THEO VAN GOGH LETZTES: Angst unter Anlegern : Die Bank of England weitet ihre Notfallkäufe schon wieder aus

  • Von Philip Plickert, London 11.10.2022-FAZ – Was ist los auf dem britischen Finanzmarkt? Die Bank of England sieht sich zu einem weiteren Eingriff gezwungen, nachdem die neue Regierung mit gut gemeinten wirtschaftspolitischen Maßnahmen die Märkte verunsichert hat.

Die britische Notenbank hat ihr Notfallprogramm zur Stützung des Anleihenmarktes am Dienstag abermals ausgeweitet. Wie sie vor Beginn des Handels in London mitteilte, werde sie künftig auch inflationsindexierte Anleihen im Volumen von bis zu fünf Milliarden Pfund erwerben. Am Vortag hatte sie das potenzielle Kaufvolumen für langlaufende Staatsanleihen schon von fünf auf zehn Milliarden Pfund verdoppelt, wobei das tatsächliche Volumen weniger als eine Milliarde Pfund betrug. Insgesamt hat die Bank of England (BoE) seit Ende September Anleihen im Wert von etwas mehr als fünf Milliarden Pfund gekauft. „Zwei Interventionen in 24 Stunden sind schon ziemlich außergewöhnlich“, sagte Sandra Holsworth von Aegon AM dazu.

Nach einer vorübergehenden Stabilisierung zu Monatsanfang fielen die Kurse jüngst wieder, Anfang dieser Woche besonders die inflationsindexierter Papiere. „Eine Funktionsstörung in diesem Markt und die Aussicht auf sich selbst verstärkende Notverkäufe stellen ein Risiko für die Finanzstabilität im Vereinigten Königreich dar“, schrieb die BoE am Dienstagmorgen. Trotz der Ankündigung von „mehr Feuerkraft“ haben die bisherigen Käufe nur zeitweise Wirkung gezeigt und sind zum Teil verpufft. Die Anleiherenditen haben wieder fast jene Höchststände erreicht, auf die sie im aufgewühlten Markt Ende September geklettert waren.

Einige Analysten warfen der Notenbank planloses Vorgehen vor. „Es sieht alles ziemlich chaotisch und panikgetrieben aus“, sagte Neil Wilson von Markets.com. Es sei absehbar gewesen, dass die Marktteilnehmer die Entschlossenheit der Notenbank testen würden. Aber wenn die Notenbank gleich zweimal nachlegen müsse, sehe es schlecht aus. Ende dieser Woche soll die Intervention enden, manche befürchten dann ein Wiederaufflammen der Marktturbulenzen. Holger Schmieding, Chefvolkswirt der Berenberg-Bank, sagte indes, die BoE habe bewiesen, dass sie die Marktvolatilität dämpfen könne. „Daher erwarte ich, dass die Interventionen funktionieren werden.“ Dass sie überhaupt nötig seien, zeige die Unruhe am Markt über „Trussonomics“ – also den ökonomischen Kurs der neuen Premierministerin Liz Truss.

Zehnjährige Staatsanleihen rentierten am Dienstag mit 4,4 Prozent, dreißigjährige mit etwas mehr als 4,7 Prozent, nur knapp unter dem 20-Jahres-Hoch von 5 Prozent vor zwei Wochen. Auch der Renditeabstand zu deutschen Anleihen hat sich vergrößert. Anleger verlangen inzwischen sogar fast so hohe Risikoaufschläge wie für italienische Papiere gleicher Laufzeit. Wie in anderen Ländern haben die höhere Inflation und die Reaktion der Notenbank auch in Großbritannien die Nominalzinsen seit Ende 2021 nach oben getrieben. Auslöser der aktuellen Turbulenzen war das „Mini-Budget“, das Finanzminister Kwasi Kwarteng am 23. September vorlegte, das schuldenfinanzierte Steuersenkungen im Volumen von etwa 45 Milliarden Pfund vorsah. Pensionsfonds mussten daraufhin Anleihen verkaufen, da es nach fehlgeschlagenen Zinswetten mit LDI (Liquidity Driven Investments) Liquiditätssorgen gab.

Kwarteng hat versprochen, bis zum 31. Oktober seine mittelfristige Finanzplanung vorzulegen. Der Thinktank Institute for Fiscal Studies warnte, der Minister müsse Pläne für eine Konsolidierung um mindestens 60 Milliarden Pfund zur Mitte des Jahrzehnts vorlegen, um die Kapitalmärkte zu überzeugen, dass die Finanzen mittelfristig solide seien. Regierungschefin Truss bekräftigte am Dienstag, bei ihren Steuersenkungsplänen zu bleiben. „Die Premierministerin bleibt zuversichtlich, dass die angekündigten Maßnahmen das Wachstum in der britischen Wirtschaft wieder ankurbeln werden“, sagte ein Sprecher. Die Maßnahmen der Bank of England würden ein ordentliches Auslaufen der temporären Käufe ermöglichen. Nach der Intervention will die BoE zu ihrem eigentlichen Plan zurückkehren und ihren großen Anleihebestand jedes Jahr um 80 Milliarden Pfund reduzieren. Solche Verkäufe und die absehbaren weiteren Leitzinserhöhungen dürften indes die Renditen weiter nach oben treiben.

Quelle: F.A.Z.