MESOP : IS-Terror Darum rettet Amerika Kobane nicht / Von Andreas Ross (FAZ)
10-10-2014 – Militärisch wäre der Fall von Kobane kein schwerer Schlag. Mit einem Sieg würden die Extremisten zwar an Prestige gewinnen. Aber es passt trotzdem nicht in die Strategie der Anti-IS-Koalition, die Stadt zu retten. „Wir müssen uns rüsten“, sagte der Sprecher des Pentagons, denn Kobane drohe den Dschihadisten in die Hände zu fallen. Die Worte von Konteradmiral John Kirby waren nicht etwa als Appell an die amerikanischen Streitkräfte zu verstehen, sich für eine große Schlacht zu stählen, um dem „Islamischen Staat“ (IS) die Eroberung der syrischen Kurdenstadt an der Grenze zur Türkei zu verwehren.
Vielmehr soll sich die Öffentlichkeit für Fernsehbilder wappnen, die eine Niederlage Amerikas und seiner arabisch-westlichen Koalition im Propagandakrieg gegen die Terrormiliz bedeuten. Und an die man sich wohl gewöhnen muss: „Es wird weitere Dörfer und Städte geben, die sie einnehmen“, sagte Kirby am Mittwoch. „Diese Realität müssen wir alle anerkennen.“
Die militärische und die politische Führung in Washington hatten sich nie der Illusion hingegeben, dass Bomben aus Kampfflugzeugen und Drohnen ein probates Mittel gegen eine agile Miliz sind – vor allem, solange Spezialkräfte am Boden fehlen, die Ziele markieren können. Die Amerikaner machen keinen Hehl daraus, dass sie dem IS in Syrien auf absehbare Zeit nicht Einhalt gebieten können.Aus dem Pentagon heißt es, es werde noch drei bis fünf Monate dauern, bis auch nur die Prozeduren und Abläufe für die geplante Ausbildung von rund 5000 Kämpfern der sogenannten moderaten Opposition gegen den Diktator Baschar al Assad entwickelt seien.
Amerika: Kobane hat kaum strategischen Wert
In dem auf mehrere Jahre angelegten Einsatz gegen den IS in Syrien geht es zunächst darum, die Fähigkeiten der Miliz zu beschneiden, im Irak weiteres Gebiet unter ihre Kontrolle zu bringen. Deshalb wurden Gebäude zerstört, die der IS-Führung als Kommandozentralen dienten oder in denen sie mit Computern Geldgeschäfte abwickeln.
Außerdem versucht die von Washington geführte Koalition, die Dschihadisten etwa von Ölraffinerien fernzuhalten, um den IS von seiner wichtigsten Einnahmequelle abzuschneiden. Kobane dagegen, so beteuern Regierungsvertreter seit Tagen, habe für den IS wenig strategischen Wert. Die Grenze zur Türkei sei ohnehin durchlässig – gerade in Kobane ist sie es nicht mehr, weil die türkische Regierung nun Panzer auffahren ließ. „So schrecklich es auch ist, in Echtzeit das Geschehen in Kobane zu verfolgen“, sagte Außenminister John Kerry am Mittwoch, „so wichtig ist es, einen Schritt zurückzutreten und das strategische Ziel zu verstehen.“
Freilich wissen die Amerikaner, dass der IS in Kobane durchaus etwas zu gewinnen hat: Prestige. Denn wenn die Dschihadisten die Stadt einnehmen sollten, dann werden sie das vor den Augen der Welt tun. Anders als von den meisten Kriegsschauplätzen in Nordsyrien gibt es dramatische Fernsehbilder, weil das Geschehen zum Teil aus der Sicherheit hinter der türkischen Panzerlinie zu filmen ist. Mit Luftangriffen versuchten sich deshalb auch die Amerikaner daran, den IS vom Marsch auf Kobane abzuhalten. Wenn die Extremisten diesen Kampf gewinnen, dürften sie damit neue Kämpfer anlocken. Doch Präsident Barack Obama wird sich von den Bildern nicht nötigen lassen, seine Strategie über den Haufen zu werfen und amerikanische Soldaten in die Stadt zu schicken. Bisher gehen die Amerikaner nicht einmal das Risiko ein, die Dschihadisten mit Kampfhubschraubern zu jagen. Um die Kritik zu dämpfen, bekunden amerikanische Regierungsmitarbeiter nun, es gebe kaum noch Zivilisten in Kobane. Die meisten seien in die Türkei geflohen.
Washingtons Ärger auf Ankara ist groß
Schon im Irak hatte Obama „humanitäre“ Operationen wie die Luftangriffe zur Befreiung der auf dem Berg Sindschar gefangenen Yeziden oder zur Rettung der Turkmenen in Amerli davon abhängig gemacht, dass Amerika das nahezu risikofrei tun könne – und dass es wegen seiner einzigartigen Fähigkeiten allein dazu fähig sei. In der aktuellen Lage schreiben die Amerikaner am ehesten den Türken einzigartige Fähigkeiten zu, den Fall von Kobane zu verhindern.
Manche in Washington sähen es gern, wenn sich die türkischen Panzer in die syrische Stadt begäben. Da sich andererseits die dortigen kurdischen Kämpfer offenbar nicht von einer Armee „helfen“ lassen wollen, die ihre Geschütze sonst auf sie richtet, soll es aber keine offizielle Aufforderung aus Washington an Ankara gegeben haben, das Mandat des türkischen Parlaments für eine grenzüberschreitende Militärmission auszunutzen. Der zum Koordinator der Anti-IS-Koalition ernannte frühere General John Allen dürfte in seinen Gesprächen am Donnerstag in der Türkei aber darauf gedrungen haben, dass die Türkei es den Kurden wenigstens ermöglicht, die Verteidiger von Kobane mit Nachschub zu versorgen.
Washingtons Ärger über Ankara ist groß. Allenfalls mit Ausnahme Irans zeigt sich kein anderes Land, das für den Kampf gegen den IS so wichtig ist, derart sperrig. Ankara sieht in dem Druck, der sich wegen Kobane aufbaut, offenkundig eine Chance, seine alte Forderung nach einer Flugverbotszone im nordsyrischen Grenzgebiet durchzusetzen. Missvergnügt wird Obama zur Kenntnis genommen haben, dass sich der französische Staatspräsident François Hollande dieses Anliegen zu eigen gemacht hat.
Da der IS keine Flugzeuge hat und Assads Luftwaffe jedenfalls östlich von Aleppo nicht mehr in das Grenzgebiet vordringe, sei der türkische Wunsch faktisch schon erfüllt, sagen ungehaltene Amerikaner. Die formale Ausrufung einer solchen Flugverbotszone würde Risiken bergen und Ressourcen binden, die für den Kampf gegen den IS gebraucht würden. Schon wegen der Bedeutung der Türkei als Transitland für ausländische Dschihadisten muss Washington die Türkei freilich bei der Stange halten. Öffentlich bleibt die Regierung deshalb um einen konzilianten Ton bemüht. Die türkische Idee der Pufferzone verdiene es, „dass wir sie sehr, sehr gründlich anschauen“, sagte Kerry am Mittwoch. Doch aus dem Weißen Haus wie dem Pentagon kamen sofort Klarstellungen: Die Option werde derzeit nicht erörtert. http://www.faz.net/aktuell/politik/ausland/asien/is-terror-darum-rettet-amerika-kobane-nicht-13199437.html