MESOP MIDEAST WATCH : Israel setzt Militäroffensive im Westjordanland fort / Tausende fliehen aus Flüchtlingslager
Bei Luftangriffen und Gefechten sind laut palästinensischer Seite mindestens neun Menschen getötet worden. Ministerpräsident Netanjahu will die Operation fortführen. Juli 2023, 4:28 UhrQuelle: ZEIT ONLINE, dpa,
Israels Armee hat ihre Militäroffensive im besetzten Westjordanland in der Nacht zu Dienstag fortgesetzt. Bei Luftangriffen und Gefechten am Boden seien mindestens neun Menschen getötet worden, teilte das palästinensische Gesundheitsministerium mit. Etwa 100 weitere Palästinenser seien verletzt worden, 20 von ihnen lebensgefährlich. Bei mindestens einem Toten soll es sich Berichten zufolge um einen militanten Palästinenser handeln. Die Armee war in der Nacht zum Montag in die palästinensische Stadt Dschenin eingerückt und hatte damit ihre erste Großoffensive seit etwa 20 Jahren begonnen.
Nach eigenen Angaben beschlagnahmte sie Waffen und Sprengstoff und nahm mehrere Verdächtige fest.
Palästinensische Medien meldeten am Montagabend, die israelische Armee habe angeordnet, dass Palästinenser das Flüchtlingslager in Dschenin verlassen sollten. Aufnahmen im Netz zeigten, dass viele Menschen aus ihren Häusern strömten. Israelischen Medienberichten zufolge bestritten israelische Sicherheitsbeamte hingegen, dass es einen solchen Befehl zur Evakuierung gegeben habe. Demnach flüchteten die Menschen zu Tausenden vor den Kämpfen.
Israel beruft sich auf sein Recht auf Selbstverteidigung
Die dicht besiedelte Stadt Dschenin und das dazugehörende Flüchtlingslager mit etwa 17.000 Bewohnern gelten als Hochburg militanter Palästinenser. Finanziert werden die verschiedenen Gruppierungen vor allem vom Iran, einem Erzfeind des Staates Israel.
“In den vergangenen Monaten ist Dschenin zu einem Rückzugsort für Terrorismus geworden, von dem aus heimtückische Attacken auf israelische Männer, Frauen und Kinder verübt wurden”, sagte Israels Ministerpräsident Benjamin Netanjahu bei einem Auftritt am Montagabend. “Israelische Soldaten tun alles dafür, um den Tod von Zivilisten zu vermeiden, während Israel alles dafür tut, um sein Recht auf Selbstverteidigung auszuüben.” Ziel sei es, all jene auszuschalten, “die unser Land vernichten wollen”. Die Militäroffensive werde so lange dauern wie nötig, “um die Mission zu erfüllen”, wurde Netanjahu von israelischen Medien zitiert.
Die palästinensische Autonomiebehörde bekräftigte nach einem Treffen ihrer Führungsriege am Montagabend, dass es mit Israel in Sicherheitsfragen keine Zusammenarbeit mehr geben werde. Ähnliche Ankündigungen hatte die Autonomiebehörde schon bei früheren Gelegenheiten gemacht – sie wurden allerdings faktisch nicht umgesetzt. Beide Seiten tauschen nachrichtendienstliche Informationen aus, um Terroranschläge zu verhindern und größere Einsätze in allein von der palästinensischen Autonomiebehörde kontrollierten Zonen zu koordinieren. Zudem soll verhindert werden, dass militante Gruppen die Oberhand in diesem Gebiet erlangen.
Zunahme der Gewalt
Die Sicherheitslage in Israel und in den palästinensischen Gebieten ist seit Langem angespannt, zuletzt nahm die Gewalt aber nochmals zu. Seit Beginn des Jahres wurden mehr als zwei Dutzend Menschen bei Anschlägen von Palästinensern getötet. Im gleichen Zeitraum wurden mehr als 140 Palästinenser bei gewaltsamen Zusammenstößen, israelischen Militäreinsätzen oder nach eigenen Anschlägen getötet.
Israel hatte das Westjordanland und Ostjerusalem während des Sechstagekrieges 1967 erobert. Die Palästinenser beanspruchen die Gebiete als Teil eines eigenen Staates. Eine Zweistaatenlösung für den seit Jahrzehnten währenden Nahostkonflikt scheint jedoch in weiter Ferne.