THEO VAN GOGH NAHRUNG ZWEITER WAHL FÜR UNTERKLASSEN : EINFACHE LÖSUNG = VERFALLSDATUM VERLÄNGERN!
Millionen Tonnen Lebensmittel für die Tonne
CLAUDIA BOTHE · 2. Januar 2023 FAZ – Elf Millionen Tonnen Nahrungsmittel landen hierzulande jährlich im Müll. Die Gründe für die Verschwendung sind vielfältig. Erste Start-ups machen aus Gegenmaßnahmen ein Geschäft.
Weihachten ist vorbei, der Festschmaus verputzt und auf die restlichen Plätzchen hat man jetzt auch keine Lust mehr. Also einfach wegwerfen? Insgesamt landen in Deutschland jedes Jahr fast elf Millionen Tonnen Lebensmittel im Müll – dabei wären diese oft noch genießbar. Zu den Spitzenreitern unter den Lebensmittelverschwendern gehören allen voran Australien und die USA, aber auch zahlreiche europäische Länder gehen nicht gerade nachhaltig mit Lebensmitteln um.
Während international 931 Tonnen Lebensmittel verschwendet werden, müssen gleichzeitig rund 828 Millionen Menschen hungern. Genug Nahrung sei durchaus vorhanden, so die Welthungerhilfe. Allerdings sind die Lebensmittel ungleich verteilt. Denn Grund für den anhaltenden Hunger in Afrika oder Südasien sind nicht nur schlechte Ernten und regionale Konflikte, sondern auch strukturelle Ungleichheiten und die globale Konzentration von Reichtum. Während wohlhabendere Regionen tonnenweise Lebensmittel verschwenden, reicht es am anderen Ende der Welt nicht einmal für eine Mahlzeit.
Zwar fallen auch in wirtschaftlich weniger entwickelten Ländern Lebensmittelabfälle an. Diese entstehen aber in erster Linie während der Ernte und Verarbeitung. In reichen Ländern wie Deutschland sind die meisten Lebensmittelabfälle auf verschwenderisches Konsumverhalten zurückzuführen. Der größte Teil der Lebensmittelabfälle wird von den privaten Haushalten produziert.
Im Durchschnitt wirft jeder Verbraucher 75 Kilogramm Lebensmittel im Jahr weg, das entspricht einem Warenwert von rund 200 Euro. Die Landwirtschaft macht hingegen nur einen Anteil von 2 Prozent des Abfallaufkommens aus. Es fällt auf, dass die Lebensmittelabfälle steigen, je näher man entlang der Wertschöpfungskette in Richtung Endverbraucher kommt. Und genau hier – bei den Endverbrauchern und Lebensmittelhändlern – besteht das größte Einsparpotential, so der WWF.
Schuld an der Verschwendung sind nicht nur nachlässige Konsumenten, sondern auch „Schönheitsstandards“ für Obst und Gemüse. Krumme Gurken oder kleine Bananen schaffen es meist gar nicht in die Supermarktregale. Stattdessen landet die „unperfekte“ Ware im Müll, wird vielleicht noch zu Tierfutter verarbeitet oder einfach gleich auf den Feldern untergepflügt.
Besonders ambitioniert in Sachen vermeintlicher Schönheitsstandards für Obst und Gemüse ist die EU. Zwar sollen die zahlreichen Normen in erster Linie der Qualitätssicherung dienen. Inzwischen sind Vorschriften für „EU-Bananen“ oder die „Gurkenverordnung“ aber zum Paradebeispiel ausartender Bürokratie geworden. So darf eine Banane nicht kürzer als 14 Zentimeter sein. Gurken haben „gut geformt und praktisch gerade“ zu sein. Das bedeutet, maximal 10 Millimeter Krümmung auf 10 Zentimeter Länge sind erlaubt. Zwar wurde die EU-Gurkennorm, gemeinsam mit 25 weiteren Verordnungen für Obst und Gemüse, mittlerweile außer Kraft gesetzt. Großhändler halten aber oft weiter daran fest, gerade Gurken seien eben einfacher zu verpacken.
Somit werden besonders häufig frisches Obst und Gemüse weggeschmissen. Zusammen machen sie die Hälfte aller Lebensmittelabfälle aus. Der Anteil der vermeidbaren Abfälle ist hier besonders hoch. So können Lebensmittelverluste beispielsweise durch verbesserte Transport- und Lagerbedingungen verringert werden. Teilweise sind Lebensmittelabfälle aber nicht zu vermeiden wie Schnittverluste, die beim Säubern von Obst und Gemüse entstehen. Ebenso können Lebensmittel beim Kochen oder Kühlen an Volumen verlieren.
Hauptgrund für das Entsorgen von Lebensmitteln ist laut Umfragen allerdings, dass die Waren im Haushalt verderben. Diese Abfälle wären durchaus vermeidbar. Außerdem sind Konsumenten oft unsicher, ob Lebensmittel noch frisch und genießbar sind, gerade wenn das Mindesthaltbarkeitsdatum abgelaufen ist.
In vielen Fällen sind Lebensmittel aber über das Mindesthaltbarkeitsdatum hinaus für den Verzehr geeignet. So kann man Eier noch bis zu drei Wochen nach Ablauf verzehren, Fruchtsäfte sogar bis zu einem Monat. Das Mindesthaltbarkeitsdatum ist eher ein Richtwert, der angibt, wie lange ein Produkt unter korrekter Aufbewahrung seine Eigenschaften wie Konsistenz oder Farbe beibehält. Für leicht verderbliche Lebensmittel wie Fertigsalate oder Rohmilchprodukte wird dagegen ein Verbrauchsdatum angegeben, das in der Regel nicht überschritten werden sollte.
Dennoch entsorgen Supermärkte häufig Lebensmittel, die eigentlich noch genießbar wären, anstatt diese zu spenden oder zu verschenken. Denn bislang müssen Supermärkte Haftungsrisiken fürchten und meist ist es steuerlich günstiger, die Lebensmittel einfach wegzuschmeißen, als sie zu spenden.
Bundeslandwirtschaftsminister Cem Özdemir (Grüne) möchte das ändern. Er hat das Ziel gesetzt, die Lebensmittelverschwendung pro Kopf bis zum Jahr 2030 zu halbieren. Deshalb sollen Spenden unverkaufter Lebensmittel rechtlich und steuerlich erleichtert werden. Außerdem spricht sich Özdemir für die Legalisierung des sogenannten Containerns aus. Unter Containern versteht, dass noch genießbare Lebensmittel aus den Abfallbehältern von Supermärkten wieder entnommen werden. Bislang ist das in Deutschland strafbar und kann als Diebstahl, Sachbeschädigung oder Hausfriedensbruch geahndet werden. Dennoch ist Containern gerade unter ärmeren und umweltbewussten Menschen verbreitet. Laut einer Umfrage aus dem Jahr 2020 sind fast 65 Prozent der befragten Deutschen dafür, Containern zu legalisieren.
Inzwischen haben sich zahlreiche dieser „Lebensmittelretter“ zu freiwilligen Initiativen wie Foodsharing zusammengeschlossen. Gleichzeitig ist das Retten von Lebensmitteln zum Geschäftsmodell geworden. Start-ups wie Too Good To Go oder Etepetete verdienen ihr Geld damit, unverkaufte Ware oder krummes Gemüse zu retten und anschließend weiterzuverkaufen. Die Konsumenten bekommen dadurch die Lebensmittel günstiger – und ein gutes Gewissen soll es gleich gratis dazu geben.