THEO VAN GOGH REPORTS: documenta-Buchhändler: Kritik an Sabine Schormann war eine Hexenjagd

Matthias Lohr HNA KASSEL 29-12-22

Betrieb den documenta-Buchladen im Ruruhaus: Lothar Röse von der Hofbuchhandlung Vietor.

Für Lothar Röse war die documenta wie ein 100 Tage dauernder Rausch. Der Buchhändler verteidigt Ex-Generaldirektorin Sabine Schormann und geht mit den documenta-Kritikern hart ins Gericht.

Kassel – Am Eröffnungswochenende der documenta fifteen schickte Lothar Röse einen Leserbrief an die HNA, in dem er mit Frank-Walter Steinmeier abrechnete. Der Buchhändler nannte die Rede des Bundespräsidenten, die der SPD-Politiker am 18. Juni in der documenta-Halle gehalten hatte, „skandalös“. Röse forderte Steinmeier auf, sich bei allen zu entschuldigen, „die für diese wundervolle Ausstellung arbeiten“.

Steinmeier hatte die bis dahin sehr vagen Antisemitismus-Vorwürfe gegen die Kunstschau als berechtigt dargestellt. Viele staunten über seine Rede. Röses Leserbrief erschien aber erst am 21. Juni, als der Antisemitismus auf dem Taring-Padi-Banner auf dem Friedrichsplatz für den größten Skandal in der documenta-Geschichte gesorgt hatte. Der Autor erhielt für seine Zeilen „wüste Beschimpfungen“, wie er heute sagt.

Dieser Sommer hat auch Röse verändert. „Ich habe gelernt, dass die Gesellschaft anders tickt, als ich dachte“, sagt der 66-Jährige. Nach drei Jahrzehnten im In- und Ausland hatte der gebürtige Kasseler 2014 die traditionsreiche Hofbuchhandlung Vietor am Ständeplatz übernommen. Seither ist er in der Stadtgesellschaft sehr präsent. Röse kann Menschen begeistern und sehr pointiert formulieren.

Während der documenta betrieb er mit der Kölner Buchhandlung Walther König den Buchladen im Ruruhaus. Ob sich das Geschäft nach zwei Jahren Corona wirtschaftlich gerechnet hat, kann Röse noch nicht sagen, aber er schwärmt auch so von der documenta: „Es herrschte eine wunderbare Atmosphäre. Es waren 100 Tage wie im Rausch.“

Nicht nur die Kuratoren des indonesischen Kollektivs Ruangrupa, Künstler und Wirtschaftsleute kamen zu ihm ins Ruruhaus, sondern auch viele, die nicht zum klassischen Kunstpublikum zählen, wie Röse es nennt – etwa Menschen aus der Nordstadt und dem Kasseler Osten: „Die kunstbeflissenen Prada-Damen tauchten nicht auf. Kein großer Verlust.“ Wie gesagt: Röse kann sehr pointiert formulieren.