THEO VAN GOGH: MAX HORKHEIMERS GROSSE LIEBE

COURTESY Magnus Klaue

Max Horkheimers Geliebte und Ehefrau, Rose Riekher, die er Maidon nannte, ist heute vor 53 Jahren, am 17. Oktober 1969, gestorben. Er hat sie, die acht Jahre älter war als er, 1915 kennengelernt, und die Verbindung der beiden bestand bis zu Maidons Tod ungebrochen fort. Die Briefe, die sie gewechselt haben – und sie haben sich auch in der langen Zeit, als sie fast täglich zusammen waren und zusammen lebten, neben ihren Gesprächen Briefe geschrieben -, gehören zu den ergreifendsten Zeugnissen einer Liebesbiographie,

 

die ich kenne. In teils erst posthum veröffentlichten Gesprächen nach ihrem Tod spricht Horkheimer häufig über sie, und was er erzählt, zeigt, wie eng lebens- und denkgeschichtliche Entwicklung, Intimes und Öffentliches verwoben sein können. Besonders gut ist das hier zu erkennen:

“Ich habe meine Frau schon als sehr junger Mensch kennengelernt. Sie war im Geschäft meines Vaters Privatsekretärin, weil ihr Vater, der sehr wohlhabend war, eine Reihe von ungeschickten Aktionen machte und damit kein Geld mehr hatte, und so war sie in das Geschäft meines Vaters gekommen. Und als ich dort war, habe ich mich dann in sie verliebt. Das war im Jahr 1915, und seit dieser Zeit haben wir zusammengehalten. … Aber abgesehen davon, haben wir nicht daran gedacht, zu heiraten, weil es uns als eine unnötige Formalität erschien.

Als ich dann Privatdozent wurde, da fiel mir eines Nachts ein: Ja, wenn ich jetzt weiter mit meiner Frau offiziell unverheiratet lebe, dann werde ich wohl überhaupt nie einen Ruf bekommen. Und so weckte ich sie dann am nächsten Morgen um 6 Uhr auf und sagte: ‚Du, ich hab mir überlegt, heute heiraten wir.‘ Sie sagte verschlafen: ‚Ach, wie schön, aber deswegen brauchst du mich doch nicht so früh aufzuwecken.‘ Wir haben an dem Tag geheiratet. Es hat sich an unserem Leben nichts geändert als nur der Umstand, daß ich dadurch wahrscheinlich leichter Professor geworden bin.

Nun möchte ich aber doch sagen, wie schön dieses Zusammenleben gewesen ist. Es ist nicht etwa weniger schön geworden, sondern bis zum letzten Tag, am 17. Oktober 1969, als sie starb, immer schöner geworden. Wir haben uns in jeder Hinsicht geholfen, und ich glaube, ich hätte die meisten Dinge, die ich in positiver Weise getan habe, nicht getan, wenn sie mir nicht dabei geholfen oder mich geradezu darum gebeten hätte … Sie hat mein Leben so unendlich schön gemacht, daß ich nunmehr an der Trauer, die ich um sie habe, noch deutlicher das zeigen kann, was mich theoretisch so bewegt. Denn nach Freud … ist die Trauer und die Treue nach dem Tod eigentlich ein sinnloses Geschehen, denn sie weiß ja nichts mehr davon. Ich aber meine, daß diese ‚romantische‘ Verhaltensweise eben zu der Schönheit des Lebens gehört, zu der Liebe gehört, die jetzt im Verschwinden begriffen ist … Der Tod eines geliebten Wesens, ihm die Treue, die Hoffnung zu erhalten, die Hoffnung, ihn wiederzusehen, all das sind Gefühle, die angesichts der Wissenschaft doch nur Illusion, Aberglauben sind, und nicht nur angesichts der Wissenschaft, sondern auch vor Kants Lehre, die er selbst überschritten hat, daß wir von dem Absoluten, von dem Intelligiblen, von irgendeinem Jenseits nichts sagen können. Also warum einem Staub die Treue halten? Warum etwas betrauern, was gar nicht mehr ist, und immer Energien auf etwas anwenden, die überhaupt nicht produktiv sind?

… Das also gilt für die Trauer, das gilt für die brennende Liebe zu einem Menschen schon während des Lebens, in der schon steckt, daß man die Treue ihm auch über das Leben hinaus halten wird. … Und wenn das vergeht, vergeht etwas, was meiner Ansicht nach wesentlich zu dem wissenschaftlich Nicht-Begründbaren und doch geistig Positiven gehört. Eine Entscheidung darüber zu treffen, das ist die Sache des einzelnen. Aber ich meine, daß er den Prozeß des Schwindens dieser Dinge, dieser Emotionen nicht verhindern kann. Sie haben mir gesagt, ich sollte Ihnen etwas über die Liebe zu meiner Frau sagen und über meine Frau. Ja, da kann ich Ihnen – verzeihen Sie mir – nichts anderes, ich glaube, nichts Richtigeres sagen als ein armseliges Gedicht, das ich im Jahr 1932, als wie in Genf waren, gemacht habe. Es heißt: ‚Deine Züge‘.

Auf Deinen Zügen prägt in guten Zeiten

Sich ruhig Deines Glückes Spur;

Doch weicht aus ihnen nicht das Leiden

Mit aller Not der Kreatur.

Stets sprechen sie von jenen Qualen,

Die wir vergessen, denn das Tier ist stumm.

Die Klage scheint auf ihnen sich zu malen,

Es leidet und weiß nicht warum.

In Deiner Heiterkeit ist nicht verloren

Die Angst der Kinder und des Kerkers Pein.

Daß unser Licht scheint vor der Hölle Toren,

Muß Deine Schönheit Zeuge sein.

Ja, das ist eben doch – so meine ich – ein Zeugnis, ein Bekenntnis zu dem, was ich vorher sagte, daß schon zum Glück, zu dem, was Glück heißt, die Trauer gehört.“

Aus: Das Schlimme erwarten und doch das Gute versuchen. Gespräch mit Gerhard Rein (1972/1976). In: Max Horkheimer, Gesammelte Schriften, Bd. 7, hg. v. Gunzelin Schmid Noerr, Frankfurt a.M. 1985, S. 442 ff.