THEO VAN GOGH: „WEISSE“ SPRACHE TENDENZIELL DURCH „SCHWARZE“ ERSETZEN – OXFORD DICTIONARY
Sprache der Schwarzen : Stay woke, sister!
- Von Frauke Steffens FAZ – 4.11.2022 – Wir sind, was wir sagen: Schwarze in Amerika sind aufgerufen, für das neue Oxford-Wörterbuch ihre Sprache zu dokumentieren Was Sprache wiederspiegelt: Das Oxford-Wörterbuch der afroamerikanischen Sprache will eine Lücke schließen und den kulturellen Einfluss schwarzer Amerikaner dokumentieren.
Wer etwas „diggt“, gräbt nicht, sondern findet Gefallen an etwas, „cool“ ist oft alles andere als kühl – und wenn ein Job nicht reicht, um die Miete zu zahlen, braucht man den „side hussle“, einen Nebenerwerb. Die amerikanische Sprache kennt viele Ausdrücke, die aus dem afroamerikanischen Englisch kommen. Sie werden nun in einem neuen Oxford-Wörterbuch gesammelt, das bis zum Jahr 2025 fertiggestellt sein soll. Das Projekt ist am Hutchins Center for African and African American Research der Harvard Universität angesiedelt.
Die Initiative hatte die Oxford University Press ergriffen, als der Verlag sich an Wissenschaftler wandte mit der Frage, wie das afroamerikanische Englisch in den Oxford-Wörterbüchern besser repräsentiert werden könne. Daraus entstand die Idee eines eigenen Kompendiums. Der Historiker Henry Louis Gates Jr. und Leiter des Hutchins Center wurde zum Chefredakteur des Projekts ernannt, das mehrere große Stiftungen wie die Mellon Foundation finanzieren.
Was Sprache widerspiegelt
Das Vorhaben ist nicht das erste seiner Art, aber durch die namhafte akademische Verankerung wird ihm besondere Bedeutung zugeschrieben. Das Wörterbuch wird nicht nur durch die Arbeit der Forscherinnen und Forscher entstehen. Auch schwarze Amerikaner sind dazu aufgerufen, Worte und Formulierungen einzusenden sowie Briefe und Tagebücher aus der Familiengeschichte zur Vervollständigung. Ohne dieses „Crowdsourcing“ kam indes auch die allgemeine Ausgabe des Oxford-Wörterbuchs nicht aus.
Linguisten studieren das „African American Vernacular English“, abgekürzt AVE, schon seit Jahrzehnten. Afroamerikaner haben die englische Sprache „neu erfunden, um ihre Empfindungen und ihre Identität widerzuspiegeln“, erläuterte Gates der „New York Times“, der den Vergleich zu Louis Armstrong zog, der sich die europäische Musik angeeignet habe, um sie dann neu zu erfinden. Neben Besonderheiten in der Grammatik, die lange als „falsches Englisch“ beanstandet wurden, aber heute zumindest in der Linguistik anerkannt sind, suchen die Forscher nach dem Ursprung von Wortneuschöpfungen. Dabei können sie auf Sammlungen früherer Jahrzehnte zurückgreifen, etwa auf „Dan Burley’s Original Handbook of Harlem Jive“ von 1944 oder „Black Talk: Words and Phrases from the Hood to the Amen Corner“ von 1994.
Beitrag zur Geschichtsschreibung
Wichtige Quellen sind die zahlreichen Zeitschriften und Zeitungen für die afroamerikanische Leserschaft. Auch historische Interviews, etwa mit ehemals versklavten Menschen, können Aufschluss über die Herkunft von Wörtern geben. Für Gates ist das Projekt ein Beitrag zur Geschichtsschreibung: Wer eines Tages das Wörterbuch durchblättere, werde „eine Geschichte der Afroamerikaner von A bis Z“ in Händen halten. Manche Ausdrücke ließen sich bis nach Afrika zurückverfolgen, die Sklaven mitgebracht hatten wie etwa „Gumbo“ für Eintopf oder das grüne Gemüse „Okra“.
Die Forscher notieren auch, wenn ein Ausdruck, den bis dahin hauptsächlich Schwarze verwendeten, in andere Bevölkerungsgruppen migriert ist. Dieses crossing over kennen viele Länder, in denen Minderheitssprachen zu Hause sind oder waren; im Deutschen und Amerikanischen gibt es etwa viele jiddische Ausdrücke, die in die allgemeine Sprache übergegangen sind. Wörter wie „bad“ für etwas Positives oder auch „hip“ kamen ursprünglich aus dem afroamerikanischen Englisch. Das „nitty gritty“, das unglamourös Praktische einer Angelegenheit, ist ein oft genanntes Beispiel.
Nicht nur neue Wörter finden den Weg in andere Gruppen, auch die Verwendung von Ausdrücken wird adaptiert. So lässt sich beobachten, wie weiße Frauen einander mit „sister“ ansprechen oder im Gespräch den Ausruf „girl!“ einstreuen, und manch Weißer hat schon das eigene Zuhause liebevoll als „crib“ (Krippe) bezeichnet. Das Wörterbuchprojekt kann auch eine Gelegenheit sein, Weißen die unglückliche ideologische Reise des Wortes „woke“ in Erinnerung zu rufen.
Ursprünglich erinnerten Afroamerikaner einander mit der Formulierung „stay woke“ an den sie umgebenden Rassismus und an die Notwendigkeit, aufmerksam zu sein. Dann wurde „woke“ zu einem Ausdruck für politische „Wachheit“, oft als Kompliment gemeint, manchmal als Spott. Die amerikanischen Rechten drehten es zum Schimpfwort um, bevor auch liberale Politikbeobachter es zu einer vermeintlich validen Zeitdiagnose mit negativem Beiklang erklärten. Das Oxford-Wörterbuch könnte dazu ermutigen, nach genaueren Worten zu suchen.