THEO VAN GOGH IRAN : Kurze Anatomie eines Sicherheitsapparates

  1. NOVEMBER 2022 IRAN JOURNAL 

Noch halten sich die Sondereinheiten der Revolutionsgarden zurück. Deshalb sprechen einige Beobachter von Rissen innerhalb des iranischen Unterdrückungsapparats. Doch das ist ein Irrtum: Von einem Riss kann noch keine Rede sein. Die Drecksarbeit wird momentan hauptsächlich von jenen Gruppen erledigt, die nichts mit Heiligkeit, Politik oder Religion gemein haben.

Von Ali Sadrzadeh IRAN REPORT – Noch hat er sich nicht gemeldet. General Sibaii Nejad (زیبایی نژاد) schweigt. Seinen Nachnamen könnte man mit „von der Rasse der Ästhetik“ übersetzen. Das muss in manchen Ohren merkwürdig, ja sinnlos klingen, ist aber ein ganz normaler Nachname, über den sich kein Iraner wundert. Ein rein persischer Name, ohne eine Spur des Islam oder der arabischen Sprache.

Sinnbild der Brutalität

Der Mann, der vor 65 Jahren in der Stadt Shiraz das Licht der Welt erblickte, ist heute einer der mächtigsten Generäle der Islamischen Republik und der Kommandant jener Truppe, die im Falle eines Falles in Aktion tritt – ein Mann für die letzten Stunden.

Der Herr „von der Rasse der Ästhetik“ hat seinen Namen inzwischen geändert. Er nennt sich heute General Nedjat (Rettung). Das ist ein arabisches Wort mit islamischer Konnotation. Nedjat und Nejad klingen ja ähnlich. Doch wie auch immer: Bar jeglicher Ästhetik oder Poesie zeigte der General bei allen vorangegangenen Krisen, dass er den islamischen Gottesstaat mit ausreichender Brutalität zu retten weiß.

General Nedjat ist der oberste Soldat im Stützpunkt Sar-allah (Blut Gottes). Hier ist die wichtigste Einheit der Revolutionsgarden stationiert; eine Sondereinheit, die im äußersten Notfall die Sicherheit der Hauptstadt Teheran und der umliegenden Städte mit mehr als 30 Millionen Menschen gewährleisten soll. Sollte der Ausnahmezustand verkündet werden, mutiert dieser Stützpunkt zum eigentlichen Staat: Ihm unterstehen dann laut Statut alle Ministerien, sämtliche staatlichen Einrichtungen inklusive Funk und Fernsehen und alle „gewählten“ Organe.

General Nedjat ist kein Mann der leeren Propaganda. Er erklärt oft und mit einer trockenen, ja beängstigenden Rationalität, warum seine Truppe hart vorgehen muss; wie etwa im Herbst 2019, als nach der plötzlichen Verdreifachung des Benzinpreises in 120 iranischen Städten Massenaufstände ausbrachen. Zwei Tage lang durften sich die meist jungen Protestierenden auf den Straßen austoben, dann traten Sondereinheiten der Garde und der Polizei, genannt NOPO (نوپو), auf den Plan und zeigten, wie weit sie gehen können. NOPO ist eine Art GSG 9 der islamischen Republik, die bei sehr kritischen Situationen mit ihrer martialischen Ausrüstung und Erscheinung eingesetzt wird. Sie hat in den letzten Jahren bewiesen, dass sie bis zum Äußersten geht und niemand ihr eine Grenze setzen kann. Innerhalb von drei Tagen töteten sie nach Recherchen der Nachrichtenagentur Reuters mindestens 1.500 Menschen. Tausende wurden verhaftet, Unzählige verwundet, all das unter Ausschluss der Weltöffentlichkeit. Erst zwei Wochen später, als das Internet langsam wieder anlief, erahnte die Außenwelt, was sich in jenen Tagen auf den Straßen des Iran ereignet hatte. Es tauchten grausige Bilder auf, die einen beispiellos blutigen Abschnitt der jüngsten Geschichte des Landes dokumentieren.