. Die religiösen Eiferer waren nicht bereit, sich von irgendjemandem aufhalten zu lassen. Nicht von den israelischen Politikern, nicht von den Palästinensern, nicht von den USA.
Der inzwischen verstorbene Eliezer Waldman war einer derjenigen, die zum engen Kreis von Gush Emunim gehörten. In einem Interview erzählte er einige Jahre vor seinem Tod, was das bedeutete: «Wir lebten in der Jeschiwa in einer ständigen Anspannung und in Erwartung der nächsten Stufen auf dem Weg zur Erlösung. Wir wussten, dieser Prozess ist nicht einfach, wir wussten das immer.»
Die Siedlerbewegung will Fakten schaffen
Als der Rabbiner Hanan Porat gleich nach dem Sechstagekrieg 1967 an den Ort im Westjordanland zurückwollte, wo einst sein Kibbuz gestanden hatte, der von den jordanischen Truppen während des israelischen Unabhängigkeitskrieges 1948 zerstört worden war, bat er zunächst Verteidigungsminister Moshe Dayan um Erlaubnis, dorthin zurückzukehren. Dayan lehnte ab: Das eroberte Gebiet sei Verhandlungsmasse für eventuelle Friedensverhandlungen.
Daraufhin ging Porat zum Ministerpräsidenten Levi Eshkol. Man wolle am jüdischen Neujahrsfest dort beten, erklärte er ihm. Eshkol sagte Ja. Nur zwei Tage später waren Porat und seine Freunde im Etzion-Gebiet, bauten eine Siedlung und gingen nie wieder weg. In ihrem Vorgehen war die gesamte Strategie des Gush Emunim angelegt: Unter Vorgabe falscher Tatsachen machte man sich auf den Weg, nutzte die Unentschiedenheit der Politiker aus und schaffte Fakten vor Ort.
Rabbi Hanan Porat (rechts), eine zentrale Figur der nationalreligiösen Gemeinschaft, feiert mit seinen Anhängern die Errichtung einer Siedlung im Westjordanland.
Manchen ging das allerdings nicht schnell genug – man wollte die Ankunft des Messias erzwingen. So verübte eine radikale Siedlergruppe um Yehuda Etzion in den 1980er Jahren Attentate auf palästinensische Politiker. Etzion plante sogar, den Felsendom in die Luft zu sprengen, um den «Endkampf» zwischen Islam und Judentum zu provozieren. 1994 tötete der Arzt und Siedler Baruch Goldstein in der Ibrahimi-Moschee in Hebron 29 Palästinenser und verletzte 125. Nur ein Jahr später ermordete ein radikaler Anhänger der nationalreligiösen Ideologie den israelischen Ministerpräsidenten Yitzhak Rabin, da dieser Frieden mit den Palästinensern schliessen und besetzte Gebiete zurückgeben wollte.
Nun ist die Siedlerbewegung also an der Macht. Kürzlich rief Minister Itamar Ben-Gvir die Siedlerjugend ganz offen dazu auf, die «Hügel zu stürmen», also immer mehr Siedlungen zu gründen. Dass er und seine Freunde mit ihrer Politik die Sicherheit des jüdischen Staates aufs Spiel setzen, dass sie die Spaltung des jüdischen Volkes provozieren, scheinen sie hinzunehmen. Gott ist ja mit ihnen. Und sie wären froh, wenn die «universalistischen» Juden das Land verliessen. Auf dem Weg zur Erlösung stören sie nur. Und auch auf dem Weg zur endgültigen Übernahme Israels.