THEO VAN GOGH TRIBUT ! – Oskar Werner (Rilke) zum Hundertsten : Unüberwindliche Sanftmut
- Von Simon Strauß – Oskar Werner in „Torquato Tasso“ im Theater an der Wien. 1963. Er wusste, wie man große Kunst durch Kunst noch größer macht: Dem Stimmschauspieler und heroisch Gefährdeten Oskar Werner zum hundertsten Geburtstag.
Noch bevor Oskar Josef Bschließmayer als Oskar Werner die Burg in Wien eroberte, noch bevor er neben Jeanne Moreau den traurig verspielten Jules gab und noch viel früher als Narrenschiffarzt, Fahrenheitsfeuerwehrmann oder kalter Spion war er Mozart. 1940, als achtzehnjähriger Schüler in der Hörspielreihe „Das ist mein Wien“ unter der Regie von Lothar Müthel, lieh Werner dem Salzburger Wunderkind seine Stimme. Es ist nicht viel überliefert aus dieser Zeit, keine Briefe, keine Tagebücher, aber dass der Sohn eines verschwiegenen Versicherungsangestellten und einer bald todtraurig in Scheidung lebenden Fabrikarbeiterin sich mit dem früh vollendeten Genieknaben identifizierte, dass er sein verzweifeltes Glücksspiel zum Vorbild nahm, ist eine schöne Vorstellung.
Immer wieder sollte Werner in seinem Leben Mozart begegnen: nicht nur als Schauspieler, etwa im erfolgreichen Mozart-Film von 1955, sondern vor allem auch als leidenschaftlicher Hörer seiner Musik: Dass er am liebsten Mozart höre, hat Werner immer wieder erzählt. Und vielleicht hat Mozarts Musik ja wirklich den entscheidenden Einfluss auf ihn gehabt, hat erst sie ihn zu jenem sanften, gefühlsklugen Stimmschauspieler werden lassen, als den wir ihn heute erinnern und so sehr vermissen.
Lebhafteste Verbindungslinie
Dem Nachgeborenen bleiben ja oft nur die Erzählungen von den großen Theaterauftritten und die Filme, die immer verblenden und eine trügerische Nähe vorgaukeln. Bei Werner aber gibt es noch etwas anderes: die Hörspiele. Sie sind die lebhaftesten Verbindungslinien zu diesem seltsam schönen Mann, der stets von einer einsamen Zärtlichkeit durchdrungen schien und der seine Stimme nutzte, nicht, um Worte und Sätze zu sagen, sondern um sie einzukleiden, sie behutsam emporzuheben und vorsichtig über den Schmutz und Lärm des allgemeinen Kommunikationsverkehrs hinweg zu tragen.
Wer als Kind zum Beispiel Oskar Werners Erzählerstimme in Max Ophüls’ Bearbeitung von Goethes „Novelle“ hörte, diesen feinfühligen, zwischen Vergeblichkeit und Stolz changierenden Singsang, der konnte den anziehenden Klang dieser Stimme nie mehr vergessen. Auf Youtube gibt es einen dreiminütigen Ausschnitt aus diesem legendären Hörspiel, das der Filmregisseur Ophüls 1954 als musikalisch unterlegte Anschauung einer Welt inszenierte, die ihre Beherrschung verloren hat. Vor sechs Jahren hat es der Westdeutsche Rundfunk noch einmal ausgestrahlt, der Hörverlag hält dieses einzigartige Tonkunststück lieferbar.
Stillstarkes Plädoyer
Und so kann man heute also noch einmal hören, wie dieser Erzähler mit seiner Stimme das fromme Lied vom Kind anklingen lässt, als wäre es wirklich ein „himmlischer Gesang“. Man bekommt dabei keinen Vortrag, keine Deklamation zu hören, sondern ein stillstarkes Plädoyer für eine andere, eine bessere Art der Weltbetrachtung: „Diese sanften, frommen Lieder / Lassen Unglück nicht heran / Engel schweben hin und wider / Und so ist es schon getan.“ Es ist, als ob in Werners Stimme die ganze Sehnsucht einer kriegsverwundeten Zeit nach Besserung läge, die Hoffnung auf Heilung vom geschehenen Unglück: „Blankes Schwert erstarrt im Hiebe / Glaub und Hoffnung sind erfüllt / Wundertätig ist die Liebe, Die sich im Gebet enthüllt.“
Wo bei anderen ein gerolltes „r“ nur nach Aufmerksamkeit heischt, wo ein Weghauchen der letzten Silben manieriert und künstlich wirkt – hier, in Werners bewegender Vertonung von Goethes letztem Prosastück, hat all das seine Berechtigung. Wird Kunst durch Kunst groß gemacht. „Zu zeigen, wie das Unbändige, Unüberwindliche oft besser durch Liebe und Frömmigkeit als durch Gewalt bezwungen werde“, dafür, so Goethe gegenüber Eckermann, habe er die „Novelle“ geschrieben. Und dafür war Oskar Werner wie gemacht. Man kann sich heute nur wenige Sprecher vorstellen, die diesem poetologischen Programm durch ihren Duktus, ihre Haltung in ähnlicher Weise „entsprechen“ könnten. Jens Harzer wäre vielleicht einer, der auf verwandte Weise den geheimnisvollen Klang der Worte über ihren bloßen Ausdruck stellt.
Liebessüchtige Natur eines Verführers
Das „Stilisierte“, mit dem man die Vortragsart Oskar Werners oft vorschnell abgewertet hat, ist in Wahrheit viel besser zu fassen als theatralische Adaption einer katholischen Lust am Geheimnis. Werners Auftritte in Film, Theater und Fernsehen und eben noch mehr im Hörspiel zeugen von der liebessüchtigen Natur eines Verführers, der nur glücklich ist, wenn er überraschen und verwundern kann. Werner blieb nicht beim Hörspiel. Zum ersten Mal auf der Burgtheaterbühne stand er in einem Drama mit dem für ihn schicksalhaften Titel „Heroische Leidenschaften“. Später kamen alle großen Charakterrollen des Repertoires hinzu – neben Hamlet, Faust und dem Homburg auch und vor allem der Kinderkönig in Hofmannsthals „Turm“.
Am Ende seiner Karriere, die ihn von Hollywood zurück ins europäische, vor allem französische Kino führte und auch nicht vor der Jedermann-Freilichtbühne in Salzburg bewahrte, am frühen Ende dieses stets gefährdeten Lebens stand Werner als viel zu alter Hamlet noch einmal auf der Bühne. Verloren, hilfesuchend – auch das kann man sich im Netz anschauen, sollte man aber nicht. Stattdessen ihm lieber zuhören, immer wieder zuhören: wie er Schiller liest, Trakl und natürlich Rilke. Kein Sprecher in unserer Zeit, der sich so in seine Verse einfühlen konnte: „Ich will immer warnen und wehren, bleibt fern / Die Dinge singen hör ich so gern.“ Am 13. November wäre Oskar Werner hundert Jahre alt geworden.