THEO VAN GOGH NEUSTES- KÄMPFT FÜR EXTRAPROFITE DES KAPITALS : «Ich war schon immer skeptisch. Aber ich habe naiverweise völlig unterschätzt, wie betrügerisch die Krypto-Szene wirklich ist»
Artikel von Christof Leisinger, New York • NZZ 29-2-22
Die Jura-Professorin Hilary J. Allen nimmt vor dem jüngsten Untersuchungsausschuss des Senats zu FTX kein Blatt vor den Mund: Ein Verbot von «Krypto-Assets» wäre die beste Art der Regulierung Neue Zürcher Zeitung Deutschland
Es ist ja vor allem Betrug – damit versucht sich die Krypto-Szene nach der FTX-Gross-Pleite von aller Kritik an ihren Geschäftsmodellen zu distanzieren. Die Jura-Professorin Hilary J. Allen von der American University Washington sieht das anders. In ihren Augen wäre ein Bann der einfachste Weg, um normale Anleger und das Finanzsystem zu schützen. Er würde die unkontrollierte Schaffung sogenannter Krypto-Assets beenden und sicherstellen, dass die Szene nie mit öffentlichen Mitteln gerettet werden muss.
Falls die politischen Entscheidungsträger sich nicht dazu durchringen können sollten, müssten sie wenigstens darauf achten, dass sie die Verbreitung von «Krypto-Assets» nicht versehentlich fördern oder diese näher an den Kern des Finanzsystems heranrücken lassen. Diese Produkte sollten auf keinen Fall wie reguläre Bankprodukte reguliert werden, argumentiert sie.
Der FTX-Kollaps erschüttert die Krypto-Branche. Wo stehen wir?
Die meisten Kundenkonten sind eingefroren, während der Insolvenzverwalter herauszufinden versucht, welche Vermögenswerte noch da sind und wie sie schliesslich an die Gläubiger verteilt werden könnten.
Können Anleger mit einem «Rückzahlungswunder» rechnen?
Nein, ich glaube nicht. Viele von Alamedas Wetten sind nicht aufgegangen – und es ist höchst ungewiss, ob verlorene Mittel zurückverlangt werden können, an wen auch immer sie geflossen sein mögen. Selbst wenn, wäre angesichts der Volatilität in der Krypto-Szene nicht klar, was die «Vermögenswerte» wirklich wert sind.
Was bedeutet der Fall für die Krypto-Szene?
Es trifft sie hart, obwohl ihre Proponenten schnell argumentierten, es gehe nicht um Krypto, sondern in erster Linie um einen schlechten Apfel im Obstkorb. Also nur um Betrug im Zusammenhang mit einer zentralisierten Börse, im Rahmen einer dezentralisierten Struktur wäre das nie passiert. Andere behaupten sogar, das sei nur möglich gewesen, weil FTX mangels Regulierung in den USA habe auf die Bahamas ausweichen müssen. Die Szene versucht sich also zu distanzieren, weil sie weiss, dass der Fall toxisch ist.
Was steckt denn in Ihren Augen dahinter?
Dieser Betrug konnte so lange vor sich gehen und eine enorme Dimension erreichen, weil die gehandelten «Vermögenswerte» einfach aus dem Nichts geschaffen werden konnten. Es gab und gibt keine Möglichkeit, ihren Wertgehalt zu verifizieren oder Transaktionen zu überprüfen. Das Ganze wirkt mystisch, auch weil es bewusst intransparent gehalten wird.
Das heisst, die Krypto-Szene hat keine Bedeutung und keinen Wert?
Ja, genau.
Können Sie Ihre Meinung etwas genauer erklären?
Alles hat angefangen mit Bitcoin. Er wurde eigentlich als Zahlungsmechanismus geschaffen, war aber diesbezüglich so furchtbar, dass man bald davon abkam. Stattdessen haben manche angefangen, Bitcoin als «Vermögenswert» zu betrachten und nicht nur darein zu investieren, sondern auch alle möglichen anderen «Vermögenswerte» zu kreieren. Wen wird das überraschen, wenn es so einfach ist, Unmengen Geld mit der Schaffung von «Werten» aus dem Nichts und ihrem Verkauf zu verdienen?
Was ist mit der berühmten Blockchain – ist das nicht die Technologie der Zukunft?
Blockchains sind intrinsisch deutlich weniger effizient als andere Datenbanken und Zahlungsmethoden. So scheint der einzige Sinn und Zweck der Szene darin zu bestehen, interessierten Leuten die Möglichkeit zu geben, Wetten abzuschliessen.
Ist das an den Aktienmärkten nicht ebenfalls der Fall?
Nein, dort fliesst das Geld meist in produktive Aktivitäten. Es gibt Aktiengesellschaften die Möglichkeit, ihr Wachstum zu finanzieren. In der Krypto-Szene gibt es nichts, was wachsen könnte – ausser einer gewaltigen «Vermögenspreisblase».
Alle, auch Sie, reden von Krypto-Vermögenswerten. Dabei haben Sie gerade erklärt, es gebe in diesem Bereich keine Werte . . .
Der Begriff Vermögenswert ist nicht gesetzlich definiert, und die Werthaltigkeit ist eine andere Frage. Tatsächlich kann man auch Geld verdienen, wenn man zu einem bestimmten Preis einsteigt und später etwas teurer an einen anderen verkauft. Aber es ist eine Wette darauf, einen anderen Dummen zu finden, der mehr dafür bezahlt.
Kann man das Geschäft also mit einem Kasino in Las Vegas vergleichen?
Ja, bis zu einem gewissen Grad. Im Unterschied zu den Hacks und Diebstählen in der Krypto-Szene ist der Spieler in Las Vegas aber immerhin sicher, dass ihm keiner die Chips vom Tisch klaut.
Im Spielkasino ist man also besser geschützt?
Ja – und vor allem weiss man auch, dass man sich aufs Glücksspiel eingelassen hat. Die Krypto-Szene dagegen verbreitet das Märchen, selbst Personen, die angeblich vom traditionellen Finanzsystem ausgeschlossen sind, könnten es zu einem Vermögen bringen. Viele Konsumenten haben diese Geschichten geglaubt und müssen nun mit dem Schaden leben.
Viele fordern nun eine stärkere Regulierung der Krypto-Szene. Würde das etwas bringen?
Es gibt so viele verschiedene Regulierungsmöglichkeiten. Ein Verbot etwa wäre eine Möglichkeit – und angesichts der monetären oder auch ökologischen Schäden aufgrund der Mining-Aktivitäten sollte man ein Verbot meiner Meinung nach auch ernsthaft erwägen.
Ist das realistisch?
Viele Zuständige werden wohl nicht so weit gehen wollen. Aber sie sollten doch sicherstellen, dass die Konsumenten geschützt werden, ohne die Szene so gross werden zu lassen, dass sie am bitteren Ende von den Staaten gerettet werden müsste. Ich bin entschieden dagegen, dass die Methoden der Bankenregulierung für die Krypto-Firmen verwendet werden, sonst hätten sie Zugang zur Zentralbank als Retterin in letzter Not und vielleicht sogar auf das Einlageschutzsystem der Banken. Im Gegenteil – die Bankenregulierung sollte dazu dienen, die Banken aus dem Krypto-Geschäft herauszuhalten.
Was sollte man denn tun?
Das, was wir in den USA schon machen – Registrierung und Offenlegung. Sobald Krypto-Unternehmen ihre Tokens vor der Emission registrieren und erklären müssten, wieso Konsumenten und Anleger sie kaufen sollten, würden viele von ihnen automatisch aus dem Geschäft fallen. Falls sie ihre «Vermögenswerte» trotzdem ausgeben sollten, hätten Kunden im schlimmsten Fall eine juristische Handhabe, um ihr Geld zurückzubekommen.
Wertet eine Regulierung die Szene nicht auf, indem sie quasi anerkannt wird?
Das Risiko besteht, und tatsächlich argumentieren manche, man sollte sie komplett von der Regulierung ausschliessen. Ich habe eine gewisse Sympathie dafür. Allerdings darf man Konsumenten wohl aus politischen und moralischen Gründen nicht im Regen stehen lassen, die von der Krypto-Szene übertölpelt wurden. Deswegen plädiere ich dafür, Hürden zu errichten, die Krypto-Emittenten vor der Vermarktung ihrer Angebote überwinden müssen. Viele werden dazu nicht in der Lage sein, während andere mit einem gewissen ökonomischen Sinn durchkommen.
Welche Rolle spielen der gewaltige Lobbyismus der Szene und das Interesse der Finanzindustrie an diesem Thema?
Das ist eine interessante Frage, immerhin haben manche Venture-Capital-Unternehmen sehr viel Geld in die Krypto-Szene investiert, und vieles davon ging in die Vertretung der Interessen. Ausserdem hat sich inzwischen ein ganzes Ökosystem um die Krypto-Firmen herum entwickelt, das sich natürlich nicht einfach verbieten lassen möchte. So besteht die Herausforderung darin, jene politischen Kräfte zu stärken, die sich gegen die schädlichen Wirkungen der Szene wehren wollen.
Die Wirtschaftsprüfungsgesellschaft Mazars hat bekanntgegeben, künftig nicht mehr für Krypto-Firmen tätig zu werden. Was heisst das?
Die grossen vier Prüfungskonzerne haben sich von der Szene ferngehalten, so glaubte Mazars eine Nische ausgemacht zu haben. Der Rückzug der Belgier aus diesem Geschäft deutet nun darauf hin, dass sie sich Sorgen um ihren Ruf machen und dass sie ihr Gesicht wahren wollen. Selbst ihnen ist es offensichtlich zu riskant geworden, Werte zu attestieren, die aus dem Nichts geschaffen wurden. Das dürfte Binance, heute die grösste Krypto-Börse der Welt, in Schwierigkeiten bringen.
Gutes Stichwort – was denken Sie über Binance, Tether und alle die anderen intransparenten Konstrukte, die Milliarden verwalten, sofern man den Zahlen glauben kann?
«Sofern man den Zahlen glauben kann» – das ist genau das Problem. Es mag letztlich um reales Geld gehen, aber keiner weiss, um wie viel. Die Krypto-Szene ist stark in sich verwoben, und wir sehen eine ganze Reihe von Pleiten: Terra Luna, Celsius, und nun hatten wir gerade FTX und danach BlockFi – die Dominosteine fallen einer nach dem anderen, und ein Ende scheint nicht absehbar. Einiges deutet darauf hin, dass sich Binance in einer ähnlichen Lage befindet wie FTX vor der Pleite und dass es schwierig werden könnte, sobald die Investoren ihr Geld zurückhaben wollen.
Firmen wie Binance operieren international ohne offizielles Hauptquartier. Wie kann man im Zweifel überhaupt legal gegen sie vorgehen?
Wenn man nicht gegen die Firma vorgehen kann, dann vielleicht gegen einzelne Personen – immer abhängig davon, wo diese gemeldet sind und welche Auslieferungsabkommen es gibt. Interessant wird es auf jeden Fall, wenn es zu einer Insolvenz kommt. Unter Juristen sagen wir: «Eine Firma ist international, solange sie existiert, und national, sobald sie zahlungsunfähig wird. Denn dann greifen die nationalen Insolvenzgesetze.» Welches Land würde also die Führung übernehmen, falls Binance in Schwierigkeiten geriete?
Wie wahrscheinlich ist es, dass das amerikanische Rechtssystem in Fällen wie FTX zur Anwendung kommt?
Sam Bankman-Fried ist immerhin auf Initiative der amerikanischen Justiz auf den Bahamas verhaftet worden – und zwar in rekordverdächtig kurzer Zeit nach dem Zusammenbruch seiner Firma. Normalerweise braucht es ziemlich viel Zeit, um ein Strafverfahren in wirtschaftlichen Belangen auf den Weg zu bringen. In diesem Fall scheinen die New Yorker Staatsanwälte also überzeugende Beweise gegen ihn in der Hand zu haben. Der junge Mann dürfte also bald die Konsequenzen dessen spüren, was er getan hat. Das mag eine gute Nachricht sein, hilft allerdings all jenen nicht weiter, die ihr Geld verloren haben.
Was hat Sie in jüngster Zeit unter Krypto-Aspekten am meisten überrascht?
Für mich hat die «Krypto-Industrie» fundamentale Mängel. Ich rechnete schon eine Weile mit explosiven Ereignissen wie bei FTX, weil die Szene so stark in sich verflochten ist und mit so viel Fremdkapital arbeitet. Allerdings habe ich auf naive Weise unterschätzt, wie betrügerisch sie wirklich ist.
Fachfrau für Finanzinnovationen und -stabilität
Hilary J. Allen – Professorin
Die Frau lehrt als Professorin für Rechtswissenschaften und ist stellvertretende Dekanin am American University Washington College of Law. Sie beschäftigt sich vertieft mit den Themengebieten Bankenrecht, Wertpapier-Regulierung und Lobbyismus. Als international anerkannte Expertin für die Wahrung der Finanzstabilität und für die Regulierung neuer Finanztechnologien wurde sie eingeladen, um ihre Forschungsergebnisse und ihr Fachwissen mit Organisationen wie etwa der amerikanischen Zentralbank, der Wertpapieraufsicht des Landes, der Bank of England oder auch dem Internationalen Währungsfonds zu teilen. Jüngst war ihre Expertise vor dem Ausschuss für Finanzdienstleistungen des Repräsentantenhauses und dem Bankenausschuss des Senats gefragt.