THEO VAN GOGH HINTERGRUND: DIE KRISE IST SCHON UNTERWEGS – WELTWEIT! (PETER THIEL)

Krisenangst : Amerikanische Bankaktien stürzen ab

  • Aktualisiert am 10.03.2023-09:35 FAZ – Händler an der New Yorker Börse: An Wall Street machen sich Sorgen über das Bankensystem breit. Der Bankenindex verliert an der Wall Street fast 8 Prozent. Die Zinserhöhungen zwingen kleinere Banken nun zur Realisierung von Bewertungsverlusten.

Zum größten Ausverkauf im Bankensektor seit fast drei Jahren ist es am Donnerstag an der Wall Street gekommen. Auslöser war die Sorge um die Gesundheit einer kalifornischen Bank, die zur Abfederung von Verlusten eine Milliardenkapitalerhöhung benötigt. Dies schürte die Sorge, dass die steigenden Zinsen die Bankbilanzen auf breiterer Front erodieren könnten. Jüngster Problemfall ist die Silicon Valley Bank (SVB), die sich auf Startup-Kredite spezialisiert hat und die nun gezwungen ist, junge Aktien über 2,25 Milliarden Dollar auszuegeben, um Abschreibungen in ihrem Portfolio aus US Treasuries und Hypothekenwertpapieren auszugleichen.

Die SVB-Aktie sackte um 60 Prozent ab. Erst diese Woche hatte die Kryptobank Silvergate Capital ihre Pforten geschlossen, ebenfalls wegen massiver Einlagenabflüsse. Der KBW Bankenindex fiel im Handel am Donnerstag um 7,7 Prozent und damit so stark wie seit Juni 2020 nicht mehr. Auch die Aktienkurse von Wall-Street-Größen Bank of America, Wells Fargo und JPMorgan Chase sackten um mindestens 5 Prozent ab. Die Sorgen um das US-Bankensystem haben auch die asiatischen Börsen am Freitag belastet. In Japan schloss der 225 Werte umfassende Nikkei-Index 1,7 Prozent tiefer. In China lag die Börse in Schanghai 1,4 Prozent im Minus.

Fed sieht Warnsignal

Die Probleme von Silvergate und SVB werfen ein Schlaglicht auf die Fallstricke, die die Zinswende der Zentralbanken für den Bankensektor bereithält. Investoren hatten nicht nur in den USA sondern auch in Europa und Deutschland vor allem darauf gesetzt, dass steigende Zinsen wachsende Erträge bedeuten und massiv in Bankaktien investiert. Nun zeigt sich die Kehrseite der geldpolitischen Straffung: Einleger, die die Bank wechseln um mehr für ihr Geld zu erhalten, und die Banken zwingen, Marktwertverluste auf Wertpapiere zu realisieren.

Fed-Direktor Michael Barr sieht die Turbulenzen um die Kryptobank Silvergate als ein Warnsignal für den Finanzsektor. Der Vizechef der US-Notenbank Fed mit dem Zuständigkeitsfeld Bankenaufsicht sagte am Donnerstag, die jüngsten Erschütterungen auf den Märkten für Cyber-Devisen machten deutlich, dass der Sektor immer noch ein Risiko für traditionelle Banken darstellen könnte. Doch seien die Auswirkungen begrenzt. Die US-Bankenaufseher hätten in den vergangenen Monaten einiges unternommen, um sicherzustellen, dass Geldhäuser den Kryptosektor mit Vorsicht angingen.

Dazu gehörte auch die Warnung, dass Einlagen in Bitcoin & Co besonders schwankungsanfällig sein können. „Diese Liquiditätsbedenken sind besonders akut für Banken, die einen bedeutenden Teil ihrer Bilanzen mit solchen Einlagen finanzieren”, sagte Barr.

„Wer ist der Nächste?“

Konnte Silvergate noch als von der Krypto-Krise induzierter Spezialfall gelten, sieht das bei der Silicon Valley Bank anders aus, sagt Analyst Gary Tenner von DA Davidson im Bloomberg-Interview: ““Ist das der Damm, der gebrochen ist, wenn es um die Kapitalbeschaffung weiterer Banken geht? Wird es noch mehr geben?“ Überall in der Investmentwelt dominiere die Frage, „wer ist der Nächste?“, so Jens Nordvig, Gründer der Marktanalyse- und Datenunternehmen Exante Data und Market Reader. „Ich erhalte viele Fragen von meinen Kunden zu diesem Thema.“ Die Silicon Valley Bank forderte ihre Kunden indes auf, „Ruhe zu bewahren“.

Auch wenn das unmittelbare Risiko für viele Banken nach Ansicht von Analysten nicht existenziell ist, könnte es dennoch schmerzhaft werden. Um einen Ansturm auf die Einlagen zu verhindern und Sparer an sich zu binden, könnten die Banken gezwungen sein, mehr Einlagenzinsen zu zahlen. Das würde die Zinsmarge und damit die Nettozinserträge schmälern, die bei den Banken zuletzt für hohe Gewinne gesorgt hatten.

Nicht nur Bewertungsverluste

Die Probleme der US-Banken haben Anklänge an ein Thema, das in Deutschland vor allem Sparkassen und Genossenschaftsbanken quält, die wegen der steigenden Zinsen mit großen Abschreibungen auf ihre Wertpapierbestände konfrontiert sind. Bafin-Chef Mark Branson hatte auf das Risiko hingewiesen, das in Deutschland bislang ausgeblieben ist, sich aber nun in den USA materialisiert: Dass diese Verluste nicht auf dem Papier bleiben, sondern real eintreten, wenn die Institute unter Druck geraten, Aktiva zu Geld zu machen.

Auch in den USA wird das Risiko vor allem bei kleinen und mittelgroßen Banken gesehen, bei denen die Finanzierung in der Regel weniger breit gestreut ist. Sie könnten besonders unter Druck geraten und zu Kapitalerhöhungen gezwungen sein, die Aktionäre verwässern könnten. „Die Silicon Valley Bank ist nur die Spitze des Eisbergs“, sagt Christopher Whalen von der Finanzberatung Whalen Global Advisors. „Ich mache mir keine Sorgen um die Großen, aber viele der kleinen Firmen werden einen schweren Schlag einstecken müssen“, sagte er. „Viele von ihnen werden Eigenkapital aufbringen müssen.”

Peter Thiels Fonds rät zum Einlagenabzug

Ironischerweise hatten sich gerade wegen der Zinserhöhungen der Zentralbanken viele Aktienanleger in Finanzwerte gestürzt. Sie setzten darauf, dass diese den Banken höhere Gewinne bescheren würden — was sie bislang auch taten. Für sie war diese Woche ein Schock. „Dass die Kosten für Einlagen steigen, ist ein alter Hut“, sagte Chris Marinac, Analyst bei Janney Montgomery Scott. „Aber plötzlich hat sich der Markt darauf gestürzt, denn die Kapitalerhöhung der Silicon Valley Bank war eine echte Überraschung.“

Bei der Silicon Valley Bank trat der Notfall ein, weil viele ihrer Kunden — überwiegend mit Risikokapital finanzierte Start-ups — wegen derzeit kaum fließender Neufinanzierungen ihre Einlagen aufbrauchten. Die Bank musste nahezu alle Wertpapiere in seinem Portfolio verkaufen und kündigte deshalb an, dass ein stärkerer Rückgang des Nettozinsertrags ins Haus stehe. Nur wenige Stunden nachdem Vorstandschef Greg Becker die Kunden am Donnerstag aufgerufen hatte, „Ruhe zu bewahren“, wurde bekannt, dass eine Reihe prominenter Risikokapitalgeber, darunter Peter Thiels Founders Fund, ihren Portfoliounternehmen raten, vorsorglich ihr Geld abzuziehen.

Bei Silvergate begann der Ansturm auf die Einlagen letztes Jahr, als Kunden aus dem Kryptobereich Geld abzogen, um den Zusammenbruch der Kryptobörse FTX zu überstehen. Die Folge waren auch hier massive Verluste durch den raschen Verkauf von Wertpapieren. Am Mittwoch erklärte die Bank die Einstellung des Bankbetriebs und ihre Abwicklung.