THEO VAN GOGH NEUSTES: KEIN EINZIGER EURO MEHR FÜR BERLIN? – Hauptstadt-Bashing : Leben denn nur Verrückte in Berlin?

 

  • Von Simon Strauss FAZ 9.01.2023-17:12  – Nach den Ausschreitungen an Silvester fragten sich nicht wenige, ob Berlin ein Irrenhaus sei. Jetzt will die CSU der Hauptstadt auch noch die Mittel kürzen: Geht’s noch?

Je südlicher die Gegend, desto hämischer geht’s gegen die deutsche Hauptstadt. Dem österreichischen Operettenkomponisten Franz von Suppé wird zugeschrieben, den Prototypen des Berlin-Bashings erfunden zu haben: „Du bist verrückt mein Kind, Du musst nach Berlin, wo die Verrückten sind.“ Markus Söder, der bayrische Ministerpräsident, kennt diese Zeile in- und auswendig und ist zu jeder Tages- und Nachtzeit bereit, sie vorzutragen. Gerade summt Söder die Melodie wieder besonders genüsslich. Wie so viele, die sich angesichts der Gewaltexzesse während der Silvesternacht an den Kopf fassen und fragen, was nur los sei in der Hauptstadt. Ist Berlin ein rechtsfreier Raum? Werden wir aus einem Irrenhaus heraus regiert?

Und in der Tat fällt es angesichts der Interviews mit migrantischen jungen Männern auf der Neuköllner Sonnenallee schwer, die Kategorien „irre“ und „verrückt“ ganz von der Hand zu weisen. Wer auch im Nachhinein noch den Beschuss von Polizeikräften als unterhaltsames Vergnügen rechtfertigt und die Tragweite verkennt, die die Böllerattacke auf einen Rettungswagen hat, der leidet an einer fundamentalen Wahrnehmungsschwäche. Dem fehlt die triviale Einsicht, dass er selbst im nächsten Augenblick auf ein funktionierendes Rettungsfahrzeug angewiesen sein könnte. Die Angriffe auf Löschtrupps und Rettungswagen gehören zu den abstrusesten Verfehlungen ehrloser Bürgerinnen und Bürger – übrigens auch jenseits von Silvesternächten. Die Empörung über die mehr als fünfzig verletzten Einsatzkräfte von Polizei und Feuerwehr war und ist berechtigt. Auch wenn die Zahlen der Festgenommenen zuletzt nach unten korrigiert wurden – statt 145 sind nun offensichtlich nur 38 Personen wegen der Angriffe festgenommen worden – bleibt ein desaströses Bild der fahrlässigen Gewalt.