MESOP MIDEAST WATCH: DEUTSCHLANDS ROHSTOFF-LIEFERANT ENTWICKELT SICH – DEUTSCHLAND NICHT ! / SAUDI ARABIEN
Stadtsanierung in Jidda: Es bleibt nur die Erinnerung
Die saudische Regierung will ihr Land modernisieren und lässt dafür in Jidda ganze Stadtviertel abreissen. Ein Besuch in der Hafenstadt zeigt: Vor allem die Gastarbeiter gehören zu den Verlierern im neuen Saudiarabien.
Daniel Böhm, Jidda 3.10.2022, NEUE ZÜRCHER ZEITUNG – Neubauten in Jidda. Die saudische Regierung will die Stadt verschönern und liess deshalb ganze Viertel abreissen. Tausende wurden obdachlos.
Da, wo einst Wohnhäuser, Geschäfte und Restaurants waren, liegen heute Geröll, verbogenes Metall und Staub. Meterhoch türmt sich der Schutt rechts und links von der Schnellstrasse in Jidda, die auf Stelzen in einer langgezogenen Kurve vom Roten Meer in die Wüste führt. Das Trümmerfeld war einst al-Hindawiya, ein Armenviertel südlich des Zentrums der zweitgrössten Stadt Saudiarabiens. Jetzt sieht es hier aus, als wäre eine Atombombe explodiert.
Die Zerstörungen sind Teil eines grossangelegten Programms zur Stadtverschönerung, mit dem die saudische Regierung Jidda ein neues Gesicht verleihen will. In Zukunft sollen deshalb nahe dem historischen Stadtzentrum Parks, ein Fussballstadion, eine Oper und verkehrsberuhigte Strassen entstehen. Die alten Wohnviertel mit ihren engen Gassen, dicht besiedelten Häuserblocks und sudanesischen Läden mussten dafür weichen.
Ein paar gelbe Bagger bringen in al-Hindawiya gerade die letzten Wände zum Einsturz. Nur ein paar Meter entfernt stehen die Schuhverkäufer aus dem nahen Souk vor ihren Läden und betrachten den Abriss. Reden wollen die meisten nicht. Sie kämen aus Jemen, sagen sie, das habe nichts mit ihnen zu tun. Was aus den Anwohnern geworden sei? «Keine Ahnung», sagt einer von ihnen. «Sie sind verschwunden, irgendwohin, über die ganze Stadt verteilt.»
Zerstörte Fläche Jidda – Neue Städte für ein neues Land
Bis heute weiss niemand, wie viele Leute durch den Abriss der Viertel in Jidda ihre Häuser und Wohnungen verloren haben. Schätzungen gehen von bis zu 500 000 aus, bei einer Stadtbevölkerung von 4 Millionen. Aber all das scheint keine Rolle zu spielen auf dem Marsch in Richtung Zukunft, den Saudiarabien eingeschlagen hat. Seit fünf Jahren krempelt der allmächtige Kronprinz Mohammed bin Salman sein einst konservatives Wüstenreich komplett um. Aus dem Erdölstaat soll eine moderne Volkswirtschaft werden, mit arbeitenden, glücklichen Bürgern.
Dazu will bin Salman auch neue Städte aus dem Boden stampfen. Die Überbauungen in Jidda sind bei weitem nicht das grösste Projekt. So soll rund 800 Kilometer nördlich in einer öden Wüstenei am Roten Meer dereinst die futuristische Megacity Neom entstehen – eine irre Phantasiestadt der Zukunft mit fliegenden Autos, einem einzigen 170 Kilometer langen Gebäude und einem zweiten Mond. Wie dieses Utopia realisiert werden soll, steht in den Sternen. Bis jetzt stehen dort nur ein kleiner Flughafen und ein paar Baubaracken.
Irrer Traum: In der saudischen Wüste soll dereinst die futuristische Mega-City NEOM entstehen.
Aber selbst wenn in Neom dereinst gebaut würde, ist das noch lange keine Garantie für dessen Erfolg. Retortenstädte müssen erst mit Leben gefüllt werden. Wie schwer das ist, zeigt sich 70 Kilometer nördlich von Jidda. Dort sollte eigentlich die King Abdullah Economic City entstehen, eine moderne Planstadt mit Wohnvierteln und einem Geschäftszentrum. Heute steht in der Ödnis zwar die beste Universität Saudiarabiens. Doch sonst wurde aus den Plänen nicht viel.
Leere Planstadt in der Wüste: Die King Abdullah Economic City nördlich von Jidda.
In der Hitze am Meer liegen nur ein paar leer anmutende Wohnanlagen, durchzogen von aufwendig bewässerten Grünflächen. Andere Projekte rund um Jidda liegen ebenfalls brach. So wollte der Bauunternehmer Walid bin Talal am Nordrand der Stadt eigentlich ein modernes Geschäftszentrum rund um den höchsten Wolkenkratzer der Welt bauen. Doch bin Talal fiel in Ungnade. Von dem Rekordbauwerk stehen heute nur die untersten Stockwerke.
Endlich wird in Jidda Geld investiert
Viele in Jidda hoffen nun, dass die neu geplanten Überbauungen rund um die Altstadt nicht dasselbe Schicksal ereilt. «Jidda wurde lange Zeit vernachlässigt», sagt die saudische Fotografin Susan Baghil, die die Architektur der Hafenstadt am Roten Meer seit Jahren mit ihrer Kamera dokumentiert. «Es ist gut, dass der Staat jetzt Geld in die Hand nimmt und endlich etwas macht. Früher floss unser Geld ins Ausland. Jetzt bleibt es hier und kommt den Leuten zugute.»
Baghil hat immer wieder in der Altstadt von Jidda fotografiert und mit ihren Bildern massgeblich dazu beigetragen, dass sie 2014 ins Unesco-Weltkulturerbe aufgenommen wurde. Allerdings dauerte es eine Zeit, bis ihr Wert auch in Saudiarabien erkannt wurde. «Lange Zeit war die Altstadt völlig heruntergekommen. Jetzt werden die Häuser endlich renoviert», sagt sie.
Tatsächlich sieht es inzwischen hübsch aus in den Gassen des Viertels, dessen Geschichte bis zum 7. Jahrhundert zurückgeht. Viele Fassaden sind zurechtgemacht, Familien spazieren durch die Gassen, und vor den Teestuben spielen die Männer abends Brettspiele. Doch gleich dahinter beginnen die endlosen Trümmerhalden der abgerissenen Viertel.
Viele Bewohner von Jidda betrachten den Wandel mit gemischten Gefühlen. Einerseits freuen sie sich, dass endlich Geld investiert wird in ihre Stadt, die im Königreich zwar lange das wirtschaftliche Zentrum war, aber politisch hinter der Hauptstadt Riad die zweite Geige spielt. Wie fast überall in Saudiarabien sehnen sich die Leute nach öffentlichen Orten, wo die neue gesellschaftliche Freiheit genossen werden kann.
Andererseits hinterlässt die rasante Modernisierung aber auch Verlierer. Zwar hat die Regierung den saudischen Wohnungs- und Hausbesitzern der vom Abriss betroffenen Viertel finanzielle Entschädigung in Aussicht gestellt. Weil aber bisher viel zu wenig Wohnraum für die obdachlos gewordenen Einwohner zur Verfügung steht, schiessen die Mietpreise in der Stadt in die Höhe. Das bekommen viele in Jidda zu spüren.