MESOP MIDEAST WATCH: HALB PAKISTAN GEHÖRT SCHON JETZT ROT CHINA
Kaum ein Land ist so abhängig von Geld aus China wie Pakistan.
China investiert Milliarden in Pakistan. Es beeinflusst die Bildung, die Medien, die Jugend.
Andreas Babst (Text) + Saiyna Bashir NZZ Islamabad19.01.2022
Umair Shabbir musste der chinesischen Sprache ihr Geheimnis entreissen, denn: «Die Chinesen behalten es für sich», sagt Shabbir. Eine Art eifersüchtigen Vorteil würden sie sich damit verschaffen. Shabbir, 32 Jahre alt, unterrichtet die Sprache, die er entschlüsselt hat, er benötigt dafür nur ein Whiteboard und einen schwarzer Filzstift, und viel mehr ist da auch nicht.
Sein Klassenzimmer befindet sich vor der Bürotüre einer Immobilienfirma in Pakistans Hauptstadt Islamabad. Shabbir hat das Wartezimmer gemietet. An der Wand hängen chinesische Girlanden. Fünf junge Pakistaner sitzen auf einem Sofa, Shabbir kritzelt eilig auf seine Tafel: Er springt von den chinesischen Verben zu den Zahlen und wieder zurück, und überhaupt sei diese Sprache sehr logisch und sehr einfach. Einer der Schüler hat schon aufgegeben mitzuschreiben – er fotografiert die Wandtafel mit dem Handy.
Shabbirs Schüler sitzen auf einem Sofa, sie warten auf eine bessere Zukunft.
Die jungen Menschen auf dem Sofa warten darauf, dass Shabbir sein Versprechen einlöst: «Nach höchstens vier Monaten Unterricht kann jeder von ihnen als Übersetzer arbeiten.» Sie sitzen im Wartezimmer einer besseren Zukunft, einer, in der sie Chinesisch sprechen.
Tausende chinesische Unternehmen sind derzeit in Pakistan aktiv, staatliche, aber auch private. Der Pakistanisch-Chinesische Wirtschaftskorridor, kurz CPEC, ist das Vorzeigeprojekt der Belt-and-Road-Initiative, Chinas neuer Seidenstrasse. Laut Schätzungen der Weltbank hat China zwischen 2014 und 2019 32 Milliarden Dollar in Pakistan verbaut. Insgesamt will Peking 62 Milliarden Dollar investieren. Chinesische Firmen bauen Strassen, Staudämme, Kraftwerke. Und mit den Firmen strömen Chinesen nach Pakistan.
Teilhaben an Chinas Aufstieg
Shabbir hat jahrelang chinesische Literatur studiert und jahrelang für chinesische Unternehmen gearbeitet. Er hat gesehen, wie sie sich auf schlechte pakistanische Übersetzer verlassen und sie auch schlecht bezahlen. Er hat gesehen, wie ein chinesischer Chef einem pakistanischen Untergebenen befahl, Liegestützen zu machen, weil er zu spät kam. Er hat die Schule gegründet, weil er glaubt, der erste Schritt zur pakistanischen Selbstermächtigung sei, richtig Chinesisch zu können: «Derzeit sind die Übersetzer in den chinesischen Unternehmen schlecht, wenn sie aber richtig Chinesisch können, werden sie etwas ändern. Sie werden den chinesischen Firmen sagen: ‹So ist unser Arbeitsrecht.›»
Shabbirs Unterricht ist schnell – seine Schüler sollen in vier Monaten Chinesisch sprechen.
Einer von Shabbirs Schülern erzählt von einem chinesischen Bauprojekt, das in der Nähe seines Dorfs in Kaschmir startet, er würde dort gerne als Übersetzer arbeiten. Ein anderer hat ein Stipendium für ein Studium in China. Sie alle hoffen, Teil zu werden vom grossen chinesischen Aufstieg.
Shabbir sagt: «Mein Traum ist, dass diese junge Generation nach drei Monaten Unterricht zu einer dieser chinesischen Firmen rennt, um dort zu arbeiten. Dass die junge Generation versteht, wie man Geld an den Chinesen verdienen kann.» Die Chinesen haben Geld, das weiss Shabbir, und man muss Chinesisch können, um es ihnen abzuknöpfen.
28 000 pakistanische Studenten seien 2018 an chinesischen Universitäten eingeschrieben gewesen, schreibt das Carnegie Institute in einer kürzlich erschienenen Studie. Derzeit warten Tausende, bis sie ihr Studium in China wieder aufnehmen können, während der Covid-19-Pandemie wurden sie aus dem Land geschickt. Die pakistanische Elite zieht es noch immer an die Prestigeuniversitäten im Westen. Die Mittelschicht aber will in China studieren.
Rana Gulraiz, 28, ist Arzt in Peshawar. «Ich bin damals in Pakistan an der medizinischen Fakultät nicht aufgenommen worden», sagt er, aber ein Freund habe ihm von der Universität in China erzählt. So ist es meistens: Ein Cousin ist schon in China, ein Freund schickt Fotos der modernen Universitäten. Zum Studium gehört, dass die jungen Pakistaner Chinesisch lernen.
Das Medizinstudium habe in Pakistan rund 8000 Franken jährlich gekostet, sagt Gulraiz, in China war es nur ein Drittel davon. Er sei gut aufgenommen worden von den Chinesen. «Ich habe an der Uni viele chinesische Freunde gehabt.» In Pakistan sei es anders, hier habe er kaum Kontakt mit Chinesen.
Ein Ladenbesitzer verpackt Kerne im Hinterhof – chinesisches Leben findet in Islamabad meist hinter verschlossenen Türen statt.
Man sieht in Islamabad nur wenig Spuren von chinesischem Leben. Ein paar Schilder manchmal: für Restaurants und Kosmetiksalons. Betrieben werden sie oft von Chinesen, die schon nach Pakistan übergesiedelt waren, bevor das Land zum Juniorpartner der neuen Seidenstrasse wurde. Sie sind zurückhaltend und sprechen lieber gar nicht oder nur anonym mit ausländischen Journalisten. Sie wollen keine Probleme.
Verehrer Maos
Mushahid Hussain Sayed, 66, verehrte einst Mao Zedong. In den siebziger Jahren besuchte er ein Camp der kommunistischen Jugend in China. Heute ist Sayed Senator in Pakistan, ein einflussreicher Politiker, Kommunist ist er schon lange nicht mehr. Aber China hat ihn nie losgelassen. Bereits 2009 gründete er das Pakistan-China Institute in Islamabad, einen Think-Tank, der sich um die Vertiefung der bilateralen Beziehungen kümmert. Dann kam der Wirtschaftskorridor CPEC, und Sayeds Institut wurde wichtiger und wichtiger. Vor ein paar Jahren erhielt Sayed von Präsident Xi Jinping einen Freundschaftsorden.
Das Pakistan-China Institute veranstaltet Essay-Wettbewerbe für Schüler, sie sollen einen Liebesbrief an China schreiben. Es bietet Sprachunterricht an, vergibt Stipendien und unterhält beste Kontakte zur chinesischen Botschaft und zu den fünf Konfuzius-Instituten im Land. Sayed will die Beziehungen zwischen den Ländern zementieren. «Die Kultur bringt die Menschen zusammen. Sonst ist das hier nur eine Transaktion: Die Chinesen bauen eine Strasse, dann gehen sie wieder», sagt er. In seinen Worten schwingt die Angst mit, dass die Chinesen eines Tages einfach aus Pakistan verschwinden. Sayed will es ihnen so schwer wie möglich machen.
Es gibt jetzt pakistanisch-chinesische Kinofilme, eine romantische Komödie über ein chinesisch-pakistanisches Paar und einen Actionfilm, eine Art pakistanisch-chinesisches «Top Gun». Eine Universität in Lahore bietet eine Fortbildung an, in der pakistanische Manager die chinesische Kultur kennenlernen und umgekehrt. «Wir können vom chinesischen Arbeitsethos lernen», sagt Sayed, «früh aufstehen, Disziplin, Pünktlichkeit. Alle Nationen, die vorwärtskamen, haben diese Werte.»
Shabbirs Schüler verlassen den Unterricht – die Schule befindet sich vor dem Büro einer Immobilienfirma.
China hat sich längst im pakistanischen Alltag eingenistet. Wer die Website der ältesten englischsprachigen Zeitung, «Dawn», öffnet, sieht einen Nachrichten-Ticker von «China Daily», der ebenfalls auf der Seite läuft. 2019 bot die chinesische Nachrichtenagentur Xinhua den pakistanischen Zeitungen einen Gratisservice für sechs Monate an, mehrere der finanziell schlechtgestellten Zeitungen nahmen das Angebot an – englischsprachige Agenturen wie Reuters und AP sind teuer. Xinhua liefert seinen Service auch in Urdu. Ein Xinhua-Mitarbeiter in Islamabad, der anonym bleiben will, erzählt, die Agentur habe gerade wieder neue Stellen geschaffen. «Xinhua soll ein Gegengewicht zur BBC sein», sagt er – die BBC ist in Südasien stark verankert und verfügt dank ihren Sendern in lokalen Sprachen über eine enorme Reichweite.
Xinhua ist vom chinesischen Staat geführt, ihre Mitarbeiter halten sich strikt an Vorgaben von oben. Umso bemerkenswerter war der Vorfall im vergangenen Sommer. Im Juli attackierten pakistanische Islamisten einen Bus mit chinesischen Ingenieuren, diese arbeiteten am Dasu-Damm, einem Milliardenprojekt im Nordosten Pakistans. Neun Chinesen und vier Pakistaner wurden getötet. Der Xinhua-Mitarbeiter sagt: «Bis dahin durften wir nur über Positives berichten. Wir schrieben nicht über Angriffe auf Chinesen in Pakistan. Der Dasu-Vorfall war ein Wendepunkt – wir wurden angehalten zu berichten.»
Der Vorfall sorgte für einen Riss zwischen China und Pakistan. Die chinesische Regierung zeigte sich erzürnt: Es gibt immer wieder Attacken auf Chinesen in Pakistan, aber nie wurde so offensichtlich, wie schwer es ist, die Sicherheit der Chinesen im Land zu garantieren. Der Bauunternehmer entliess erst alle pakistanischen Mitarbeiter – sie seien nicht vertrauenswürdig. Später stellte er sie auf Druck der pakistanischen Regierung wieder ein. Derzeit verhandeln Pakistan und China über Kompensationen für die Toten.
Die chinesische Botschaft in Islamabad veröffentlichte nach einem weiteren Anschlag im August eine Stellungnahme, sie schrieb von einer «ernsten» Sicherheitslage in Pakistan und ermahnte die pakistanische Regierung, sie habe sicherzustellen, dass sich solche Angriffe nicht wiederholten.
Basketball statt Cricket
«Meine Familie macht sich Sorgen. Sie glaubt, Pakistan sei gefährlich», sagt Wade Deng. Er ist 30-jährig und arbeitet als Produktmanager in einer CPEC-Firma. Er kam vor drei Jahren aus China nach Pakistan und wohnt in einem Apartmentblock in Islamabad. Seine Firma bezahlt ihm eine WG mit anderen chinesischen Angestellten. Sie bleiben meist unter sich. «Die Pakistaner spielen in ihrer Freizeit, wie heisst das . . . Cricket. Wir spielen Basketball oder Pingpong.»
In den neuen chinesischen Firmen arbeiten Pakistaner und Chinesen zwar miteinander, aber doch aneinander vorbei. Weng sagt: «Für Chinesen fühlt sich das Leben hier sehr langweilig an. Wir können nicht trinken. Und auch die Witze sind nicht dieselben.» Er telefoniert oft mit seinen Eltern daheim.
Ein Pakistaner kauft im China-Laden.
In chinesischen sozialen Netzwerken tummeln sich junge Chinesinnen und Chinesen, die Videos aus Pakistan posten: Sie stehen begeistert auf Märkten, wo alles so billig sei, oder sitzen mit mitleidigem Blick in Häusern, wo die Menschen fast gar nichts haben. Sie besuchen Orte, ohne die man ohne Erlaubnis der Behörden kaum hinkommt – in Pakistan zu reisen, heisst, ständig überwacht zu werden, viele Gebiete sind tabu. Aber keine offizielle Medienstelle in Islamabad will etwas von organisierten Influencer-Reisen wissen.
«Wir können von den Pakistanern lernen», sagt Weng, «sie sind bescheiden, nicht so aggressiv und so ehrgeizig wie wir. Sie finden die Balance zwischen Leben und Arbeiten. Wir Chinesen wollen immer mehr und mehr Geld verdienen.»
Nur der Chinese
In einem kleinen Laden ausserhalb von Islamabad sagt Li Chao zum Verkäufer einen Satz in Urdu, um den Preis ein wenig zu drücken: «Ich bin auch Muslim.» Der Preis bleibt gleich, die Edelsteine wandern trotzdem über die Theke. Vor dem Laden sagt Li Chao: «Ich bin zwar Muslim, aber hier bin ich nur ein Chinese.»
Tausende Chinesen sind mit den CPEC-Projekten nach Pakistan gekommen.
Li Chao, 27, hat die Edelsteine gekauft, um diese seiner Familie in China mitzubringen. Er muss bald zurück, das Studium an der Islamischen Universität in Islamabad hat er abgeschlossen, über fünf Jahre war er hier. Er hat an der Uni seine Freundin kennengelernt, sie ist ebenfalls Chinesin, sie verlassen das Land gemeinsam. Beide stammen aus der chinesischen Provinz Xinjiang, sie liegt nahe Pakistan und ist muslimisch geprägt. Seit Jahren unterdrückt die Kommunistische Partei die uigurische Minderheit in Xinjiang, es gibt Berichte von Umerziehungslagern.
«Die chinesischen Geschäftsleute kommen hierher, aber sie wissen nicht, dass sie kein Schweinefleisch essen und kein Bier trinken können», sagt Li Chao. Also hat er es ihnen erklärt – er hat während seines Studiums als Übersetzer gearbeitet, für Urdu, Englisch, aber auch als Vermittler zwischen den Kulturen. Er macht ein Beispiel: «Wenn ein Chinese einem pakistanischen Arbeiter einen Auftrag gibt, wird er sagen: ‹Morgen ist es fertig, Inschallah.› Dann muss ich entweder dem Chinesen sagen, dass der Auftrag morgen vielleicht nicht ausgeführt ist – oder dem Pakistaner, dass die Arbeit morgen wirklich beendet sein muss.» Li Chao wäre eigentlich gerne in Pakistan geblieben. Er glaubt, es brauche dort jemanden wie ihn.
Seafood statt Kebab: Chinesische Produkte in Islamabad.
Man hört viele Vorurteile zu Chinesen in Pakistan, die üblichen natürlich: Die würden einfach alles essen, seien laut, vulgär. Viele Chinesen glauben, die Pakistaner seien arm und arbeitsscheu und das Land irgendwie zurückgeblieben. Ihre Regierungen sprechen immer wieder von der Freundschaft, welche Pakistan und China verbinde. Aber eigentlich sind sie eher Geschäftspartner als Freunde. Pakistan und China sind sich fremd geblieben.
Li Chao sagt es so: «Wir wissen einfach nicht viel übereinander. Die Freundschaft ist zwischen den Regierungen, nicht zwischen den Menschen.»
Mitarbeit: Katrin Büchenbacher