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Neuer Streit um die Laizität in Frankreich: An den Schulen sorgen Mädchen in bodenlangen Kleidern für Unruhe
NZZ 4.-1-23 Nina Belz, Paris • Der Bildungsminister Pap Ndiaye beantwortet am 22. November Fragen im Parlament. ;Bereitgestellt von Neue Zürcher Zeitung
Es ist in den letzten Wochen beinahe zu einem Ritual geworden: Bei der wöchentlichen Fragestunde im Parlament wird Frankreichs Bildungsminister regelmässig auf die Zustände an den französischen Schulen angesprochen. Vorwiegend Abgeordnete des rechtsnationalen Rassemblement national und der Konservativen wollen von Pap Ndiaye hören, was er unternimmt, um Lehrer und Lehrerinnen vor Drohungen zu schützen und das Prinzip der Laizität zu wahren.
Anders als das Kopftuch gilt die Abaya in Frankreich bisher nicht als religiöses Symbol und ist daher an den Schulen auch nicht verboten.
Den Anlass für diese Fragen hat Ndiaye selbst geliefert: Sein Ministerium publizierte im Oktober zum ersten Mal monatliche Zahlen zu den Verstössen gegen das Prinzip der Laizität. Laizität bedeutet die Trennung von Staat und Religion und verpflichtete ursprünglich vor allem den Staat und seine Vertreter zur weltanschaulichen Neutralität. In der strengen Auslegung, die sich in den vergangenen Jahrzehnten in Frankreich durchgesetzt hat, wird Laizität so verstanden, dass im staatlichen Bereich jeder ostentative Ausdruck von Religion untersagt ist. In der öffentlichen Schule wird die Anwendung des Prinzips seit einigen Jahren besonders genau beobachtet – so gilt die Schule den Franzosen bis heute als wichtiger Ort der Emanzipation.
Gegen die Laizität verstossen zum Beispiel Schülerinnen und Schüler, die an den Schulen religiös konnotierte Kleidung tragen, die Missionierungsversuche unternehmen oder den Inhalt des Unterrichts aus weltanschaulichen Gründen infrage stellen. Durch die Veröffentlichung der jüngsten Zahlen ist deutlich geworden, dass die Zahl der Verstösse seit Beginn des Schuljahres im September signifikant angestiegen ist – und sich zwischen September und Oktober mehr als verdoppelt hat: Aus 59 650 Schulen wurden 720 Vorfälle gemeldet. Im November ging die Zahl dann wieder auf 353 zurück.
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Der Bildungsminister Pap Ndiaye beantwortet am 22. November Fragen im Parlament. ; Mylene Deroche / Imago© Bereitgestellt von Neue Zürcher Zeitung Deutschland
Die Vorfälle ereignen sich vorwiegend an den Collèges und Lycées und betreffen vor allem Verstösse gegen die Kleiderordnung. Ndiaye selbst sprach in einem Interview von einer Welle, die vor allem durch die sozialen Netzwerke alimentiert werde. Auf Instagram und Tiktok findet man Hunderte von Videos von jungen Frauen, die sich brüsten, es mit Kopftuch auf das Schulgelände geschafft zu haben. Oder die Tipps geben, wie man die Kleidervorschriften in der Schule umgehen kann: etwa indem man einen Gürtel über die Abaya, das bodenlange, vor allem in islamisch geprägten Ländern getragene Gewand, legt.
Für den Lehrer François Dupont kam diese Welle nicht überraschend. Zum einen, weil das gesamte Personal an den öffentlichen Schulen seit rund eineinhalb Jahren mit Kursen für Verstösse gegen die Laizität sensibilisiert wird. Die Regierung will, dass nicht nur die Lehrer, sondern auch die Pausenaufsicht weiss, was Laizität bedeutet und wie sie im Zweifelsfall vorgehen sollen. Zum anderen, weil die Geheimdienste seit Anfang dieses Jahres davor gewarnt haben, dass mit Provokationen an den Schulen gerechnet werden müsse.
Dupont unterrichtet seit 28 Jahren Geschichte und Geografie, zurzeit arbeitet er an einem Gymnasium in Südfrankreich. Seinen richtigen Namen und den genauen Ort, an dem er tätig ist, möchte er lieber nicht öffentlich machen. Denn die Schulbehörde legt grossen Wert auf Diskretion im Umgang mit dem Thema Laizität.
Der Mord an Samuel Paty führte zu einem Paradigmenwechsel
Als vor rund zwei Jahren Freiwillige gesucht wurden, um Kollegen beratend zur Seite zu stehen, hatte sich Dupont sofort gemeldet. Er gehört nun einer Équipe académique valeurs de la République (EAVR) an, wie sie nach dem Mord an Samuel Paty in jeder Schulbehörde gegründet worden ist. Paty war im Oktober 2020 von einem fanatischen Islamisten auf dem Heimweg enthauptet worden. Zuvor hatte der Vater einer Schülerin auf den sozialen Netzwerken Stimmung gegen Paty gemacht, weil er im Unterricht die umstrittenen Mohammed-Karikaturen gezeigt hatte.
In Duponts Bezirk besteht die EAVR aus 36 Lehrpersonen. Sie bilden Kollegen in Bezug auf die Laizität weiter und stehen ihnen beratend zur Seite. Wenn ihnen ein Vorfall gemeldet wird, müssen sie innert 48 Stunden reagieren und Lösungen vorschlagen – oder allenfalls selbst aktiv werden. Dupont sieht darin einen echten Paradigmenwechsel: Vor dem Mord an Paty sei die Devise gewesen, bei Problemen bloss kein Aufsehen zu erregen. Nun wolle die Regierung, dass das Schulpersonal möglichst alert sei – eine gute Entwicklung, findet er. Zu viele seiner Kolleginnen und Kollegen wüssten nicht recht, was Laizität bedeute. Das Feedback auf die Ausbildung sei daher recht positiv.
Duponts Team erreichen praktisch täglich Meldungen. Oft seien es kleinere Vorfälle, und nicht immer gehe es um Religion: Schüler, die mit Hakenkreuzen provozieren oder die behaupten, Öl sei keine endliche Ressource, weil Gott immer neue Quellen erschliessen könne. Oder Mädchen, die statt eines Kopftuchs ein Haarband und Kapuze tragen. Solche Fälle könnten die Schulen in der Regel selbst lösen, und das sei auch wichtig, sagt Dupont. Schwieriger sei es bei den Mädchen aus muslimischen Familien, die sich systematisch vom Schularzt vom Schwimmunterricht dispensieren liessen. Oder Vorfälle, wie sie sich in einem Gymnasium in Montauban ereigneten.
An der grössten Schule im Schulbezirk von Toulouse waren nach den Sommerferien rund zwanzig Schülerinnen mit einer Abaya bekleidet zum Unterricht erschienen. Im Gegensatz zum Kopftuch gilt die Abaya bis anhin nicht als Zeichen von Religiosität und kann im Unterricht also nicht prinzipiell verboten werden. Das Schulpersonal muss dafür nachweisen können, dass der Schüler oder die Schülerin ein Kleidungsstück aus religiösen Motiven trägt – eine Gratwanderung, zumal von den Schülern recht schnell das Argument von Rassismus hervorgebracht wird.
In Montauban verzichteten die meisten der Schülerinnen nach Gesprächen mit Lehrern und Eltern auf die Abaya. Drei von ihnen kamen allerdings auch nach den Herbstferien weiterhin in dem Gewand zur Schule. Eine hat ihre Spanischlehrerin auf Video aufgenommen, wie diese ihr erklärt, warum das Kleidungsstück nicht erlaubt sei. Das Video landete in den sozialen Netzwerken, die Lehrerin wurde bedroht. Sie steht nun unter Polizeischutz und ist krankgeschrieben. Die Schülerin hat das Gymnasium inzwischen freiwillig verlassen.
Dupont sagt, die Lehrerin habe ungeschickt reagiert. Das Tragen der Abaya sei eben grundsätzlich nicht verboten. Auch hätte sie das Gespräch ihrem Vorgesetzten überlassen sollen. Dennoch findet Dupont den Fall typisch für eine Entwicklung, die er seit ein paar Jahren beobachtet: dass die Schule zu dem Ort werde, an dem die französische Kultur verteidigt werden müsse, weil politische Kräfte versuchten, die Laizität herauszufordern. Und dies geschehe, da dürfe man sich nichts vormachen, vor allem durch Vertreter des Islam.
Die meisten Fälle lösen sich im direkten Gespräch
Dupont sagt allerdings, dass die betreffenden Schülerinnen und Schüler sich im direkten Gespräch meistens beugten: Oft hätten sie aus Provokation gehandelt, manchmal fehle es ihnen auch an Wissen. Für die Lehrer und Schulleiter seien diese Situationen trotzdem extrem schwierig, sagt Dupont. «Das Lehrpersonal ist die Speerspitze im Kampf gegen die Gegenkultur.»
Die Haltung des Bildungsministers ist vielen Lehrern nicht klar genug. Pap Ndiaye hat zwar im November ein Rundschreiben an die Schulleiter versandt, in dem er bekräftigt, dass Verstösse gegen die Laizität geahndet werden müssten. Aber die Entscheidung darüber, ob eine Abaya von einer Schülerin als religiöses Symbol getragen wird oder nicht, überlässt er weiterhin den Schulleitern, wobei er ihnen empfiehlt, sich im Zweifel von Experten der EAVR beraten zu lassen.
Eine Anfang Dezember veröffentlichte Umfrage des Instituts Ifop unter rund tausend Lehrkräften lässt vermuten, dass das pädagogische Personal dem Konflikt lieber aus dem Weg geht. So hat die Selbstzensur in Religionsfragen seit 2020 um 4 Prozentpunkte zugenommen: 52 Prozent der Befragten gaben an, konfliktträchtige Themen zu meiden. Das Phänomen ist bei jüngeren Lehrern ausgeprägter als bei älteren. Zudem spricht sich eine Mehrheit des Lehrpersonals für eine Verschärfung der Regeln aus: 68 Prozent geben an, dass sie die Abaya oder den Kamis, das Pendant für Männer, als religiöses Symbol sähen.
Eine Schuluniform als Lösung?
Auch François Dupont wünschte sich klarere Ansagen. «Es gibt kein kollektiv vertretenes Konzept im Moment – und das ist eine Schwachstelle.» Am Schluss seien Lehrer Beamte, die das Gesetz durchsetzen sollten, und die Schule der Ort, an dem sich die Gegenkultur bekämpfen liesse. Dass Schülerinnen Abayas trügen, sei zwar ein neues Phänomen, sagt Dupont. Aber es erinnere doch sehr stark an die Debatte, die man vor zwanzig Jahren um das Kopftuch gehabt habe – und die in das Verbot gemündet habe, in der Schule offensichtlich religiöse Symbole zu tragen.
Das Prinzip der Laizität sei anpassungsfähig, sagt Dupont, auch wenn es oft lange dauere, bis die Gesetze angepasst würden. Von dem Moment, als die ersten Mädchen sich weigerten, im Unterricht das Kopftuch auszuziehen, bis zu dessen Verbot vergingen fünfzehn Jahre. Dupont ist aber grundsätzlich zuversichtlich, dass man einen Weg finden wird, dem Problem Herr zu werden.
Im Januar wird in der Nationalversammlung zudem auf Wunsch des Rassemblement national über die Einführung einer Schuluniform diskutiert – eine Idee, die in Frankreich schon oft aufkam. Der Bildungsminister lehnt dies kategorisch ab, andere Mitglieder der Regierung sind für eine Debatte dagegen durchaus offen.
Dupont erinnert allerdings daran, dass auch ein Kopftuchverbot an den Schulen nicht verhindert habe, dass dieses in manchen Quartieren des Landes auf den Strassen inzwischen zur Realität gehört. So ziehen die Mädchen, kaum dass sie das Schulgelände verlassen haben, das Kopftuch oder auch die Abaya wieder an.