CORONA WIRD IMMER  & EWIG BLEIBEN / DROSTEN

 

  1. Juni 2021 machte Christian Drosten in seinem NDR-Podcast eine ungewöhnliche Feststellung. „Natürlich wird die Fallzahl im Winter wieder hochgehen“, sagte der Chefvirologe der Berliner Charité. „Das kann auch schon im Herbst passieren. Aber das wird ab jetzt jeden Winter passieren. Und das ist dann keine pandemische Welle mehr, sondern es mag sein, dass man das im Nachhinein in ein paar Jahren interpretieren wird als: Das war der erste endemische normale Wintereffekt.“

    Drostens Worte fielen – anders als die Warnungen, die im Verlauf der Pandemie sein Markenzeichen geworden sind – nicht auf fruchtbaren Boden, sie gingen im anschwellenden Medienrauschen über die „vierte Welle“ unter. „Ist das überhaupt eine Welle, wenn das nur Labornachweise sind?“ Die völlig berechtigte Frage, die Deutschlands Starvirologe stellte, klingt heute im Kontext der allgegenwärtigen Delta-Panikmache so befremdlich, als stamme sie aus einem Querdenker-Telegram-Kanal.

    Dabei ist es die Wahrheit: Für die allermeisten Menschen ist Corona jetzt, wo die Risikogruppen weitgehend geimpft sind, nur noch ein Schnupfen: Kratzen im Hals, eine laufende Nase, Kopfschmerzen und gelegentlich Fieber sind die von britischen Experten vermeldeten Delta-Hauptsymptome. Die massenhafte Lebensgefahr für die Hochbetagten, der Zusammenbruch des Gesundheitssystems – diese Gefahren, deren Verhinderung das Ziel der historisch beispiellosen Lockdown-Maßnahmen war, sind abgewendet. Für Jugendliche und Kinder ist die Krankheit, allen Long-Covid-Schauermärchen zum Trotz, nicht gefährlicher als die Grippe – auch dort gibt es schließlich in seltenen Fällen schwere Verläufe, auch dort gibt es Spätfolgen wie Abgeschlagenheit und Müdigkeit. Es ist nicht nur unnötig, sondern es wäre unverantwortlich, Schüler massenhaft einem unerprobten Impfstoff auszusetzen.

    Die größte Bedrohung für unsere Gesellschaft ist längst nicht mehr medizinisch, sondern psychologisch: Die Corona-Denkschablonen sind eingerastet. Auf der letzten Bundespressekonferenz sprach ein Journalist den Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) auf die „steigenden Inzidenzen“ an und „hätte gern gewusst, ab wann Regeln greifen für neue Einschränkungen“ – als gäbe es nun, wo die Gefährdeten sich schützen können, noch eine rechtliche Grundlage für einen Restriktions-Automatismus. Und Heinz-Peter Meidinger, Präsident des Lehrerverbandes, fantasierte gerade im Propagandatonfall eine „Durchseuchung der Schulen“ durch Präsenzunterricht herbei. Wollen wir die nächste Influenza dann auch als Seuche behandeln – und Millionen von Biografien durch Wechselunterricht, Maskenpflicht und Abstandsregeln beschädigen?

    Christian Karagiannidis, der Präsident der Deutschen Gesellschaft für Intensivmedizin, hat im Juni – ebenfalls ohne allzugroßen Nachhall – ein Ende des „pandemischen Denkens“ gefordert. Das Coronavirus werde uns fortan „wie die jährliche Grippewelle“ begleiten. Der Experte hat recht: Wenn wir den Ausnahmezustand nicht aus den Köpfen bekommen, dann wird diese Pandemie niemals enden.