THEO VAN GOGH Sprachspiele: Unser Deutsch / Das Sprachregiment
Wording
1-10-23 – Neue Anglizismen geben immer wieder Anlass zu Erklärung und Kommentar. Oft tauchen sie erstmals in der Politik auf und werden gerne in den Medien nachgesprochen. Wording begegnet uns seit 2000 in deutschen Texten, oft mit einer gewissen Distanzierung, gleichsam in Anführungszeichen.
Warum? Wir gehen den Quellen nach und finden:
Englische Wörterbücher geben als Bedeutung ‚Wortlaut‘ oder ‚Ausdrucksweise‘ an. Ähnlich paraphrasiert das Concise English Dictionary ‚the way in which something is expressed in words‘. Aktuelle Auskunft gibt das DWDS. Wir erfahren, dass größere Unternehmen die Praxis entwickelt haben, bestimmte Sachverhalte für die Außendarstellung in einheitlichen Formulierungen festzulegen.
Diese Sprachregelungen sollen der Corporate Identity dienen. Auch Hochschulen machen davon Gebrauch. Die Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg nennt sich nur noch mit der griffigen Abkürzung FAU. Ihre internationale Orientierung bringt sie durch englische Bezeichnungen der Ressorts zum Ausdruck. Die Verantwortlichen heißen nun Vizepräsident People, Vizepräsident Research, Vizepräsident Education und Vizepräsident Outreach. Angehörige der Universität, die noch deutsch sprechen und schreiben, fühlen sich ausgegrenzt. Die angesehene Münchener LMU hat das nicht nötig. Sie ordnet ihre Ressorts, geradezu Old School, nach Studium, Forschung, Weiterbildung und Kooperationen.
Nicht selten dient Wording auch der Euphemisierung und Verschleierung. So werden die Maßnahmen des Heizungsgesetzes vom Wirtschaftsministerium als Heizungstausch verniedlicht. Wie schon im Infobrief am 14. Mai des Jahres erwähnt: Die Grundbedeutung von Tausch ist das ‚wechselseitige freiwillige Nehmen und Geben‘. Davon kann hier nicht die Rede sein. Vielmehr kommen kostspielige Folgen wie Dämmung von Dach und Wänden, Fenstererneuerung und Photovoltaik hinzu. Wo man hinschaut, wimmelt es von Sprachvorschriften.
Ein programmatisches Wording ist das Gendern bei den Grünen, immer mit Genderstern. In ihrem Wahlprogramm haben sie es bis zur Groteske praktiziert. Sie wollen sagen: Wir sind die Progressiven, die für Geschlechtergleichheit in der Sprache eintreten. Und schließlich darf nicht unerwähnt bleiben, was totalitäre Staaten ihren Bürgern verbieten oder vorschreiben. Ältere werden sich an eine Grußformel erinnern, die für immer Grüß Gott und Guten Tag ersetzen sollte.
Wording kann sinnvolle Vereinbarung sein über verbale Selbstdarstellung, aber auch Kampfinstrument und Mittel der Übertölpelung. Man kann das auch sprachkritisch bewerten, wie die ZEIT am 25.02.2016: „Man schafft Sprache ab und ersetzt sie durch Wording“.
Horst Haider Munske
Der Autor ist Professor für Germanistische Sprachwissenschaft an der Universität Erlangen-Nürnberg und Mitglied des Wissenschaftlichen Beirats des Vereins Deutsche Sprache e. V. Ergänzungen, Kritik oder Lob können Sie schicken an: horst.munske@fau.de.