THEO VAN GOGH: “BUSINESS MEN THEY DRINK MY WINE / PLOUGHMEN DIG MY EARTH!”
Bob Dylans neues Buch : Die Alchemie des Songwritings
- Von Jürgen Goldstein FAZ – 7.11.2022 – Vertonte Tagebücher garantieren noch kein ergreifendes Lied: Bob Dylan macht sich auf die Suche nach dem Geheimnis gelungener Popmusik.
Als Bob Dylan 2016 den Literaturnobelpreis zuerkannt bekam und unhöflich lange auf ein Zeichen warten ließ,
ob er ihn denn auch anzunehmen gewillt sei, hat ihn vielleicht ein durch die Auszeichnung drohendes Missverständnis zögern lassen: Er sei ein Lyriker, der seine Gedichte auch singe.
Songs seien aber etwas anderes als Literatur, betonte er in seiner Nobelpreis-Vorlesung: „Sie sollen gesungen, nicht gelesen werden.“ Was mit Texten und Musik geschehe, ähnele der Alchemie, schreibt Dylan in seinem neuen Buch „Die Philosophie des modernen Songs“. Musik beweise eben, wie alle Kunst, „dass eins plus eins unter optimalen Bedingungen drei ist“.
Als Alchemist des Songwritings weigert sich Dylan, die sechsundsechzig von ihm handverlesenen Songs einer intellektuellen Analyse zu unterziehen. Ästhetische Kopfgeburten sind nicht seine Sache. Als junger Kerl hatte er sich zweihundert Songs von Woody Guthrie draufgeschafft, bevor er seinen ersten eigenen schrieb. Ausgerechnet dieser Künstler, der aufgrund seiner Texte eine treue Gefolgschaft an Interpreten als Kometenschweif hinter sich herzieht, schreibt allen ins Stammbuch, Songs strebten „nicht danach verstanden zu werden“.
Musik sei überhaupt ein Gebiet, auf dem die Schlauheit der Spezialisten nichts dazu beitrage, Geheimnisse zu entwirren: „Tatsächlich ließe sich sogar einwenden, je mehr man sich mit Musik beschäftigt, umso weniger versteht man sie. Nimm zwei Menschen – der eine studiert kontrapunktische Musiktheorie, der andere weint, wenn er ein trauriges Lied hört. Welcher von beiden versteht die Musik besser?“
Leichtigkeit und Tiefsinn, Schlacksigkeit und Ergriffenheit
Dylan bietet weder eine Autobiographie entlang der Songs anderer – kein Lied von Woody Guthrie, keines von Robert Johnson, nicht ein Wort zu Joan Baez – noch eine in Buchform gegossene Meisterklasse, die das Geheimnis lüftet, wie man einen guten Song schreibt. Lyrics zitiert er nur selten, und seine fabulierenden Interpretationen überschreiten mitunter hemmungslos den Bedeutungsradius der Songs. Auf Kompositionsmomente und Darbietungsraffinessen geht er nur gelegentlich ein, wenngleich er immer vom Performing Artist ausgeht und nicht vom Komponisten.
Das hindert ihn freilich nicht, ein Ohr für die Originalität der Arrangements eines Songs von Hank Williams zu haben, im Gitarrenspiel von Jimmy Reed die Essenz der elektrischen Einfachheit zu erkennen, auf die Eigenheiten des Gesangs bei Little Walter und Dean Martin einzugehen, im Bluegrass die Vorfahren des Heavy Metal auszumachen und Anfänger des Songwritings davor zu warnen, sich hinter dem Filigranen zu verschanzen.
Auch solle man einem Song nicht im Weg stehen, indem man sich selbst zu wichtig nehme: „Vertonte Tagebücher garantieren noch keinen ergreifenden Song.“ Überhaupt habe eine gute Geschichte wenig mit Wahrheit zu tun, und ein guter Song eben auch nicht.
Dylan eröffnet dem Leser auf ernste und zugleich amüsante Weise Einblicke in seine Erfahrungen mit Songs und ihrem Ort im Leben. Der Charme des an seinen eigenen Radiosendungen geschulten präzisen Plaudertons besteht in der Balance von Leichtigkeit und Tiefsinn, Schlacksigkeit und Ergriffenheit. Das mit überraschenden Fotos prächtig ausgestattete Buch kommt leichtfüßig daher. Dylan schlendert zwischen Songs wie „Pancho And Lefty“, „Tutti Frutti“, „Black Magic Woman“, „Blue Suede Shoes“, „Volare“ und „Strangers in the Night“, geht dabei auf Elvis, The Who und The Clash ebenso ein wie auf Willie Nelson und The Fugs.
Wenn Dylan aus der Deckung kommt
Stets ist das Überraschungsmoment auf seiner Seite. Man kann den Buchtitel angesichts dieser lustvoll eigenwilligen Songauswahl für etwas hochtrabend halten, als werde eine systematische Enzyklopädie modernen Liedguts geboten – dabei geht es doch nicht um einen Kanon, sondern eher um Fallbeispiele für den Lebensbeistand, den Songs zu bieten vermögen.
Dylans Blick gilt oft den Verlierern. Voller Wertschätzung kommt er auf Ricky Nelson zu sprechen, den eigentlichen Botschafter des Rock and Roll, der aber von Elvis überstrahlt und später für seine neuen Songs ausgebuht wurde. Oder Bobby Darin, der eine wunderbare Version von „Mack the Knife“ auf der Höhe seiner Möglichkeiten eingesungen hat, aber eben kein zweiter Frank Sinatra sein konnte. Songs erzählen davon, wie das Leben so spielt, und Dylan liebt sie dafür.
Bobby Darin singt „Mack the Knife“ .
Um Ausgewogenheit schert er sich nicht. Nur vier Sängerinnen tauchen prominent auf – von Joni Mitchell oder Patti Smith ist keine Rede. Die Mehrzahl der Songs stammt aus den Fünfzigerjahren, gefolgt von den Sechzigern und Siebzigern. Diesem Jahrtausend traut Dylan nicht über den Weg: „Alles ist viel zu überladen (…) Die Songs handeln nur von einer Sache, von einer einzigen Sache, da gibt es keine Abstufungen, keine Nuancen, keine Rätsel. Vielleicht ist das der Grund, warum Menschen ihre Träume nicht mehr mit Musik verknüpfen.“
Auf souveräne Weise bescheiden
Der Autor will als Archivar der Songs daran erinnern, dass das einmal anders war und sich unser Lebensgefühl in der Musik ausgedrückt gefunden hat. So treibt ihm etwa „Nelly Was a Lady“, 1849 von Stephen Foster geschrieben und 2004 von Alvin Youngblood Hart gültig eingespielt, Tränen in die Augen: „Last night, while Nelly was a-sleeping, / Death came a-knocking at the door. / Nelly was a lady. / Last night, she died.“
Das Buch ist am stärksten, wenn Dylan aus der Deckung kommt und als Hörer hervortritt: „Das ist ein unglaublich mitreißender Song, der es darauf anlegt, dass sich alle, die jemals ein Leben gelebt haben, hinlegen und weinen. Es wurden viele traurige Songs geschrieben, aber keiner ist trauriger als dieser.“
Dylan ist auf souveräne Weise bescheiden, ja demütig. Er will aufmerksam machen, zum Hören anstiften. So legt er seine Autorität in die Waagschale, um auf den zu wenig bekannten John Trudell hinzuweisen. Trudell wurde Mitte der Vierzigerjahre als Sohn eines Sioux in Nebraska geboren und wuchs in einem Reservat auf. Als Aktivist trat er später für die Rechte der Indigenen ein. 1969 führte er die United Indians of All Tribes an, die aus Protest die Gefängnisinsel Alcatraz besetzten. Als Trudell Ende der Siebzigerjahre in Washington demonstrierte, verriegelten Unbekannte Stunden später den Trailer seiner Familie in Nevada und zündeten ihn an.
Trudells schwangere Frau und seine drei Kinder sowie seine Schwiegermutter verbrannten bei lebendigem Leib. In dem Song „Doesn’t Hurt Anymore“ spricht Trudell von diesem Schmerz: „My heart doesn’t hurt anymore / But my soul does, maybe / That’s what souls are for, to / Take the hurt the heart can’t take“. Dieser Song zerreiße einem das Herz, schreibt Dylan, und er wendet sich direkt an die Leser: „Nehmt euch einen Augenblick Zeit – lest ein bisschen über das hinaus, was hier über John Trudell steht. Er hat es verdient. Und danach hört euch seine Musik an.“ Machen wir.
Bob Dylan: „Die Philosophie des modernen Songs“. Aus dem Englischen von Conny Lösch. C. H. Beck Verlag, München 2022. 352 S., Abb., geb., 35,– €.