THEO VAN GOGH EPITAPH : Hans Magnus Enzensberger ist im Alter von 93 Jahren gestorben.
„Was dem Gegner nützt, muß unterbleiben: Worauf dieser Satz hinausläuft, das wird in seiner Umkehrung klar: Was der eigenen Seite nützt, geschieht. Die Struktur beider Sätze ist totalitär.
Die Redensart vom Beifall, der von der falschen Seite komme; die Aufforderung, der Kritiker habe sich vor ihm zu hüten: sie zeigen an, wie weit sich (…) totalitäre Schemata in unserm Denken ausgebreitet haben. (…) Wie lebendig, und tödlich, diese Formalismen in Deutschland sind, lehrt jeder Blick auf die gegenwärtige Publizistik.”
“Die eklatanten inneren Widersprüche, die unserer Zivilisation auf den ersten Blick anzumerken sind, werden gemeinhin, und nicht immer zu Unrecht, als bedrohlich empfunden. Gleichzeitig garantieren sie aber die Freiheiten, die uns verblieben sind. Solange sie an den Tag treten können, ist es möglich, den Zustand der Gesellschaft zu verändern, ohne sie zu zerbrechen. Erst wenn sie gewaltsam zum Schweigen gebracht werden, wenn das Gemeinwesen seine Antagonismen verleugnet und sich als Monolith ausgibt, verschwindet die Möglichkeit der Revision. Die einzig in sich stimmige Welt ist die totalitäre.
Kritik setzt die Widersprüche des Wirklichen voraus, setzt bei ihnen ein und kann von Widersprüchen selbst nicht frei sein. Hierauf macht aufmerksam, was man ihr als den ‘Beifall von der falschen Seite’ zum Vorwurf macht. Jeder, der sich überhaupt öffentlich äußert, wird ihn zu hören bekommen; kaum einer, der nicht dann und wann versucht wäre, jenem Beifall aus dem Weg zu gehen, Rücksicht auf ihn und auf alle die zu nehmen, die ihm zur Last legen, wofür er nicht haften kann: die Meinung seiner Zuhörer.
(…) Die Rede vom falschen Beifall bezieht sich auf eine streng symmetrische Welt, aus der die Farben verbannt sind; auf immer dasselbe Feld, das weiße, versucht sie den Kritiker zu ziehen. Dort mag er reden, solange er will. Seine Parteigänger haben keine Zeit, ihm zuzuhören. Sie sind vollauf damit beschäftigt, im schwarzen, im feindlichen Feld nach Anzeichen des Beifalls Ausschau zu halten. Auf diese Weise machen sie ihre Feinde zu Schiedsrichtern ihres eigenen Redens. Unerheblich, was an den Worten ihres Sprechens wahr oder unwahr ist; Kritik, die sich taktisch auf solche Spielregeln einläßt, sich ihnen beugt, wird vollends fungibel.
Was dem Gegner nützt, muß unterbleiben: Worauf dieser Satz hinausläuft, das wird in seiner Umkehrung klar: Was der eigenen Seite nützt, geschieht. Die Struktur beider Sätze ist totalitär.
Die Redensart vom Beifall, der von der falschen Seite komme; die Aufforderung, der Kritiker habe sich vor ihm zu hüten: sie zeigen an, wie weit sich (…) totalitäre Schemata in unserm Denken ausgebreitet haben. (…) Wie lebendig, und tödlich, diese Formalismen in Deutschland sind, lehrt jeder Blick auf die gegenwärtige Publizistik.”
Aus: Hans Magnus Enzensberger: Über den Beifall von der falschen Seite. In: Einzelheiten I. Bewußtseins-Industrie. Frankfurt a.M. 1962