MESOP INSIGHT : GAZIANTEP : SYRISCHE OPPOSITION IN DER HOTEL-LOBBY
Ringen um Neustrukturierung – Hoffen auf neue Waffen
GAZIANTEP, 1. April. In der gepfleten Lobby des Teymur-Hotels von Gaziantep herrscht ein heilloses Durcheinander. Neben den Topfpalmen an der hohen Fensterfront reden vier Männer mit dichten Bärten und schwarzen Stiefeln heftig aufeinander ein. Der Kommandeur einer islamistischen syrischen Rebellenbrigade mit grauem Haar und grauem Bart ist unter ihnen.
Tief in ihre Sessel versunken sitzt eine Handvoll Mitarbeiter des Verteidigungsministeriums der oppositionellen syrischen Exilregierung zusammen. Nur vierzig Kilometer von der Front in ihrem Heimatland entfernt haben sie in dem Hotel auf türkischer Seite Quartier bezogen. Zu ihnen gesellt hat sich ein saudi-arabischer Scheich. Sein Mobiltelefon ans Ohr gedrückt, stützt er sich lässig auf die Lehne eines Sofas, während einer der Syrer aufspringt und in Richtung Ausgang eilt. Organisiert wirken die Männer nicht gerade, und von Erfolg verwöhnt sind sie auch nicht. Dabei sind Führer der oppositionellen Freien Syrischen Armee (FSA) hierher ins türkische Gaziantep gekommen, um genau das zu ändern.
,,Die Restrukturierung des Obersten Militärrats ist in vollem Gange”, sagt Hussein Ibrahim, der Bürochef des Verteidigungsministers der Gegenregierung, Asaad Mustafa. Eigentlich logiert er gemeinsam mit den anderen Ministern in einem von der türkischen Führung zur Verfügung gestellten Gebäude in der Innenstadt von Gaziantep. Doch weil dort nicht genügend Sitzungsräume vorhanden sind, ist er mit seinen Männern in das Teymur-Hotel am Stadtrand ausgewichen. Mit aller Macht versucht Mustafa, die islamistischen Milizen, die der FSA im Winter den Rücken gekehrt haben, zurück unter das Oberkommando in Gaziantep zu bringen. Saudi-Arabien hatte die Gründung der Islamischen Front als Gegenpol zu der moderaten Oppositionsarmee im vergangenen November durchgesetzt.
Mehr als 40 000 Mann soll sie stark sein . Die FSA verfügt angeblich über fast 50000 Kämpfer. Zuletzt haben die Islamisten der FSA den Rang abgelaufen, und diese hat eine Neustrukturierung bitter nötig.
Eine herbe Niederlage im Grenzort Jabrud musste die FSA um den im Februar neu ernannten Generalstabschef Abdul Ilah al Baschir al Noeimi erst Mitte März hinnehmen. Die wichtigste Verbindung für Nachschub aus dem Libanon ist damit gekappt. Die Truppen von Machthaber Baschar al Assad sind im Qalamun-Gebirge zwischen Homs und Damaskus weiter auf dem Vormarsch. Nicht wie durchdachte Langzeitstrategien, sondern nach verzweifelten Durchhalteparolen klingen daher die markigen Botschaften, die die Mitarbeiter von Verteidigungsminister Mustafa in der Hotellobby ausgeben.
„Widerstandskraft und Entschlossenheit” würden die Einheiten des Regimes am Ende zurückdrängen, heißt es in der Truppe, die sich mit Telefonen und Laptops bewaffnet um Büroleiter Ibrahim geschart hat. (…)
Der Lage entsprechend überdreht wird von der Opposition die Eroberung des türkisch-syrischen Grenzübergangs Kassab: Drei Jahre nach Beginn des Aufstands konnten die Aufständischen sich vor etwas mehr als einer Woche so erstmals Zugang zum Mittelmeer verschaffen. Rund 250 Kilometer von Gaziantep entfernt gelang es Oppositionsmilizen damit außerdem, einen Zugang zu Assads Heimatprovinz Latakia zu erhalten. Aber nicht nur in der alawitischen Provinz an der Mittelmeerküste seien Geländegewinne zu verzeichnen, sagen die oppositionellen Militärs. Auch in Aleppo, das seit Wochen von Assads Luftwaffemit verheerenden Fassbomben attackiert wird, gebe es Erfolge.
Einen Wendepunkt im Krieg bedeutet das nicht — das Land wird lange gespalten bleiben in Gebiete, die von Oppositionsmilizen gehalten werden, und Regionen, die das Regime kontrolliert. Denn wirklich nachhaltig militärisch unterstützt worden ist die FSA, der bewaffnete Arm von Dscharbas Nationaler Koalition, nie.
Das haben sich die Oppositionskämpfer zumindest zum Teil selbst zuzuschreiben. Vor allem der im Februar abgesetzte FSA-Chef Salim Idriss, der im Sommer2011 wie viele andere Offiziere aus Assads Armee desertiert war, steht im Mitttelpunkt der Kritik.
Ihm sei es nie gelungen, die Dutzenden Milizen zu ordnen, die dem Hohen Militärrat in Gaziantep unterstellt sind, sagt der Bürochef des oppositionellen Verteidigungsministers. Zugleich weist er Berichte zurück, wonach Idriss einem Putsch innerhalb der Koalition zum Opfer gefallen sei.
Gemeinsam mit dem mächtigen Führer der islamistischen, von Saudi-Arabien geförderten Ahrar-al-Scham-Miliz, Dschamal Marouf, habe Dscharba den Sturz von Idriss im Februar durchgesetzt, sagen Kämpfer, die dem abgesetzten Militärchef weiter treu ergeben sind. Die Männer der neuen Militärführung in ihren dunklen Sesseln streiten das ab. Sie sagen, bei den Entscheidungen des gestürzten FSA-Chefs hätte nicht Professionalität den Ausschlag gegeben, sondern alte Seilschaften. Auch stimme es nicht, dass der Islamist Marouf der heimliche Führer der Oppositionsarmee sei. Das Sagen habe allein Verteidigungsminister Mustafa, der früher einmal Assads Agrarminister war.
Und dass Mustafas Kurs Erfolg verspreche, zeigten doch die Entwicklungen in der Provinz Deir al Zor an der Grenze zum Irak, wo die Kämpfer der Terrorgruppe Islamischer Staat im Irak und (Groß-)Syrien (Isis) im Januar vertrieben worden seien. Auch in Idlib und Aleppo werde man die Dschihadisten schlagen. Hinzu kämen die jüngsten Erfolge an der türkischen Grenze, wo vergangene Woche neben Kassab auch Nabaain in Assads Heimatprovinz Latakia eingenommen wurde.
Nach dem Scheitern der Genfer Gespräche hatte die militärische Führung der Opposition eigentlich eine Frühjahrsoffensive im Süden des Landes verkündet; aus Jordanien seien dafür von Saudi-Arabien finanzierte Waffen ins Land gebracht worden. Stattdessen fordern Mustafas Männer Assads Einheiten nun an der Mittelmeerküste heraus.
Markus Bickel, FAZ 2.4.2014; Seite 6